Basilika St. Ulrich und Afra

Diakonenweihe am 25. Juni 2005

25.06.2005 11:54

„Erwählung und Auftrag“ (1 Sam 3,1-11 – 1 Petr. 4,7b-11 – Mt, 5,13-16)

Eine sehr beeindruckende Berufungsgeschichte haben wir vorhin aus dem Alten Testament gehört. Die Berufungsgeschichte von Samuel. Wir erinnern uns: Samuel, von seiner Mutter Hanna erbetet und von Gott ihr geschenkt, wurde in frühen Jahren nach Silo gebracht, wo damals die Bundeslade stand, um für den Dienst im Heiligtum erzogen zu werden. Bei einem nächtlichen Rufen, das Samuel zunächst für das Rufen des Priesters Eli deutete, durfte er aber erkennen, dass Gott, der Herr ihn rief: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.... Rede Herr, denn dein Diener hört.“ So war Samuels Antwort.

In dieser Stunde, in der wir fünf Männer unseres Priesterseminars zu Diakonen weihen dürfen, geschieht Ähnliches. Jeder von ihnen hat zu Beginn dieser festlichen Liturgie im Bewusstsein seiner eigenen Berufungsgeschichte sein „Hier bin ich, du hast mich gerufen“ gesprochen und seine Bereitschaft erklärt, den Auftrag anzunehmen, den der Herr ihm in dieser Stunde erteilt.
Erwählung und Auftrag sind die beiden Stichworte über diesem Geschehen.

„Mit dem Beistand unseres Herrn und Gottes Jesus Christus, des Erlösers, erwählen wir diese unsere Brüder zu Diakonen.“ – Mit diesen Worten habe ich vorhin die Erwählung unserer Weihekandidaten für das Diakonenamt ausgesprochen. Die Erwählung einzelner zu etwas Besonderem – ist das nicht anstößig? Passt das noch in unsere Zeit? Ein Kennzeichen unserer Zeit ist doch die Gleichmacherei. Hat die Erwählung einzelner noch einen Platz in unserem Denken und Empfinden?

Wenn wir die Heilsgeschichte durchgehen, stoßen wir immer wieder auf die Tatsache, dass Gott Menschen erwählt. Er erwählt Abraham und die Patriarchen; er erwählt Mose und die Propheten; er erwählt David zum König und Israel aus allen Völkern zu seinem besonderen Eigentum. Alle, die von Gott erwählt werden, das können wir dabei beobachten, werden nicht für sich im Sinne einer besonderen Auszeichnung erwählt, sondern diese Erwählung erfolgt für andere. Das gilt bereits bei Abraham: „Ein Segen sollst du sein ... Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen. 12,2f). So ist es bei allen Erwählten; sie werden bestellt anderen zu dienen, für andere da zu sein.

Nicht anders ist es im Neuen Bund, in der Kirche. Auch Jesus erwählt aus dem Kreis der Jünger seine Apostel. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt“ (Joh. 15,16). Dadurch, dass Gott den Weg der Erwählung einzelner beschreitet, macht er deutlich, dass das Heil von ihm kommt. Wir Menschen können sehr viel machen; aber das Entscheidende, das unserem Leben Sinn gibt, uns bleibende Erfüllung und ewige Vollendung schenkt: Das ist nicht machbar. Es kommt als Geschenk von Gott, vermittelt durch seine erwählten Boten, die dazu von ihm beauftragt und ermächtigt sind.

Mit der Erwählung ist eine besondere Bindung des Erwählten an den verbunden, der ihn erwählt hat. Diese Bindung können wir auch mit dem Wort Gehorsam umschreiben. Im Christushymnus des Philipperbriefes ist vom Gehorsam Jesu Christi die Rede: Der gottgleiche Sohn ist dem Vater gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Ich werde nachher jedem Weihekandidaten die Frage stellen: Versprichst Du Deinem Bischof und seinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam? Und die einzelnen werden mir in die Hand das Versprechen geben: Ich verspreche es. Damit binden sich die neuen Diakone an die Kirche, und zwar für immer. Sie binden sich nicht an eine Wunschkirche, an eine Vision von Kirche, sondern an die konkrete Kirche, wie sie sich heute darbietet mit Licht- und Schattenseiten. Und an diese Kirche binden sie sich für immer. Manche Leute haben heute ganz generell Schwierigkeiten mit endgültigen Entscheidungen, mit Bindungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Denken wir hier z. B. auch an die Bindungsangst in einer Ehe.

Gott hat uns Menschen die Freiheit als ein hohes Gut gegeben. Wir haben dieses Gut erhalten nicht als Freibrief für Beliebigkeit. Wir haben die Freiheit vielmehr erhalten, um uns zu entscheiden. Aus vielen Möglichkeiten, die sich uns bieten, haben wir zu wählen und uns zu entscheiden und dabei auch endgültige Entscheidungen zu treffen, damit unser Leben Gestalt gewinnt.

Wie ist das nun mit der Bindung an die Kirche? Kann man sich endgültig für die Kirche entscheiden, ohne sich eine Hintertür offen zu lassen? Die Antwort auf diese Frage gibt Jesus. Er hat sich an diese Kirche gebunden, sich für die Kirche entschieden. Er ist sogar für sie am Kreuz gestorben und hat sie sich als Braut zu eigen genommen, von der er sich in alle Ewigkeit nie mehr lossagen wird. So steht Christus zu dieser seiner Kirche, mag sie auch aus uns sündigen Menschen bestehen. Er hat sich mit dieser Kirche so innig verbunden, dass sie, wie der Apostel sagt, sogar sein Leib ist. Das Haupt darf man nicht vom Leibe trennen. Wenn sich Christus unaufkündbar an diese Kirche bindet, hat keiner von uns die Ausrede, man könne sich nur mit Vorbehalt an sie binden. So kann man mit der Kirche nicht umgehen, weil Christus untrennbar zu ihr gehört und sich mit ihr geradezu identifiziert, trotz all ihrer, das heißt unserer Schwächen.

Vorbehaltlos.
Weil Christus mit der Kirche verbunden ist wie das Haupt mit dem Leib, ist die Entscheidung, die heute unsere Weihekandidaten treffen, nicht nur eine Bindung an die Kirche, sondern auch eine Bindung an Jesus Christus. Auf ihn zielt letztlich ihre Entscheidung. Diese ihre Entscheidung für Jesus Christus und seine Kirche, liebe Weihekandidaten, muss dann noch ganz wesentlich von ihrer Treue geprägt sein als Antwort auf die Feststellung des Apostels Paulus, der im 1. Thessalonikerbrief schreibt: „Gott, der euch beruft ist treu“ (1 Th. 5,24) und an Timotheus kann er schreiben (1 Tim 1,12): „Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen“.

In wenigen Augenblicken werden unsere Weihekandidaten zu Diakonen geweiht: Diakon sein heißt Diener sein. Die Lebensaufgabe, die ihnen anvertraut wird, heißt also dienen. Das betrifft nicht nur die Zeit bis zur Priesterweihe, dieser Auftrag zum Dienen betrifft ihr ganzes Leben. Später bei der Priesterweihe werden Sie noch tiefer in den Dienst Jesu Christi hineingenommen; denn Teilhabe an der Sendung Christi heißt immer: dienen. Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt. 20,28).

Meine lieben Weihekandidaten! Ihr sollt also Diener sein, Diener der Kirche und Diener Jesu Christi. Durch Euch will die Kirche als dienende Kirche den Menschen begegnen. Wer es mit Euch zu tun bekommt, muss spüren, dass die Kirche keine kalte, harte, herzlose Gesellschaft ist, sondern eine Gemeinschaft, in der wir der Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes begegnen. Im Titusbrief (Tit 3,4) heißt es, dass im menschgewordenen Gottessohn Jesus Christus Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit auf unserer Erde erschienen ist. Das muss in der Kirche weitergehen, das muss durch Euch weitergehen. Euer Dienst soll Salz für die Erde sein, damit das Leben auf ihr immer lebenswerter wird; er soll Licht für die Welt sein, dass nicht Hoffnungslosigkeit und Nacht um sich greift.

Jesus, der Diener, der Diakon der Menschen möchte Sie also in seinen Dienst nehmen. Wie schon in den Zeiten der Apostel geschieht dies auch jetzt zeichenhaft durch Handauflegung und Gebet des Bischofs. Dabei wird Ihnen der Hl. Geist geschenkt und die Gnade, ein geeigneter Diener Christi zu sein. Mit der Weihe zum Diakon werden Sie hineingenommen in das dreifach ausgefaltete Weihesakrament. Jesus ruft Sie somit: Gott und den Menschen zur Verfügung, zu Diensten zu sein. Diese Bereitschaft, dabei sich selbst und seine eigenen Interessen hintanzustellen und Christus durch das eigene Wirken hervortreten zu lassen, darf nicht aufhören, auch wenn Sie einmal Priester sind. Dabei sollten Sie auch Menschen sein, von denen Freude ausgeht.

Denn: Ihr Auftrag, Ihr Lebensinhalt soll ja die Frohbotschaft Jesu Christi sein. Durch die Überreichung des Evangeliars kommt dies in der Weiheliturgie sichtbar zum Ausdruck: „Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist zu bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde; was du verkündest, erfülle im Leben“, so lauten die deutenden Worte bei dieser Zeremonie. Und es sind Worte, die sich zunächst ja an Sie ganz persönlich richten.

Die Diakonie des Wortes und der Nächstenliebe findet ihren Ausgangspunkt und ihre Vertiefung durch die Diakonie des Altares. Die Feier von Jesu Tod und Auferstehung in der hl. Eucharistie ist die Quelle der Kraft und der Freude für Ihr Tun. Der Diakon ist ja bestimmt, dem Priester am Altar zur Seite zu stehen und die eucharistischen Gaben insbesondere auch das Blut Christi den Gläubigen zu reichen. Die häufige Mitfeier der Eucharistie muss Ihnen deshalb ein echtes Bedürfnis sein und ein Herzensanliegen. Denn in dieser Feier treffen wir auf den Diakon Jesus Christus, „der gekommen ist, nicht sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben für die vielen“. Und diesem Jesus und seiner Botschaft wissen wir uns verpflichtet.

Liebe mitfeiernde Gemeinde! Seien wir dankbar für diese neuen Diakone, die auf dem Weg zum Priestertum sind und versuchen auch wir, jeder in seinem Stand und in seinem Lebensbereich, Christus, den Diakon der Menschen, in einem überzeugten und überzeugenden christlichen Leben erfahrbar werden zu lassen. Aus dem 1. Petrusbrief haben wir das Wort vernommen: „Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt; wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht. So wird in allem Gott verherrlicht durch Jesus Christus. Sein ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit.“

Samuel wurde von seiner Mutter erbetet, sie hat ihn Gott übergeben, der ihn dann auch berufen hat. Bitten wir Gott auch für unsere Zeit um Menschen, die er für seinen Dienst berufen kann. Amen.