Wort zur österlichen Bußzeit 2005
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Mehr als ein halbes Jahr ist bereits vergangen, seit der altersbedingte Rücktritt unsres Bischofs Viktor Josef angenommen wurde. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers bemühe ich mich seitdem, unser Bistum nach besten Kräften als Administrator zu leiten.
Bei jeder Eucharistiefeier beten Sie für mich. Dafür möchte ich Ihnen danken!
Ihr Gebet bedeutet mir viel. Es ist für mich Ausdruck einer tiefen Verbundenheit im Glauben und eine Kraftquelle. Weil ich mich aber auch Ihnen verbunden weiß, schreibe ich Ihnen zum Beginn der österlichen Bußzeit diesen Brief.
Wie Sie vielleicht wissen, hat Papst Johannes Paul II. ein Jahr der Eucharistie ausgerufen. Eine Formulierung geht mir da nicht mehr aus dem Sinn: Im Jahr der Eucharistie als eucharistische Menschen leben. Was ist damit gemeint? „Eucharistie“, dieses griechische Wort heißt zu deutsch „Danksagung“. Danksagende Menschen also dürfen wir sein. Was könnte das heißen?
Einen ersten Impuls nenne ich: Dankbar die Eucharistie feiern.
Zunächst denke ich also an die heilige Messe. Der dramatische Priestermangel einerseits, aber auch die zurückgehende Zahl der Gottesdienstbesucher bringt es mit sich, dass manches Angebot an Eucharistiefeiern nicht mehr in gewohnter Weise aufrechterhalten werden kann. Vielmehr muss oft in der einen Pfarrei das Angebot reduziert werden, um der Nachbarpfarrei eine Eucharistiefeier zu ermöglichen. Das ist bitter und erfordert viel Umdenken. Es erfordert aber auch viel Verständnis bei den betroffenen Pfarrgemeinden, um das ich sehr herzlich bitten möchte. Doch vielleicht verbirgt sich dahinter auch eine Chance. Dass wir nämlich die Eucharistie nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Jede heilige Messe ist ein Geschenk. Wir feiern sie nicht einfach aus Gewohnheit. Wir erfüllen dabei den Auftrag Jesu, der beim letzten Abendmahl gesagt hat „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22, 19). Da wir seiner gedenken, vergegenwärtigen wir seine Liebe, die er uns durch seinen Opfertod am Kreuz erwiesen hat. Im heiligen Mahl aber werden wir eins mit ihm und untereinander. Was da geschieht, ist ein faszinierendes Mysterium!
Ganz in diesem Sinn hat sich Papst Johannes Paul in verschiedenen Schreiben der jüngsten Vergangenheit bemüht, eine größere Sensibilität für den Wert der Eucharistie zu wecken. Das Mysterium solle staunend wahrgenommen werden, so formuliert er.
Damit gehen freilich Anfragen einher: Wie sind unsere Eucharistiefeiern gestaltet? Und mit welcher inneren Haltung feiern wir mit? Oft werden wir dankbar zum Gottesdienst gehen, manchmal wohl auch bedrückt. Vor unserem Herrn hat alles Platz. Gerade deshalb bleibt aber selbst in dunklen Zeiten ein Grundgefühl der Dankbarkeit. „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8, 35), so können wir mit den Worten des Apostels Paulus sagen.
Wenn von Dankbarkeit die Rede ist, möchte ich es nicht versäumen, allen Priestern und Laien zu danken, die sich um eine würdige Gestaltung unserer Gottesdienste bemühen und auf die Einhaltung der liturgischen Bestimmungen bedacht sind. Ich bin froh, dass es in unseren Pfarrgemeinden Liturgiekreise gibt, dass Eltern Kindergottesdienste mitgestalten und dass auch Jugendliche ihre Ideen und Talente einbringen. Ich bin dankbar dafür, dass in unserem Bistum eine große Zahl von Männern und Frauen zur Übernahme von Lektorendiensten bereit ist und sich für den verantwortungsvollen Kommunionhelferdienst zur Verfügung stellt. So wird deutlich, dass die Liturgie eine Feier der ganzen Gemeinde ist. Mühen wir uns in gemeinsamer Verantwortung, dass unsere Eucharistiefeiern als das empfunden werden, was sie sind: Danksagung.
Papst Johannes Paul hat in seinem apostolischen Schreiben zum Jahr der Eucharistie formuliert: „Wenn die Frucht dieses Jahres auch nur in der Verlebendigung der Feier der Sonntagsmesse und in der Förderung der eucharistischen Anbetung außerhalb der heiligen Messe bestünde, hätte dieses Gnadenjahr ein bedeutsames Ergebnis erreicht“ (Mane nobiscum Domine, 29).
Damit ist uns ein zweiter Impuls gegeben: Dankbar anbeten.
Während in der Feier der Eucharistie das gemeinsame Beten im Vordergrund steht, so sind wir in der eucharistischen Anbetung noch einmal stärker eingeladen, unseren ganz persönlichen Dank und unsere Bitten vor den Herrn zu bringen. So hat es schon Bischof Viktor Josef anlässlich der 100-Jahrfeier der ewigen Anbetung in unserer Diözese ausgedrückt: „In der Anbetung setzen wir die Danksagung und den Lobpreis der Eucharistiefeier fort. Staunend verweilen wir vor der Größe Gottes.“
Der eucharistische Herr lädt uns ein, bei ihm zur Ruhe zu kommen. Das tut gut in unseren Tagen, die so stark von der Hektik beherrscht werden! Es ist, als wolle uns Christus von neuem sagen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28). Bei ihm können wir durchatmen und abladen. Wie dankbar sollten wir für diese Einladung des Herrn sein. Gönnen wir uns diese Zeit der Anbetung!
Ja, vielleicht können wir die eucharistische Anbetung in diesem Jahr in unseren Gemeinden sogar intensivieren. Das legt sich nahe, da der Weltjugendtag, der heuer in Köln stattfinden wird, das Thema hat „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“ (Mt 2,2).
Liebe Schwestern und Brüder, aus jeder Eucharistiefeier und auch aus der eucharistischen Anbetung müssen wir freilich in unseren Alltag zurückkehren. Somit ist uns noch ein dritter Impuls gegeben: Dankbar leben, so möchte ich das nennen.
Wieder ist es unser Papst, der uns hierzu einen wichtigen Hinweis gibt. Er schreibt, in einer Zeit der zunehmenden Gottvergessenheit könne ein „Danke“ ein Zeugnis des Glaubens sein.
Als moderne Menschen verfallen wir nicht selten einem gefährlichen Machbarkeitswahn: Wir meinen, wir könnten oder müssten alles in unserem Leben und in dieser Welt selber vollbringen – und wir vergessen dabei Gott. Aber ist das Leben nicht letztlich Geschenk aus Seiner Hand? Eucharistisch leben könnte heißen: Gott Dank sagen für alles, was wir sind und haben: Am Abend eines jeden Tages bei der Rückschau auf das, was war; untertags, wenn uns ein paar Minuten zum Durchatmen geschenkt sind; als Stoßgebet der Dankbarkeit, wenn uns überraschend etwas Erfreuliches widerfährt.
Ich bin überzeugt: Wer in dieser Haltung der Dankbarkeit lebt, wird auch für seine Mitmenschen ein passendes Wort des Dankes finden. Die Eucharistie erweist sich dann als „große Schule der Liebe“, die im Alltag Gemeinschaft, Zusammenhalt und Frieden fördert.
Übrigens erzählt der Verfasser des Johannesevangeliums beim Bericht über das letzte Mahl Jesu nicht von der Einsetzung der Eucharistie, wie die anderen Evangelisten. Er schildert die Fußwaschung Jesu. Das heißt: Wann immer wir einander dienen, sind wir dem Herrn eng verbunden. In der Begegnung mit dem Mitmenschen, der Hilfe braucht, begegnen wir Christus. Somit aber können wir selbst schwierige Lebenssituationen als Herausforderungen Jesu wahrnehmen – und ihm ab und an dafür danken! Er traut uns zu, dass wir die Situation meistern; nicht allein, sondern mit seiner Kraft!
Liebe Schwestern und Brüder, im Jahr der Eucharistie als eucharistische Menschen leben. Das könnte heißen: Dankbar die Eucharistie feiern, die eucharistische Anbetung pflegen und dankbar leben. Vielleicht gelingt uns das leichter, wenn wir es gemeinsam versuchen. Für diesen Weg der Danksagung erbitte ich Ihnen den Segen Gottes: Den Segen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.
Ihr Diözesanadministrator und Weihbischof Josef Grünwald