Gedenkgottesdienst für Papst Johannes Paul II.
„ A m e n . “ (Les. 2 Kor. 4,14-51; Ev. Joh. 19,17-18.25-30)
“Es ist vollbracht.” Johannes, der Jünger den Jesus liebte, und der zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, und weiteren Frauen beim Gekreuzigten ausharrte, überliefert uns dieses Wort Jesu, das er als letztes vor seinem Tod gesprochen hat. „Es ist vollbracht.“ Jesus hat damit zum Ausdruck gebracht, dass er den Willen des Vaters bis zuletzt erfüllt und so seine Sendung zu Ende gebracht hat. „Er war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.“ So wurde er zum „Redemptor hominis“, zum Erlöser des Menschen, wie die erste Enzyklika unseres verstorbenen Papstes Johannes Paul II. lautet.
Uns ist auch ein letztes Wort des verstorbenen Papstes von den Medien überliefert worden: Nach einem letzten Segensgestus hauchte er noch das „Amen“. Dann verschied er. Damit hat er seine Berufung zum Menschsein, zum Priester-, Bischof- und Papstsein seinem Herrn und Schöpfer zurückgegeben. Dieses Amen war wie eine Unterschrift unter sein Leben, das er damit vertrauensvoll seinem Gott, der reich an Erbarmen ist – dives in misericordia – wie seine zweite Enzyklika beginnt, zurückgegeben hat.
Der Heimgang von Papst Johannes Paul II. hat unzählige Menschen tief bewegt und betroffen gemacht. Christen wie Nicht-Christen auf der ganzen Welt haben ihre Trauer und ihren Schmerz in Gebeten und Zeichen der Wertschätzung für den Verstorbenen zum Ausdruck gebracht. Denn dieser Papst war zweifellos ein Geschenk Gottes für Kirche und Welt an der Wende vom 20. ins 21. Jahrhundert. Seine geistliche Sendung ließ ihn nie rasten, ihr ordnete er seine ganze physische Kraft bis ins Sterben hinein unter. Ein Ruhestand wäre mit dem Verständnis seines Auftrages als oberster Hirte der Kirche nicht vereinbar gewesen.
Wie ein Fels in der Brandung des Meeres, so stand Papst Johannes Paul II. in dieser Zeit als unerschütterlicher Zeuge für die Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi. Während seines 26jährigen Pontifikates scheute er sich nicht, das Unrecht in der Welt zu brandmarken und für den Frieden einzutreten. Sein Wort zum Irak-Krieg hat aufhorchen lassen, als er den Krieg als Niederlage der Menschheit bezeichnete. Bei seinen vielen Reisen rund um den Erdball legte er auch in den Ländern, die er besuchte, den Finger auf die wunden Punkte gesellschaftlicher, sozialer, moralischer und kirchlicher Entwicklungen. Er deckte die geistigen Irrtümer und Irrwege unserer Zeit schonungslos auf und war furchtlos gegenüber Widerspruch und Schmähung, was ihm oft auch aus den Reihen der eigenen Kirche entgegenschlug.
Dabei ging es dem Papst stets einerseits um die Ehre Gottes und die unverrückbaren Wahrheiten aus dem Glauben der Kirche, andererseits um die Rechte und Würde der Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Ihm verkündete er Christus, den Erlöser und Befreier des Menschen. Vielen Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche gab der verstorbene Papst so durch sein Wort und sein überzeugendes Leben Halt und Orientierung. Erinnern möchte ich hier nicht nur an die unzähligen Ansprachen zu den unterschiedlichsten Anlässen und an seine Apostolischen Schreiben, in denen er Glaubenswahrzeiten aktualisierend in unsere Zeit hineinstellte, sondern ebenso an seine 14 bedeutenden Enzykliken zu theologischen, moralischen und sozialen Problemstellungen.
Johannes Paul II., ein Fels in der Brandung der Zeit, ein Petrus. Johannes Paul II. auch ein echter Pontifex, ein Brückenbauer, ein Wort, das das Wirken von Papst Johannes Paul II. kaum besser beschreiben könnte. Er hat immer wieder Brücken gebaut zwischen Gott und den Menschen, zwischen Konfessionen und Religionen, zwischen Völkern, zwischen Alt und Jung, zwischen Reich und Arm. Denken wir nur an seinen unbestrittenen Beitrag zur Überwindung des Kalten Krieges, sein engagiertes, drängendes Eintreten für die Ökumene. Besonders am Herzen lag ihm die Aussöhnung mit dem Judentum. Schließlich bleibt unvergessen seine Vergebungsbitte für alles durch die Kirche an Menschen geschehene Unrecht. Voll unterstrichen werden kann, was kürzlich zu lesen war, dem Papst sei es wesentlich zu verdanken, dass die Christenheit heute als „weltweit größte Friedensbewegung dasteht“.
Johannes Paul II., ein Brückenbauer zur Jugend. Es war immer wieder faszinierend zu erleben, wie begeistert junge Menschen aus allen Kontinenten auf diesen Papst reagierten, welche Anziehungskraft er auf sie ausübte. Sei es bei den Weltjugendtagen, die er initiierte, sei es bei seinen zahlreichen Pastoralreisen: Der Papst gewann im Nu die Herzen der Jugendlichen. Ob es dafür eine Erklärung gibt? Vielleicht schuf sein großes Vertrauen und sein Zutrauen zur Jugend diese große Gegenliebe bei den jungen Menschen zu ihm, auch gegenüber dem zunehmend im Alter und Krankheit gezeichneten Mann. Die Jugend musste den Eindruck haben: Da meint es einer gut mit uns, einer der echt und glaubhaft ist. Dabei hatte Johannes Paul II. auch mahnende Worte an sie. So z. B. wenn er hier im Dom am 4. Mai 1987 sagte: „Euch, liebe Jugendliche, bitte ich: Lasst euch nicht verführen zu falscher, kurzsichtiger Freiheit. Ihr seid noch nicht frei, wenn ihr lediglich tun könnt, was euch behagt, was euer Geldbeutel erlaubt. Ihr seid keineswegs frei, wenn ihr euch durchsetzt auf Kosten anderer. Unterstellt eure junge Begeisterung dem leben weckenden Willen Gottes. Bündelt euren guten Willen in kraftvoller Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Sucht gemeinsam, was auf Dauer gut ist für euch und für die anderen. So werdet ihr frei.“
Wenn wir das Lebenswerk dieses großen, kirchen- und zeitgeprägten Papstes betrachten, sein Wirken und Leiden, werden wir unwillkürlich die Frage stellen: Wo liegen die Kraftstellen dieses Pontifex? Es war einmal seine Leidenschaft für Christen, mit der er andere anzustecken vermochte, nach dem Pauluswort: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,21). Diese Leidenschaft für Christus fand ihren Nährboden in der Liebe und in der Feier der Eucharistie; in ihr wird unter dem eucharistischen Gestalten die Hingabe des Herrn aus Liebe zum Vater für das Heil der Menschen gegenwärtig. Und gerade auch so verstand Johannes Paul II. seinen Apostolischen Dienst. Seine Hochschätzung, ja seine Liebe zur Eucharistie fand in den letzten Jahren nochmals ihren Ausdruck in der Ausrufung des Jahres der Eucharistie 2004/2005, in der vorausgehenden „Enzyklika Ecclesia de Eucharistia“ (Über die Eucharistie in ihrem Verhältnis zur Kirche) und dem Apostolischen Schreiben „Mane nobiscum Domine“ (Herr bleibe bei uns), aber auch in den jährlichen Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag. In „Mane nobiscum Domine“ schreibt der Papst: „Ihr Gläubigen alle, entdeckt das Geschenk der Eucharistie neu als Licht und Kraftquelle für euer tägliches Leben in der Welt, in der Ausübung der jeweiligen Berufe und im Kontakt mit den verschiedensten Situationen“.
Die andere Kraftquelle war für den verstorbenen Papst seine innige Liebe und seine von tiefem Vertrauen geprägte Verehrung der Gottesmutter Maria. „Totus Tuus“ – ganz der Ihre wollte er sein. Nach dem frühen Tod der eigenen Mutter hatte der gläubigfromme Vater dem kleinen Karol Maria als seine Mutter anempfohlen. Und das blieb sie für Johannes Paul bis zuletzt. Auch kann als Zeichen dafür und dass er den Gläubigen die Liebe zu Maria anempfohlen wollte, seine Enzyklika „Redemptoris Mater“ von 1987 (Die Mutter des Erlösers) und sein Apostolisches Schreiben über den Rosenkranz vom Jahre 2002 stehen, in welchem er der Kirche die fünf „lichtreichen“ Rosenkranzgeheimnisse als Ergänzung der freudenreichen, der schmerzhaften und der glorreichen Geheimnisse übergab.
Ich möchte diese wohl nur streiflichtartige Betrachtung des Lebens und Wirkens von Papst Johannes Paul II nicht schließen, ohne nicht doch noch auch auf einen Schwerpunkt dieses 26jährigen Pontifikates hingewiesen zu haben, die Ökumene. Ich tue es mit Worten, die der Verstorbene hier an dieser Stelle gesprochen hat: „Der Geist wahrer Ökumene ruft uns (deshalb) auf, vor allem das alle Christen schon jetzt zutiefst Verbindende des apostolischen Erbes und das gemeinsame Glaubensgut neu zu entdecken und zu fördern. Wenn auch noch keine volle eucharistische Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, so gibt es doch schon vieles, was wir gemeinsam tun können. Warum noch getrennte Wege dort gehen, wo wir sie schon jetzt gemeinsam gehen können? („Im Gehorsam gegenüber dem Drängen des Heiligen Geistes und dem Willen Christi wollen wir den Weg zur Einheit unter allen Christen mit Geduld und Ausdauer gehen.“)
Ja: „Ein mutiger Zeuge des Evangeliums, ein Großer der Weltgeschichte und ein bleibendes Vorbild nicht nur für die katholischen Christen, ist von uns gegangen. Die Welt ist ärmer geworden. Es bleiben Trauer, Dankbarkeit und Treue zu seinem Vermächtnis“ (Karl Kardinal Lehmann).
So empfinden wir es alle. Denn er hat uns ein Erbe hinterlassen, das weit über seinen Tod hinaus für Kirche und Welt eine Verpflichtung bedeutet.