Bericht vom zweiten Tag der Frühjahrsvollversammlung 2019

Theo Waigel: „Nichts besteht auf Dauer ohne uns“

30.03.2019 17:04

Warb für Zuversicht: Dr. Theo Waigel (Foto: Roswitha Böck, Diözesanrat)

„Welche Währung gilt im Haus Europa?“ Zu dieser Frage ausgerechnet den „Mister Euro“, Theo Waigel, einzuladen, gab der Vollversammlung des Diözesanrats von vorneherein eine humorvolle Note. Doch der frühere Bundesfinanzminister war bereits 2017 Gast der Frühjahrsvollversammlung gewesen und ist als überzeugter Europäer und engagierter Katholik der ideale Redner und Gesprächspartner, um für das europäische Einigungsprojekt zu werben und zur Europawahl zu motivieren.

 

Erster Redner des thematischen Samstagvormittags der Vollversammlung war Dr. Ulrich Ruh zum Thema „Christliche Fundamente des Kontinents  und die Rolle der Kirchen im europäischen Einigungswerk“. Der ehemalige Chefredakteur der Herder-Korrespondenz schien zunächst Wasser in den Wein des „christlichen Europa“ zu gießen. Zwar hätten in Europa, seit es dieses als Großregion mit einer gewissen Identität gibt, stets Christen gelebt, was die Kultur des Kontinents entscheidend geprägt habe, jedoch sei diese Prägung stets auch in einem Gegeneinander der Konfessionen aufgetreten. Dies sei eine Geschichte der Pluralität und der Spannungen bis hin zu Konfessionskriegen. Diese Ambivalenz äußere sich auch in der negativen Seite der Geschichte des Christentums, also im Antijudaismus, dem Umgang mit Ketzern und der Sklaverei sowie in der Unterdrückung von heute selbstverständlichen Freiheiten. Die Geschichte sei nie einseitig zu denken und Europa nicht nur durch das Christentum, sondern auch durch die griechische Philosophie und die römische Kultur (Recht und Zeremoniell) geprägt. Zudem werde seit Beginn der Moderne das christliche Fundament nicht nur anders gesehen, sondern auch vom Machtverlust der Kirchen gezeichnet. Das Projekt der europäischen Einigung sieht Ruh nicht primär als christliche Leistung an, sondern als eine „Geburt Europas aus der Tragödie des Krieges“. Freilich hätten zu dessen Beginn sowohl Christen eine starke Rolle gespielt als auch sei die Kirche in der Nachkriegszeit in hohem Ansehen gestanden.

Großer historischer Aufriss: Dr. Ulrich Ruh (Foto: Roswitha Böck, Diözesanrat)

Christen und Kirchen, die sich heute für Europa einsetzten, müssten ihre eigenen Möglichkeiten „realistisch und unsentimental“ wahrnehmen: „Man kann keine großen Dinge mehr bewegen.“ Außerdem gelte es zuerst „Hausaufgaben zu machen“, nämlich innerkirchlich die Zusammenarbeit und den Zusammenhang Europas zu stärken. Gleichwohl hätten die Kirchen eine „wichtige Rolle im Streit“: Verschiedene Religionen und Konfessionen friedlich und produktiv zusammenzuführen, einander ernst zu nehmen und der Religion einen Platz im öffentlichen Leben zu sichern. Christen sollten in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit „für ihre Anliegen offensiv, fair und sensibel werben“ und sich Bündnispartner suchen. Dabei gelte es die Chance der europäischen Einigung anzuerkennen und zu fördern. Denn die Ausgangsleistung sei ein absolutes Novum: eine mittlerweile ganz Europa umfassende Kultur des friedlichen Miteinanders und der demokratischen Rechtsstaatlichkeit.

 

Diese positive Wahrnehmung baute Theo Waigel in pragmatischer Hinsicht aus, zu einem beeindruckenden Panorama wirtschaftlicher, währungspolitischer und sozialer Vorzüge der Europäischen Union. Die EU werde zu negativ wahrgenommen, zu Unrecht als bürokratisches Monstrum, das durch den Brexit und andere nationalistische Tendenzen erste Risse zeige, verschrien. Freilich gebe es gute und schlechte Entscheidungen und Gesetze, aber nicht mehr und nicht weniger als auf nationaler Ebene. Der Apparat der Europäischen Union sei vergleichsweise bescheiden. Zudem böte die Union die Möglichkeit, nationale Verrücktheiten einzudämmen. Der frühere Bundesfinanzminister spielte hiermit auf gewisse Tendenzen in Ungarn, Polen und Rumänien an. „Auch wegen dem Brexit wird die EU nicht untergehen.“ Die Schwierigkeiten dieses Prozesses zeigten nicht nur eine bizarre Lage in Großbritannien an, sondern auch vielfältige Abhängigkeiten. Dies bewahre wirtschaftlich erheblich schwächere Nationen vor dem Austritt. Gleichwohl sei es fatal, sich auf dem Geleisteten auszuruhen und die Europäische Union für selbstverständlich zu halten: „Nichts besteht auf Dauer ohne uns.“ Die deutsche Verantwortung für Europa sei noch nie so groß gewesen wie heute. Als wirtschaftlich stärkstes Land sei Deutschland nach wie vor die stärkste Kraft in der Europäischen Union.

Waigel erinnerte an den Priester, Schriftsteller und Intellektuellen Joseph Bernhart, der darauf hingewiesen hatte, dass die Demokratie der Gefahr der Entartung ausgesetzt sei, indem sich das Volk zum Tyrannen seiner selbst machen könne. Deshalb bedürfe jede Freiheit der Ordnung, und die Demokratie bedürfe dazu der Allianz mit der Religion. Dass heute wieder eine Hetze und Dummheiten verbreitet würden wie in der Weimarer Republik, sei eine besorgniserregende Entwicklung. Es sei Aufgabe der Christen dagegen zu wirken. Diese Aufgabe ende nicht mit den Europawahlen, sondern fange danach erst richtig an. Explizit forderte Theo Waigel dazu auf, die Veranstaltungen entsprechender Gruppierungen zu besuchen und zu widersprechen. Er wies auf ein Zitat aus dem „King Lear“ von Shakespeare hin, wo der geblendete Gloster umherirrend sagt: „Es ist die Seuche unserer Zeit, Blinde führen Verrückte.“ Als er das Theaterstück mit seiner Frau im Wiener Burgtheater gesehen habe, sei nach dieser Sentenz Glosters fünf Minuten geschwiegen worden und danach zehn Minuten applaudiert. Doch immer wieder appellierte der in diesem Jahr das 80. Lebensjahr vollendende Redner daran, an das Positive in Europa zu erinnern. Er vermisse hier auch die Stimme der Kirche. Abschließend berichtete er von einer Begegnung mit dem 101-jährigen Ernst Jünger, den er in seiner Wilflinger Heimat gefragt hatte, was er jungen Leuten mit auf den Weg geben könne, worauf hin der Schriftsteller gesagt habe: „Es ist besser in der Zuversicht als in der Furcht zu leben.“

 

„Für eine Fortführung des europäischen Friedensprojekts“ sprach sich zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrats mit einer Erklärung aus, die auch wesentliche Aspekte eines europäischen Gemeinwohls aus christlicher Sicht zur Sprache bringt.

Michael Widmann

 

 

PDF der Erklärung:

Blick in den Saal: Die Vollversammlung des Diözesanrats im Haus Sankt Ulrich, Augsburg (Foto: Roswitha Böck, Diözesanrat)
Stellten sich den Fragen des Diözesanrats: Dr. Ulrich Ruh und Dr. Theo Waigel mit Moderator Michael Widmann (Foto: Roswitha Böck, Diözesanrat)
Die Referenten des Tages mit den Vorsitzenden des Diözesanrats und Josef Miller (Foto: Roswitha Böck, Diözesanrat)