am Ostersonntag, 27. März 2005

Pontifikalgottesdienst im Hohen Dom zu Augsburg

27.03.2005 12:03

„Ich lebe, und auch ihr werdet leben.“

Frohen Herzens und in gehobener Stimmung können wir an diesem Ostermorgen das österliche Halleluja, das liturgische Osterlied der Kirche singen und weiter klingen lassen. „Jesus lebt“; „der Heiland ist erstanden heut“; „Das ist der Tag, den Gott gemacht, der Freud in alle Welt gebracht“. Nach der Fastenzeit und der Feier von Jesu Leiden und Sterben verkündet die Kirche und ruft es mit neuem Schwung in die Welt hinein und gerade auch in unsere weithin diesseits-orientierte Gesellschaft: Gott hat seinen gekreuzigten und als Toten ins Grab gelegten Sohn zum Leben erweckt. Der Tod ist besiegt. – Dafür gibt es glaubwürdige Zeugen.

Diese Botschaft zu verkünden und was damit zusammenhängt, gibt der Kirche seit 2000 Jahren ihre Existenzberechtigung, die sie durch alle Unterdrückung, Verfolgung, Verächtlichmachung und Verdemütigung behauptet hat und weiter behaupten wird. Die Kirche bekennt sich zum wahrhaft und wirklich vom Tod erstandenen Christus, auch wenn immer wieder einmal von Gelehrten etwas anderes behauptet wird. – Freilich: Am ersten Ostermorgen, damals in Jerusalem nach der Kreuzigung Jesu herrschte alles andere als eine gehobene Stimmung: Nämlich Trauer und Aufregung: Aufregung infolge der Feststellung des geöffneten und leeren Grabes, wie uns das Johannesevangelium berichtet. Und Aufregung auch bei den Aposteln wegen des „Geschwätzes“ der Frauen, wie es bei Lukas heißt; sie berichteten ihnen, Jesus lebe. – Jesu Wort in seinen Abschiedsreden war den Aposteln wohl entfallen infolge der Ereignisse der letzten Tage. Er hatte ihnen doch gesagt: „Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet“ (Joh. 14,19).

Verweilen wir bei der Schilderung des Ostermorgens durch Johannes: Frühmorgens, als es noch dunkel war, kommt Maria von Magdala, eine Augenzeugin der Kreuzigung, zum Grab und stellt fest: es ist geöffnet. Mit ihrer Vermutung, dass man den Leichnam Jesu an einen unbekannten Ort verbracht habe, kommt sie zu Petrus und Johannes. Diese beiden, durch die Nachricht der Maria Magdalena aufgeschreckt, rennen zum Grab. Es wird ein Wettlauf zwischen dem älteren Petrus und dem Jüngeren Johannes. Dieser lässt Petrus beim Betreten der offenen Grabkammer den Vortritt: Das Evangelium sagt: „Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.“ Dies sah Petrus also. Und Johannes, der nach ihm die Grabkammer betrat, sah dies auch. Aber von ihm sagt das Evangelium: „Er sah und glaubte.“ -

Eine entscheidende Aussage des Evangeliums: Er sah und glaubte! Das Vorhandensein der Binden und des Schweißtuches, und zwar in guter Ordnung, bringt den Lieblingsjünger zur Erkenntnis, dass der Leichnam nicht gestohlen oder in ein anderes Gab gebracht worden sein kann, sondern dass Jesus auferstanden sein muss. Von Erscheinungen des Auferstandenen wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. – Was war aber in Johannes vor sich gegangen, dass er „glaubte“? – Er hat die Zeichen Gottes richtig erkannt und gedeutet, das leere Grab, vor allem aber die Leinenbinden und das Schweißtuch. Für den „Jünger, den Jesus liebte“, werden Leinenbinden und Schweißtuch aussagestark, hintergründig. Thomas von Aquin sagt einmal: „Jedes Sprechen Gottes ist Erleuchtung. Der Heilige Geist, der „Weggeleiter in alle Wahrheit, schenkt ebenso Erleuchtung des gläubigen Verstandes wie Durchlichtung der Wirklichkeit, der Zeichen. Wo andere nur Fakten registrieren, öffnet er die Augen, die Sehkraft des „neuen Herzens“, denn für Gott ist nichts unmöglich“. – Gerade dies ist zutreffend für Johannes, der „sah und glaubte“. – Und es ist zutreffend auf das weitere „Sehen des Auferstandenen“, wie es nach den Berichten der Schrift den Aposteln als Zeugen zuteil geworden ist. Und auf ihren Glauben und ihr Zeugnis gründet unser Osterglaube. – Die Traurigkeit und Angst der Apostel, von der sie wie gelähmt waren, löste sich, wie die Hl. Schrift uns überliefert, mehr und mehr in Freude; in Freude darüber, dass der Herr lebt. Und diese Frohbotschaft, die auf uns gekommen ist und die wir im Glauben angenommen haben, ist auch für uns ein berechtigter Grund zur Freude. –

Was nun möchte Ostern für mich persönlich bedeuten, für mich, der ich zur Kirche Jesu Christi gehöre? In der Lesung aus dem Kolosserbrief steht für uns alle die Antwort: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist. Richtet euren Sinn auf das Himmlische, nicht auf das Irdische. - „Ihr seid mit Christus auferweckt“. „Jesus lebt, mit ihm auch ich“. In der Taufe ist diese Auferweckung an uns geschehen. Da hat uns Jesus in sein Leben mit aufgenommen. Freilich: „Dieses Leben, das in der Taufe für uns Wirklichkeit geworden ist, ist noch nicht sichtbar und greifbar, wie bei der Auferstehung am Jüngsten Tag; aber deshalb ist es doch nicht etwas rein Zukünftiges; es ist schon wirklich da. Paulus erklärt es den Kolossern so: „Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“ – Für uns Christen ist Ostern deshalb zugleich ein frohes Dankfest für die Taufe, die wir empfangen durften. Für das neue Leben, das uns geschenkt worden ist. Bei diesem Geschehen an uns, das wir im Glauben und im Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn uns als Erwachsene immer wieder neu ins Bewusstsein rufen und annehmen, ist in und mit uns Wirklichkeit geworden, was wir die Kindschaft Gottes nennen. Sie stellt keine Verniedlichung für den Menschen dar, sondern bedeutet für ihn eine Würde, die ihn in den Bereich Gottes hineinnimmt und ihm sein volles Menschsein eigentlich erst wieder gibt. Nach der Sünde Adams, in die wir alle mit hineingezogen worden sind, können wir als Getaufte dankbar mit dem Exsultet, dem österlichen Preisgesang der Kirche ausrufen: „O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden“. Der Getaufte ist ein neuer Mensch, wiedergeboren aus dem Wasser und dem Hl. Geist. – Und als neuer Mensch soll er leben; er soll seinen Sinn auf das Himmlische richten, nicht auf das Irdische. Die Lebensgestaltung des getauften Christen, sein Denken und Fühlen, aber ebenso sein äußeres Reden und Handeln müsste eigentlich als die deutliche Alternative in unserer Welt erfahrbar werden. Von den ersten Christen, die in ihrer Lebenswelt eine Minderheit darstellten, wissen wir es, dass sie diese Alternative in ihrer Gesellschaft auch dargestellt haben, wenngleich wohl nicht alle und nicht immer und überall. Wir dürfen dabei die menschliche Natur auch eines Getauften nicht überschätzen und seine Versuchbarkeit zur Sünde und damit zum Versagen nicht außer Acht lassen. – Unserer Gesellschaft aber, in der doch die Mehrzahl der Menschen noch getauft ist, in der aber die einst starke christliche Prägung mehr und mehr sich abschwächt, - dieser unserer Gesellschaft muss ein Lebensentwurf immer wieder vor Augen geführt werden, der vom Evangelium des gekreuzigten und auferstandenen Herrn bestimmt ist. Es ist ein Lebensentwurf, der aus der angenommenen Verkündigung und dem gelebten Beispiel aus dieser Verkündigung gelebt wird. Wir nennen es Zeugenschaft für Christus! Eine Neuevangelisierung in unserem Lande tut not. Eine Reanimation und Revitalisierung der unveräußerlichen Werte, die in unserem Land durch Jahrhunderte hindurch gelebt worden sind, ist lebensnotwendig. Somit wird Ostern zu einer Anfrage an uns Christen: In wieweit lebe ich meine Taufe, mein Auferwecktsein mit Christus. In wieweit bin ich sein lebendiger, glaubwürdiger Zeuge dieser unglaublichen aber wahren Botschaft von der Auferstehung des Herrn!? In wieweit bin ich ein österlicher Mensch voll Freude, voll Hoffnung!

Die Tatsache, dass wir Ostern sogar mit zwei Feiertagen begehen, bedeutet noch lange nicht, dass wir auch österliche Menschen sind! Wieviel äußere Schale wird hier, hierzulande weitergereicht; Schale die kein Leben umhüllt, das sie sprengen könnte! Für wie viele Christen ist, um beim österlichen bekannten Bild vom Ei zu bleiben, die Schale – bunt gestaltet – vielleicht als stimmungsvolles Frühlingsfest, als Erholungsurlaub, als Reise in die Sonnengegenden dieser Erde – zum Wesentlichen geworden? Das Eigentliche aber, das österliche Leben ist am Absterben oder schon tot! – Auch hier gilt meines Erachtens ein Wort Bischof Wankes in Erfurt aus seinem Osterbüchlein: „Die Auferstehung Jesu ist gegen die Nacht des Todes anzuglauben“: Gegen die Gleichgültigkeit, Die Skepsis und den Unglauben gegenüber der Botschaft von Ostern, können wir nur den bewusst und treu gelebten Osterglauben stellen, der stärker ist als alles andere auf dieser Welt, stärker auch als der Tod. Nur überzeugt Glaubende können andere überzeugen. - Jesus lebt, mit ihm auch ich. Amen.