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„Der Herr ist dein Hüter; er steht dir zur Seite.“ (Ps 121,5)

Jahresschluss 2004

31.12.2004 10:48

Das Jahr 2004 mit seinen 366 Tagen ist in wenigen Stunden zu Ende. Um Mitternacht überschreiten wir die Schwelle hinein in das Jahr 2005 nach Christi Geburt. Viele Menschen halten in diesen Stunden, vielleicht an Hand ihres Terminkalenders, Rückschau auf die vergangenen Wochen und Monate; sie lassen alles Revue passieren, was sich bei ihnen beruflich und privat ereignet hat. In der Erinnerung tauchen dabei Erfolge und Misserfolge, glückliche und vielleicht auch schmerzvolle Stunden auf; vielleicht schon wieder Vergessenes und manch Unverarbeitetes und Unvollendetes wird geistig präsent. Was anfangen mit all dem?

Folgen wir vertrauensvoll dem Rat aus dem 1. Petrusbrief: „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch“ (1. Petr. 5,7). Ihm, den wir mit unseren Problemen belasten, soll aber auch unser Dank gelten für all das Gute, das wir im nun zu Ende gehenden Jahr erfahren durften.

Über unser persönliches Leben hinaus fällt uns in der Rückschau auf das Jahr 2004 global gesehen auf, wie viel Leid, Schmerz und Tod auf unzählige Menschen hereingebrochen ist. Fast täglich wurden wir mit Nachrichten von Kriegen, Attentaten und terroristischen Grausamkeiten konfrontiert. Nicht zu vergessen die Hunderttausende von Menschen, die Opfer des Seebebens in Südostasien geworden sind. Diesen Opfern von Naturkatastrophen und unmenschlicher Gewaltakte gilt unser aller Mitgefühl über alle Grenzen hinweg.

In unserem eigenen Land bedrückt weiterhin und noch vermehrt viele Einzelpersonen und ganze Familien, nicht zuletzt gerade auch junge Menschen, die Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes und um die Sicherung ihres Lebensunterhaltes. Die soziale Absicherung, die aus vielerlei Gründen in Gefahr ist, ist und wird wohl auch noch längere Zeit Dauerthema in Politik, in den Medien und bei den zahlreichen Betroffenen bleiben. Auch mit all diesen Menschen wissen wir uns solidarisch verbunden.

Gott ins Spiel bringen. Darum ging es im vergangenen Kirchenjahr, das Bischof Viktor Josef Dammertz zum Jahr der Berufung erklärt hatte. Damit hat er uns einen Auftrag hinterlassen, an dem wir in unseren Diskussionen um Prioritäten und Profile für unsere pastorale Arbeit Maß nehmen können. Einem kleinen Team ist es gelungen, das Thema „Berufung“ aus der Tabu-Zone herauszuholen. Es war erfreulich und ermutigend zu erfahren, wie sich, vorbereitet durch Gespräche in den Gremien und Räten, immer mehr Partner in das „Bündnis für Berufungen“ eingeklinkt und ihre Bereitschaft bekundet haben, bei ihren Aktivitäten Gott ins Spiel zu bringen. In den Pfarrgemeinden konnte ich spüren, wie das Jahr der Berufung Kreise gezogen hat. Viele Priester und Ordensleute, Hautberufliche und Ehrenamtliche, alte und junge Menschen haben erkannt, dass ihr Christsein über den Taufschein hinaus, etwas mit ihrem konkreten Leben zu tun hat. Denn der Glaube braucht das lebendige Zeugnis von überzeugten und überzeugenden Christinnen und Christen. So hoffen wir, dass mit dem Jahr der Berufung der Boden bereitet ist, aus dem auf Dauer gesunde Ehen und Familien gedeihen können, die wiederum die Grundlage bilden für Berufungen in den Priester- und Ordensstand. Wir sind uns aber bewusst, dass wir Berufungen nicht machen können. Doch wir können sie erbeten. Werden wir also nicht müde, darum zu beten, dass der Herr geeignete junge Menschen in den Dienst der Kirche von Augsburg berufe.

Hervorzuheben sind rückblickend auch die Feiern anlässlich des Martyriums der hl. Afra von 1700 Jahren. Mit ihrem standhaft erlittenen Flammentod hat unsere zweite Bistumspatronin uns unsere Berufung zum Zeugnis für Jesus Christus und sein Evangelium beispielhaft in ihrer letzten Konsequenz vorgestellt und uns ermuntert, in unserer Zeit für Gottes Wahrheit und die unveräußerlichen Werte unseres christlichen Glaubens einzutreten. Eigens zu vermerken ist, dass dieses Jubiläum auch einen ökumenischen Ausdruck gefunden hat.

Ein für die Kirche von Augsburg einschneidendes Ereignis war aber sodann die altersbedingte Emeritierung unseres allgeschätzten Bischofs Dr. Viktor Josef Dammertz. Ihm soll bei diesem Jahresrückblick nochmals unser aufrichtigster Dank gelten für sein 11jähriges bischöfliches Wirken zum Segen der Kirche von Augsburg. Unsere guten Wünsche für noch viele gesegnete Jahre mögen ihn in seinem neuen Domizil in St. Alban am Ammersee erreichen.

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Was wird es bringen? Lautet die bange Frage. Können wir all das Unvorhersehbare verkraften, verarbeiten? Manche Tage sind freilich schon verplant; es geht nicht anders in unserer schnelllebigen Zeit. Gedenktage sind von der Jahreszahl 2005 vorprogrammiert: 8. Mai: 60 Jahre seit Ende des 2. Weltkriegs. – 450 Jahre Augsburger Religionsfriede mit verschiedenen Feierlichkeiten.

Und die Kirche von Augsburg? Sie erwartet einen neuen Bischof. – Warten erfordert Geduld, doch bedeutet es keineswegs Passivität. Wenn auch der Diözesanadministrator keine neuen Programme und Vorgaben für die Arbeit im neuen Jahr für das Bistum vorlegen kann, so gilt es aber doch entschieden an den bereits vorhandenen Vorgaben weiterzuarbeiten. Es sind Vorgaben für die seelsorglichen Strukturen, für personale Planungen und, was damit in unmittelbarem Zusammenhang steht, Vorgaben für erforderliche haushaltsbezogene Sparmaßnahmen: dies alles, damit der hoffentlich bald kommende neue Bischof auf einer soliden Ausgangsbasis seine künftige Arbeit aufbauen kann.

Und doch möchte ich für unser Bistum eine Initiative unseres Hl. Vaters Papst Johannes Paul II. als Schwerpunkt für die Arbeit im Jahre 2005 aufgreifen und die Seelsorger mit ihren Gemeinden und alle Gläubigen dringend bitten, sich dieses Anliegens mit Offenheit und Engagement anzunehmen: Es ist das Jahr der Eucharistie. Der Papst hat dieses Thema, dieses für die Kirche so existentielle Thema für die Zeit von Oktober 2004 bis Ende Oktober 2005 vorgegeben. Seine Begründung dafür legt er in einem Apostolischen Schreiben dar, das mit den Worten: „Mane nobiscum domine“ beginnt, also mit den einladenden Worten der Emmaus-Jünger, die den bis dahin unerkannten Auferstandenen am Ziel ihrer Wanderung bitten bei ihnen zu bleiben: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden (Lk. 24,29). In diesen Zusammenhang sieht der Papst auch den Weltjugendtag vom 16. – 21. August 2005 in Köln gestellt. Er steht bekanntlich unter dem Leitwort: „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten.“ Die Eucharistie soll bei diesem Treffen der Jugendlichen aus aller Welt der lebendige Mittelpunkt sein, um den herum sie sich versammelt, um ihren Glauben und ihren Enthusiasmus zu nähren (vgl. MND, 4)

Im Jahr der Eucharistie ist die Kirche aufgerufen in besonderer Weise sich dem Geheimnis der heiligen Eucharistie im Glauben zu nähern, den Glauben an die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie zu vertiefen und diesen Glauben zu leben. In der Tat: Die Eucharistie ist das Fundament der Kirche, Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Handelns. Indem Jesus seine Apostel beim Letzten Abendmahl um sich versammelt hat, ihnen seinen Leib und sein Blut unter den Gestalten von Brot und Wein als Speise reichte und ihnen auftrug, zu seinem Gedächtnis dies immer wieder neu zu vollziehen, hat er den Grundstein für das Tun der nachösterlichen Gemeinde gelegt: Nämlich: Sich versammeln um den eucharistischen Tisch im Gedenken an den Tod und die Auferstehung des Herrn: Der Herr also, der die Mitte seiner Gemeinde in seinem Wort und im Sakrament darstellt.

Die Kirche wird aufgebaut durch die Eucharistie, denn ihr ist wesentlich der einheitsstiftende und gemeinschaftsstiftende Charakter eigen. Wenn wir die eucharistische Speise empfangen, sagen wir: Wir empfangen die heilige Kommunion. Bekanntlich kommt dieses Wort ja aus dem Lateinischen: Communio; und das heißt: Gemeinschaft. Das eucharistische Mahl schenkt uns zu allererst Gemeinschaft mit Jesus Christus und durch ihn mit dem dreifaltigen Gott.

Die Kommunion bewirkt sodann auch die Einheit unter den Gläubigen. In seinem 1. Korintherbrief schreibt Paulus: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10,17) Ja, es ist wahr, die Gemeinschaft der Kirche ist am dichtesten in der Feier der Eucharistie. Die Einheit der Gläubigen wird also in der eucharistischen Versammlung nicht nur mit ihrem Herren, sondern auch untereinander wahrhaft offenbar und wirklich. „Den Leib Christi essen heißt, Leib Christi werden.“

In diesem Zusammenhang ist auch die Frage der gegenseitigen Einladung der katholischen Kirche und der reformatorischen Kirchengemeinschaften zur Teilnahme am eucharistischen Mahl anzusprechen. Von vielen Christen wird heute die Trennung am Tisch des Herren sehr schmerzlich empfunden. Man kann immer wieder auch das Wort vom „Skandal“ hier hören. „In der Tat, so der Kath. Erwachsenenkatechismus, wenn die Eucharistie das Sakrament der Einheit und der Liebe ist, stellt die Trennung am Tisch des Herrn ein Ärgernis dar, zu dessen Überwindung wir alles in unserer Macht Stehende tun müssen. Andererseits steht die Eucharistie nicht zu unserer Verfügung. Sie ist als Vermächtnis des Herrn ein Geheimnis des Glaubens, das den gemeinsamen Glauben voraussetzt; und sie ist als Sakrament der Einheit an die Einheit der Kirche gebunden. Wo der gemeinsame Glaube oder die Einheit der Kirche fehlen, ist vom Wesen der Sache her eine gemeinsame Teilhabe am Tisch des Herrn nicht möglich (Erw. Katechis. S. 361). Diese schmerzliche Situation ist nicht durch spektakuläre Aktionen oder durch ein rein pragmatisches Verhalten zu lösen. Im Geist des Gebetes und der Buße müssen wir diese leidvolle Situation ertragen, und in Schritten der Versöhnung zugleich alles Mögliche tun, damit uns die Gnade der Einheit am Tisch des Herrn, (- ich betone Gnade, es gibt hier kein Recht und keine Forderung) vom Gastgeber Jesus Christus geschenkt werde.

Lassen wir uns also im Sinne des Hl. Vaters ein auf die Feier des Jahres der Eucharistie. Hinsichtlich der konkreten Verwirklichung verlässt sich der Papst, wie er sagt, auf „den persönlichen Einsatz der Hirten der Teilkirchen“. Für unser Bistum haben wir Anregungen und Vorschläge bekannt gemacht, mit denen im Laufe des Kirchenjahres das Thema Eucharistie, Messfeier, Anbetung immer wieder neu aufgegriffen werden und in das Bewusstsein der einzelnen Gläubigen und der Gemeinden gerückt werden sollte. Ich bitte die Seelsorger, die Pfarrgemeinderäte, die Verbände zu überlegen, wie bei ihnen der eine oder andere Vorschlag verwirklicht werden könnte. Der Hl. Vater schreibt ja: „Ihr Gläubigen alle, entdeckt das Geschenk der Eucharistie neu als Licht und Kraftquelle für euer tägliches Leben in der Welt, in der Ausübung der jeweiligen Berufe und im Kontakt mit den verschiedenen Situationen. Entdeckt dieses Geschenk wieder neu, um ganz und gar die Familie in ihrer Schönheit und Aufgabe zu leben“ (MND, 29).

Am Ende dieses Jahres 2004 möchte ich meinen herzlichen und aufrichtigen Dank ausdrücken allen Priestern, Diakonen, allen hauptamtlichen im Dienst der Kirche tätigen Laienmitarbeiterinnen und –mitarbeiter. Ich danke den Ordensleuten. Ich danke der großen Schar der Ehrenamtlichen in den verschiedensten Bereichen unserer Pfarrgemeinden und deren Gremien, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf den unterschiedlichen Feldern der Caritas; ich danke ganz besonders auch den Frauen und Männern, die sich für den nicht unbedeutenden liturgischen Dienst als Lektoren und Kommunionhelfer zu Verfügung stellen; ich danke allen Gläubigen, die sich in Familie, Beruf und Gesellschaft ihrer Berufung als Christen bewusst sind und sich dem auch stellen. Ich denke in dieser Stunde auch an alle behinderten, kranken und alten Menschen. Sie gehören zu uns. Ich danke allen, die in irgendeiner Weise wenigstens zum Ausdruck bringen, dass sie sich noch als Glieder der Kirche verstehen. Alle, die sich aus welchen Gründen auch immer von der Gemeinschaft der Kirche entfernt haben, bitte ich sich darüber Gedanken zu machen, ob sie nicht mehr aufgegeben als sie gewonnen haben. Die Türen zur Rückkehr stehen ihnen weit offen.

Wenn wir nun in wenigen Stunden in eine neue, ungewisse Zukunft hinein schreiten, fragen auch wir mit dem Psalmisten: „Woher kommt mir Hilfe?“ Und wir dürfen auf seine Antwort bauen und darauf setzen: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, er lässt deinen Fuß nicht wanken, der Herr ist dein Hüter, er steht dir zur Seite.“