Predigt zur Priesterweihe 2019

30.06.2019 18:38

Heute wird es sinnenfällig erfahrbar, heute wird es vor aller Augen sichtbar und vor allem hörbar: „Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen.“

- es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus, liebe Kandidaten für den Empfang des Hl. Sakraments der Priesterweihe,

Allerheiligen – das ist zunächst einmal eine große Freude. Noch nach Jahrzehnten erinnere ich mich an diesen ersten Satz, mit dem mein priesterlicher Freund an jenem Hochfest der Kirche die Predigt begonnen hat.

Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie wir selber an jenem Tag nicht selten gepredigt haben. Dass wir die Gemeinde darauf hingewiesen haben, dass sie alle Heilige sind, und dies belegt haben mit der Anrede des Apostels Paulus an seine Gemeinde – obwohl er bald darauf in denselben Briefen gegen die übelsten Vergehen in der Gemeinde vorgehen musste.

Dass er seine Gemeinde darum aufgefordert hat: „Ahmt mich nach, so wie ich Christus nachahme und ihm nachfolge!“[2] – und schließlich von sich selber bezeugt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“[3]

Wenn wir nun schon am Hochfest Allerheiligen die Verkündigung mit einem solchen Lobpreis beginnen können, um wie viel mehr dürfen wir es wieder heute ausrufen.

Priesterweihe – das ist zunächst einmal eine große Freude. Und ich freue mich ganz persönlich, dass es mir gegeben ist, noch als Diözesanbischof von Augsburg drei junge Diakone zu Priestern weihen zu dürfen, mit denen ich in den zurückliegenden Jahren ihrer Ausbildung mehr und mehr bekannt geworden bin. Was ist denn alle Begabung, was sind denn alle Charismen, Eigenschaften und Vorzüge gegenüber der einzigartigen Gabe, die Jesus Christus selber ist! Oft verstehen wir ja die Worte unseres Herrn über die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nur auf dem kargen Hintergrund unserer Veranlagung, unserer Begrenztheit und unserer Fassungslosigkeit. Auf die Gabe aber, die Christus selber ist, bezogen, ist er eine einzigartige Aufforderung, die ganz anders betont, lautet:

„Wer das erfassen kann, der erfasse es.“[4] Wem das gegeben ist, und das erweist sich in der Berufung zum Priestertum im Laufe langjähriger vorangehender Prüfungen, - der ergreife es mit ganzem Herzen und allen seinen Fähigkeiten, so dass auch er einmal, mehr und mehr mit dem Apostel von sich bezeugen kann: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

Was uns zum Staunen bringen und immer wieder fassungslos sein lassen mag, ist, dass Gott sich in Jesus Christus auf diese Weise sterblichen, hinfälligen, ja sündigen Menschen anvertraut.

Denn sogar der Apostel bekennt: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen.“ – fügt aber sehr wohl hinzu: „So wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“[5]

Gerade darin zeigt sich das Geheimnis der Liebe Gottes, wie sie sich in der Menschwerdung seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, offenbart hat.

Erst vor nicht allzu langer Zeit habe ich wieder einmal einen Blick auf das Ausbildungsprogramm unserer Anwärter für das Priesteramt werfen können, und ich weiß nicht, wie Sie, liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, darüber denken. Aber ich glaube, noch nie war die Ausbildung unserer künftigen Priester so durchdacht und umfassend und hat so viele Erkenntnisse der Wissenschaften (nicht nur der theologischen) einbezogen wie in der heutigen Zeit. Noch nie wurde, wenn ich mich auf meinen ganz persönlichen Eindruck berufen darf, den menschlichen Bedingungen und Bedürfnissen dergestalt Rechnung getragen wie heute. Fast könnte dabei die Sorge aufkommen, dass da möglicherweise zu wenig Raum bleibt in dem jeweiligen Gefäß für das Eigentliche, dass es vielleicht nicht durchdringend und nachhaltig genug gefüllt sein könnte mit dem Eigentlichen, dem Wesentlichen, nämlich Jesus Christus, der durch Menschen wirken will, für den wir als Priester immer und überall durchlässig und transparent sein müssen, so dass sich jeder Priester sein Leben lang dieser einzigartigen Gabe bewusst und ganz davon beseelt ist.

Wenn nämlich einer das nicht ist – was nützte dann alle andere Begabung, alle Erkenntnis und Erfahrung? Die Hl. Schrift ist voll davon, dies zu beteuern, wenn sie vom Licht unterm Scheffel, vom schal gewordenen Salz, vom Gewinn der ganzen Welt und vom nicht wiedergutzumachenden Schaden spricht.

Einzig das muss unser Trachten sein als Diakon, Priester und Bischof, dass wir Christus immer wieder Raum geben, Raum schaffen in der Treue des Gebets und das gerade inmitten des Alltags zu lebensintensiver Zeit und nicht als Anhängsel zu einem auf alle mögliche Weise angefülltem Terminkalender. Was dem Ungläubigen leer und funktionslos erscheinen mag, ist für den Priester lebensnotwendig, ja, Wirkungsbedingung. Bei aller Rede von der Überforderung der Priester durch viel zu große Räume und überbordende Verwaltungsaufgaben gilt unverbrüchlich: Persönliches Gebet, Betrachtung der Worte des Herrn, bei ihm verweilen wie bei einem Freund, Anbetung, - alles das ist aktiver unersetzbarer priesterlicher Dienst. Schon als Diakon haben sich unsere Weihekandidaten zur Treue und Regelmäßigkeit des stellvertretenden Gotteslobs im Stundengebet für die Gläubigen verpflichtet und verbürgt. Hier stehen sich die Getauften und Gefirmten im gemeinsamen Priestertum mit dem geweihten Priesteramt besonders nahe. Dazu soll der Theologe und Seelsorger seine Brüder und Schwestern anleiten und befähigen. Dafür müssen die Brüder und Schwestern in den Gemeinden beten, nicht nur, damit für die Gemeinde genügend Priester da sind, sondern auch damit die Priester nicht ohne Gemeinden dastehen. Daraus muss der Priester selber leben, aus dem, was er in Christus ist und was sich daraus ergibt, in persona Christi, Ausspender der Geheimnisse Christi zu sein.

Zur Eröffnung des Jahres der Priester schrieb seinerzeit der für die Kleruskongregation zuständige Kardinalpräfekt: „Priester sind nicht nur aufgrund dessen, was sie tun, wichtig, sondern auch aufgrund dessen, was sie sind.“

Und ohne das bisweilen schwere Versagen von Priester aller Zeiten zu verschweigen, sagte er von der überwältigenden Mehrheit der Diener Gottes und der Menschen: „Sie setzen ihr ganzes Leben ein, um ihrer Berufung und Sendung zu entsprechen, was oft große persönliche Opferbereitschaft verlangt. Dazu bewegt sie die authentische Liebe zu Jesus Christus, zur Kirche und zum Gottesvolk, eine Liebe, die sie dazu veranlasst, sich mit den Armen und Leidenden solidarisch zu zeigen. Deshalb ist die Kirche auf ihre Priester in aller Welt stolz.“

Und erst kürzlich hat Papst Franziskus in seiner Schlussansprache zur Konferenz über den Schutz von Minderjährigen in der Kirche erklärt: „Im Namen der ganzen Kirche danke ich der überwältigenden Mehrheit der Priester, die nicht nur den Zölibat treu leben, sondern in einem Dienst aufgehen, der heute durch die Skandale einiger weniger (aber immer noch zu vieler) ihrer Mitbrüder schwieriger geworden ist. Und Dank gilt auch allen Gläubigen, die ihre tüchtigen Hirten sehr wohl kennen und weiter für sie beten und sie weiterhin unterstützen.“

Wenn die Priester wichtig sind aufgrund dessen, was sie sind, dann ist das ja nicht etwa eine Aufforderung zur Selbstzufriedenheit, sich in seiner Würde zu sonnen, oder gar sich selber zu feiern und die Hände in den Schoß zu legen. Dem Leben zugewandten jungen Männern wird das ohnehin nicht in den Sinn kommen. Es ist vielmehr eine Ermutigung, sich als Priester immerfort seiner Berufung und Bestimmung bewusst zu sein. Nämlich ganz da und verfügbar zu bleiben für Gott und die Menschen:

Vor allem in der täglichen Feier der Eucharistie –

als Lobpreisender und Dankender, wenn alle anderen meinen, Wichtigeres zu tun zu haben –

als Fürbittender, wenn er die Not der Menschen wahrnimmt, die von anderen nicht wahrgenommen wird –

als Verfügbarer, wenn er als Priester gerufen wird.

Das bedeutet zu dienen mit seiner ganzen Existenz. Unter den Mitbrüdern und unter den Menschen zu sein, als einer, der dient, Diener aller zu werden und sein Leben einzusetzen. Denn die Lebenshingabe unseres Herrn begann auch nicht erst im Garten Getsemani, sondern schon in Bethlehem, Nazareth und Kapharnaum.

Dienen nicht als Unterwürfigkeit und menschlich durchaus geschätzte Bescheidenheit, sondern als Bereitschaft, sich Jesus Christus in allem zur Verfügung zu stellen. Jeder Priester bleibt auch geweihter Diakon, und mit jeder Eucharistiefeier wird er tiefer mit ihm, dem Diener aller, verbunden. Entsprechend dem Wort, an das wir erst wieder bei der Feier des Gedenkens an die ugandischen Märtyrer erinnert worden sind: – Das Blut der Märtyrer ist der Same neuer Christen. –dürfen wir auch auf das priesterliche Leben, den priesterliche Dienst schließen. Sogar alle Demütigung, aller Generalverdacht, ja, alle Verleumdung, denen wir als Priester gerade in diesen Wochen und Monaten ausgesetzt sind, können in Frucht und Segen umgewandelt werden zur Verherrlichung Gottes und zum Heil der Menschen.

Liebe künftige Mitbrüder, mit Eurem Dienst als Priester in den Gemeinden unseres Bistums sollt Ihr lebendige Zeugen für die bleibende Gegenwart unseres Herrn zur Erleuchtung, zur Stärkung und zum Heil der Menschen sein. Wenn wir in einem unserer Kirchenlieder singen: Dank sei dir, Herr Jesus Christ, dass wir dich noch haben und dass du gekommen bist, Leib und Seel‘ zu laben. – Wenn wir so singen, dann auch deswegen, weil Ihr einmal den Ruf gehört habt und ihm gefolgt seid. Euer Leben sollt Ihr vom unablässigen Gotteslob und Gottesdienst bestimmt sein lassen.

Durch die Auflegung meiner Hände werdet Ihr nun auch aufgenommen in die Gemeinschaft des Presbyteriums und durch die Salbung Eurer Hände für immer dazu beauftragt und befähigt, Gott, unseren Herrn, mit der Feier des Lobes zu ehren und die Menschen seine heilende Nähe erfahren zu lassen. Die Feier der Hl. Eucharistie soll fortan im Mittelpunkt Eures ganzen Lebens als Priester und Eures Dienstes stehen; des Dienstes, den Ihr in Einheit und Frieden mit mir und meinen Nachfolgern als dem Ortsbischof und mit allen Brüdern im geistlichen Dienst ausüben sollt.

An Euch, verehrte liebe Mitbrüder, wird vor aller Augen sichtbar, wozu Menschen mit vielfältigen Begabungen heranwachsen und reifen können. Ganz nach dem Wort, das unserem großen Bistumsmissionar, dem Hl. Petrus Canisius oder auch einem seiner Ordensbrüder zugeschrieben wird: Niemand von uns ahnt, was Gott aus ihm machen würde, wenn er sich ihm ganz überließe.

An Euch wird auch sichtbar und vernehmbar, wie der Apostel Paulus seinen missionarischen Dienst verstanden hat: „Wir verkündigen nicht mehr uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Mit dem Hl. Augustinus rufe ich Euch vor allen Mitbrüdern im geistlichen Dienst und allen Brüdern und Schwestern in Christus zu: Werdet immer und immer tiefer zu dem, was Ihr durch Gottes Gnade und die Auflegung meiner Hände seid!   Amen
  
[1] 2 Kor 4,5
[2] vgl. Phil 3,17ff
[3] Gal 2,20
[4] vgl. Mt 19,12
[5] 2 Kor 4,7