"Brot auf unserem Lebensweg"

Fronleichnam im Hohen Dom am 26. Mai 2005

26.05.2005 11:56

„Das Hochfest Fronleichnam mit seiner traditionellen Prozession soll in diesem Jahr mit besonderer Inbrunst begangen werden. Der Glaube an Gott, der in seiner Menschwerdung zum Gefährten auf unserer Reise wurde, soll überall verkündet werden, besonders auf unseren Straßen und in unseren Häusern als Ausdruck unserer dankbaren Liebe und als Quelle unerschöpflichen Segens.“ (MND)

1. Uns nah in den Gestalten von Brot und Wein
Das Fronleichnamsfest, oder wie es in den Texten der Liturgie genannt wird „Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, führt in seinen Wurzeln zum Geschehen des Gründonnerstags. Damals feierte Jesus mit seinen Jüngern das Letzte Abendmahl. Dieser Abend war überschattet von seinem bevorstehenden Leiden.
Am heutigen Festtag jedoch soll die gesamte Größe und Feierlichkeit dieses Geheimnisses seinen Ausdruck finden. Wir feiern und begehen nämlich in ihm das für uns unfassbare Geheimnis, dass Jesus in den schlichten Gestalten von Brot und Wein sich selbst an seine Jünger, an die Kirche und damit an uns verschenkt hat und verschenkt. Er ist in den Gestalten von Brot und Wein tatsächlich gegenwärtig und uns damit ganz nahe geblieben. Er hat uns nicht verlassen. Wir können ihm, der in den Gestalten von Brot und Wein verhüllt ist. so nahe kommen, wie es die Jünger damals beim Letzten Abendmahl waren.

2. Leben spendendes Brot
Im Evangelium haben wir die Worte Jesu aus der Rede gehört, die er in der Synagoge von Kafarnaum gehalten hat. Man nennt sie die Rede über das Himmelsbrot (Brotrede), weil in ihr das Geheimnis des heiligen Brotes mit Jesu eigenen Worten ausgesagt wird: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben .....“ (Joh 6,51).
Demnach versteht sich Jesus seinen Worten zufolge selbst als das lebendige Brot, das vom Himmel zu uns gekommen ist, um den Menschen das Leben zu geben. Damit nimmt er Bezug auf das Volk Israel, das unter Mose auf seinem Zug durch die Wüste von Gott eine besondere Speise, das Manna, erhalten hatte, damit es auf seinem Weg durch die Strapazen und Entbehrungen der Wüste nicht der Erschöpfung erlag.
In der alttestamentlichen Lesung des heutigen Festtages (Dtn 8,2-3, 14b-16a) klingt die Erinnerung an diese Großtat Gottes an, durch die dieser sein Volk auf dem lebensbedrohlichen Zug durch die Wüste rettete: „Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat ...... Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit Manna gespeist ...“ (Dtn 8,2f). Und nochmals: „..... der dich in der Wüste mit dem Manna speiste, das deine Väter noch nicht kannten .....“ (Dtn 8,16).
Erhielt das Volk Israel einst auf seinem Weg durch die Wüste durch Gott eine besondere Speise zum Überleben, so erhält das Volk des Neuen Bundes von Gott ein neues Himmelsbrot, das Brot der Eucharistie. Und so hat Jesus das Manna als ein vorausgeschenktes Zeichen jenes eigentlichen Himmelsbrotes gesehen, das er selbst ist. Er will uns damit sagen: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch in mir das wahre Brot vom Himmel. Dieses Brot verbürgt euch und der Welt das Leben über den Tod hinaus. Er sagt seinen Jüngern und über diese auch uns: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, .... für das Leben der Welt“ (Joh 6,51) und „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6,58). In diesem Brot ist er uns das Leben, ist Brot „für das Leben der Welt.“

3. Anhänger des „neuen Weges“
Das Volk Israel hatte das Brot, von dem es in der Wüste lebte, als Nahrung auf seinem Weg, als Wegzehrung, erhalten. Wir sind als Gottesvolk des Neuen Bundes ebenfalls auf den Wegen des Lebens unterwegs in das Leben Gottes. Und dies soll auch in der Prozession, die sich an die Eucharistiefeier, das Mahl des Lebens mit dem Auferstandenen, anschließt, sinnenfällig Ausdruck finden.
Der „Weg“ ist nicht nur eine Strecke oder eine Entfernung, die man zwischen zwei Punkten zurücklegt. „Weg“ ist vor allem ein Bild, ein Bild für unser Leben, das vom Tag der Geburt eines jeden an über längere und kürzere Strecken, auf angenehmen, aber meist wohl auch schwierigen anstrengenden Pfaden bis zum Sterben reicht. Und der Weg ist aus der Sicht des Glaubenden ein Bild für alles, was sich im Leben eines Menschen zwischen Taufe und Vollendung ereignet.
Wenn wir uns also durch die Fronleichnamsprozession auf den Weg begeben, dann legen wir damit betend und singend Zeugnis dafür ab, dass wir Menschen auf dem Weg sind. Allerdings nicht auf einem Weg, der ins Nichts führt, sondern auf einem Weg, der als Ziel das neue Leben bei Gott hat.
Doch auf diesem Weg sind wir nicht allein gelassen. Mit uns geht der Herr, mag er auch unter der Gestalt des Brotes unseren Augen verborgen bleiben. Der Glaube bestärkt uns darin, dass der Herr da ist und mit uns ist, wie er mit den beiden Emmausjüngern den Weg verborgen gegangen ist. Der Glaube ist es dann auch, der uns vor dem Herrn in der Gestalt des Brotes diesen anbetend und verehrend die Knie beugen lässt.

4. „..... dass du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst!“
In der alttestamentlichen Lesung klingt neben der Erinnerung an das Manna, das Brot vom Himmel, auch die Mahnung an Israel an, Gott nicht vergessen: „.... nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst...!“ (Dtn 8,14), lauten die mahnenden Worte.
„Nimm dich in Acht!“ Diese Worte gelten auch uns: Wir dürfen Gott inmitten eines Lebens, in dem man sich ohne Gott ganz gut eingerichtet zu haben scheint, nicht an den Rand drängen und vergessen.
Ihm allein gebührt unser Dank dafür, dass er uns im Dasein erhält und dass er unserem Leben das Ziel vorgegeben hat. Er hat uns durch seinen Sohn, durch dessen Kreuz und Auferstehung erlöst. Und dieser hat uns in dem eucharistischen Brot bereits Anteil an seinem Leben, am Kreuz und an der Vollendung in der Auferstehung gegeben.
„Nimm dich in Acht.“ stellt deshalb auch eine immer wieder zu bedenkende Mahnung an uns dar, sich dieser Gabe gegenüber nicht achtlos zu verhalten, sondern sie würdig, ehrfürchtig zu empfangen. Was wir jetzt in der Eucharistiefeier begehen, ist die Mitte des Geheimnisses unserer Erlösung. Wenn man schon mit einem gewöhnlichen Stück Brot nicht achtlos umgehen oder es gar wegwerfen darf, umso mehr sollen wir mit dem Brot des Lebens ehrfürchtig und sorgsam umgehen.
In einer frühchristlichen Schrift ist über die Ehrfurcht angesichts des eucharistischen Brotes zu lesen: „Ist einer heilig, so trete er hinzu; wer es nicht ist, der tue Buße!“ Dies entspricht ganz dem, was der Apostel Paulus den Korinthern in seinem 1. Brief schreibt (1 Kor. 11,27-30): „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Brot des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken.“ Prüfen wir uns also immer wieder, ob wir das Brot des Lebens in der rechten und angemessenen ehrfurchtsvollen Gesinnung empfangen!
Wenn wir in der Kommunion den Leib des Herrn zu empfangen, bekräftigen wir mit unserem Amen, dass wir ihn mit bereitem Herzen aufnehmen. Und dieses Amen soll Ausdruck unserer Freude und Dankbarkeit darüber sein, dass der Herr bei uns ist, um den Lebensweg mit uns zu gehen.