Predigt zur Auferstehung des Herrn 2019 im Hohen Dom

21.04.2019 15:00

es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

und wenn ich schon mehrfach davon berichtet haben sollte, und dessen bin ich mir gewiss: Ich scheue mich nicht, zum wiederholten Mal davon zu erzählen. Von dem Hohenlied der Gastfreundschaft, die ich erfahren habe, als ich vor nunmehr schon Jahrzehnten auf fremder Autobahn mit meinem Wagen liegengeblieben bin, der wegen eines schweren Getriebeschadens fahr- und manövrierunfähig geworden war.

Der mir da seines Dienstes halber zu Hilfe gekommen war, war weder Therapeut noch ein studierter Psychologe, aber er tat das einzig Richtige, was in diesen ersten Augenblicken zu tun geboten war: Er redete mir gut zu, machte mir Mut und berichtete auch von anderen Notfällen, die mit seiner Hilfe schon behoben werden konnten. Und nicht genug: Er opferte seinen folgenden freien Tag, um mit mir auf Ersatzteilsuche zu gehen, nachdem er mir mit seiner Familie großzügige Gastfreundschaft gewährt hatte. Der mir so mit seinem Sachverstand und seinem Können zu Hilfe gekommen war, hat also auch sein Herz sprechen lassen und meine Erfahrung des worst case in eine bleibende Erinnerung an das Hohelied der Gastfreundschaft verwandelt.

Was anders als das Herz mag es wohl gewesen sein, das Maria Magdalena am frühen Morgen des ersten Tags der Woche hat aufbrechen und zum Grab des Herrn gehen lassen! Was sie dort vorfinden würde, dürfte ihrem Verstand längst klargewesen sein, und darum umso größer ihr Erschrecken und die Schlimmste aller Vermutungen. Aber wo der Verstand ans Ende gekommen sein mag, ist es das Herz noch lange nicht. „Stark wie der Tod ist die Liebe, und die Wasser der Trübsal löschen sie nicht aus“ – heißt es im Hohenlied der Liebe des Alten Testaments.[1]

Das Herz mag letztlich auch die Jünger Petrus und Johannes bewegt haben, auf die Klage der Maria einzugehen und zum Grabe aufzubrechen. Und mancher noch so fromm anmutender Versuch mittels der beiden Apostel, die zum Grabe unterwegs waren, Amt und Charisma in der Kirche gegeneinander auszuspielen, ist durchaus dem aktuellen Bestreben zu vergleichen, in Maria Magdalena die Protagonistin für eine gleichberechtigte Verteilung von Ämtern in der Kirche festzumachen.

Kann denn ein verantwortliches Amt ohne Herz segensreich ausgeübt werden? Ist denn das Charisma ohne Verstand? Verstand und Glaube, Glaube und Vernunft, können nicht auseinanderdividiert werden, wie Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et ratio“ dargelegt hat.

„Jeder, der glaubt, denkt; – wenn er glaubt, denkt er, und wenn er denkt, glaubt er …

Wenn der Glaube nicht gedacht wird, ist er nichts.“ – sagt der Hl. Augustinus.

Meister Eckhart, der Mystiker, ist noch radikaler, wenn er uns zuruft: „Deines bloß gedachten Gottes sollst du quitt werden.“

Weil ihnen das Herz brannte, konnten auch die Beiden auf dem Weg nach Emmaus die Darlegungen des Auferstandenen aufnehmen und verstehen, der sich zu ihnen gesellt hatte. Wie viele Male werden uns doch in der Hl. Schrift Personen genannt, die einem anderen in seiner Rat- und Hilflosigkeit oder auch in seinem Zorn und Aufbegehren gut zureden, also ihr Herz sprechen lassen, ohne dass sie auch nur beim Namen genannt werden.

Aus Herz und Verstand erwachsen Verantwortlichkeit, Gastfreundschaft und Barmherzigkeit.

Dem aufmerksamen Hörer des Evangeliums ist die detailgetreue Schilderung der Lage von den Leinenbinden und dem Schweißtuch des Herrn sicher nicht entgangen. Ich muss dabei an eine andere scheinbar unbedeutende Notiz des Evangeliums nach Johannes wie beispielsweise die von der – zehnten Stunde – bei der Berufung der ersten Jünger denken. Wenn beim Besuch des leeren Grabes schon vom Glauben des Johannes gesprochen wird, ist damit zweifellos die Wahrnehmung und Anerkennung der Faktenlage und des leeren Grabes gemeint. Aber dieser Glaube bedeutet auch schon die Gewissheit des Herzens, gleichwohl sie sich noch nicht auf die heilsgeschichtliche Notwendigkeit stützte, die beim Propheten Hosea und in den Psalmen vermerkt ist und deren Verheißung, in der Auferstehung des Herrn erfüllt, von der Verkündigung der jungen Kirche aufgegriffen wird.[2]

Ich wiederhole, und ich weiß nicht zum wievielten Mal, dass alle Verkündigung niemals nur ein Anspruch an die Verkündiger, sondern in nicht geringerem Maße immer auch ein Anspruch an die Hörer ist. Geht es doch dabei um die Wahrheit und nicht ums Schwärmertum.

Den Stich des Soldaten mit der Lanze in die Seite des am Kreuz Gestorbenen bezeugt der Charismatiker Johannes mit den Worten: „Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt.“[3] Mit diesem Zeugnis vom wirklichen Tod des Herrn kann er sich ebenso auf die Erfüllung einer Verheißung des Alten Testaments berufen.[4]

Kein Evangelist hat auch nur den Versuch unternommen, das alle menschliche Vorstellungskraft übersteigende Geschehen der Auferstehung des Herrn zu erklären. Sie haben sich an die Tatsachen gehalten, die ihnen zugänglich waren: das leere Grab und die Erscheinungen des Auferstandenen, die sinnenfälligen Begegnungen mit ihm. Aber die Begegnung mit ihm ist nur möglich, wenn das Herz bereit ist, zu sehen und zu glauben. Oder wie wir in der Heiligen Woche geschlussfolgert haben: Gott kann man nur begegnen, wenn man sich selber ganz und gar investiert.

Ich bleibe daher bei meiner Rede vom Osterfest als dem Fest der göttlichen Vorsehung, die von Anfang an auf die Überwindung des Todes und die Vollendung unseres Lebens in Gott ausgerichtet ist.

Darum brauchen wir die Auferstehung unseres Herrn auch vor niemandem zu verteidigen oder nach Beweisen ihrer Möglichkeit zu suchen, wenngleich es derer zahlreiche gibt, die vor dem Urteil unserer Vernunft Bestand haben. Denn die Verkündigung der Kirche steht auf diesem Grund, und wir stehen auf diesem Grund in lebendigem Glauben.

Und darum möchte ich eigentlich heute vor allem und zuerst, Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, von ganzem Herzen gratulieren und Sie beglückwünschen mit dem Kirchenlied, das im Gesangbuch unseres Bistums leider nicht zu finden ist:

„Heil uns zu diesem hohen Glauben;

auch wir, wir werden auferstehn.

wer kann des Himmels Trost uns rauben,

verherrlicht einst hervorzugehn?

Halleluja, Halleluja!“[5]

 

Wie armselig und bescheiden erscheint doch dagegen meine durchaus schon Jahrzehnte anhaltende Erinnerung an die Erfahrung menschlicher Hilfe und großzügigst gewährter Gastfreundschaft in einer Situation, die man nun wahrlich nicht als eine Katastrophe bezeichnen konnte. Aber sie war schon nachhaltig genug, um mich immer wieder zu erfreuen und davon erzählen zu lassen. Wieviel unvergleichlich unausschöpfbarer aber ist doch da unser Osterglaube für unseren Pilgerweg und unsere kurzfristige irdische Existenz!

Denn seine Kraft und Stärke erfahren wir nicht nur in der Erinnerung, sondern in der Vergegenwärtigung des Vermächtnisses unseres Herrn in Wort und Sakrament,

nicht etwa trunken oder schwärmerisch, sondern mitten im Leben und mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, nicht nur mit frommen Anwandlungen des Gemüts, sondern im gegenseitigen Dienst, im Hören, Beten und Singen, im Essen und Trinken und mit Herz und Verstand.   Amen

[1] vgl. Hld 8,6f

[2] vgl. Ps 16,10; Hos 6,2 und Apg 2,27; 13,35

[3] Joh 19,35

[4] vgl. Joh 19,36f

[5] GL Berlin, Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz, Magdeburg / Nr. 764, 4. Strophe