Predigt zur Auferstehung des Herrn 2015

05.04.2015 13:28

  

- es gilt das gesprochene Wort -

Wie mögen sie denn wohl die Nacht verbracht haben, die Jünger, nach der Kreuzigung? Wohin der Verrat des Judas geführt hat, wissen wir ja aus dem Evangelium nach Matthäus. Aber Petrus nach seiner Verleugnung, oder Johannes nach der Kreuzigung, oder jener junge Mann, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, das er dann aber fallen ließ, als sie ihn packten, und er nackt davon lief. (vgl. Mk 14,51f) Ob sich der Evangelist Markus damit selbst beschrieben hat in seiner Furcht? Wie mag es ihnen allen jetzt ergangen sein, nach dem vertrauten letzten Mahl nun ein für allemal von ihrem Herrn getrennt?

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Ich höre schon den Aufschrei aller Schriftgelehrten, den Hilferuf mancher von den Theologen und den Homiletikern. Hilfe, jetzt fängt er an zu psychologisieren, zu historisieren. Dabei sollte er doch das Kerygma verkünden und nicht zurückfallen in die legendären Eindruckszeugnisse längst vergangener Zeiten.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

können wir denn anders als immer, wenn wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, auch an das zu denken, was sich in der Geschichte zu einem letztlich ganz bestimmten und ganz fest zu machenden Zeitpunkt ereignet hat? Sollen wir denn verleugnen, welche nie mehr aufhebbaren Ereignisse dem zugrunde liegen, was wir kraft göttlichen Vermächtnisses vergegenwärtigen und daraus schöpfen dürfen in jeder Feier der Liturgie der Kirche?

Auch Petrus legt in seiner Pfingstpredigt Wert darauf, auf das hinzuweisen, was da mitten im Land der Juden, angefangen in Galiläa, geschehen ist. Wenn aber jene Ereignisse, die uns von Anfang an bezeugt und sorgfältig überliefert worden sind – keine Überlieferung und kein Buch sind so angefragt und angefochten worden wie die Überlieferung der Kirche und das Buch der Bücher – dann dürfen wir, dann müssen wir ja wohl auch an die Menschen
denken, die selbst von Anfang an dabei waren, die mit ihrem Leben, ihrer Sehnsucht, ihren Erwartungen, ihren Enttäuschungen und ihrem Versagen nicht weniger Geschichte geschrieben haben als jeder Heutige von uns. Nur dass sie ziemlich exemplarisch stehen mit ihren Biographien für jede unserer Biographien und mit ihrer Glaubensgeschichte für jeden Glaubensweg von uns. Die Grunderfahrungen, die Menschen machen, wenn sie dem Herrn begegnen, dürften einander ziemlich ähnlich sein. Sich aber nicht in sie hineinversetzen hieße sich selbst verleugnen und nicht kennen wollen.

 

Die Verkündigung der Frohen Botschaft – das ist schon wahr – hält uns eben auch immer wieder einen Spiegel vors Gesicht. Und es mag bisweilen recht erschreckend und zugleich sehr tröstlich sein, wenn wir den Weg betrachten, den unsere Glaubensvorfahren gegangen sind, Männer und Frauen, ja den sogar Maria, die Jungfrau und Gottesmutter, gehen musste und gegangen ist, wie wir ihn gehen sollen. Durch Menschen ist die Botschaft überliefert und bis zu uns gekommen. Durch Menschen, Propheten hat Gott zu uns gesprochen und zuletzt endgültig durch den Sohn.

 

Ich wünschte manchmal, dass alle, die die Verkündigung der Frohen Botschaft immer nur in ihrer Mutter- oder Nationalsprache hören, bisweilen genauer hinsehen könnten in die Texte der Evangelisten, wie heute des Johannes, und den sorgfältig gewählten Sprachgebrauch und die gezielte Wortwahl wahrnähmen, mit denen uns das Wort des Lebens verkündet wird: Auf dreimal verschiedene Weise wird da z.B. von dem gesprochen, was wir gemeinhin in der Übersetzung immer nur als „sehen“ wiederfinden. Wie die Apostel vom Schauen als bloßer Kenntnisnahme über das genaue Hinsehen schließlich buchstäblich zur Wahrnehmung gelangen und so bestätigen können, dass ihnen da nichts vorgesponnen worden ist vom leeren Grab. Aber Glauben war das, was wir mit unserem religiösen Sprachgebrauch so nennen, noch lange nicht. Was da zunächst von Johannes gesagt wird, bedeutet nicht etwa einen Vorsprung vor all den anderen, sondern heißt lediglich, dass nun auch er für wahr gehalten hat, was Maria Magdalena und wohl auch noch ein paar andere Frauen den Aposteln gemeldet haben: Das Grab war leer.

 

Denn der Glaube an die Auferstehung Jesu von den Toten kommt von dem Auferstandenen selbst, das leere Grab kann dabei hilfreich sein. Der Auferstandene hat sich – wie die Apostel nicht müde werden zu bezeugen – ihnen gezeigt, zu ihnen gesprochen, mit ihnen gegessen und getrunken und hat es wenigstens dem Thomas angeboten, sich berühren zu lassen. Die Leseordnung dieses Ostersonntags aber legt uns zuerst nur die kürzere Fassung des Evangeliums nach Johannes vor, die eigentlich endet mit der lakonischen Notiz: Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

Eine frohe Botschaft von der Auferstehung ihres Herrn ist das noch nicht, aber eine Bestätigung der Wahrheit des Evangeliums und des Glaubensweges der Kirche sehr wohl. Mit der Vergebung, die Maria Magdalena einmal vom Herrn empfangen hatte und die sich nun in Liebe verwandelt hat, ist sie der immer vergebungsbedürftigen Kirche vergleichbar. Und auch die mag sich nicht mit der hellen Leere des Grabes zufrieden geben, sondern verlangt nach dem Einziggeliebten, für den sie steht und den sie verkündigen muss: Der gesuchte Leichnam ist der ewig Lebendige, der zu seinem Wort seht, seine Zusage hält und sie erneut bei ihrem Namen ruft. Maria – dabei denken wir an die Mutter Gottes ebenso wie an die Kirche – ist die erste Zeugin und Verkünderin des lebendigen Gottes, des Auferstandenen.

Das ist keine Entdeckung feministisch gefärbter Strömungen der Kirche, sondern das ist die Begründung und Voraussetzung für jede Verkündigung des Reiches Gottes und der Frohen Botschaft:
Denn, wie einmal einer sagte, von der Wahrheit kann nichts aufgegeben werden, aber nur die Liebe kann die Wahrheit verwalten. Ja, durch lebendige Menschen ist die Botschaft von der Auferstehung des Herrn auf uns gekommen, aber durch Menschen, die vom Geist Gottes erleuchtet und erfüllt und von der Kraft der Liebe beseelt und durchdrungen waren. Was für eine eindeutige, tief überzeugte und kraftvolle Sprache ist das doch, mit der der Apostel Petrus die Botschaft vom Menschgewordenen, Gekreuzigten und Auferstandenen verkündet! In der ersten Lesung haben wir das aus der Apostelgeschichte gehört.
Im Brief an die Kolosser formuliert es dann der Apostel Paulus noch viel dichter, welcher Anspruch sich für jeden von uns aus dem neuen Leben in Christus ergibt. Die an Christus glauben, haben Ja gesagt zum Willen Gottes und nicht zu ihrem eigenen. Wem seine Sünden vergeben sind, der vermag das wie Maria Magdalena. Die an seine Auferstehung glauben und mit ihm leben, richten ihren Sinn fortan auf das Himmlische, nicht auf das Irdische, fordert uns der Apostel auf. Denn so sehr sich der Herr den Seinen nach seiner Auferstehung gezeigt, mit ihnen gesprochen, gegessen und getrunken hat, so wenig ist er einfach w i e d e r auferstanden, also etwa nur zurückgekehrt in den irdischen Lauf der Dinge. Christus ist uns vielmehr zum Vater vorausgegangen, zu seinem Vater und zu unserem Vater, zu seinem Gott und zu unserem Gott. In seiner Liebe gewährt er uns Freiheit, wahre Liebe, die auch loslassen und weitergehen kann. Denn wahre Liebe muss wachsen, tiefer werden und reifen.
Die liturgische Feier unseres Kirchenjahres bedeutet doch keine ständige Wiederkehr desselben, ist doch kein andauernder Kreislauf sondern – wenn wir schon ein graphisches Bild gebrauchen wollen – gleicht eher einer Spirale, bei der wir mit jedem kirchlichen Fest, das wir feiern dürfen, dem Herrn ein Stück näher kommen, sein Wort und Gebot tiefer beherzigen und noch mehr in der Liebe wachsen sollen.

 

„Bleibt in meiner Liebe“ – war unsere Ulrichswoche im Jahr 2011 mit einem Wort des Herrn aus dem Johannesevangelium überschrieben, und die kundigen Veranstalter und Redakteure haben als eine erste maßgebende Erklärung und Auslegung sogleich darunter geschrieben: Bleiben heißt weitergehen.
Es wundert mich schon, wie viele gute Gedanken, Worte der Wahrheit und wahre Handlungsperspektiven von den amtlich bestellten und geweihten Verkündern der Frohen Botschaft wie von den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Seelsorge unseres Bistums formuliert und verbreitet werden – aber wie wenig sie zu greifen scheinen, wenn es darum geht, sie auch umzusetzen. Denken wir dabei nur an unsere Pastoralreform oder an die Besinnung auf das eine Notwendige im Leben der Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften. Was haben wir denn bloß falsch gemacht, fragen sich manche Eltern, die sich redlich gemüht haben, den Kindern ihren Glauben vorzuleben und damit offensichtlich kaum Erfolg hatten. Ob als Frage oder Aufforderung formuliert, gebe ich dann an solche Eltern immer weiter: Halten sie auf jeden Fall die Tür für ihre Kinder auch in Zukunft offen.
Und das darf nicht nur eine Empfehlung für die Familien, sondern muss unsere Haltung gegenüber jedermann sein. Wenn dann, wie der Bischof von Eichstätt berichtete, von Muslimen, denen von Christen Unterkunft gewährt wurde, die Frage kommt: Warum seid ihr nur so gut zu uns, dann ist diese Haltung aus dem Geist des Auferstandenen ans Ziel gekommen.

 

Den Sinn aufs Himmlische zu richten bedeutet keineswegs abheben, sondern mit beiden Füßen auf der Erde stehen und sich am Himmel orientieren. Alles was wir tun und was uns aufgegeben, vielleicht auch zugemutet wird, lässt sich in diesem Geist letztlich fruchtbar zu Wege bringen. Das heißt zugleich, dass wir alles, was uns aufgegeben ist, in dem Bewusstsein tun, dass wir ja selber auf dem Wege sind, und wir hier keine Stadt haben, die bestehen bleibt, sondern die künftige suchen. (vgl. Hebr 13,14)
Es wird nicht erst vielleicht die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden, wie der Dichter Hermann Hesse es vermutet, sondern schon das österliche Hier und Heute, der Tag der Auferstehung entsendet uns, jung oder alt, in eines jeden Lebenswirklichkeit. Wir wissen ja aus dem Evangelium,
wie der Herr über den Lohn auch noch für diejenigen denkt, die nur noch einen Bruchteil ihrer Zeit Gelegenheit haben, in seinem Weinberg zu arbeiten.
Nicht das Leben ruft uns, sondern der Herr ruft jede und jeden von uns beim Namen, wie er Maria Magdalena am leeren Grab gerufen, wie er Maria seine Mutter durch den Engel berufen und angesprochen hat. Wie Maria Magdalena muss auch Maria, die Ja gesagt hat zu seiner Menschwerdung, und zu der von Gott bestimmten Stunde ihres Sohnes in Kreuz und Auferstehung, Ja sagen zu seiner Rückkehr zum Vater. Mit den Aposteln im Gebet versammelt, wird sie den Geist erwarten, der als Geist der Auferstehung und des Lebens alle Welt erneuern und durchdringen will.
Das nun ist wahrhaftig ein Ja, das befreit, welches wir am Anfang des Marienmonats mit den Wallfahrern bedenken und in der Feier der Patrona Bavariae zu dem unserem machen wollen, ein Ja, das nicht nur unsere irdischen Verwicklungen und Verknotungen löst, sondern den Lebensweg im Licht der Auferstehung eröffnet.

 

Amen