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„Missionarisch Kirche sein“

Hirtenwort zum Kirchweihsonntag 2008

19.10.2008 13:25

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Wir feiern das Kirchweihfest. Wir können feiern, weil vor einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten unseren Vorfahren der Glaube so wichtig war, dass sie keine Mühe scheuten und ein Gotteshaus errichteten. Zahllose Menschen haben sich seither darin versammelt. Sie sind Gott und einander begegnet. Sie hatten in der Kirche einen Ort, an dem sie danken und bitten, klagen und feiern konnten, wo sie Wegweisung für ihr Leben erhielten und Gemeinschaft im Glauben erfuhren. Wie wird es in Ihrer Kirche in einigen Jahrzehnten aussehen?

Wird es noch einen Pfarrer und wird es noch Gläubige geben, die sich hier Sonntag für Sonntag und vielleicht sogar werktags zum Gottesdienst versammeln? Oder wird es unseren Kirchen gehen wie den Adelsschlössern: Die wenigsten sind bewohnt. Viele sind verfallen oder wurden gar abgerissen, weil ihr Unterhalt zu teuer wurde. Nur die kunsthistorisch wertvollen werden erhalten und können als Museen besichtigt werden.
Bei meinen Besuchen in den Pfarreien begegnet mir ständig die Frage: Was können wir tun, damit Kirche Zukunft hat? Wie können wir den Glauben weitergeben und neue Christen gewinnen? Was können wir tun gegen den Trend, dass es nicht nur immer weniger Priester gibt, sondern auch immer weniger Menschen den Gottesdienst mitfeiern? Diese Fragen bewegen auch mich, seit ich Priester, vor allem aber seit ich Ihr Bischof geworden bin. Durch alle meine Hirtenworte zieht sich deshalb das Thema „Missionarisch Kirche sein“. Das Paulusjahr, das Papst Benedikt XVI. am 28. Juni eröffnet hat, und das Pastoralgespräch in unserer Diözese können uns einen neuen kräftigen Impuls zum Aufbruch geben.
I. Paulus wirkt missionarisch, weil er den Glauben als Geschenk erfahren hat Paulus ist Glaubensbote geworden, weil er erfahren hat: Der Gekreuzigte, dessen Anhänger er verfolgt hatte, lebt! Er ist der Sohn Gottes, der Herr der Welt wie seines eigenen Lebens! Im Römerbrief (Röm 3,24) schreibt Paulus: „Ohne es verdient zu haben, werden alle gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.“ Christlicher Glaube fordert also nicht zuerst Leistung, sondern sagt jedem Menschen: Du bist von Gott geliebt, bejaht, beschenkt! Paulus war von dieser Erfahrung so begeistert, dass er nicht mehr ruhte, dass er keine Strapazen scheute, um diese Frohe Botschaft in der ganzen damals bekannten Welt bekannt zu machen. Er konnte gar nicht mehr anders, als alle Menschen teilhaben zu lassen an dem Geschenk des Glaubens, das sein Leben von Grund auf verändert hatte. Ob unser christlicher Glaube anziehend wirkt oder nicht, das entscheidet sich daran, was er für uns bedeutet: Empfinden wir den Sonntagsgottesdienst und die Beichte, die täglichen Gebete und die moralischen Forderungen der Kirche als lästige Pflicht, über die wir stöhnen oder die wir nicht mehr ernst nehmen? Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass viele Menschen damit nichts zu tun haben wollen. Entdecken und erfahren wir aber immer wieder, dass am Anfang des Christseins nicht anstrengende Forderungen stehen, sondern das unüberbietbare Geschenk der Liebe unseres Gottes, dann wird der Glaube attraktiv werden für Menschen, die ja nach nichts mehr suchen als nach unbedingter Liebe! Wir werden missionarisch Kirche sein in dem Maß, als wir selbst unseren Glauben als beglückendes Geschenk erfahren.
II. Das Pastoralgespräch sucht nach Wegen für missionarisches Kirchesein „Die Kirche von Augsburg ist missionarisch, wenn wir den Glauben als Geschenk erfahren und feiern.“ So lautet deshalb die erste von fünf Perspektiven, die sich beim Pastoralgespräch in unserer Diözese herauskristallisiert haben. Was ist das Pastoralgespräch? Unter dem Leitwort „Missionarisch Kirche sein“ waren die Priester sowie die hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese Augsburg im vorigen Jahr eingeladen, Wege in die Zukunft zu suchen. Zahlreiche Vorschläge wurden gesammelt und geordnet. Im Frühjahr diesen Jahres hatte ich persönlich an 13 verschiedenen Orten unserer Diözese Gelegenheit, mit den Teilnehmern des Pastoralgesprächs über Schwerpunktsetzungen zu sprechen. Die spürbar große Bereitschaft, sich gemeinsam für eine lebendige Kirche von Augsburg zu engagieren, macht mir Mut im Blick auf die Zukunft. Die umfangreiche Sammlung von Fragen und Ideen wird derzeit von Arbeitsgruppen auf konkrete Vorschläge hin durchgesehen, die ich gemeinsam mit pastoralen Leitlinien zur Ulrichswoche des nächsten Jahres veröffentlichen möchte. Schon heute lade ich Sie ein, im Alltag nach den fünf Perspektiven zu leben, die wir im Laufe des Pastoralgesprächs als hilfreiche Maßstäbe gefunden haben. Ich bin davon überzeugt, dass wir missionarisch sein werden, wenn wir
1. – wie schon gesagt – den Glauben als Geschenk erfahren und feiern
2. den Menschen ernst nehmen
3. den Glauben bezeugen
4. den Glauben in Begegnung und Gemeinschaft leben und
5. den Menschen in ihren vielfältigen Nöten beistehen. Die Priester wie auch die hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben kürzlich bereits ein Kärtchen mit diesen 5 Perspektiven und einigen Erläuterungen dazu bekommen. Wenn Sie sich dafür interessieren, fragen Sie im Pfarrbüro danach! Ich möchte im Folgenden versuchen, Ihnen ganz knapp aufzuzeigen, was diese Perspektiven für Sie bedeuten könnten.
III. Fangen wir damit an, unseren Glauben so zu leben, dass er missionarisch wirkt! Die 1. Perspektive „den Glauben als Geschenk erfahren und feiern“ macht klar: Christsein heißt: sich zuerst von Gott beschenken lassen und dann seine Gaben weitergeben. Attraktiv wird unser Glaube wirken, wenn die Menschen spüren: Glauben hilft Leben! Öffnen wir uns also der Liebe Gottes beim Hören auf Sein Wort, beim Empfang der Sakramente, beim Gottesdienst und im persönlichen Gebet. Entdecken, erfahren und feiern wir, wie sehr unser Gott uns liebt!
Zweitens können wir es machen wie Jesus, der den Menschen nicht irgendwelche Lehrsätze aufdrängen wollte, sondern sie ernst genommen hat in ihrer Lebenssituation. Seine häufigen Fragen zeigen dies. Nur wo unsere Mitmenschen spüren, dass wir uns wirklich für sie interessieren, werden wir sie auch für unseren Glauben interessieren können!
„Den Glauben bezeugen“: das heißt: nicht nur über Glaubenswahrheiten reden, womit viele sich ohnehin schwer tun. Bezeugen meint: von dem sprechen, was ich selbst erfahren habe. Die 2. Lesung sagt heute Ihnen allen, dass Sie als „königliche Priesterschaft“ berufen sind, „damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“ (1 Petr 2,9). Sie müssen nicht theologisch reden können; aber sprechen Sie mit Ihren Ehepartnern und Kindern, Ihren Freunden und Bekannten darüber, was der Glaube Ihnen in Ihrem Leben bedeutet und welche Erfahrungen Sie damit gemacht haben! Ein wichtiger Schritt dazu ist auch die erweiterte Taufpastoral, die ich als Modell der Taufvorbereitung für unsere Diözese vorgesehen habe. Durch die Einbeziehung von Gläubigen aus den Pfarrgemeinden in die Taufvorbereitung können junge Eltern mehr über den Glauben ins Gespräch kommen und darin gestärkt werden, gläubige Vorbilder für ihre Kinder zu sein und sich als lebendige Glieder des Gottesvolkes zu verstehen.
Damit bin ich schon bei der 4. Perspektive: „den Glauben in Begegnung und Gemeinschaft erfahren“: Indem Jesus Menschen zu sich ruft, beruft er sie in eine Gemeinschaft untereinander. Beziehung zu Christus gibt es nicht ohne die Beziehung zur Kirche. Keiner von uns kann allein Christ sein. Wir brauchen die Erfahrung lebendiger Gemeinschaft. Im Griechischen heißt Kirche „Ekklesia“, und das heißt nichts anderes als „Versammlung“. Kirche gibt es also nur, wo Christen sich versammeln. Deshalb bitte ich Sie, sich persönlich am Leben Ihrer Pfarrgemeinde zu beteiligen und vor allem in Treue den sonntäglichen Gottesdienst mitzufeiern.
Jesus zeigt uns seine Liebe bis zur Vollendung in der Eucharistie, aber auch in der Fußwaschung. Die Wahrheit unseres Glaubens zeigt sich in der dienenden Liebe. Deshalb lautet die 5. Perspektive: „den Menschen in ihren vielfältigen Nöten beistehen“. Wie Jesus können wir nicht alle Not der Welt beseitigen; wir können und müssen aber Zeichen setzen. Als einzelne wie als christliche Gemeinde müssen wir uns immer wieder fragen: Unter welchen Nöten leiden die Menschen in unserer Umgebung besonders? Welches Zeichen wollen und können wir setzen, damit etwas von Gottes helfender Zuwendung sichtbar wird? Wodurch kann unsere Solidarität mit den Notleidenden der Welt deutlich werden?
Der diesjährige Weltjugendtag in Sydney stand unter dem Motto: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein!“ In Sydney durfte ich selbst die ausstrahlende Freude der vielen hunderttausend Jugendlichen aus aller Welt erleben. Ich wünsche uns zum heutigen Kirchweihsonntag, dass wir uns wie der Apostel Paulus vom auferstandenen Herrn beschenken lassen mit Seinem Geist. Dann werden wir missionarisch Kirche sein. Anstelle von Niedergang werden wir neues Wachstum erfahren. Dazu segne euch der allmächtige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Augsburg, im Oktober 2008,
Dr. Walter Mixa
Bischof von Augsburg
Fürbitten zum Kirchweihfest 2008 Herr Jesus Christus, du hast uns in der Taufe zu lebendigen Steinen gemacht, aus denen du deine Kirche als ein geistiges Haus aufbaust. Wir bitten dich:
• Erfülle unseren Papst Benedikt und unseren Bischof Walter mit deinem Heiligen Geist, damit sie die Kirche in Einheit und Liebe aufbauen.
Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.
• Schenke allen Christen Freude über das Geschenk ihres Glaubens, so dass sie glaubwürdig deine Liebe bezeugen.
Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.
• Fördere durch das Pastoralgespräch in unserer Diözese das Zusammenwirken von Priestern, Diakonen sowie hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zeige uns tragfähige Wege in die Zukunft und lass uns gemeinsam missionarisch Kirche sein. Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.
• Lass die Menschen, die unter vielfältigen Nöten leiden, in deiner Kirche Verständnis und tatkräftige Hilfe finden.
Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.
• Tröste die Trauernden durch die Zuversicht, dass die Verstorbenen bei dir die Erfüllung ihres Lebens gefunden haben.
Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.
So feiern wir das Weihefest dieser Kirche, in der wir Dir begegnen, Dich loben, Dir unsere Bitten vortragen dürfen. Dafür danken wir Dir jetzt und in Ewigkeit. Amen.