Feier der Osternacht im Hohen Dom zu Augsburg

27.03.2005 12:05

„Exsultet“

"Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet dich. Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel. Auch du freue dich, Mutter Kirche, umkleidet von Licht und herrlichem Glanze." Mit diesen, fast möchte man sagen, überschwänglichen Worten, haben wir vorhin das neue Licht, symbolisiert in der Osterkerze, die in den dunklen Kirchenraum ihr Licht ausstrahlte, das dann an die Gläubigen weitergereicht wurde, besungen; das neue Licht, der auferstandene Herr bricht das Dunkel der Welt. Von diesem Osterlicht ist die ganze Welt erfüllt.

Es lässt "allerorten" das Dunkel der Gottferne, der Hoffnungslosigkeit, der Lebensangst, der so oft beklagten Sinnlosigkeit des Lebens, ja das Dunkel des Todes schwinden. Die Endgültigkeit des Todes ist durch den Auferstandenen besiegt. Er hält die Siegesfahne in Händen. So hat die Welt durch das Ostergeschehen den eigentlichen Grund für eine positive Lebenseinstellung, für Hoffnung und Zuversicht geschenkt bekommen. Für die Kirche selbst bedeutet das Ostergeschehen den Grund für ihre Existenz.

Am Ostermorgen, so haben wir vorhin im Evangelium gehört, machten sich in aller Frühe Frauen auf den Weg zum Grabe Jesu. Sie wollten dem toten Leichnam, wie Markus berichtet, die Ehre der Einbalsamierung erweisen. Ihr Problem: Der Stein, der den Eingang zum Grab verschloss. Nach Jesu Begräbnis im Felsengrab wurde nämlich dessen Eingang mit dem üblichen schweren Rollstein verschlossen. Zudem hatten die Hohenpriester das Grab versiegeln und durch eine Wache sichern lassen, wie Matthäus berichtet, um damit ein betrügerisches Verhalten der Anhänger Jesu verhindern zu können. Sie könnten ja, so die Befürchtung, den Toten aus dem Grabe nehmen und behaupten, er sei auferstanden. Ein Engel hatte nun aber am Morgen den Stein, der sehr groß war weggewälzt. – Das Grab ist somit offen und gewährt den Blick auf den nun leeren Platz, wo Jesus gelegen hatte.

Der weggewälzte Stein ist eines der Zeichen, dass Christus wahrhaft von den Toten auferstanden ist. Aber nicht dieses Zeichen bringt den Glauben hervor, dass Jesus lebt, sondern die Begegnungen mit dem Auferstandenen, so wie wir sie aus den Evangelien kennen; sie lassen zögernd, aber stetig die Gewissheit bei den Aposteln und anderen Personen, wie zum Beispiel bei Maria von Magdala, sich verfestigen: Der Gekreuzigte, der im Grab gelegen hat: Er lebt –

Ostern ist, so könnte man es nennen, das Fest des weggewälzten Steines. Mit dem Stein vor dem Eingang des Felsengrabes sind durch Ostern auch viele andere Steine weggewälzt. – Ein schwerer Stein, der uns bedrückt und unter dem wir wie verschüttet sind, kann die Schuld, die Sünde sein. Ostern gibt uns Hoffnung, wenn wir unter solchen Steinen stöhnen. Nicht von ungefähr ist es, dass Christus den Aposteln gerade an Ostern die Vollmacht gegeben hat, in seinem Namen die Steine der Schuld wegzuwälzen. „wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ – Es gehört zu den größten und schönsten Augenblicken im Leben des Menschen, wenn er aus der Verschüttung durch die Sünde befreit, wenn der Stein der Schuld weggewälzt wird, wenn er sich frei fühlen kann. Der Priester darf hier mithelfen, diesen Stein wegzuwälzen, bei der Spendung des Bußsakramentes. – Der schwere Stein der Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit kann den Menschen belasten. Das Leid wird unerträglich, wenn es umsonst zu sein scheint. Aber gerade auch dieser Stein ist für den mit Christus verbundenen Christen weggewälzt. Der hl. Paulus sagt hierzu: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind“ (Röm. 8,28). – Wir sehen jetzt noch nicht, wohin uns der Weg des Lebens, auch des Leidens führt, aber Gott, der uns führt, kennt das gute Ziel. Das gehört zu unserem Osterglauben. – Ostern vermag den Stein der Lieblosigkeit von unseren Herzen wegwälzen. Weil der Vater den von Liebe bestimmten Gehorsam seines Sohnes, der bis in die letzte Konsequenz des Todes reichte, angenommen hat, hat er ihn von den Toten auferweckt, hat er ihn erhöht.

Ostern, das Fest des weggewälzten Steines. – Jesus will, dass wir jetzt mithelfen, Steine wegzuwälzen, aus dem Weg zu räumen. Es gibt die Steine der Lieblosigkeit, der Unversöhnlichkeit, der Verhärtung, der Verständnislosigkeit; die Steine der Ausgrenzung, der Mutlosigkeit, der Verbitterung, die die Herzen und oft auch die Türen unzugänglich machen; so sehr, dass wir nicht mehr aus uns herauskommen und der andere nicht zu uns hereinkommen kann. –

Ostern ist sodann auch das Fest des Lebens, des neuen Lebens in Christus. In der Osterpräfation besingt die Liturgie das österliche Geschehen mit den Worten: „Durch seinen Tod hat er unseren Tod vernichtet und durch seine Auferstehung das Leben neu geschaffen.“ Paulus schreibt im Kolosserbrief (2,12): „Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat .... Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht.“ Schon in den frühen Zeiten der Kirche war die Osternacht Tauftermin. Der alte Mensch, der Mensch der Sünde wurde begraben im Eintauchen in das Wasser, der neue Mensch wird geboren, wiedergeboren aus Wasser und dem Hl. Geist. Wenn wir heuer auch keine Taufe in dieser Osternacht mitfeiern können, so werden wir doch unser Taufversprechen erneuern und mit dem Weihwasser in Erinnerung an unsere eigene Taufe besprengt. Dankbar wollen wir festhalten, was uns in der Taufe geschenkt worden ist: Das neue Leben in Christus, der Keim zum ewigen Leben bei und mit Gott. „Christ erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde“, so Papst Leo der Große (gestorben 461).

Ostern, das Fest des weggewälzten Steins. Ostern, das Fest des neuen Lebens. Ostern, das Fest des Friedens: „O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet.“ So haben wir es im Exsultet gehört. Versöhnung und Frieden hat der Auferstandene gebracht. Zweimal spricht der Auferstandene am Abend des Ostertages die Jünger an mit dem Gruß: „Friede sei mit Euch“ (Joh. 20,18 f). Sein Friede ist eine Gabe, nicht wie die Welt sie geben kann. Es ist eine Heilsgabe, die den ganzen Menschen einschließt. Der Auferstandene wird noch deutlicher, wenn er den Jüngern in der Kraft des Hl. Geistes die Vollmacht zur Sündenvergebung überträgt. Darin erkennen wir die Liebe des Auferstandenen zu den Seinen. Er versöhnt und will, dass die an ihn Glaubenden in dieser göttlichen Versöhnung leben und dass sie diese auch weiter vermitteln sollen. Dieser Friedenswunsch des Auferstandenen ist sein österliches Geschenk an seine Gemeinde, an seine Kirche. Ein Geschenk, das weiterwirkt, eben im Sakrament der Versöhnung, der Buße.

Von Gertrud von le Fort kennen wir die Worte:
„Ich beschwöre euch, ihr mächtigen Engel, die ihr am Ostermorgen das Felsengrab sprengtet, sprengt auch den härteren Fels der erkalteten Liebe. Denn Christ ward abermals zum Tod verurteilt und liegt versargt in eisigen Grabeskammern einer verlorenen Welt. ........ Geh in dein eigenes Herz und wälze den Stein von der Tür des Grabesdunkeln: Du selbst musst auferstehen – Christ ist erstanden!
Ja, Jesus lebt, mit ihm auch ich.