Eucharistisch Priester sein

Chrisammesse im Hohen Dom am 23. März 2005

23.03.2005 11:05

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder!

Die Zeichen des Heils sind stärker als die Zahlen des Unheils. Warum beginne ich die Predigt bei der Messe zur Weihe der heiligen Öle mit diesem Satz? Die Zeichen des Heils sind stärker als die Zahlen des Unheils. Wenn ich in diesen Wochen und Monaten Ihnen, liebe Priester und Diakone, begegne, schaue ich nicht nur in fröhliche Gesichter. Es sind auch besorgte Mienen und nachdenkliche Worte, die mir nahe gehen und mich nicht kalt lassen können. Wie wird es weiter gehen in unseren Gemeinden? So viel ist vom Mangel die Rede: nicht nur vom Priestermangel, sondern auch vom Gläubigenmangel.

Gerade das österliche Triduum steht im Zeichen einer Spannung. Liturgisch feiern wir das Drama vom Leiden und Sterben, aber auch von der Auferstehung und vom neuen Leben, das Gott uns in Jesus Christus gezeigt hat. Gleichzeitig wird uns in diesen heiligen Tagen eine Spannung besonders deutlich, die das alltägliche Wirken vieler von uns wie ein roter Faden durchzieht. Wir leiden unter einem Zuviel und unter einem Zuwenig: unter einem Zuviel an Gottesdiensten, die zu halten sind, einem Zuviel an Ansprüchen, die wir erfüllen müssen, an einem Zuviel an Leistung, die erwartet wird und die die Gefahr in sich birgt, dass unser seelsorgliches Wirken manchmal zu einer formalen Pflichterfüllung erstarrt. Mit diesem Befund des Zuviel geht Hand in Hand die andere Tendenz des Zuwenig. Sind es wieder weniger geworden, die an Ostern in die Kirche gehen? Sind wieder weniger zum Empfang des Bußsakramentes gekommen? Sind es wieder weniger, die bereit sind, sich in der Gemeinde zu engagieren? Und bei aller Sorge um die Gläubigen die Frage nach dem „lieben Geld“.
Nicht nur die Zahlen, die unsere Gesellschaft bewegen, sondern auch die Zahlen in der Kirche scheinen Unheilszahlen zu sein. Trotzdem wage ich an diesem Tag, der gerade uns Priester und Diakone zu diesem jedes Jahr bewegenden Gottesdienst zusammenführt, die kühne Behauptung: Stärker als die Zahlen des Unheils sind die Zeichen des Heils. Was liegt heute näher, als über das Zeichen des Heils schlechthin, die Eucharistie, nachzudenken? Gibt es etwas Passenderes als der Frage nachzugehen, wie die Eucharistie als Zeichen des Heils zur Quelle dafür werden kann, dass auch bei rückläufigen Zahlen uns das seelsorgliche Tun erfüllt und innere Freude schenkt?

Liebe Mitbrüder! Ein faszinierendes Bild zeichnet der Prophet Ezechiel im 47. Kapitel: Aus dem Tempel strömt wie aus einer Quelle Wasser und ergießt sich in das Land, das dadurch fruchtbar wird. Ein bekanntes Lied münzt dieses Bild in Bezug auf Psalm 87 in lebendige Erfahrung um: „Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir, mein guter Gott“. Besonders wenn es um den priesterlichen Dienst geht, werden gern die Quellen-Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zitiert: Das eucharistische Opfer wird als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ bezeichnet (LG 11). „Beim Vollzug des Werkes der Heiligung sollen die Pfarrer dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde ist“ (CD 30, vgl. PO 5).
Wir schauen auf den inneren Zusammenhang, der die Eucharistie mit dem geistlichen Leben und dem seelsorglichen Tun verbindet. Dieser ganzheitliche Ansatz verhindert, dass der Seelsorger eine „gespaltene Persönlichkeit“ mit getrennten Kompetenzfeldern wird: mit einer Liturgiekompetenz, um die Gläubigen in den Vollzug des Gottesdienstes mitzunehmen; einer spirituellen Kompetenz im Blick auf die persönliche Lebensführung und geistliche Begleitung; einer Leitungskompetenz, um eine Pfarrei bzw. Seelsorgeeinheit als mittelständischen Betrieb zu führen; und schließlich einer Sozialkompetenz für die praktische Seelsorgearbeit. So ist es notwendig und reizvoll, nach der einen Mitte im Seelsorger zu fragen, nach seiner Quelle. Soll die Eucharistiefeier tatsächlich, wie die Texte des Konzils mehrfach betonen, Quelle des ganzen christlichen Lebens und der Evangelisierung sein, dann liegt es nahe, diese Quelle gerade für den Priester selbst, seine persönliche Spiritualität und sein seelsorgliches Handeln reicher fließen zu lassen.

Sich öffnen und hören

Auf einen ersten Aspekt im Sinne dieser ganzheitlichen Sicht weist die Alltagserfahrung in der Seelsorge hin.
Die Fähigkeit, sich einem anderen zu öffnen, in ihn hinein zu hören, was ihn bewegt und umtreibt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Ohne Zweifel ist sie eine Grundvoraussetzung, damit Seelsorge überhaupt geschehen kann. - Der Wort-Gottes-Teil der Eucharistiefeier kann als eine ganz eigene Schule der Öffnung und des Hörens verstanden werden.
Der geistliche Anspruch besteht darin, wach in das Wort Gottes hineinzuhören, wahrzunehmen, wie Gott in seinem Wort nahe sein will, das Wort im eigenen Herzen zu bewegen und es zu bewahren (Lk 2, 19.51). Auf diese Weise hat der Wortgottesdienst von seinem Wesen her immer eine marianische Note. Dieser Anspruch, marianisch zu sein, trifft den, der das Wort Gottes verkündet, zuerst.
Es sind vergleichbare Vorgänge, sich für das Wort Gottes einerseits und für die Worte der Menschen andererseits zu öffnen, sie zu hören, sie in sich eindringen zu lassen. Wer ein wirklicher „Hörer des Wortes“ (Karl Rahner) ist, wird sich auch öffnen können für die Worte der Menschen. Wer umgekehrt ein offenes Ohr für die Freuden und Sorgen der Menschen besitzt, wird sich als geistlicher Mensch danach sehnen, im Wort Gottes Weisung und Sendung zu erhalten.

Abgeben und Hingeben

Zu den schmerzlichen Erfahrungen in der Seelsorge gehört, dass die Wirklichkeit oft hinter dem Ideal zurückbleibt. Die Gemeinde ist gleichsam wie „ein Fass ohne Boden“, in der immer mehr und vieles besser gemacht werden könnte. So bleibt z. B. nach einem Taufgespräch oder nach der Erstkommunionvorbereitung meist nur die Hoffnung, dass irgendwie die Mühen doch ganz nicht umsonst waren und die Menschen in ihrem weiteren Leben Anknüpfungspunkte finden für neue Zugänge zum Glauben und zur Kirche.
Mit diesen Erfahrungen geht das Wissen des Seelsorgers einher, selbst nicht der große Held oder der „All-roundman“ sein zu können, den viele in ihm gern sehen möchten. Begrenzte Fähigkeiten, mangelnde Belastbarkeit, persönliche Schwächen, die vielleicht keiner sieht einerseits, und eine verborgene Sehnsucht nach „Mehr“ (magis) andererseits können Zweifel über den eigenen Weg aufkommen lassen.
In dieser Situation steht das Angebot der Eucharistiefeier, mit „der Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ das ganz persönliche Bündel an Freude und Leid, an Problemen und Schwierigkeiten vor Gott zu tragen und es ihm als Opfergabe anzubieten. Mit den Gaben von Brot und Wein darf der Einzelne sein Leben vor Gott stellen, es darbringen, abgeben, sich selbst hingeben. Gerade die Gabenbereitung ist deshalb ein Akt des Abgebens und der eigenen Entlastung.
Damit das nicht nur ein frommer Gedanke bleibt, ist es wichtig, die Rituale der Gabenbereitung bewusst zu vollziehen. Es gilt, die Gewöhnung durch die tägliche Feier abzustreifen und persönliche Verankerungen anzustreben.

Wandlung geschehen lassen

Wie oft steht ein Seelsorger vor den Nöten eines Menschen und denkt: „Da hilft nur noch ein Wunder“. Dabei muss es sich nicht nur um körperliche Gebrechen oder um eine schwere Erkrankung handeln. Es kann um zerbrochene Beziehungen gehen, Sorgen um Kinder, materielle Not, mangelndes Selbstwertgefühl, Arbeitslosigkeit und damit schwindende Selbstachtung.
Außer Anhören und dem Versuch, Worte der Ermutigung zu sprechen, bleibt manchmal nur die Hoffnung, die Situation möge sich irgendwie zum Guten wenden. Die Erfahrung von Ohnmacht stellt den Menschen vor einen geistlichen Scheideweg. Entweder wird er in Zweifel, Angst oder Wut stecken bleiben, oder er wird sich letztlich der Führung Gottes anvertrauen. Der zweite Weg kann in eine Haltung münden, die Paulus mit den Worten umschreibt: „Der Herr antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht (…); denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12, 9-10).
In dieser Haltung wird es möglich zu ahnen, was „Wandlung“ bedeutet: Gott kommt auf mich zu, nimmt mein Leben in die Hand und führt mich auf einen Weg, der meinem Heil und dem Heil derer dient, die mir anvertraut sind. Ich muss und darf an mir etwas geschehen lassen, ohne dass ich es selbst „machen“ könnte. Das meint auch das Kommen Christi und die Gegenwart seines Opfers in der Eucharistie. Jesus Christus wird nicht durch menschliche „Manipulation“ gegenwärtig gemacht, sondern er selbst erfüllt seine Zusage und schenkt seine Nähe.
Diese alleinige Wirkmacht Jesu Christi drückt sich im Ritus so aus, dass die Worte und Gesten des zelebrierenden Priesters bis ins Detail festgelegt sind. Dabei handelt es sich nicht um eine unnötige Rubrizistik, sondern um das Eingeständnis: Wir sind nicht „Herstellende“, sondern nur „Darstellende“. Wir können uns nur als Werkzeuge der Gnade und als Empfangende verstehen. Wir haben das Wasser unseres Lebens in Krüge gefüllt und müssen Gott überlassen, dieses Wasser in köstlichen Wein des Heils zu verwandeln (vgl. Joh 2).
Das wird auch in der Dramatik des Hochgebetes deutlich. Mit den Worten der Epiklese übergibt der Zelebrant die Wirkmacht seiner Hände dem Heiligen Geist. Er kann nur noch „in persona Christi“ handeln, was weder Arroganz noch Anmaßung bedeutet, sondern Demut. Wir sind eingeladen, uns in dieses Geschehen dankbar einzulassen.

Empfangen

Eine weitere Dimension kommt hinzu: Leben aus der Quelle der Eucharistie bedeutet, zum Empfangenden zu werden. Zunächst klingt im Wort vom „Empfangen“ Passivität und Geschehen-Lassen mit. Doch bedeutet diese Art des Empfangens auch höchste Aktivität. Ich soll meinen Drang, alles in die Hand zu nehmen und die Zügel meines Lebens und Arbeitens für die Gemeinde in der Hand zu behalten, überwinden. Ich darf fähig werden, mir etwas schenken zu lassen. In der Eucharistiefeier wird das deutlich durch die Kommunion: ich empfange den Leib und das Blut Christi, den Herrn höchstpersönlich. Der Grundvollzug der Feiernden ist dankbares Empfangen, Sich-tragen-Lassen von einer Bewegung, die von oben und von außen kommt, von Gott selbst.
Die Bereitschaft zu empfangen ist ebenso eine Grundhaltung im Umgang mit den Menschen. In der Begegnung mit ihnen werden diese nicht einfach „Objekte“ der Seelsorge im Sinn von Betreuung, Bekehrung oder eines Trimmens auf Linie. Die Menschen sind Nehmende und Gebende zugleich.
Ein Sprichwort heißt: Geben ist seliger als Nehmen. Bei der Eucharistiefeier wird dieses Motto umgedreht: Nehmen ist seliger als Geben. Auch als Priester, der der Gemeinde gegenübersteht, bin ich nicht nur Ausspender der eucharistischen Gaben, sondern zuallererst selbst Empfänger des Leibes Christi.
Empfangender zu sein wird für den Priester immer wieder deutlich, etwa bei Krankenbesuchen. Wie oft verabschiedet sich der Seelsorger vom Kranken, beeindruckt von dessen Stärke und dadurch selbst gestärkt in seinem Dienst. Teilnahme wird zur Teilhabe. Der Seelsorger wird zum Empfangenden, der sich selbst bereichert fühlen darf.

Sich senden lassen

Der letzte Ritus der Eucharistiefeier ist die Aussendung der Christen, die durch das Wort des Lebens und das Brot des Lebens gestärkt wurden. In Frieden sollen sie hingehen zu ihren alltäglichen Aufgaben in Familie, Beruf, Gesellschaft und zum Apostolat in ihrem Lebenskreis. „Weil jede Gabe Gottes zur Aufgabe wird, hat man das ‚Ite, missa est’ in Anlehnung an das lateinische Wort ‚missio’ gelegentlich auch als Sendung verstanden, etwa in dem Sinn: ‚Geht, eure Sendung beginnt’.“ (Adolf Adam, Grundriss Liturgie, Freiburg – Basel – Wien 1998, 158)
Das „Gehet hin in Frieden!“ spricht der Priester (oder Diakon) zunächst als Gegenüber zur Gemeinde. Doch gilt diese Sendung auch für ihn selbst. Wie Jesus Christus von sich sagt: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21), so ist der, der die Sendungsworte spricht, selbst Gesandter. Deshalb können die letzten Worte der Eucharistiefeier für uns zur Erinnerung jener Sendung werden, zu der wir uns vor Jahren bei der Weihe verpflichtet haben und an die wir uns durch die Erneuerung des Weiheversprechens bis heute gebunden wissen. Wie die Gläubigen gesandt werden in ihre Lebenswelt, so geht der Priester neu gesegnet und gesandt an die Seelsorgsarbeit im Weinberg des Herrn.

Ich möchte diese Worte an die Priester und Diakone nicht beenden, ohne auch die zahlreich zu diesem Gottesdienst erschienenen Kinder und Jugendlichen aus einzelnen Pfarreien unseres Bistums zu grüßen und anzusprechen. Ihr seid mit Euren Begleiterinnen und Begleitern zu einem Gottesdienst in den Dom gekommen, der einmalig im ganzen Kirchenjahr und im ganzen Bistum ist. Dieser Gottesdienst, an dem einzelne von euch auch aktiv mitwirken können, dient der Weihe der hl. Öle, die zur Spendung der Sakramente, wie Taufe, Krankensalbung, Priesterweihe und hoffentlich auch bald zur Weihe eines neuen Bischofs nötig sind. Diese Weihe aber ist eingefügt in die Feier der hl. Messe. Daraus sollt ihr auch erkennen können, dass die hl. Messe das vornehmste Handeln der Gemeinde, eben auch bei euch zuhause ist. Nehmt das bitte selbst auch ernst. Ich danke euch.

Eucharistie als Quelle und Höhepunkt

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder! Einzelne Elemente und Vollzüge der Eucharistiefeier zu meditieren, erweist sich als fruchtbar in doppelter Weise. Einerseits rückt die Feier der hl. Messe in größere Lebensnähe, andererseits werden die Tätigkeiten in der Seelsorge mehr von der Eucharistie her und auf sie zu erlebt. So gesehen, kann diese Feier tatsächlich zu einer Quelle werden, aus der lebendiges Wasser nach allen Seiten fließt. Ich wünsche uns allen, dass wir zusammen mit unseren Gemeinden an diesen österlichen Tagen spüren dürfen: Über allen Belastungen der Arbeit liegt der Glanz des großen Festes. Und stärker als die Zahlen des Unheils sprechen die Zeichen des Heils.

Das Erbe und der Auftrag, den der Herr beim letzten Abendmahl seiner Kirche und hier besonders über die Apostel uns Priestern übertragen hat, verpflichtet uns zur Treue in der Verwaltung der hl. Geheimnisse und zur Gewissenhaftigkeit im Vollzug. Darum bitte ich Sie alle heute ganz besonders und herzlich. Damit verbinde ich aber auch meinen aufrichtigen Dank an Sie alle, liebe Mitbrüder, für Ihren unermüdlichen und oft belastenden Dienst in der Seelsorge.

Amen.