Willkommen dem Stellvertreter der Liebe Christi!

Geistliches Wort zur Wahl von Papst Benedikt XVI.

23.04.2005 11:58

Liebe Brüder und Schwestern!

„Habemus Papam!“ Wir haben einen Papst. Die gute Nachricht aus dem Mund des Kardinal-Protodiakons klingt uns noch im Ohr, die Bilder vom Petersplatz bewegen unsere Herzen. Die Trauer über den Verlust von Papst Johannes Paul II. weicht langsam den Gefühlen von Dankbarkeit und Zuversicht. Freudige Erwartung und auch ein wenig neugierige Spannung erfüllen uns im Hinblick auf die Zukunft der Kirche. Gleichzeitig findet in diesen Tagen des Neuanfangs ein Wort sein Echo, das der verstorbene Papst der Kirche für ihren Kurs ins dritte Jahrtausend mitgegeben hat: „Duc in altum!“ Fahr hinaus auf den See!

Dankbarer Rückblick

Mit der Wahl des Papstes wird ein neues Kapitel der Kirchengeschichte aufgeschlagen. Voller Wertschätzung und Stolz haben wir in den vergangenen Tagen und Wochen auf fast 27 Jahre zurückgeschaut, in denen Papst Johannes Paul II. mit Tatkraft und Geschick das Schiff Petri sicher gelenkt hat. Er hat auch die letzten Winkel des Globus angesteuert, um den Menschen das Evangelium zu verkünden. Zugleich hat er sich als Fels in der Brandung verstanden und Rom als Mittelpunkt der Kirche gestärkt. Mobil wie der Völkerapostel Paulus und stabil wie der Felsenmann Petrus hat unser verstorbener Papst die Spannung fruchtbar und lebendig gehalten, die dem Amt des Bischofs von Rom innewohnt.
In dieser Spannung wird auch unser neuer Heiliger Vater seinen Dienst erfüllen müssen. Er braucht Stabilität wie Petrus und Mobilität wie Paulus, um die Kirche Jesu Christi zu führen, die unterwegs ist auf dem weiten Meer der Zeit. Schauen wir uns ein wenig auf dem Schiff der Kirche um, wen und was es da alles zu sehen gibt!

Vikar der Liebe Christi

Der römische Priester Hippolyt schrieb am Beginn des 3. Jahrhunderts: „Die Kirche hat bei sich den kundigen Steuermann Christus. Sie trägt in ihrer Mitte als Mast das Siegeszeichen gegen den Tod, nämlich das Kreuz des Herrn.“ Christus ist also der eigentliche Steuermann der Kirche. Wenn der Papst als Stellvertreter Christi die Kirche leitet, dann kann er sich der Gewissensfrage nicht entziehen, die der Herr dem Petrus dreimal gestellt hat: Liebst du mich? Darauf hat auch schon der Kirchenvater Ambrosius hingewiesen, wenn er Petrus den „Vikar der Liebe Christi“ nennt. Wir danken dem Herrn der Kirche, dass er uns einen neuen Vikar seiner Liebe geschenkt hat. Dieser Auftrag ist dem Nachfolger Petri ins Stammbuch geschrieben: Jesu Stellvertreter sein nicht im Herrschen, sondern im Dienen - gleichsam als „Kaplan seiner Liebe“. Auf dem Schiff der Kirche muss das Klima stimmen. Es darf verschiedene Gruppen und Strömungen geben, aber die Mannschaft soll zusammenhalten, damit das Schiff sich nicht auf hoher See verliert und das rettende Ufer verfehlt.

Lehrer der Wahrheit

Schon in der Heiligen Schrift wird die Kirche mit einem Schiff verglichen (vgl. Lk 5, 1-11). Jesus steigt in ein Boot, um die Menschen vom See aus zu lehren. Dabei benutzt er ein besonderes Boot. Er setzt sich in das Schiff des Petrus. Auf diese Weise wird das Boot des Petrus gleichsam zur Kanzel Jesu. Der Sohn Gottes bindet sein Wort an Petrus. Das Schiff Petri wird zum Lehrstuhl, zur Cathedra. Diese Cathedra gab und gibt der Kirche Festigkeit, auch wenn sie im Lauf von fast zweitausend Jahren durch Stürme von innen und außen immer wieder bedroht wurde. Der Amtsantritt des neuen Papstes ist eine willkommene Gelegenheit, für den Petrusdienst zu danken, der darin besteht, das Evangelium Jesu Christi unversehrt und unverkürzt, aber auch nach den Bedürfnissen der Zeit den Christen zu verkünden und allen Menschen guten Willens anzubieten. Erneuern wir unsere Treue zum Heiligen Vater, der uns Sicherheit und Führung zuspricht, aber von uns auch Gehorsam und Verfügbarkeit erwartet. Der Papst braucht unsere Hilfe, um die Frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Bemühen wir uns, die Rechtgläubigkeit seiner Lehre durch die Glaubwürdigkeit unseres Lebens unter Beweis zu stellen!

Liebe und Gebet

Damit berühre ich einen Gedanken, der noch einmal die Überlegungen des römischen Priesters Hippolyt aufgreift: „Alle sollen zu Gott um günstigen Wind beten“. Und: „Die Taue, die ringsherum gespannt sind, sind die Liebe Christi, welche das Schiff der Kirche zusammenbindet“. Im Altertum waren die aus Holz gebauten Schiffe nämlich oft mit Tauen umwunden, um ihnen Festigkeit und Halt zu geben. Im Bild vom Schiff braucht es vor allem zwei Taue, die das Schiff Petri umspannen: das Gebet und die Liebe. Christi Liebe ist es, die uns in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri bringt und uns immer mehr mit ihm verbindet. Und das Gebet ist es, das günstigen Wind in das Segel der Kirche bläst, wie es Papst Paul VI. einmal treffend formuliert hat: Das Gebet ist der Atem der Kirche.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Begeisterung über den neuen Papst wird wohl bald auf die Bewährungsprobe gestellt sein. Schon in den letzten Wochen haben wir besonders in den Medien das Wetterleuchten bemerkt, das am Horizont der Kirche aufsteigt, wenn schwierige Themen ihrer Erneuerung zur Debatte stehen. Schnell kann der Frühling in Rom hitzigen Debatten weichen. Rasch kann die Stimmung umkippen, wenn manche unrealistischen Forderungen vom Papst nicht erfüllt werden. Dann wird es darauf ankommen, zu ihm zu stehen und ihm die Treue zu halten.
Ich wünsche uns die nötige Demut, um seine Botschaft zu hören und anzunehmen, und die Bande der Liebe, die nicht zerreißen, wenn das Stehen zum Nachfolger Petri für uns unbequem ist. Vor allem aber wollen wir für unseren Heiligen Vater beten, dass er uns ein Stellvertreter der Liebe Christi sei. Gerade weil sein Wort und Wirken manchem unserer Zeitgenossen wie ein Wetzstein oder gar ein Stolperstein erscheinen mag, ist der Papst in den Fußstapfen des hl. Petrus ein Fels in der Brandung unserer Zeit: ein Fels der Liebe, auf die Christus bis heute seine Kirche baut.
Mit diesen Gedanken grüße ich Sie sehr herzlich und bitte Sie um Ihr Gebet für den neuen Papst und dafür, dass der Heilige Vater bald einen würdigen Bischof auf den Stuhl des hl. Ulrich berufen möge.

Gott segne unseren Heiligen Vater, die Kirche auf der ganzen Welt und besonders unsere Diözese Augsburg.

Augsburg, im April 2005