Eine Chance, sich auf Wesentliches zu besinnen
Eine Frage der Perspektive
Der Jahreswechsel findet dieses Jahr für manchen Bundesbürger in besorgter Atmosphäre statt. Es sind nach einer Phase robusten Konjunkturaufschwungs spürbare Zukunftssorgen, welche vor allem seit der globalen Finanzkrise die Menschen in unserem Lande bewegen. Allein die konkrete Befürchtung des Verlustes von Tausenden von Arbeitsplätzen bei Hypo Real Estate in München, bei Opel in Rüsselsheim und anderen noch nicht aus der Deckung gekommenen Unternehmen, insbesondere die Lage bei den großen Autobauern in USA mit deren globaler Rückwirkung auf die Arbeitsmarktsituation in unserem Land, auf das Finanzsystem und in logischer Folge auf die konjunkturelle Perspektive unserer Wirtschaft, wirft ein düsteres Licht.
Vor allem aber die Furcht vor Arbeitslosigkeit, einer statistischen Zahl, hinter der sich nichts anderes als die gleiche Zahl von lebendigen Menschenschicksalen verbirgt, lässt zu diesem Jahresende einen Ruck durch die sonst so selbstsichere Politikerriege unserer Republik gehen. Und die Sorgen um die Gesundheitsreform, Angst vor den Folgen der zukünftigen Energiepreisentwicklung, gar nicht zu reden von der Frage, wie die Renten künftig finanziert werden, wie viel Wohlstand wir uns morgen noch werden leisten können, und ob im Fall der Arbeitslosigkeit ein Abstieg in Hartz IV drohen könnte. Die Liste der Probleme und Fragen ließe sich endlos fortsetzen. Ersticken uns die Sorgen die Hoffnung auf eine gute Zukunft?
Ich denke hier an eine Begebenheit in Afrika, die mir im Gedächtnis blieb. Bei einer Konferenz an der katholischen Martyrs University in Kampala, Uganda, ging es um entwicklungspolitische Fragen. Meine Aufgabe war, das System und die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft für Entwicklungsländer darzustellen. Bei der anschließenden Diskussionsrunde meldete sich einer der Studenten und fragte: „Sagen Sie, gibt es denn auch Probleme bei Ihnen in Deutschland?“ Ich zählte offen die Liste der Sorgen und Schieflagen unseres sozial-marktwirtschaftlichen Systems auf. Der Student nickte zufrieden.
Als es dann zum Mittagessen ging, war es zufällig der gleiche junge Afrikaner, der das Tischgebet sprach. Er betete: „Guter Gott, gib uns das tägliche Brot, und schick uns doch, bitte, die Probleme der Deutschen!“
Ich weiß, es ist zynisch, einem Kranken zum Trost den Vergleich mit einem anderen vor Augen zu halten, dem es noch schlechter geht! Dennoch sei die Frage erlaubt: Mit welchem Recht beanspruchen wir in Europa eigentlich den Dauerparkplatz auf der – zumindest materiellen – Sonnenseite des Lebens? Mit welchem Recht beklagen wir den Untergang des Gesundheitssystems, während gleichzeitig der öffentliche pro Kopf /pro Jahres Aufwand für Gesundheitsvorsorge in der Demokratischen Republik Kongo um 3, 80 US-Dollar pendelt.
Die Katholische Soziallehre weist uns an dieser Stelle in aller Dringlichkeit und Deutlichkeit auf die Weltverantwortung der Christen hin. Ein Christentum ohne Blick auf den Nächsten ist Etikettenschwindel! Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger als die Realisierung des wichtigsten Gebotes des Evangeliums: Gott lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst! Das ist der entscheidende Maßstab, den Jesus setzt.
Soziale Verantwortung, tätige Nächstenliebe ist darum seit jeher ein zentrales Kriterium der Glaubwürdigkeit des Christentums. „Alles was ihr einem der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ – so sagt Jesus selbst in seiner großen Rede vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium und gibt damit die wichtigste Prüfungsfrage für unser Leben vor. Denn es gibt auch und gerade heute und trotz aller modernen Technik und Fortschritts ein Heer von notleidenden Menschen, denen geholfen werden muss. Der Bogen reicht von den weltweiten himmelschreienden Notlagen in den Entwicklungsländern bis herein in die unmittelbare Nähe in unserer Nachbarschaft. Wieviel Not gibt es da oft verdeckt und versteckt zu sehen?
Darum legt das Zweite Vatikanische Konzil – dieses so bedeutende Ereignis auf dem Weg der Kirche in die Neuzeit – zu recht und in aller Deutlichkeit den Finger darauf. In der berühmten Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ – Über die Kirche in der Welt von heute – schreiben die Konzilsväter: „Die Wahrheit verfehlen die Christen, die im Bewusstsein, hier keine bleibende Stätte zu haben, meinen, sie könnten ihre irdischen Pflichten vernachlässigen. Sie verkennen, dass sie, jeder nach der zuteilgewordenen Berufung, gerade durch den Glauben umso mehr aufgerufen sind, ihre Pflicht zu erfüllen. ... Diese Spaltung zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben gehört zu den schweren Verirrungen unserer Zeit. Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt, versäumt damit seine Pflichten gegenüber dem Nächsten, ja gegen Gott selbst und bringt sein ewiges Heil in Gefahr.“ (Gaudium et spes, 42)
Doch umgekehrt ist uns gerade in der postmodernen Situation unseres Christentums dieses klar: Wo Menschen alles haben, wo ihnen aber die Sinndimension ihres Lebens abgeht, da fehlt ihnen das wesentliche ihrer Existenz. Überall, wo die Frage nach dem wahren Glück des Menschen auftaucht, geht es gleichzeitig um die Frage: Was ist eigentlich der Sinn und die Richtung unserer Existenz? Allein diese Frage sortiert und bemisst, was von Wert und Bedeutung in unserem Leben ist, und was nicht. Und sie allein bestimmt im Grunde das Gewicht und die Existenzberechtigung unserer Sorgen. Darum erlaube ich mir, uns modernen Europäern auch angesichts unserer Sorgen einen Spiegel vorzuhalten. Es ist eine Tagebuchnotiz, die wir einer sympathischen jungen Studentin während des zu Ende gehenden 2. Weltkrieges verdanken: Sophie Scholl, Mitglied des Widerstandskreises der „Weißen Rose“ gegen Adolf Hitler an der Universität München, im Gefängnis München-Stadelheim durch die Nazis hingerichtet, schrieb:
„Das mache ich Dir zum Vorwurf, du denkender Mensch in dieser Schicksalsstunde unserer Geschichte. Du verwendest alle Kraft und alle Gedanken auf die letzte Perfektionierung des Maschinengewehrs, aber die primitivste aller Fragen lässt du außer acht: Die Frage Wohin? Und die Frage Warum?“
Wie kaum ein anderer hat in meinen Augen unser ehemaliger Bundespräsident Roman Herzog bei seiner Festansprache anlässlich der Eröffnung des 150. Deutschen Katholikentages 1998 – vor genau zehn Jahren – in der Frankfurter Paulskirche den Nagel auf den Kopf getroffen: „Die Konfrontation mit einer Vertikalen“ heißt sein Thema: „Ich weiß, dass es für die Kirchen zurzeit nicht einfach ist, ihren Ort in unserer sich ständig verändernden Gesellschaft zu bestimmen. Mir steht es auch nicht zu, ihnen einen solchen Ort zuzuweisen. Eines aber weiß ich sicher: Eine Kirche, die die Orientierungslosigkeit der Gesellschaft nur noch einmal verdoppelte, hätte sich selber überflüssig gemacht, noch bevor andere ihr das bescheinigten. ...
Was ich vom kirchlichen Engagement erwarte – und zwar nicht nur als Person, sondern dezidiert von meinem Amt her – ist, um es vorsichtig zu sagen, die Konfrontation der Menschen mit einer Vertikalen, mit der „ganz anderen“ Perspektive. Zu vieles, was Staat und Gesellschaft heute bewegt, macht den Eindruck, es gehe um Allerletztes und Allerwichtigstes. Die Kirchen aber sollten daran erinnern, dass viele unserer Debatten sich – im besten Falle – um Vorletztes drehen. Das scheint mir die Aufgabe der Kirche zu sein, die heute am notwendigsten ist – die Konfrontation der Menschen mit einer Vertikalen.“
Neujahr 2009 – das könnte für uns heuer bedeuten: Einen neuen Rahmen für unsere Sorgen zu entdecken, wenn wir uns – gerade als Christen im christlich-abendländischen Europa – angesichts der unermesslichen Liebe Gottes, sichtbar in der Geburt des göttlichen Kindes in der Krippe von Bethlehem, neu klar werden über denn Sinn und die Richtung unserer Existenz. Ein solches Neujahrsfest wird uns von einer Menge überflüssiger Sorgen befreien und zugleich mit Energie erfüllen für die Lösung dringender Zukunftsaufgaben!
Der Autor ist Weihbischof in Augsburg
und Mitglied des Deutschen Ethikrates