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Predigt zum Pfingstfest 2014 im Hohen Dom

08.06.2014 15:11

  

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder,

mit dem Titel „Hybris“ überschreibt er sein Buch, ein profilierter Vordenker, wie es heißt, mit dem er eine nach seinem Urteil überforderte westliche Gesellschaft an den Pranger stellt. In einer allgegenwärtigen Hybris – wir können auch von Größenwahn und Selbstüberschätzung sprechen – sieht er die wesentliche Ursache für die tiefgreifende Krise unserer westlichen Kultur. Mit dem Untertitel ‚Glückseligkeit‘ scheint er aber auch zugleich mit dem Christentum abzurechnen. Wenn das Christentum etwas geschafft habe, meint er, dann dieses: Es habe Grenzen beseitigt. Klugerweise allerdings nur im Jenseits. Im Diesseits bliebe alles beim Alten, bliebe alles begrenzt, stellt er abschließend fest.

Wenn er mit dieser Einschätzung auf unsere begrenzte menschliche Natur abhebt, mag er ja durchaus Recht haben, seine Gesamteinschätzung des christlichen Glaubens aber ist mehr als holzschnittartig und läuft, auch wenn sie recht kultiviert daherkommt, mehr oder weniger auf die spöttische Bemerkung des Dichters Heinrich Heines hinaus: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Warum denn, erlauben wir uns da zu fragen, auf der einen Seite die menschliche Perspektive des christlichen Glaubens anerkennen, wenn auf der anderen Seite alles menschliche Dasein ausschließlich zum Terrain der Selbsthilfegruppen erklärt wird??

Am Hochfest des Hl. Geistes feiert die Kirche die ganz und gar entgegengesetzte Sicht der Dinge. In ihrer Liturgie vergegenwärtigt sie was seinerzeit in einem neuen geistlichen Lied gesungen wurde: „Der Himmel geht über allen auf, auf über allen, über allen auf.“ Denn die leidige Trennung zwischen Diesseits und Jenseits wird an Pfingsten gerade aufgehoben. Die unendliche Perspektive zu gewinnen und den Weg dorthin zu beschreiten, wird allen Menschen eröffnet. „In Christus hat Gott Himmel und Erde verbunden, durch ihn schenke er allen Menschen guten Willens seinen Frieden, durch ihn vereine er euch mit der Kirche des Himmels.“ - lautet eine der Segensbitten schon am Hochfest der Menschwerdung unseres Herrn. Da bedeuten die unterschiedlichen Zeitangaben bei Sendung und Empfang des Hl. Geistes keineswegs einen Widerspruch. Viel eher ist es ein erster unübersehbarer Hinweis auf den Reichtum der Verkündigung der Kirche. Nun liegt es an denen, die in gläubiger Erwartung versammelt sind, am Anfang der Kirche wie in den heutigen konkreten Gemeinden und Ortskirchen auf der ganzen Welt, diesen Reichtum zu erschließen.

Denn es geht um die Gabe Gottes, den Hl. Geist. Gott selber will sich den Menschen schenken und ihn aufs Neue zum mutigen Bekenntnis und Glaubenszeugnis befähigen. Das ist das Große an der Verkündigung der Kirche, an ihrer Überlieferung und der Hl. Schrift. Es geht um die Gemeinschaft der Gläubigen und jedes einzelnen gläubigen Menschen mit Gott.

Da bildet das Szenario der Lesung aus der Apostelgeschichte gleichsam nur den Auftakt, den Rahmen und die Ouvertüre von dem, was in der geistgewirkten Entwicklung und Geschichte der jungen Kirche zu wachsen beginnt. Und schon dabei unterzieht sich die Verkündigung des Evangelisten Lukas mit der Rede vom Sturmesbrausen und Feuerzungen der Aufgabe, vor die künftig jeder, der von seiner Hoffnung Auskunft zu geben bereit ist, gestellt ist: Die Sprache des Geistes, den Inhalt unseres Glaubens, die Botschaft von Gott nämlich so zu übersetzen, dass sie von den Menschen aller Zeiten verstanden und angenommen werden kann.

Das sind doch die großen Taten Gottes, die alle Völker der Erde bis zum heutigen Tag in ihrer Sprache verkündet gehört haben: Dass die selbstverschuldete Verstoßung des Menschen aus dem Paradies eben nicht das letzte Wort gewesen ist; dass der Geschichte trotz aller Attacken des Bösen ein Plan der göttlichen Vorsehung innewohnt; dass Schöpfung und Erlösung nicht voneinander getrennt werden können, sondern zusammengehören, ja, nach göttlichem Ratschluss sogar einander bedingen; dass Leiden, Sterben und Auferstehung des Menschgewordenen nur mehr in einem verstanden werden können, und zwar so, dass die Kirche zum Osterfest jubeln kann: O glückliche Schuld, die einen solchen Erlöser verdiente. Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin. Unser Glaube ist doch weit mehr als ein noch so großes sinnstiftendes Lehrgebäude. Glaube ist Leben, es geht um jeden Menschen, dass er davon erfährt, dass er die Frohe Botschaft vom Reich Gottes aufnimmt und sein geplagtes und begrenztes Leben schon auf dieser Erde danach ausrichtet. Gleich dem Schöpfer allen Seins schenkt der Auferstandene den Seinen das neue Leben, wenn er ihnen den Geist einhaucht und den Frieden von Gott vermittelt.

Denn das Reich Gottes ist Nähe, wie einer einmal durch eine geringfügige orthographische Veränderung die Frohe Botschaft unseres Herrn am Anfang seines irdischen Wirkens interpretiert hat. Der Menschensohn hat sich noch deutlicher offenbart, als er den Sinn seines Kommens damit erklärt hat, dass die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben. Und indem er ihnen auch den Weg benannt und zuerst beschritten hat mit jener größeren Liebe, die kein anderer hat als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde.

Schon in diesem irdischen Leben und wenn einer will, im Diesseits, können wir unsere Erfahrungen machen mit dem neuen Leben von Gott, dass wir in Taufe und Firmung empfangen haben. Dass es nämlich besser ist, zu trösten, als getröstet werden zu wollen – zu verstehen, als immer nur verstanden werden zu wollen – zu lieben, als nur geliebt werden zu wollen.

Ja lieber verwundbar zu sein als lieblos und hart. Denn wir leben ja nicht nur von dem, was wir uns sehnlichst wünschen, auch nicht von dem, war wir einmal selber ergriffen haben und nun auf immer zu besitzen meinen, sondern wir leben vom steten Handeln Gottes, das alles Verstehen übersteigt, die Grenzen überwindet und vor allem von seiner unausschöpflichen Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Hl. Geist. Um den Menschen diesen Weg zum Leben zu eröffnen und immer wieder freizumachen, hat er seinen Beauftragten die Vollmacht zu Vergebung der Sünden gegeben. Wer darin nur die Selbstlegitimation einer Amtskirche wittert, soll sich fragen, ob denn überhaupt einer von uns von Herzen vergeben und verzeihen kann außer in der Kraft des Hl. Geistes. Denn was nützte einem Menschen alle sakramentale Vergebung, sein Frieden mit Gott, wenn seine Mitmenschen dies nicht nachvollziehen und zugeben wollen? Was bedeutet denn aller kirchenamtlicher Nachlass, wenn dabei übersehen wird, dass da lebendige Menschen auf der Strecke geblieben sind, obwohl wir uns hätten ihrer annehmen und sie mitnehmen müssen? Daran ist gewiss zu erkennen, ob einer des Geistes Gottes ist, wenn er verzeihen und sich immer wieder von Neuem darum bemühen kann.

Das alles haben wir uns ja nicht selber ausgedacht. Jesus selbst hat es uns beigebracht, als er uns zu beten gelehrt hat: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Mit unserer schuldbeladenen Existenz und Hartherzigkeit müssten wir manchmal wohl eher darum bitten, dass sich der himmlische Vater nicht nach unseren Vorgaben richten möge. Denn allein der Geist Gottes vermag allen möglichen Zusammenschlüssen wahre Einheit zu verleihen. Allen Versammlungen der Menschen, mögen sie nun aus Furcht die Türen verschlossen haben oder betend das Kommen des verheißenen Trösters erwarten, vermag er bleibende Gemeinschaft und Einheit zu stiften. Gemeinschaft, die sie auch dann noch zusammenhält, wenn sie in der Verfolgung auseinandergetrieben und in die Diaspora verstreut sind.

Denn der, der den Geist verleiht und übergibt, zeigt Wunden und erinnert an seine Worte: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis, aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Jo 16,33). Mit einer allüblichen Betroffenheitssprache ist es doch fast gebräuchlich geworden, voller Selbstmitleid seine Verletzungen geltend zu machen und sogar Wunden zu zeigen, aber nicht, um den anderen zu befrieden, sondern um ihn zu beschämen oder ihn gar psychisch unter Druck zu setzen. Durch die Wunden des Auferstandenen sind wir erlöst, und sie bleiben fortan das Erkennungszeichen seiner Liebe. Denn erst nachdem er die Wunden seines Herrn wahrgenommen hatte, gelangte der Apostel Thomas zum Geist der Anbetung und zur Überwindung seiner Selbstbegrenzung durch seine Abwesenheit vom Kreis der Apostel und seine Zweifel. „Nur in einem Raum von Liebe und Anerkennung können wir unsere innerste Wahrheit entdecken und das Beste entwickeln“ – schreibt der tschechische Theologe Thomas Halik und fährt fort „… doch die Liebe ist immer ein großer und riskanter Schritt. Wer liebt, läuft Gefahr, enttäuscht und verwundet zu werden …“ und er bekennt „Der Glaube, dem ich mich verpflichtet fühle, trägt Wunden.“

Zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation in Europa aber nimmt er mit den Worten Stellung: „Das Christentum ist nicht darauf angewiesen, eine Flagge zu sein, die über Europa weht. Aber Europa und die Welt sind auf Menschen angewiesen, die dem Wort ‚Liebe‘ jene tiefe Bedeutung wiedergeben, die es einmal in der radikalen Botschaft des Evangeliums hatte.“ Ich halte es nicht für einen Zufall, dass der eingangs erwähnte Autor mit dem Titel seines Buches auf ein alttestamentliches Motiv Bezug nimmt, mit dem sich Menschen selbstherrlich anmaßten einen Turm zu bauen, um sich nie mehr zu verstreuen, die aber mit diesem Vorhaben kläglich gescheitert sind und das ganze Gegenteil bewirkt haben. Es ist wohl alles andere als eine Ermutigung, diese alttestamentliche Erklärung der Vielzahl und Vielsprachigkeit der Völker als ein böses Omen für alles menschliche Streben nach Einheit und Einmütigkeit anzusehen. Manche Exegeten schreiben es einer erbaulichen Auslegung zu, wonach Pfingsten die babylonische Sprachverwirrung überwunden habe. Hat es sie etwa nicht? Sollten wir uns davon nicht ermutigen und auferbauen lassen? Damit ernst zu machen, erfordert zunächst nur unsere ganz natürlichen Fähigkeiten. In jeder Feier des Gottesdienstes der Kirche sind wir dazu eingeladen, gerade das umzusetzen und uns zu vergegenwärtigen. Indem wir nämlich mit unserem Beten und Singen mit einer Stimme im Hl. Geist bekennen: „Jesus ist der Herr“ und vor allen Menschen bezeugen: „Es ist der eine Geist Christi, der in der Kirche die Vielfalt der Gaben und Dienste bewirkt und es ist derselbe Geist der die Einheit des Bekenntnisses und des Glaubens vollbringt. Amen