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Ansprache beim Kapitelamt Hoher Dom zum 4. Fastensonntag „Laetare“

Winnenden - "Welchen Unterschied werdet Ihr machen?" (Benedikt XVI.)

31.03.2009 12:00

Der freudige Grundton des 4. Fastensonntags „Laetare“ ist uns dieses Jahr vergällt. „Laetare Jerusalem“ – „Freue dich, Stadt Jerusalem. Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle die ihr traurig ward“ - der schon österlich gestimmte Introitus wird eingeholt vom ungeheuren Klang des Namens der oberschwäbischen Kleinstadt „Winnenden.“

Der 17 Jahre junge Tim Kretschmer hatte dieser Tage in seiner heimatlichen Albertville-Realschule und auf seiner wahnsinnigen Flucht 15 Menschen ermordet, am Ende sich selbst gerichtet. Niemand kann sich diesem Ereignis entziehen. Ratlos stehen alle, Experten, Mitbürger, selbst die eigene Familie, die Lehrer und die Mitschüler vor der Frage: Warum?

„Wir waren eine ganz normale Familie.“

Die Eltern des jugendlichen Tim hatten sich in Ihrer verzweifelten Situation in einem Brief an die Familien der Opfer gewandt:

„Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifliche Tat unseres Sohnes und Bruders genommen. Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren ja auch wir eine ganz normale Familie. Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie. Unser tiefstes Mitgefühl möchten wir den Opfern, Angehörigen und Freunden aussprechen.“

„Was aber, wenn Kinder selbst zu Mördern werden?“

Selbst Bundespräsident Horst Köhler war erkennbar ergriffen in seiner Rede bei der Trauerfeier in Winnenden. Vor tausenden von Menschen, die gekommen waren, um zu trauern und mitzufühlen, sagte er:

„Wenn ein Kind stirbt, sterben auch Hoffnung und Zukunft mit ihm. Deshalb entsetzt und diese Tat so sehr! Kinder sind unschuldig. Warum werden Kinder getötet?
Was aber, wenn Kinder selbst zu Mördern werden? Hier zeigt sich, wie verletzlich und zerbrechlich unser Leben ist. Die Grenze des Verstehens, die Grenze des Sagbaren ist hier erreicht.“

„Ein Defizit an Erziehung?“

Natürlich muss jetzt in Politik und Gesellschaft, bei Polizei und Sicherheitskräften, bei den Medien, Psychologen und in der Justiz, vor allem aber in der Familien- und Bildungspolitik erneut und intensiv über Lösungen und Maßnahmen nachgedacht werden.

Junge Menschen brauchen Orientierung und Halt! Wo sie das nicht bekommen, entsteht geistige Not. Da gerät unsere Gesellschaft in dramatische Schieflagen! Gerade in diesen Tagen, da der erste schreckliche Amoklauf in Deutschland, damals am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt wieder in unser Gedächtnis tritt – der junge Abiturient Robert Steinhäuser hatte damals 16 Menschen getötet und anschließend sich selbst – wird uns so deutlich wie selten bewusst, wie wichtig tragende geistige Wertmaßstäbe für unser Leben sind.

Es war Walter Roller, der stellvertretende Chefredakteur der „Augsburger Allgemeinen“ der damals in seinem Leitartikel – unmittelbar nach der Katastrophe von Erfurt – drei entscheidende Gründe für Werteerziehung nennt:

„Erstens: Es gibt ein Defizit an Erziehung. Viele Jugendliche sind mit sich und ihren Sorgen allein. Der Staat kann nicht wettmachen was Eltern versäumen. Jugendliche brauchen Orientierung und Halt.
Zweitens: Eine Gesellschaft, in der jeder seinen Vorteil sucht und zunehmend für sich lebt, büßt Ihre sozialen Bindungskräfte ein. Man sieht gerne weg. Gefährdete Jugendlich driften ab, weil sich niemand – auch in der Schule nicht – hinreichend um sie kümmert.
Drittens: Gefestigten Menschen mag der Dauerkonsum von gewaltverherrlichenden TV- und Kinofilmen, Videos und Computerspielen nichts anhaben. Bei labilen, zu Nachahmung neigenden Jugendlichen können diese Gewaltorgien ungeheure Aggressionen und Allmachtsphantasien auslösen. Hier muss eingegriffen werden.“

Das Evangelium dieses heutigen 4. Fastensonntags „Laetare“ ist von unendlichem Trost erfüllt. Es sind schönsten Sätze der grenzenlosen Zuwendung Gottes zu den Menschen, die uns heute beim Evangelisten Johannes im dritten Kapitel begegnen:

16 „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“

„Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“

Aber zugleich ist in der Liebe immer Entscheidung gefordert. Es geht um Treue, um Ja oder Nein, um dafür oder dagegen. Es geht um Licht oder Finsternis. Darum spricht Johannes unmittelbar vom Gericht:

19 „Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“

Unser ganzes Leben steht stetig vor dieser Herausforderung der Entscheidung zur Liebe. Gott zwingt nicht. Er hat uns als seine freien Ebenbilder gewollt. Nur Freiheit und Entscheidung zählt in der Liebe. Zwang gibt es nicht. Befehl und Gehorsam zählen in der Liebe nicht.
Darum wird für jeden von uns – für die Menschen von Winnenden genauso wie für uns Augsburger an diesem 4. Fastensonntag „Laetare“ – die Entscheidungsfrage lebendig: Von welchem Geist lasse ich mich erfüllen. Welchem Denken schaffe ich Raum in meinem Leben?

„Welchen Unterschied werdet Ihr machen?“

Es ist die Heilige Messe vor Tausenden junger Menschen beim XXIII. Weltjugendtag im Hippodrom von Randwick bei Sydney am 20. Juli 2008, die das Thema hereinholt. Papst Benedikt spitzt alles zu auf die eine Entscheidungsfrage an die in Australien versammelten jungen Menschen: „Welchen Unterschied werdet ihr machen?“

„Liebe junge Freunde, erlaubt mir, Euch jetzt eine Frage zu stellen. Was werdet Ihr der nächsten Generation hinterlassen? Baut Ihr Euer Leben auf festen Fundamenten und errichtet Ihr etwas, das Bestand haben wird?
Lebt Ihr Euer Leben auf eine Weise, die inmitten einer Welt, die Gott vergessen will oder ihn im Namen einer falsch verstandenen Freiheit sogar ablehnt, Raum schafft für den Geist? Wie setzt Ihr die Gaben ein, die ihr empfangen habt, die „Kraft“, die der Heilige Geist auch jetzt in Euch freisetzen möchte? Welches Erbe werdet Ihr jenen jungen Menschen hinterlassen, die nach Euch kommen? Welchen Unterschied werdet Ihr machen?“

Andrea Kugelmann