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Predigt in der Christmette 2012 im Hohen Dom

25.12.2012 09:13

- es gilt das gesprochene Wort -

„Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.“ (PS 118,26) „Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“ (Lk 19,38)

Liebe Schwestern und Brüder,

so riefen die Jünger Jesu, als sie sich zusammen mit ihrem Meister der Stadt Jerusalem vom Ölberg her näherten. Gemeinsam mit ihnen war Jesus im Begriff, nach Jerusalem hinauf zu gehen, um Leiden und Sterben auf sich zu nehmen und seinen irdischen Auftrag zu vollenden. Viele Male hatte er davon gesprochen, um sie auf das, was sich da ereignen sollte, vorzubereiten. Aber diese Botschaft ließen sie einfach nicht bis in ihre Herzen vordringen. Bis zu seiner Gefangennahme waren sie beseelt von der Idee eines irdischen Königtums. Und ihre Enttäuschung nach seinem Tod auf Golgotha wurde nicht weniger von diesem Gedanken bestimmt.

Dabei hatte Jesus von sich weder als dem Messias gesprochen noch als einem König. Er hat wohl Stellung dazu bezogen, wenn seine Jünger oder Gegner ihn darauf ansprachen. Noch in der Stunde der höchsten Gefahr, beim Verhör vor dem Hohen Rat, bekennt er sich dazu und spricht dann doch wieder vom Menschensohn, der von nun an zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen wird. (vgl. Lk 22,69) Und vor dem römischen Landpfleger bekennt er sich zu seinem Königtum, das nicht von dieser Welt ist, und nennt den Grund für seine Ankunft und Geburt: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, das ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ – und fügt dann die bedeutungsvollen Worte hinzu: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (vgl. Joh. 18,36 ff)

Liebe Schwestern und Brüder,

wir dürfen uns glücklich schätzen, heute nach der Wartezeit des Advents seine Ankunft in unserer menschlichen Natur zu begehen. Wir dürfen uns freuen, heute das Fest seiner Geburt zu feiern. Wir sind zusammengekommen, um auf seine Stimme, die Stimme des liebenden Vaters, die Stimme des einen, ewigen Gottes zu hören.

Diese Stimme wird uns Jahr für Jahr auf menschliche Art und Weise vermittelt. Von Menschen, die von sich aus niemals dazu in der Lage wären. Menschen, die selber schwach, von Schuld und Sünde beladen, immer neu der Erlösung bedürfen. Aber Menschen, die dazu beauftragt und gesandt sind, immer wieder aufzutreten und ihre Stimme zu erheben, das Wort zu verkünden, gelegen oder ungelegen, ob man es hören will oder nicht. Menschen, die dazu ausgesandt sind, gleich ihrem Herrn und Meister Zeugnis von der Wahrheit abzulegen. Diese Stimme wird uns vermittelt durch die Kirche, die selber gebeutelt ist in dieser Welt vom Versagen ihrer Glieder. Die aber dennoch bleibend dazu beauftragt ist, Trägerin, Vermittlerin und Hüterin der Wahrheit zu sein. Die Kirche, die mit Schmähung und Verfolgung rechnen muss, je mehr sie für ihren Auftrag eintritt.

Es wird uns nicht zu schwer gemacht, noch immer diese Stimme zu hören. Noch im entferntesten Weihnachtsbrauchtum und weihnachtlichen Geschäftsbetrieb ist diese Stimme zu vernehmen.

Denn Gott selber hat von Ewigkeit her die Initiative ergriffen. Gott bestimmt das Klima, in welchem der Mensch am besten und schnellsten zu ihm gelangt. (P. Joseph Kentenich) Er selber spricht zu uns durch seine Kirche, durch seine himmlischen und irdischen Botschafter nicht nur zu Weihnachten.

„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,11)

In seinem Sohn spricht er genauso zu der Menge, die ihn wegen seiner Einquartierung bei dem Oberzöllner Zachäus kritisiert:

„Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“ (Lk 19,9)

Wie er auch zu dem spricht, der sich nach einem abgewirtschafteten Leben reumütig an ihn gewandt hat:

„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,43)

Mit dem Heute der Geburt Jesu beginnt die Verkündigung, das wahre aggiornamento des Heils für jedermann. Die Stadt Davids ist eben nicht die hohe Stadt Jerusalem, die geistliche und politische Metropole, sondern Betlehem. Betlehem, – das ist die Stadt Isais, des Vaters Davids. Sein jüngster Sohn war ihm gerade gut genug, die Schafe zu hüten, obwohl doch auf ihm die Verheißung zum Königtum über Israel lag.

Betlehem ist auch die Stadt Josefs und Marias, die sich auf ihre irdischen Wurzeln und auf ihre Herkunft besinnen mögen, die aber in Wirklichkeit auf dem Wege sind, treu und gehorsam den Auftrag Gottes zu erfüllen.

Betlehem, – das ist auch die Stadt der Hirten, die bei ihrer Herde Nachtwache halten, also die Stadt derer, die wachsam und somit bereit und empfänglich sind für die unvorhergesehene himmlische Botschaft.

Betlehem, – das ist die unscheinbare Stadt, auf der die große Verheißung des Propheten Micha ruht.

Betlehem, – das ist der Ort all jener, die immer wieder nach dem Willen Gottes fragen und ihr Leben danach ausrichten.

Da geht uns auf, dass die Botschaft von Weihnachten alles andere ist als eine sentimentale Darstellung des Kindes in der Krippe. Das Zeichen, das den überraschten Hirten angegeben wird, ist die Deutung der Person des Menschensohnes sowie Auftrag und Verheißung an alle, die ihm nachfolgen.

Er ist ja selber zu den Menschen, in ihre Städte und Dörfer gegangen und hat ihnen Gottes Reich, das Himmelreich verkündet.

Er hat sich selbst den Menschen zugewandt und keinen davon ausgeschlossen.

Er hat die Kinder zu sich kommen lassen und Menschen wie ihnen den Zugang zum Reich Gottes angesagt.

Im Haus des Brotes, so heißt der Name Betlehem, wurde er geboren. Als das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist und ewiges Leben schenkt, hat er sich offenbart.

Er, dem die Hirten und die Magier aus dem Osten im Haus des Brotes aufsuchten, wurde von den Seinen am Brotbrechen erkannt.

Der außerhalb der Stadt Jerusalems geboren wurde, er sollte auch außerhalb von ihr sterben.

In der Ohnmacht und im Ausgeliefertsein des Neugeborenen nimmt er seine Identifikation mit den Ärmsten und Geringsten schon vorweg.

„Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer“ (Mt 26,11), hält er den Jüngern entgegen, welche die Verehrung, die ihm überreich entgegengebracht wird, beklagen.

Wir dürfen dennoch auch auf diesen Hintergrund seine Zusage an anderer Stelle des Evangeliums verstehen: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)

Denn auf vielfältige Weise können wir ihm seitdem begegnen: In seinem Wort und Sakrament, in Gottesdienst und Gebet, in seiner Kirche, überall, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, und nicht zuletzt in allen, die in Not und Elend unsere Zuwendung und Hilfe brauchen.

Das alles kann für uns bedeuten, nach Betlehem zu gehen, um das Zeichen wahrzunehmen, das Kind in der Krippe zu finden und das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden lässt.

Nach Betlehem aufzubrechen, bedeutet für uns aber auch, unser Glaubenswissen zu vertiefen, das Glaubensbekenntnis zu erneuern und mutig unseren Glauben zu bekennen. An der Krippe unseres Herrn wird es uns geschenkt, zu sehen und zu hören, zu staunen und gläubig zu bekennen. Dort werden wir dazu ausgerüstet und befähigt, weiterzugeben, was wir zuvor empfangen haben, und immer mehr und besser zu dem zu werden, was wir durch unsre Taufe schon geworden sind.

Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, ist ein Fest des neuen Volkes Gottes. Dieses Volk zeichnet sich dadurch aus, dass es seinem Herrn und Gott erkennt, gerade in den Armen, den Schwachen und Hilfsbedürftigen aller Art.

Die Möglichkeit, ihn zu erkennen und uns zu ihm zu bekennen, ist uns in unserer Welt in nahezu unendlicher Weise gegeben. Ein Wort des früheren Oberen des Jesuitenordens Pedro Arrupe im Hinblick auf unsere eigene Gefährdung können wir ohne die geringste Spur des Zynismus auf diese Möglichkeit der Begegnung mit Christus anwenden, nämlich:

„Vielleicht hatten wir noch nie so viele Möglichkeiten dem Herrn glaubwürdig zu begegnen, weil es noch nie so viele Arme und Elende bei uns gegeben hat. In einer Welt, in der die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Doch der da Mensch geworden ist, der von Maria der Jungfrau geboren worden ist, ist nicht gekommen, um die Welt mit Brot zu retten. Er wusste wohl, was die Menschen brauchen, und weiß um ihre leibgeistige Natur. Doch als sie ihn zum König von des satten Volkes Gnaden machen wollten, hat er sich zurückgezogen. Er hat sich ihnen schließlich als das lebendige Brot offenbart, das vom Himmel gekommen ist und Ewigkeit eröffnet. Er ist gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Sein Königtum ist nicht von dieser Welt. Er ist dazu geboren und in die Welt gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Darum gilt auch umgekehrt: Wer seine Stimme wirksam hören will, muss aus der Wahrheit sein. Und nur dann können wir uns glücklich preisen, seine Stimme zu vernehmen, wenn wir im gleichen Zuge willens und bereit sind, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.

Machen wir uns nichts vor: Unzählige Konflikte, Streitigkeiten und kriegerische Auseinandersetzungen haben ihre tiefste Ursache in den verkehrten Strebungen der Menschen, in ihren Sünden und Vergehen. „Das ganze Grauen der Welt“ – so der Dichter Reinhold Schneider – „ist nur ein Abbild des Grauens in unserem Herzen.“

Frieden, so sagte es uns der Exerzitienmeister, bringt nur die Wahrheit über das Ich. Um diesen Frieden zu erlangen, bedarf es keiner umfangreichen Mittel. Wir müssen auch nicht allzu lange Strecken überwinden. Vielleicht genügt ein rechtes Wort zur rechten Zeit, manchmal auch eine deutliche, unüberhörbare brüderliche Zurechtweisung.

Bisweilen ist es vielleicht auch angeraten, sich dessen zu enthalten, was heutzutage oft fälschlicherweise Kommunikation und Information genannt wird.

Nicht zuletzt braucht es vielleicht manchmal nur ein vielsagendes durchgehaltenes Schweigen oder den redlichen Empfang des Bußsakramentes, um Frieden zu erlangen. Und all das geht nicht etwa nur die anderen etwas an, sondern zu allererst dich und mich.

Wenn uns die himmlischen Boten auffordern, uns vor dem Einbruch des Ewigen in unsere Welt nicht zu fürchten, um wie viel mehr müssen wir alle Angst und Furcht vor den Angriffen irdisch begrenzter Mächte und Menschen ablegen.

Es ist an der Zeit, in uns hinein- und aus uns herauszugehen und zu bezeugen, dass wir seine Stimme gehört haben und darum aus der Wahrheit sind und für sie eintreten.

Es ist an der Zeit, nicht nur die leiblichen Werke der Barmherzigkeit, sondern auch die geistigen zu propagieren und einzufordern.

Aus der noch jungen Geschichte des vereinten Europa wissen wir, was sich an Gutem alles schon entwickeln kann, wenn nur zwei Staatsmänner, Außenminister oder Präsidenten gut miteinander können und sich die Hand zur Versöhnung und zum Frieden reichen.

In seiner Menschwerdung reicht uns aber der ewige Gott nicht nur die Hand, sondern schenkt sich uns selber, öffnet uns sein Herz.

Vor einigen Tagen bekam ich einen Weihnachtsgruß mit einem schönen Wort des Theologen Rahner:

"Wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes,
sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in diese Welt hineingesagt.
Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch."

In der Tat, Gott spricht das letzte, tiefste und herrlichste Wort. Es ist kein bloßer Appell, kein Wunsch und kein Gebot. Es ist das Wort der Wahrheit und der Liebe, die er selber ist.

"Verherrlicht ist Gott in der Höhe,
und auf Erden ist Friede bei
den Menschen seiner Gnade."

 

Amen