Predigt zum Pfingstsonntag 2019

11.06.2019 08:08

- es gilt das gesprochene Wort

„Treffend hat der Heilige Geist durch den Propheten Jesaja zu euren Vätern gesprochen: Geh zu diesem Volk und sag: / Hören sollt ihr, aber nicht verstehen; / sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, / und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, / und ihre Augen haben sie geschlossen, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören, / damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, sich bekehren und ich sie heile. Darum sollt ihr nun wissen: Den Heiden ist dieses Heil Gottes gesandt worden. Und sie werden hören!“

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Firmbewerberinnen, lieber Firmbewerber, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Mit diesem Zitat des Apostels Paulus aus dem Propheten Jesaja endet das neutestamentliche Buch der Apostelgeschichte, aus der wir die erste Lesung dieses Pfingsttages gehört haben. Der Apostel begründet damit die Einsicht, zu der er gelangt ist, nachdem er mit seiner Verkündigung an die römischen Juden mehr oder weniger gescheitert ist. Den Juden ist damit aber keineswegs eine endgültige Absage erteilt. Wer so denkt, hat schlichtweg übersehen, dass alles, was uns von Anfang der Apostelgeschichte an bis zum formalen Ende dieses neutestamentlichen Buches verkündet wird, Wort des lebendigen Gottes ist. Und als Wort des lebendigen Gottes ist es unaufhörlich und ungebrochen an alle Menschen aller Zeiten gerichtet und an diesem Pfingstfest in ganz besonderer Weise an uns. Das haben wir ja soeben mit unserem Dankeswort an Gott nach dem Vortrag der ersten Lesung feierlich bekannt.

Stellen wir doch ganz einfach fest: Paulus scheitert mit seiner Verkündigung an denen, die schon alles zu wissen glaubten, und kommt zu der Einsicht – oder ist nach wie vor davon beseelt, dass das Evangelium, oder wie der Apostel Johannes sagt, das, was die Apostel gesehen und gehört und mit ihren Händen angefasst haben, gemäß dem Auftrag des Herrn den Menschen aller Zeiten verkündet werden muss. Allein das ist schon eine Botschaft. Die bedenkenlose Einschätzung aller Religionen als unterschiedslos gleich gültig, muss keineswegs ein höheres Maß an Weltoffenheit und Toleranz bedeuten. Sie kann auch buchstäblich zu einer wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschenk unseres eigenen Glaubens und jeder wahren Überzeugung führen.

Nun haben wir aber heute nicht das Wort des lebendigen Gottes vom Ende der Apostelgeschichte gehört, sondern von deren Beginn: Nach der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn und der Erfahrung seines Aufstiegs zum Himmel erfahren sie die Begabung mit dem Hl. Geist.

Immer wieder neu können wir allein schon über die literarische Meisterschaft des Evangelisten Lukas nur staunen. Seine nahezu physisch wahrnehmbare Schilderung des Einbruchs und der Wirkung des Heiligen Geistes. Bedenken wir doch, wie lange schon die Begabung der Apostel mit der Kraft des Hl. Geistes auf diese Weise verkündet wird! Welche Wirkung die bildreiche Sprache des Evangeliums allein schon auf Kunst und Kultur der verschiedensten Zeiten ausgeübt hat! Tiefgehender und umfassender kann es wohl gar nicht dargestellt werden, dass sich die Frohe Botschaft an alle Völker und jeden einzelnen Menschen richtet. Und viel tiefer, so scheint es mir wenigstens, kann man das auch nicht meditieren als mit dem Gesang der Sequenz von Pfingsten, die wir soeben vernommen haben.

Wer von uns mag denn auf Anhieb wissen, woher die vielen Menschen kamen, deren Namen da genannt werden, mit de-nen sich manch einer der Lektoren immer wieder einmal schwertut? Man wird da wohl gar nicht umhin kommen, ein Bibellexikon oder ein anderes Fachbuch zur Hand zu nehmen, um zu erfahren, wo sie alle zu Hause gewesen sein mögen. Und selbst mit der Suchmaschine eines Computers würde man schon einige Zeit aufbringen müssen, um das herauszufinden. Aber noch dem Ahnungslosesten in Sachen Altertum wird es aufgehen, dass es sich dabei um viele, sehr viele verschiedene Menschen handelt. Was schließlich auch von der genannten Zahl der 3000 bestätigt wird, die sich auf die darauffolgende Predigt des Apostels Petrus bekehrt haben und sich taufen ließen. Kurzum: Die Vielen, die vielen Verschiedenen sind die Adressaten der Verkündigung der Kirche bis zum heutigen Tag. Und zuerst repräsentiert wird die Verkündigung der Kirche durch den Apostel Petrus.

Schon während der Erfahrung der Geistbegabung heißt es, dass die Apostel begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es ihnen der Geist eingab. Erneut möchte ich daran erinnern: Hier wird uns doch keine noch so packende Geschichte aus längst vergangenen Zeiten erzählt. Das ist doch alles andere als nur eine historische No-tiz von der plötzlichen Sprachbegabung und der Steigerung des Bildungsgrades der Apostel!

Bedenken und vergewissern wir uns doch immer wieder von neuem, dass wir das Wort des lebendigen Gottes vernommen haben! Aber für alle Zeiten gilt, dass diejenigen, die die Frohe Botschaft verkünden, die Sprache des einen Glaubens sprechen und zugleich die Sprache derer sprechen müssen, zu denen sie von Gottes Geist gesandt sind. Die Sprache des Geistes sprechen und die Sprache der Zeit, niemals aber die Sprache des Zeitgeistes. Denn es ist ein Wunder des Geistes Gottes selbst, dass bis zum heutigen Tag, ja, bis in diese Stunde hin-ein der eine Glaube in unzähligen Sprachen dieser Welt verkündet, bewahrt und bezeugt wird. Die Verkünder aber müssen sich sagen lassen: Ihr könnt mit eurer Sprache drucken und veröffentlichen, Akten und Festplatten füllen, so viel ihr wollt: Wenn es nicht die Sprache des Geistes ist, die ihr sprecht, erreicht ihr die Herzen nicht.

Doch dieses Dilemma unserer Verkündigung ist auch zugleich das Dilemma derer, die sie hören, wenn sie meinen, schon alles zu wissen, oder gar davon überzeugt sind, alles besser zu wissen, ihre Herzen aber fest verschlossen halten. „Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen“ – ruft uns der Apostel Paulus in der 2. Lesung aus dem Römerbrief zu, und fügt hinzu: „Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.“ Was für eine Würdigung aller Getauften und Gefirmten aus berufenstem Munde! Was aber auch für eine klare Aufforderung an jeden, sich zu entscheiden! Jesus selbst sagt es im Evangelium nach Johannes: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben.“

Liebe Schwestern und Brüder, die Festfeier von Pfingsten ist Frohe Botschaft und Auftrag zugleich: Das Heil, das uns in Jesus Christus sichtbar erschienen ist, muss allen Völkern gepredigt werden. Aber alle, die es verkünden, vermögen es wirkungsvoll nur in der Kraft des Hl. Geistes. Zu Ende gesprochen ist aber das Wort der Verkündigung erst dann, wenn es gehört, angenommen und in die Tat umgesetzt worden ist.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir sitzen in einem Boot. Verkündigung ist keine Einbahnstraße. Predigt ist nicht nur ein Auftrag an den Prediger, sondern ebenso an die Hörer. Ob sich denn die, die da den unterschiedslosen Zugang zu allen Ämtern der Kirche fordern, darüber im Klaren sind, das solcher Zugang auch den Zugang zu einer hohen Verantwortung bedeutet, die niemand aus eigenem Anspruch und eigener Kraft zu übernehmen und zu tragen vermag?

Darum darf schon gefragt werden, wie Weltchristen (leider bisher Laien genannt, was eher an Nichtfachleute erinnert), denen doch die besondere welthafte Gestalt eigen ist, ihren Weltauftrag zur geistlichen Durchdringung ihres Umfelds einfach so vernachlässigen und übergehen können. Der mögliche Missbrauch von vermeintlicher Macht wird doch nicht dadurch verhindert, dass man möglichst viele unterschiedslos daran zu beteiligen versucht, anstatt sich auf die Macht der Kinder Gottes zu besinnen und alle geistliche Vollmacht auf ihre geistlichen Wurzeln zurückzuführen. Ich habe mein Priestertum und mein Bischofsamt nie als verdient, erkämpft und erworben angesehen.

Darum verstehen wir auch die Sendung am Ende einer jeden Hl. Messe und den Zuspruch des Friedens an den, der das Sakrament der Firmung empfangen hat, nicht etwa als Abschluss und Beschwichtigung, sondern als Aufforderung zu einem neuen Beginn. Nämlich hinauszugehen und jetzt die Hl. Messe mit dem Brot des eigenen Lebens zu feiern und sich selbst verwandeln zu lassen in einen anderen Christus für die Mitmenschen. Die Wahrnehmung dieses Auftrags ist konkret: Christus selbst ruft es uns wiederholt im Evangelium zu: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht.

Gibt es eigentlich eindeutigere Kriterien? Muss man da noch jemandem erklären, worauf damit die Liebe zu Gott herun-tergebrochen wird? Meine Sehnsucht nach einer einfachen Kirche ist in der Klarheit und Einfachheit des Gotteswortes grundgelegt. Und wer es beherzigt, ist nicht in der Versu-chung, die Verkündigung des Evangeliums und die Entschei-dung dafür regionalisieren oder nationalisieren zu wollen. Wie man zum Himmel geht, will uns die Schrift lehren, nicht wie der Himmel geht, erklärt der Theologe Robert Bellarmin zum Hochfest Christi Himmelfahrt. Einfacher sagt es der Hl. Pfarrer von Ars zu dem Hirtenjungen, der ihm den Weg nach Ars gezeigt hatte: du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen.

Die Feier von Pfingsten, liebe Schwestern und Brüder, ist nicht nur Frohe Botschaft und Auftrag zugleich, sondern sie ist auch aufs Neue eine Gabe von Gott, damit wir hören, und verstehen, sehen und erkennen und mit unserem Herzen zur Einsicht kommen und uns bekehren, um schließlich das Geschenk des Himmels zu empfangen. Amen