Predigt zu Fronleichnam 2015
- es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Schwestern und Brüder,
als wir vor einer Woche das Augsburger Gebetshaus zur gemeinsamen Eucharistiefeier und zum anschließenden Lobpreisgebet in den Dom eingeladen hatten, da hatte ich die Mitbrüder vom Domkapitel schon vorsorglich darüber informiert, dass die jungen Leute im Altarraum eine Leinwand mit einem einfachen Kreuz bezeichnet aufstellen wollten, um für das anschließende Gebet, das keine eucharistische Anbetung war, einen näheren unmittelbaren Bezugspunkt zu haben. Als ich aber am vergangenen Donnerstag den Dom betrat, stellte sich das Ganze schon wesentlich umfangreicher dar. Ich habe nicht schlecht gestaunt, was da an Elektronik und Musik und vor allem an Beleuchtung, Licht- und Farbscheinwerfern bis zum Diskonebel aufgeboten worden war, um, wie man so sagt, „Atmosphäre“ zu schaffen. Atmosphäre als Voraussetzung für die darauf folgende gemeinsame würdige Feier der Eucharistie und das anschließende ohne jeden Zweifel glaubwürdige und ganz und gar ernstzunehmende Lobpreis- und Fürbittgebet der jungen Leute dieser charismatischen Bewegung.
Wir Menschen, und zumal die jüngeren von uns, brauchen wohl sehr oft eine gehörige Vorbereitung und beeindruckende inspirierende Umgebung, auch um in einen gewissen geistig-geistlichen Schwung zu kommen und über das Äußere das Innere, über den Leib die Seele zu erheben.
Wenn ich wie letzt in einer Gemeinde meines Heimatbistums im Interview vor vielen Menschen danach gefragt wurde, was ich als Bischof am liebsten tue – dann antworte auch ich und erzähle ohne Umschweife von den großen Gottesdienstfeiern zu den Hochfesten des Kirchenjahres, von den Diakonen- und Priesterweihen und den großen Begegnungen mit den Gemeinden bei meinen Pfarrbesuchen.
Was da aber alles noch ist an äußerlich zwar gering Erscheinendem, aber nicht weniger Bewegendem und Erhebendem, kann man in solch einem Augenblick gar nicht benennen. Dafür fehlt es an dem geeigneten Zuhörermilieu ebenso wie an der dafür angebrachten Sprache.
Es wird heute zu viel geredet, sagte mir kürzlich einer der bischöflichen Mitbrüder, und er meinte damit eher, zu viel geschwätzt und zu viel hergemacht, wobei das Eigentliche und Wesentliche gar nicht so recht zur Sprache kommt. Und von Papst Franziskus las ich unlängst, dass er gesagt habe, wir brauchten eine neue Sprache, eine andere Sprache also für die Verkündigung.
Wer wohl hat Tiefgehenderes verkündet und gesagt und dabei durchaus die Sprache seiner Landsleute gesprochen als Jesus! Für sein Abschiedsmahl brauchte er, brauchten die zwei seiner Jünger keine großen Vorkehrungen und Ausstattungen zu treffen, es war alles schon vorbereitet, denn er kannte die, denen der Raum gehörte.
Sie waren auch nicht mehr sehr viele, Jesus und seine Jünger, als sie sich zum Mahl versammelten. Da waren seinerzeit schon weit mehr mit ihm unterwegs. Und das Wesentliche und Entscheidende tut er. Als er nämlich das Brot nimmt und den Lobpreis spricht, das Brot bricht und sagt: Nehmet, das ist mein Leib.
Wenn wir das hören, dürfen wir uns durchaus einmal vorstellen, wie das in den Augen und Ohren der Jünger gewirkt und geklungen haben mag. Wie man heute noch in südlichen Ländern aber auch bei uns mit dem unerlässlichen Brot bei jeder Mahlzeit umgeht. Da wird gebrochen, ausgeräumt, liegengelassen, eingetaucht – das Beste davon ist noch das Essen. All das darf ruhig in unsere Betrachtung eingehen, wenn an anderer Stelle hinzugefügt wird, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, ja, der für euch den Menschen überlassen, ihnen ausgeliefert wird, damit sie nach ihrem Gutdünken damit verfahren.
Wer sind wir denn? Und wie gehen denn wir mit ihm um?
Nach wie vor wird er doch buchstäblich in die Hände der Sünder überliefert. Und das ist nicht etwa eine Frage von Mund- oder Handkommunion, sondern ausschließlich eine des reinen geläuterten Herzens und des Bewusstseins bleibender Unwürdigkeit.
Nicht viel anders ist es mit dem Wein – bei jeder südländischen Mahlzeit im Gebrauch –, über den er sagt: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Aber im gleichen Augenblick wie er diesen Wein zu seinem vergossenen Blut erklärt, bringt er die Frucht des Weinstocks in engsten Zusammenhang mit dem Hauptsinn seiner Verkündigung, mit dem Reich Gottes. Jesus spricht die Sprache, die seine Jünger verstehen, die sie aber immer erst noch zu verstehen lernen müssen.
Denn sie wissen, was die hälftige Versprengung des Blutes der Opfertiere auf den Altar und das Volk Gottes bedeutete: Annahme und Besiegelung des Bundes zwischen Gott und den Menschen. Bezeugung eines Treueverhältnisses wie das einer „Blutsbrüderschaft“ unter den Menschen. Nur dass dieser Verbrüderung am Sinai ein letztes Wesentliches fehlt: Das Blut, das da versprengt wird, ist Tierblut, Blut von Böcken und Stieren, das jetzt durch das Blut dessen ersetzt wird, der in seiner Person wahrer Gott und wahrer Mensch ist.
Nahezu lakonisch heißt es dann im ohnehin recht knapp gehaltenen Evangelium nach Markus:
„Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.“
Zum Ölberg, liebe Schwestern und Brüder, an dessen Fuß der besagte Garten Gethsemane liegt. Zum Ölberg – nicht zur feierlichen Prozession, zur Demo, zum Kirchenzug oder Umzug, wie vielleicht die modernen Zeitgenossen sagen würden. Nacht war es ja ohnehin schon, als der Verräter hinausgegangen war. Vom Baldachin und goldenen Gefäßen, von Kerzen und Gesängen und Gebeten keine Rede. Und nach wie vor wenige, sehr wenige, denen es vielleicht gar nicht so recht geheuer war.
Liebe Schwestern und Brüder,
ob die Menschen dieser unserer Stadt, unseres Landes, die die zahlreichen Fronleichnamsfeiern beobachten, noch wissen, was dieser Feier der katholischen Kirche, diesem traditionellen Brauch katholischer Volksfrömmigkeit letztlich zugrunde liegt, was ihr vor einer langen Geschichte von über 2000 Jahren und in jeder Eucharistiefeier vorangegangen ist? Ob sie es wenigstens erahnen daran, wie wir damit umgehen? Ja, ob das Ganze sogar allen so recht bewusst ist, die selber daran teilnehmen und beinahe schon selbstverständlich zu jeder Hl. Kommunion hinzutreten?
Ob wir sie wenigstens dafür gewinnen können, im Maße des Möglichen zu verstehen, ihnen nahebringen können, dass wir in dieser kleinen unscheinbaren Gestalt des Brotes den Herrn über Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit, das Zentrum unseres Glaubens, Gipfel und Quelle allen christlichen Lebens verehren? Ob wenigstens uns von neuem dabei aufgeht, dass Gott, dem Allmächtigen, auf dieser Welt nichts zu klein, zu gering und unscheinbar ist, dass er es nicht erheben und erstarken lassen könnte, aber auch nichts zu schwer und zu bedrückend, dass er es nicht in Heil und Segen verwandeln kann?
Wenn es wahr ist, dass wir – wie ein Gebet aus dem 14. Jahrhundert schon nahelegen will –, die einzige Bibel sind, die die Öffentlichkeit noch liest, die letzte Botschaft in Worten und Taten geschrieben, dann liegt es zunächst ausschließlich an uns, ob schon unser Beten und Singen, unsere Andacht und unser Weg – ja überhaupt die Wahrnehmung und die Pflege des gesamten kirchlichen Brauchtums – glaubwürdig und überzeugend erscheint.
Dann aber erweist es sich hauptsächlich und letztendlich in unserem ganz alltäglichen Dasein und Verhalten. Wie wir einander begegnen. Welche Sprache wir sprechen. Welche Briefe wir schreiben und welche Worte wir wählen.
Ob wir die Verehrung der Hl. Eucharistie, die wir heute traditionell begehen, auch an ganz normalen Tagen der Woche hochhalten, wenn wir die Hl. Messe mitfeiern. Von der regelmäßigen Feier der Hl. Messe an Sonn- und Feiertagen ganz zu schweigen.
Ob uns bewusst ist, dass niemand für sich allein und schon gar nicht ohne die Kirche seinen Glauben leben kann.
Ob wir daran glauben, dass Gott – wie der Apostel sagt – „das Niedrige in der Welt und das Verachtete erwählt hat, das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“[1]
Und nicht zuletzt, ob wir den Mut haben, in unseren ganz alltäglichen Begegnungen von unserem Glauben zu sprechen oder wenigstens noch davon, dass wir in die Kirche gehen und aus welcher Kraft wir leben. Und ob wir überhaupt dazu in der Lage sind, ohne dass wir uns dabei mit unserer Frömmigkeit oder unserer Bildung vor dem anderen großtun und ihn nur damit beschämen.
Kürzlich titelte eine Zeitschrift in einem Artikel über die Zukunft der Kirche: „Mag die christliche Kirche der Zukunft auch so klein sein, dass sie wieder in ein Wohnzimmer passt – ihre Sendung bleibt so umfassend, dass die Welt nicht groß genug ist.“ – (Dabei gehört die Rede von der Sendung auch schon wieder einer Sprache an, mit der schon vor über 30 Jahren eines meiner Erstkommunionkinder nichts mehr anfangen konnte und darunter nur die Rede von einer Rundfunk- oder Fernsehsendung verstand.)
Jahr für Jahr erklärt die Katholische Nachrichtenagentur ihren Lesern, was das Wort Fronleichnam bedeutet und worin es seinen Ursprung hat. Zunächst verbindet der Normalverbraucher ja mit diesem Wort nur das Ende aller Möglichkeiten eines Menschen, nämlich wenn er tot ist. Er wird aber zugleich daran erinnert, dass unser Herr mit der Einsetzung der Eucharistie beim Abschiedsmahl mit seinen Jüngern das Werk seines himmlischen Vaters in der Kraft des Geistes vollendet, in der er sich für uns am Kreuz dahingegeben hat.
Gerade dann, wenn aller äußere Aufwand, aller Ruhm und alle Rede im Tod ans Ende gekommen sind, dürfen wir hoffen, dass ER, dem niemand zu klein und zu gering ist, unsere armselige, erbarmungswürdige irdische Existenz zum ewigen Leben verwandeln wird. Amen
[1] vgl. 1Kor 1,28