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Predigt Dankgottesdienst 50 Jahre Unitatis redintegratio

21.11.2014 16:02

- es gilt das gesprochene Wort -

Jahrzehntelange ökumenische Bemühungen – und kein bisschen weiter!? Solche und ähnliche Stimmen kann man hören, wenn es um die Bewertung der Ergebnisse in der Ökumene nach dem II. Vatikanischen Konzil geht. Wer jedoch nicht nur auf äußere Erfolge schaut, sondern tiefer blickt, der wird sich eines Besseren belehren lassen müssen. Noch im Jahre 1949 – ich selbst war gerade fünf Jahre alt – schärfte das „Heilige Offizium“, die Vorgängerbehörde der heutigen Glaubenskongregation, allen Bischöfen in einer Erklärung zur „ökumenischen Bewegung“ ein, die Gespräche genau zu kontrollieren und darüber regelmäßig nach Rom zu berichten: „Interkonfessionelle Zusammenkünfte sind somit nicht absolut verboten, sie sollen aber nicht abgehalten werden ohne vorherige Bewilligung der zuständigen kirchlichen Behörde.“1

Erst auf dem Hintergrund solcher Äußerungen ist der Aufbruch zu ermessen, zu dem die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils fünfzehn Jahre später, heute vor genau fünfzig Jahren, aufgerufen haben: „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben (des Konzils). Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche emeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen.“ Das Konzil möchte, „bewegt von dem Wunsch nach der Wiederherstellung der Einheit unter allen Jüngern Christi, allen Katholiken die Mittel und Wege nennen und die Weise aufzeigen, wie sie selber diesem göttlichen Ruf und dieser Gnade Gottes entsprechen können.“ (Unitatis redintegratio, 1)

Da sind doch schon ganz andere Töne, die da angeschlagen werden! Da spricht doch Hoffnung aus den Zeilen! Deshalb erfüllt uns heute Abend tiefe Dankbarkeit: Dankbarkeit gegenüber dem dreifaltigen Gott, der uns die Ökumene ins Stammbuch geschrieben hat, und Dankbarkeit für alles, was im vergangenen halben Jahrhundert im Hinblick auf die volle, sichtbare Einheit der Kirche gewachsen ist. Ich wage die Behauptung: In den letzten fünfzig Jahren sind wir ökumenisch weiter gekommen als in vierhundertfünfzig Jahren zuvor. Dennoch müssen wir der Ehrlichkeit halber einräumen: Wir sind noch lange nicht am Ziel. Da gibt es Streitfragen, die noch viel besser ausgeleuchtet und vor allem redlich geklärt werden müssen. Da gibt es menschliche Spannungen, die das ökumenische Miteinander erschweren können. Aber es gibt auch ein falsch verstandenes Harmoniebedürfnis, das alle Unterschiede um des lieben Friedens willen am liebsten einebnen möchte. Trotz dieser Schwierigkeiten brauchen wir uns aber nicht entmutigen zu lassen. Der heutige Tag ist eine willkommene Gelegenheit, uns mit der Botschaft des Konzils zu befassen und Worte zu erschließen, die wir wie Samenkörner in das Erdreich der Konfessionen legen können. Ein erstes Samenkorn steht in Nr. 3 von Unitatis redintegratio: „Diejenigen, die an Christus glauben und die Taufe in der rechten Weise empfangen haben, werden in eine gewisse, wenn auch nicht vollkommene Gemeinschaft mit der katholischen Kirche gestellt.“

Deshalb greifen wir gern auf, was die Päpste Johannes Paul II und Benedikt XVI wiederholt bekräftigt haben: „Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt.“ (vgl. z.B. Utunum sint, 20) Alle Christen bekennen ihren Glauben an Gott den Vater, den Allmächtigen, an Jesus Christus, Gottes Sohn und Erlöser, und an den Heiligen Geist, den Tröster und Beistand. Wir werden dies im Credo auch heute ausdrücklich gemeinsam bekennen. Durch das Sakrament der Taufe sind wir wiedergeboren und mit Christus vereint. Das ist die erste Klammer der Einheit, für die wir danken dürfen: Alle Christen verehren die Heilige Schrift als Gottes Wort im Menschenwort. Aus der Heiligen Schrift gewinnt ihr Leben Maß und Ziel. Auch die geistlichen Schätze verschiedener spiritueller und liturgischer Richtungen achten und bewundern wir. Gerade die Brücke zu unseren östlichen Schwestern und Brüdern kann den westlichen Traditionen neue Ufer erschließen. Es ist der Heilige Geist, der den Christen vieler Traditionen gerade in Bedrängnis und Verfolgung Mut und Stärke verliehen hat - oft bis zum Martyrium.
Diese Communio, kirchliche Gemeinschaft, reicht weit über den katholischen Tellerrand hinaus. Ihre Elemente, „die von Christus herkommen und zu ihm hinführen, gehören zu Recht zu der einzigen Kirche Christi“ (UR 3). So bedeutet Ökumene einen „Austauch von Gaben und Geschenken“, bei dem der Heilige Geist die Kirche in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,3). Daher möchte ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, ermutigen, wann und wo auch immer möglichst gemeinsam geistlich zu handeln, miteinander die Bibel zu lesen, zu singen und zu beten. Die offiziellen Gesangbücher, die kürzlich in unseren Kirchen neu entstanden sind, bieten dafür eine reichhaltige ökumenische Fundgrube.

Ein zweites Samenkorn für unser ökumenisches Handeln betrifft die Bibel: „Die Hochachtung der Heiligen Schrift ist ein grundlegendes Band der Einheit zwischen den Christen, und dieses Band verbleibt auch dann, wenn ihre Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht in voller Gemeinschaft miteinander stehen. (…) Sie bekräftigt das gemeinsame Zeugnis für das heilbringende Wort Gottes, das sie der Welt geben.“ (UR 21).
Das Wort Gottes, wie es uns in der Heiligen Schrift überliefert wird, nimmt einen zentralen Platz im Leben der Kirche ein. Das Studium der Heiligen Schrift soll „gleichsam die Seele der Heiligen Theologie“ sein (Dei Verbum, 24). Alle Christen sind dringend gebeten, ihr Wissen über Jesus Christus durch eine regelmäßige Lektüre der Bibel zu vertiefen: „Unkenntnis der Schriften ist nämlich Unkenntnis Christi.“2 Wir wollen nicht vergessen, dass dies der Hl. Hieronymus schon im Hinblick auf die Schriften des Alten Testamentes sagt. Dankbar dürfen wir sein, dass dieser Same schon gute ökumenische Früchte getragen hat. Dennoch bleiben gerade wir Katholiken dazu ermutigt, „das Brot des Lebens von dem einen Tisch des Wortes Gottes und des Leibes Christi zu empfangen“ (Dei Verbum, 21).
Ich wünsche mir, dass wir uns angesichts des „wachsenden biblischen Analphabetentums“ vieler Christen wieder mehr mit dem Wort Gottes beschäftigen, es lesen und studieren, und es wie Maria im Herzen bewegen und bewahren (vgl. Lk 2,51). Wenn uns das Wort Gottes in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann bleibt es nicht ein äußerlich angelerntes System, dann wird es Teil von uns, und nur dann werden wir es mit Leib und Seele bezeugen können.

Noch ein Samenkorn möchte ich einsenken, die geistliche Ökumene: „Die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens sind zusammen mit den privaten und öffentlichen Bittgebeten für die Einheit der Christen als Seele der ganzen ökumenischen Bewegung zu erachten und können zu Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden.“ (UR 8)
Mit diesen Gedanken werden wir in den Abendmahlssaal geführt. Am Abend vor seinem Leiden betete Jesus: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Ut unum sint! Es ist doch bezeichnend, dass Jesus seinen Wunsch nach Einheit weder in einen Lehrsatz kleidete noch als Dienstanweisung für seine Apostel ausgab. Und Jesus b e t e t um die Einheit. Denn Einheit ist nicht nur Aufgabe, sondern zuallererst Gabe von oben, Geschenk des Himmels. Die Einheit der Kirche entstammt der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und wächst wiederum der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes zu. Geistliche Ökumene lebt aus dem Gebet. Das Gebet um die Einheit – privat und öffentlich – ist der Königsweg der Ökumene. Heute Abend sind wir beisammen nicht nur zum Danken, sondern auch zum Bitten: „Solche gemeinsame Bitten sind ein sehr wirksames Mittel, die Gnade der Einheit zu erlangen, und ein echtes Zeichen der Bande, durch die die Katholiken mit den getrennten Brüdern (und Schwestern) immer noch verbunden werden.“ (UR 8)
Noch etwas darf nicht verschwiegen werden: Geistliche Ökumene erfordert „Bekehrung des Herzens und Heiligkeit des Lebens“ (UR 7). Erfahrungen werden wach, wie viel Schaden an der Einheit durch Stolz und Selbstsucht, durch Polemik und Ehrgeiz entstanden ist. Ökumene ist die Einladung an alle, eine ernsthafte Gewissensprüfung vorzunehmen, indem sie die eigenen Fehler erkennen und der versöhnenden Kraft des Evangeliums vertrauen, wie wir es im Römerbrief hören durften: „Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.“ (Röm 5, 1-2) Nur auf der Grundlage ehrlicher Umkehr und der Erneuerung des Geistes werden die verletzten Bande der Einheit heilen. Dafür braucht es Zeit und die Tugend der Geduld.

Ein wichtiger Zwischenschritt wurde dafür im Jahre 1999 hier in Augsburg gesetzt durch die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Papst Johannes Paul II nannte es einen „Meilenstein auf dem ökumenischen Weg“. Damals – vor nunmehr fünfzehn Jahren – hörte man bei der Feier zur Unterzeichnung: „Wir haben uns die Hand gereicht, und wir lassen sie, wir lassen uns nicht mehr los.“ Die Ökumene steht also nicht still, sie geht weiter, doch das Tempo liegt nicht bei uns; der Heilige Geist gibt den Takt an.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
drei Samenkörner haben wir miteinander in den Acker der Kirche gelegt: die Gemeinschaft in Christus, die Wertschätzung der Heiligen Schrift und die geistliche Ökumene. Fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung des Dokuments Unitatis redintegratio leben wir noch immer in einer Zeit der Aussaat. Zahlreiche gute Früchte durften wir in der Zwischenzeit schon einfahren. Doch wann wir die Frucht der vollen sichtbaren Einheit ernten dürfen, bestimmen nicht wir. Deswegen setzen wir mit den Konzilsvätern „auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters uns gegenüber und auf die Kraft des Heiligen Geistes. ‚Die Hoffnung aber trügt nicht; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist‘ (Röm 5,5).“ (UR 24)

 

 

1 Instruktion über die ökumenische Bewegung unter Pius XII vom 20. 12. 1949, in: A. Rohrbasser (Hg.), Heilslehre der Kirche, Fribourg 1953, S. 412-420, hier: 417.

2 Vgl. Hieronymus, Jesaja-Kommentar, in: PL 24,17.