Eröffnungsgottesdienst zur Ulrichswoche 2005
Fest des hl. Ulrich 2005.
„Meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh. 14,27)
1) Die Jahreszahl 2005 gibt Anlass, Jubiläen von bedeutsamen historischen Ereignissen zu feiern, die mit dem Namen unserer Stadt Augsburg in Verbindung stehen: Vor 475 Jahren wurde auf dem Reichstag in Augsburg die Confessio Augustana, die lutherische Bekenntnisschrift vorgelegt als letzte Bemühung, die konfessionelle Einheit im Reich zu erhalten. Vor 450 Jahren wurde in dieser Stadt der Augsburger Religionsfriede verkündet. Es handelte sich um ein Reichsgesetz, das erstmals die friedliche Koexistenz zweier Konfessionen rechtlich festlegte. Dabei wurde die gebietsmäßige Trennung der Konfessionen in Territorialstaaten festgeschrieben, d. h. der Landesfürst bestimmte fortan die Konfession seiner Untertanen.
Um die Friedensthematik, die im Zusammenhang gerade mit dem letztgenannten Ereignis in Augsburg aufgegriffen wird, mit dem Themenkreis des gesamtkirchlich begangenen Jahres der Eucharistie in Zusammenhang zu führen, bot sich als Leitmotiv für unsere Ulrichswoche 2005 ein Wort des Herrn aus seinen Abschiedsreden an; ein Wort, das auch in der Liturgie der Eucharistiefeier einen markanten Platz einnimmt und zum gemeinsamen Friedensgruß hinführt: Bei Johannes heißt es da: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“ (Joh. 14,27).
„Meine Frieden gebe ich euch.“ Jesus unterscheidet den Frieden, den er gibt, von dem Frieden, wie ihn die Welt gibt. Ja er stellt beide Arten, Frieden zu schaffen, einander gegenüber.
2) Wie verhält es sich mit dem Frieden, den die Welt gibt? Im Vordergrund steht hier zunächst, einen Zustand des Gegeneinander zu einem Zustand des Nebeneinander werden zu lassen, eine friedliche Koexistenz zu schaffen. Dies können wir beobachten z. B. im staatspolitischen Bereich, im sozialpolitischen Bereich, im Zusammenleben von Kulturen, Religionen, Nationalitäten. Dass dies aber nicht ausreicht, lässt sich am Augsburger Religionsfrieden von 1555 ablesen, dessen Verkündigung vor 450 Jahren wir in dieser Stadt besonders gedenken. Es sollte ein „immerwährender Friede“ zwischen den Katholiken und den Anhängern der Augsburger Konfession herrschen. Begreiflich, dass bestehende konfessionelle Streitigkeiten auf Schlichtung gedrängt hatten. So wurde die Angelegenheit per Reichsgesetz geregelt und, vielleicht etwas verkürzt ausgedrückt, das Territorialkirchentum eingeführt: Die Religion der Untertanen bestimmte die weltliche Obrigkeit; persönliche Religionsfreiheit gab es nicht; wer sich nicht fügte, konnte auswandern in ein Gebiet, wo seine Konfession gelebt werden konnte. Der Augsburger Religionsfriede besiegelte somit die kirchliche Spaltung Deutschlands und legte das Verhältnis der beiden Konfessionen auf lange Zeit hinaus fest. Ein wirklicher Friede war dies kaum zu nennen. Im Gegenteil: Zwar war es für die Angehörigen der Augsburger Konfession die öffentliche Anerkennung ihres Bekenntnisses, aber zugleich ein Keim für neuen Unfrieden. All dies sollte auch bedacht werden, wenn wir in das Heute schauen, wo jeder die Freiheit hat, seine persönliche Religionszugehörigkeit und seine Religionsausübung zu bestimmen. Für uns ist freie Religionsausübung ein Menschenrecht, das wir fordern und für das wir auch kämpfen.
3) Zugestandenermaßen ist das angeführte Beispiel nicht unbedingt typisch für einen Frieden, wie die Welt ihn gibt. Denn auch bei den Verantwortungsträgern, bei den Mächtigen dieser Welt gilt normalerweise das Bestreben von einem Nebeneinander zu einem zusammenführenden Miteinander zu kommen nach dem Grundsatz: „Nur wer sich kennen lernt, kann sich vertragen.“ Doch da zeigt aber gerade unser Beispiel, wie sehr es auf dieses „Sich-kennen-lernen“, auf dieses einander Respektieren und Tolerieren ankommen würde, damit Friede entstehen und eine Atmosphäre des Vertrauens sich aus-breiten kann.
4) „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Jesus sagt dies als Trostwort zum Abschied seinen Aposteln zu, auf die er seine Kirche bauen will. Statt mit einem Friedensgruß, der beim Abschied üblich war, verabschiedet er sich von ihnen mit der Gabe des Friedens. Diese Gabe soll für sie auch zur immerwährenden, fortdauernden Aufgabe werden. „Selig die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ So lesen wir in der Bergpredigt. Gott ist ein Gott des Friedens, er denkt Gedanken des Friedens und nicht des Verderbens; er will uns eine Zukunft und eine Hoffnung geben (vgl. Jer. 29,11). Friede ist ein hohes, letztlich ein göttliches Gut wie Gerechtigkeit und Wahrheit, eine Gabe des Heils, die der Mensch weitergeben soll. Friede im Sinne Christi stiften heißt Streitende versöhnen. Hier fällt uns das friedenstiftende Handeln des hl. Ulrich ein; er hat bei Illertissen König Otto I. und seinen Sohn Liutolf nach langem, scharfem Streit wieder zusammengeführt.
Frieden stiften heißt auch Hass löschen und Getrennte wieder zusammenzuführen. Hier zur Illustration noch eine Episode aus dem Leben des hl. Ulrich: Abt Crasloh von St. Gallen war aus seinem Kloster geflohen. Gegen Ende des Jahres 954 begleitete ihn der Bischof im Auftrag des Königs wieder zurück. Der Sitte gemäß reichte bei diesem Anlass der Vertreter des Konventes dem hohen Gast beim Empfang die Bibel zum Kuss, verweigerte aber diese Ehrenbezeugung dem anwesenden Abt. Als Ulrich den betreffenden Mönch dazu zwingen wollte, warf dieser die Bibel auf den Boden. Der Bischof hob sie auf, übergab sie dem Abt Crasloh und überredete die Mönche zur Wiederanerkennung ihres Klosteroberen.
5) Frieden stiften im normalen Alltag könnte z. B. heißen mit einer kleinen Geste, mit einem versöhnenden Wort Brücken schlagen zum Mitmenschen.
Oder: Da gibt es viele Menschen treibt die Sorge um den Frieden unter den Völkern umtreibt und die dafür nach ihren Möglichkeiten arbeiten. Als Christen müssen wir uns bewusst sein, dass wir Verantwortung für den Frieden tragen, das heißt Wege zum Frieden suchen und bekannt machen und ebenso zählt es zu unseren Aufgaben, zum Erhalt dieses Gutes unseren Beitrag zu leisten. Erinnern wir uns, dass wir seit 38 Jahren den Welttag des Friedens jeweils am 1. Januar begehen. Dabei gibt der Papst jedesmal für die Weltkirche ein Thema aus und eine ganz spezielle Friedensbotschaft. So zum Beispiel: „Friede auf Erden, den Menschen, die Gott liebt.“ Es ist ein Thema, das gleichzeitig an die Weihnachtsbotschaft erinnert und uns auf den hören lässt, von dem Paulus im Epheserbrief (2,14) schreibt: „Er ist unser Friede.“ Ein anderes wichtiges Thema war: „Ohne Vergebung gibt es keinen Frieden.“ Oder für dieses Jahr lautete das Motto: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.“ Alles Themen, die für das Bemühen und die Anstrengung stehen einen wesentlichen Beitrag zum Frieden zu leisten.
6) Friede ist ein vielschichtiges Thema, ebenso sind es die Ebenen, auf denen ein gerechter Friede entstehen soll, wenn es um das Wohl der Menschen geht. Wenn Jesus nun sagt, meinen Frieden gebe ich euch, stellt sich die Frage. Was meint er damit? Jesus meint damit nicht irdisches Wohlergehen, er meint auch nicht den inneren Seelenfrieden, vielmehr bezeichnet er damit das Heil, das Gott allein schenken kann. Es ist sein Friede, den er besitzt, der aus der Welt Gottes stammt. Die Welt kann Ruhe und Sicherheit des irdischen Lebens, zeitliches Wohlergehen vermitteln. Der Friede, den er meint, stammt aus der Gemeinschaft mit ihm. In Jesus ist uns die Gemeinschaft mit Gott geschenkt, dadurch, dass er uns mit ihm versöhnt. Dieses Heilsgeschenk weiter zu vermitteln, hat er am Abend des Ostertages seinen Aposteln aufgetragen. „Der Friede sei mit euch ...... Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh. 20,21f). Ganz konzentriert wird uns sein Friede zuteil, wenn er sich uns selbst bei der Feier der Eucharistie in den eucharistischen Gaben schenkt. Dabei erinnern wir uns an Jesu Abschiedswort „Meinen Frieden gebe ich euch“ und wir geben uns ein Zeichen den Friedens und der Versöhnung. Das darf nicht bloß ein Ritus sein, bei dem Bewegung in die Gottesdienstgemeinde kommt. Denn der tiefere Sinn dieses Friedensgrußes ist es, dass nur eine ehrlich versöhnte Gemeinde echte Communio mit ihrem Herrn leben und darstellen kann, eine Gemeinde, die zur versöhnten Communio untereinander bereit ist. „Meinen Frieden gebe ich euch“: Jesus, der sich uns schenkt, ist unser Friede und gibt ihn uns schon jetzt mit seinem Anteil an der Gemeinschaft mit Gott unserem Vater.
7) Im Evangelium haben wir das Wort gehört: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh. 15,16). Auch wir dürfen uns zu den Erwählten zählen und stehen somit unter Jesu Aufforderung, fruchtbar zu sein, Werke des Friedens hervorzubringen und das mit seinem Frieden, den er uns geschenkt hat. Also Früchte des Geistes, von denen eine auch der Friede ist.
Der hl. Bischof Ulrich, der Friedensstifter helfe uns dabei.