Abendmahlfeier im Hohen Dom zu Augsburg

24.03.2005 11:08

„Jesu Vermächtnis“

Drei Nächte beanspruchen im Leben Jesu eine besondere Bedeutung; sie werden in der liturgischen Feier der Kirche lebendig erhalten und sind im Bewusstsein der Gläubigen gegenwärtig: Es ist einmal die „heilige Nacht“ der Geburt des Sohnes des ewigen Vaters aus der Jungfrau Maria; es ist die „wahrhaft selige Nacht“ der Auferstehung des Gekreuzigten von den Toten; dazwischen liegt die „Nacht, da er verraten wurde“. Sie zu begehen haben wir uns jetzt versammelt. – Die Weihnacht ist bestimmt von der Freude über das Kommen des ersehnten Erlösers in die Welt; die Osternacht ist geprägt von der Freude über den Sieg des Auferstandenen über den Tod.

In der Nacht zum Karfreitag vertraut Jesus seinen Freunden, den Jüngern, sein Vermächtnis zum bleibenden Gedächtnis und als nie endende Verpflichtung an. - Dieses Vermächtnis besteht einmal in seiner ganz und gar sich verschenkenden Liebe. Ihren zeichenhaften Ausdruck erhält diese Liebe während des Paschamahles, das Jesus mit seinen Jüngern am Abschiedsabend feierte. „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“, sagt Jesus beim Evangelisten Lukas (22,18). Gleichsam als Hausvater zelebrierte er da den althergebrachten Ritus dieses im Jahreslauf einmaligen Mahles. Doch diesmal sollte aber das Paschamahl für die anwesenden Jünger den Charakter der Einzigartigkeit bekommen. Denn Jesus nahm „Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis. – Und er nahm nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk). – Jesus vererbt seinen Jüngern nicht etwas von sich, er vermacht sich selbst ihnen. Das Opfer, das er am folgenden Tag am Kreuz darbringen wird in der Hingabe seiner selbst, dieses Opfer nimmt er im Abendmahlsaal voraus. Unter den Gestalten von Brot und Wein – Speisen zur Nahrung für die Menschen – reicht er sich selbst dar. Jesu Leib als wahre Speise, Jesu Blut als wahrer Trank: Und er gibt den Auftrag an die anwesenden Jünger, im Zeichen des Mahles immer wieder das Gedächtnis an diese seine Opfertat, an diese seine sich verschenkende Liebe zu vollziehen. Jesu Opfer soll bleibende Gegenwart sein. Die Menschen sollten dadurch an die Liebe Jesu erinnert werden, als deren sichtbaren Beweis er sein Leben geopfert hat. Er tat es, um damit für die Menschen und ihre Schuld den gültigen und adäquaten Kaufpreis der Ganzhingabe an den Willen des Vaters, der Selbstübergabe an den Vater zu bezahlen. Sie sollten durch die ihnen dargereichte Speise aber auch mit Jesus eins werden und in ihm untereinander geeint sein. Diese sich verschenkende Liebe Jesu, die alles darangab, sollte nicht vergeblich auf Erwiderung warten müssen. Jesus hat auch uns hier einzeln und persönlich gemeint. Jene, die er mit der Feier dieses Gedächtnisses beauftragt hat, haben diesen Auftrag als heilige Verpflichtung auf andere übertragen und so hat die Kirche bis in unsere Tage gewissenhaft und treu Jesu Opfertod in der Gestalt des eucharistischen Opfers und Opfermahles gefeiert und sie wird es, was sie vom Herrn über die Apostel empfangen hat, auch so weitergeben. Das Priestertum Jesu Christi, des ewigen Hohenpriesters, das in den geweihten Priestern fortwirkt, ist gerade und nicht zuletzt gestiftet für dieses Geschenk seines eucharistischen Opfers, aus dem die Gläubigen stets neu das Leben empfangen dürfen.

Im Jahr der Eucharistie, das wir gegenwärtig begehen, sind wir eingeladen uns in besonderer Weise auf dieses Vermächtnis der sich verschenkenden Liebe Christi, das der Kirche in der Eucharistie übereignet ist, einzugehen. Wir sollen uns dem Geheimnis der Eucharistie im Glauben nähern, den Glauben an die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie vertiefen und diesen Glauben leben. Wenn wir die eucharistische Speise empfangen, sagen wir: Wir empfangen die heilige Kommunion. Bekanntlich kommt dieses Wort ja aus dem Lateinischen: Communio; und das heißt: Gemeinschaft. Das eucharistische Mahl schenkt uns zu allererst Gemeinschaft mit Jesus Christus und durch ihn mit dem dreifaltigen Gott.
Die Kommunion bewirkt sodann auch die Einheit unter den Gläubigen. In seinem 1. Korintherbrief schreibt Paulus: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10,17) Ja, es ist wahr, die Gemeinschaft der Kirche ist am dichtesten in der Feier der Eucharistie. Die Einheit der Gläubigen wird also in der eucharistischen Versammlung nicht nur mit ihrem Herren, sondern auch untereinander wahrhaft offenbar und wirklich. „Den Leib Christi essen heißt, Leib Christi werden.“
Von vielen Christen wird heute die Trennung am Tisch des Herren sehr schmerzlich empfunden. Man kann immer wieder auch das Wort vom „Skandal“ hier hören. „In der Tat, so der Kath. Erwachsenenkatechismus, wenn die Eucharistie das Sakrament der Einheit und der Liebe ist, stellt die Trennung am Tisch des Herrn ein Ärgernis dar, zu dessen Überwindung wir alles in unserer Macht Stehende tun müssen. Andererseits steht die Eucharistie nicht zu unserer Verfügung. Sie ist als Vermächtnis des Herrn ein Geheimnis des Glaubens, das den gemeinsamen Glauben voraussetzt; und sie ist als Sakrament der Einheit an die Einheit der Kirche gebunden. Wo der gemeinsame Glaube oder die Einheit der Kirche fehlen, ist vom Wesen der Sache her eine gemeinsame Teilhabe am Tisch des Herrn nicht möglich (Erw. Katechis. S. 361). Diese schmerzliche Situation ist nicht durch spektakuläre Aktionen oder durch ein rein pragmatisches Verhalten zu lösen. Im Geist des Gebetes und der Buße müssen wir diese leidvolle Situation ertragen, und in Schritten der Versöhnung zugleich alles Mögliche tun, damit uns die Gnade der Einheit am Tisch des Herrn, vom Gastgeber Jesus Christus geschenkt werde.

Jesu Vermächtnis besteht sodann in seiner beispielgebenden dienenden Liebe. Bei Lukas lesen wir: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: Wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie einer, der bedient.“ Wie ernst Jesus dieses Wort nahm, erfahren wir am Gründonnerstag: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zuletzt oder bis zum Äußersten .... Er begann, den Jüngern die Füße zu waschen“ (Joh. 13,1f).

Der Meister leistet damit den Jüngern einen Dienst, den in Israel ein jüdischer Sklave sogar verweigern konnte. Jesus diente seinen Jüngern bis zum Hinbücken und Hinknien vor ihnen. So sehr erniedrigte er sich vor ihnen ohne Hintergedanken, ohne Effekthascherei, wie selbstverständlich, einfach aus Liebe. Die Fußwaschung, von der nur der Evangelist Johannes berichtet, wird als Zeichen der Erniedrigung Jesu zum Symbol auch für das Geschehen der Kreuzigung; hierbei nimmt Jesus den schmachvollsten Tod auf sich, den die damalige Zeit kannte. – Jesus nimmt den letzten Platz bei seinen Jüngern und in seinem Volke ein, um zu zeigen, dass nur die Ehre etwas wert ist, die Gott verleiht.

Die Fußwaschung wurde in ihrer tiefen Zeichenhaftigkeit und in ihrer beispielhaften Bedeutung auch zur Geburtsstunde der Diakonie in der Kirche. Diese ist neben dem Dienst am Wort, also der Verkündigung, und dem Dienst am Altar, also der Liturgie, als Dienst an den Schwestern und Brüdern mit eine Wesensfunktion der Kirche. Die dienende Liebe ist Zeugnis für Christus und Erweis der Glaubwürdigkeit der Christen. Jesus sagt im Abendmahlsaal zu den Jüngern: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh. 13,15). – Und in seinen Abschiedsreden schärft er ihnen ein: „Ein neues Gebot gebe ich euch: „Liebt einander!“ Wie ich euch geliebt habe, so sollte auch ihr einander lieben“ (Joh. 13,34). – Liebe will konkret sein. Wie weit fühlen wir uns diesem Vermächtnis verpflichtet? Diesem Vermächtnis der sich schenkenden Liebe Jesu?! –

Schließlich erfahren wir in dieser Nacht des Abschieds und der Todesangst Jesu etwas von der sühnenden Liebe unseres Herren: Johannes schreibt: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater zu gehen“ (Joh. 13,1). – Es war eine schmerzvolle Stunde, ein menschlich gesprochen, bitteres Ende. Voller Todesahnungen ging er zum Ölberg hinaus, um in sein Sühneleiden einzutreten, denn nun war ja seine Stunde da: Seine Stunde, von der es einmal in der Schrift heißt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Jesus geht bewusst in diese Stunde hinein und nimmt all das, was sie bringt, auf sich. Denn dazu war er in die Welt gekommen. Für das Heil der Welt nahm Jesus das Kreuz auf sich. – „Man muss lieben, bis es weh’ tut, sagt Mutter Theresa einmal. – Die Liebe zum Vater und die Liebe zu den Menschen, seinen Schwestern und Brüdern, hat Jesus wehe getan; es war eine mit Opfer verbundene Liebe. – Doch: Er ist ja selbst die Liebe. –

Jesus hat uns ein Beispiel gegeben.
Es ist ein uns beschämendes Beispiel.
Es ist ein einprägsames Beispiel.
Es ist ein Beispiel, das uns anspornt,
das uns Auftrag und Verpflichtung ist.

Im Mahl der Liebe stärkt er uns immer wieder neu dafür. Nur wer in der Liebe ist, kann Zutritt zu diesem Mahl finden. – Leben wir diese Liebe, auch wenn sie und gerade wenn sie weh tut. Amen.