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„Im Jahr der Priester – Bitte um Berufungen“

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2010

20.02.2010 19:00

Aufgrund der aktuellen Situation ergänzte Fassung des am 1. Fastensonntag zu verlesenden Hirtenwortes! - „Im Jahr der Priester – Bitte um Berufungen“

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Kinder und Jugendliche!

Am Herz-Jesu-Fest im Juni des vergangenen Jahres hat Papst Benedikt XVI. ein besonderes Jahr ausgerufen, das uns noch bis zum Herz-Jesu-Fest am 11. Juni in diesem Jahr begleiten wird: das so genannte „Jahr der Priester“. Das „Jahr der Priester“ soll dazu beitragen, dass die Priester sich der Schönheit und der Bedeutung ihrer Berufung erneut bewusst werden; es soll aber auch die Gläubigen für die Notwendigkeit des Priestertums auf neue Weise empfänglich machen und so nicht zuletzt die Offenheit junger Menschen für den Ruf Gottes in die besondere Nachfolge fördern.

Der Priester ist unersetzbar

Bei meinen vielen Besuchen in den Pfarrgemeinden unserer großen Diözese treffe ich häufig auf Menschen, die mir besorgt sagen: „Herr Bischof, hoffentlich bleibt unser Priester, den wir als menschlichen und geistlichen Hirten dringend brauchen.“ Diese Menschen nehmen mit einem wachen Blick wahr, dass die Kirche ohne den priesterlichen Dienst nicht existieren kann und wir ohne diesen nicht zur innigsten Christusverbundenheit kommen könnten. Wir brauchen die Priester, die Jesus in die Nachfolge der Apostel berufen hat mit dem Auftrag, in seinem Namen unverfälscht die Botschaft des Evangeliums zu verkünden und die Sakramente zu spenden – besonders aber am Sonntag, an seinem Auferstehungstag, in der Heiligen Messe das eucharistische Opfer „mit ihren Händen im Namen der ganzen Kirche … auf unblutige und sakramentale Weise dar(zu)bringen, bis der Herr selbst kommt.“ (PO 2)

Nicht selten trifft man allerdings auf die Meinung, dass wir gar nicht unbedingt Priester bräuchten, da wir durch Wortgottesfeiern und andere Gottesdienstformen die Botschaft Jesu Christi durchaus erfahren und weitergeben könnten. Dies alles hat seinen Wert und seine Berechtigung, jedoch muss nochmals betont werden, dass der Priester und sein Handeln im Auftrag Jesu nicht zu ersetzen sind, denn „Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen als Haupt seines Leibes, Hirt seiner Herde, Hoherpriester des Erlösungsopfers und Lehrer der Wahrheit.“ (KKK 1548)
Ausgehend von diesen Gedanken über das Priestertum kann leider eine aktuelle Situation, die uns alle sehr schmerzt, nicht ausgeblendet werden:

Die jüngst bekannt gewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern durch Priester können und dürfen nicht beschönigt werden. Sie stellen menschliche Abgründe dar. Ich bitte Sie aber, nicht zu übersehen, dass die überwältigende Mehrheit unserer Priester ihr Leben an höchsten moralischen Ansprüchen orientiert. Ihr segensreiches Wirken soll nicht durch verallgemeinerndes Misstrauen Schaden nehmen. Das Fehlverhalten Einzelner tut uns allen sehr weh. Mit Papst Benedikt XVI. sage ich: Die Kirche hat solches Verhalten zu jeder Zeit missbilligt und verurteilt.

Gerade in dieser Situation kommt unserem Gebet für die Priester umso größere Bedeutung zu, vor allem auch unserem Gebet für Berufungen, damit sich auch in Zukunft junge Menschen entscheiden, sich mit ihrer ganzen Existenz dem Dienst an Gott und den Menschen zu widmen.

Ein Klima schaffen, das Berufungen fördert

Unsere Priester, die wir in der besonderen Nachfolge Jesu Christi und der Apostel brauchen, fallen nicht einfach „vom Himmel“. Diese Berufungen erwachsen aus unseren Familien, sie haben ihre frühesten Wurzeln gerade in der Erfahrung häuslicher Geborgenheit und Beheimatung, durch welche zuerst der Wert des Glaubens an die Liebe Gottes in Jesus Christus ins Herz gepflanzt wird.

Deshalb kommt es auf einen jeden von uns an, ob und wie wir die Botschaft des Glaubens im Innersten aufnehmen und daraus Kraft für ein bewusstes und positives Leben schöpfen. Wir alle müssen stets bereit sein „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die (uns) erfüllt“ (1 Petr 3,15). Dies ist von größter Bedeutung, besonders wenn wir auf unsere Heranwachsenden und Jugendlichen blicken, gerade auch was ihre persönliche Entscheidungsfindung für ihren Lebensentwurf betrifft.

Dieses Zeugnisgeben beginnt zuerst in unseren Familien: beim morgendlichen Kreuzzeichen auf die Stirn der Kinder, dem gemeinsamen Tischgebet und dem abendlichen Dank- und Bittgebet am Bett der Kinder, in dem ich alle Anliegen und Nöte voll Vertrauen aussprechen kann – und das dann übergeht in das Vaterunser und ein Ave Maria. So schaffen wir die besten Voraussetzungen und ein Klima dafür, dass Priester- und Ordensberufungen wachsen können. Dies alles kann auch festgemacht werden am Beispiel des Johannes Maria Vianney, des heiligen Pfarrers von Ars, der die ersten Erfahrungen mit dem Glauben von frühester Kindheit an in seiner christlichen Familie gemacht hat. Aus Anlass seines Todestages am 4. August 1859, der sich 2009 zum 150. Mal jährte, wurde das Jahr der Priester ausgerufen. Sein Berufungsweg muss deshalb besonders hervorgehoben werden.

Eine Wallfahrt gemeinsam mit Mitbrüdern unseres Priester- und Diakonenvereins und der Marianischen Priesterkongregation führte mich im September nach Ars zu den Stätten des Wirkens von Johannes Maria Vianney. Wir kamen auch nach Dardilly, dem Geburtsort des Heiligen, nahe der großen französischen Stadt Lyon. Ich war sehr beeindruckt, als ich hier das erste Mal erfuhr, dass der kleine Bursche Johannes von seiner Mutter, die ihn suchte, im Kuhstall entdeckt wurde, wo er zwischen zwei Kühen eine kleine Marienstatue mit Jesuskind aufgestellt hatte und in aller Stille kniend und betend auf dieses Bildnis schaute.

Diese Begebenheit zeigt deutlich, dass trotz der damals herrschenden glaubensfeindlichen französischen Revolution der kleine Johannes von Kindesbeinen an auf die gläubige Haltung seiner Eltern und der älteren Geschwister schauen konnte und geprägt war von der Erfahrung der menschgewordenen Liebe Gottes in Christus. Später war der älter werdende Jugendliche Johannes dann so ergriffen von dieser umfassenden Erfahrung Mariens mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, des gewaltigen Universums, der zugleich der liebende Gott und Vater aller Menschen ist, dass er den innigsten Wunsch hatte, in die Nachfolge Jesu Christi einzutreten, sich ihm vorbehaltlos zu verschreiben und Priester zu werden.

Heil und Erlösung können wir nicht machen – es muss von Gott erbeten werden

In der zweiten Lesung haben wir das Glaubenszeugnis des Paulus aus seinem Brief an die Römer gehört. Der einstige Christenverfolger bekennt sich nach seinem überwältigenden Bekehrungserlebnis zu dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn: „Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen. ... Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunden gehen.“ (Röm 10,10 f.)
Durch Leiden, Tod und Auferstehung hat Christus den Satan besiegt. Daher sollen und können wir in diesem Glauben den Versuchungen des Bösen, denen auch Jesus ausgesetzt war – wie wir im Evangelium gehört haben – widerstehen.

Die größte Versuchung – gerade auch unserer Tage – ist es, selbst so sein zu wollen wie Gott, der Vorstellung zu erliegen, uns selbst erlösen zu können, Gott nicht mehr zu brauchen. Wir leben in einer Zeit, die meint, alles selbst machen und gestalten zu können. Wir verwechseln Gesundheit, Wohlstand und technischen Fortschritt mit Heil und Erlösung. Die Absage an Gott gilt als Befreiung von Unmündigkeit und einengenden Gesetzen.

Dieser Versuchung zu widerstehen, setzt eine geistliche Grundhaltung voraus, die wir gerade in unserer Zeit wieder neu beleben müssen: eine Haltung des Empfangens und des Vertrauens auf den größeren Gott, der unserem Tun immer schon voraus ist und es in Liebe umfängt. Wir können Heil, Erlösung und ewiges Leben nicht selbst „machen“ – wir können es nur erbitten und erhoffen, in der Haltung des Vertrauens.
Aus dieser Haltung des Empfangens und des sich Beschenkenlassens mit dem Heil Gottes wird dann auch unser Gebet um Priesterberufungen entspringen. Denn Gott will uns das Heil schenken durch die Sakramente der Kirche. Daher brauchen wir den priesterlichen Dienst: denn nur der Priester kann in der Person Jesu Christi des Hauptes handeln und die Sakramente spenden, besonders das der Eucharistie, das einmalige Opfer Jesu. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie – „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11) – und ohne Eucharistie keine Kirche!

Die gläubige Haltung der Offenheit für das Heil, das von Gott kommt, zeigt sich am tiefsten in unserer Bereitschaft zum Gebet für Priesterberufungen. Deshalb brauchen wir in unseren Pfarrgemeinden, in kleinen oder größeren Kreisen und Gesprächsrunden und besonders in unseren Familien das persönliche Glaubens- und Gebetsleben, das von dieser geistlichen Haltung des Empfangens getragen ist.

Besonders auch das Gebet am Priesterdonnerstag und am Herz- Jesu-Freitag vor dem ausgesetzten Allerheiligsten um Priester- und Ordensberufe ist eine bereichernde und wirksame Erfahrung, die uns das Priesterjahr in lebendiges Bewusstsein bringt.

Unser gemeinsames Zusammenhalten im Gebet ist die wesentliche Voraussetzung, um das Geschenk von Priesterberufungen zu erhalten. Wie Paulus sagt: „Alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen!“ (Röm 10,12)

Diese Wirklichkeit wünsche ich uns allen zu Beginn der neu angebrochenen Fastenzeit und so segne ich Euch, meine lieben Kinder und Jugendlichen und Sie, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Dr. Walter Mixa

Bischof von Augsburg