Predigt: Diakonenweihe in der Basilika St. Ulrich und Afra

02.05.2015 19:14

- es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Schwestern und Brüder, verehrte liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Weihekandidaten!

Seitdem die sogenannten Skrutinien, die bischöflichen Prüfungsgespräche für die Eignung der Kandidaten, zur Weihe zum Diakon zugelassen zu werden, seitdem diese Gespräche abgeschlossen waren und ich an diesen Weihegottesdienst und die fällige Ansprache dachte, hatte ich es mir vorgenommen. Ich hatte mir vorgenommen, diese meine Worte mit dem Ausdruck großen Bedauerns zu beginnen. Mein Bedauern nämlich darüber, dass ich mir nicht bei jedem dieser Gespräche diese oder jene Notiz gemacht habe über die Antworten, die die einzelnen Kandidaten ihrer jeweiligen persönlichen Ausprägung entsprechend gegeben haben.

Da war nämlich nicht der Hauch des Eingelernten noch eines gängigen Klischees. Da war nur Eigenständigkeit und Bereitschaft, vernünftig und geistlich Begründetes, durch eigene Lebenspraxis und Erfahrung Geprüftes und dazu überzeugend Glaubwürdiges zu verzeichnen. Wie so oft, waren auch diese Gespräche für mich keine Einbahnstraße von Frage und Antwort, sondern gegenseitige Ermutigung, Bestärkung und Bestätigung.

Und darum bedeutet das Bedauern im Nachhinein, dass mir dabei einige wertvolle Notizen und Formulierungen entgangen waren, nichts gegenüber der Gelassenheit, Dankbarkeit und Freude, diesen Tag der Weihe von zehn gut ausgebildeten Männern zu Diakonen der Kirche auf dem Weg zum Priestertum erwarten zu dürfen. Und ich gehe gewiss nicht fehl in der Annahme, dass auch Sie, liebe Schwestern und Brüder, von dieser Freude berührt und erfüllt sind. Und nicht viel anders wird es wohl auch den Gemeinden der Praktikumspfarreien ergehen, in denen die Weihekandidaten schon eine geraume Zeit pastoral wirken und deren geistliche Vollmacht und Kompetenz nun um eine Erhebliches ausgeweitet, durch die Weihe hinterlegt und durch die Kirche beglaubigt werden.

Als Diakone der Kirche sollt Ihr fortan in der Kraft des Hl. Geistes dem Bischof und seinem Presbyterium helfend zur Seite stehen. Im Dienst des Wortes, des Altares und der Liebe sollt Ihr für alle da sein.

Im Gottesdienst verkündet der Diakon das Evangelium, bereitet die Gaben für das eucharistische Opfer und teilt den Gläubigen den Leib und das Blut Christi aus. Im Auftrag des Bischofs soll der Diakon Ungläubige und Gläubige ermahnen und in der Lehre der Kirche unterrichten, Gebetsgottesdienste aller Art leiten, den Brautleuten assistieren, die sich vor Gott und der Kirche füreinander verbürgen, und sie segnen, den Sterbenden die hl. Wegzehrung bringen und die Verstorbenen zur letzten Ruhe bestatten.

Dann aber heißt es geradezu feierlich und hervorgehoben im Weiheritus: Auf Grund apostolischer Überlieferung durch Handauflegung geweiht und dem Altar eng verbunden versehen die Diakone im Auftrag des Bischofs oder des Pfarrers den Dienst helfender Liebe.

Unsere Freude aber reicht in Gestalt der Hoffnung noch weit über diesen Tag hinaus: So Gott nämlich will und es uns gegeben ist, dürfen wir die Weihe von 10 Diakonen zu Priestern erwarten, die in persona Christi einmal sein einzigartiges Heilsopfer in der Feier der Eucharistie gegenwärtig setzen werden.

Der Diakon auf dem Weg zum Priestertum erinnert uns an den Weg der Kirche in der vorangegangenen Geschichte ebenso wie an unser aller persönlichen Weg, an den Wegcharakter unserer pilgernden christlichen Existenz und unser aller Ziel in der Nachfolge Christi, nämlich mehr und mehr dem ähnlich zu werden, der selber der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, unserem Herrn Jesus Christus.

Stehen wir nicht vor einem durchaus vergleichbaren Wandel der Kirche heutiger Zeit mit dem der Kirche des Anfangs?

Zu jener Zeit ging es darum, das Evangelium über das erste Volk Gottes der Juden hinaus zu allen Völkern zu bringen. Auch damals mag das auf den ersten Blick als eine kaum zu bestehende Herausforderung erschienen sein. Und auch wenn inzwischen Jahrtausende der Geschichte der Kirche vergangen sind, geht es doch heute um keinen Deut weniger darum, endlich das zu verinnerlichen und als Aufgabe zu erkennen, was schon der ausdrückliche Auftrag Jesu an seine Jünger war:

„Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes, und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“[1]

Sind wir nicht schon viel zu lange immer wieder nur unter uns geblieben? Sind denn die Zahlen derer, die zum Glauben kommen und sich taufen lassen im Verhältnis zur Gesamtzahl der registrierten Katholiken ungleich höher und überwältigender als die Zahl derer, die sich für den diakonischen und priesterlichen Dienst entscheiden? Ist es denn eine überraschende Entdeckung oder bedeutet es etwa eine böswillige Provokation, wenn wir feststellen müssen, dass wir nicht nur einen Mangel an Priestern sondern auch einen immer größer werdenden Mangel an Gläubigen haben? Ist es denn wirklich vor allem der pastoralen Sorge zuzuschreiben, dass bei manchen die bedauerlich Gescheiterten stärker im Focus stehen, als die, die da in Treue und Liebe, in guten und in schlechten Tagen dem Lebensentwurf treu bleiben, den sie einmal miteinander vor Gott und der Kirche gefasst haben?

Wahre Barmherzigkeit mit den Gescheiterten vollzieht sich in der konkreten Annahme im gesamten Alltag, im ungebrochenen mitmenschlichen Umgang miteinander – und nicht nur mit einem Erlass von oben, dass unter bestimmten Bedingungen – wer mag sie denn wohl alle schon erfüllen können – schmerzhaft Getrenntes und bleibend Verantwortliches einfach aufgehoben und aus der Welt ist?

„Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen“ – hören wir Jesus im Evangelium sagen. Und wir denken dabei vielleicht immer nur an das Aufsehenerregende, das Spektakuläre und Überwältigende wie die Verwandlung des Wassers in Wein oder die Auferweckung des Lazarus. – Warum denken wir dabei nicht an den Herabstieg unseres Gottes in seiner Menschwerdung, an seine Selbsterniedrigung, seine unendliche Geduld mit den Menschen, seine Lebenshingabe von Anfang an und an sein Lebensopfer zum Heil der Menschen? Und wenn Jesus dann noch hinzufügt, dass der, der an ihn glaubt, noch größere Werke vollbringen wird, ist das denn nicht eine ungeahnte Ermutigung, und eine einzigartige Verheißung zugleich für jeden diakonischen Dienst?

Schon bald nachdem die Apostel Diakone für den Dienst an den Tischen erwählt hatten, um selber beim Dienst am Wort bleiben zu können, hören wir von der Verkündigungstätigkeit der Diakone Stephanus und Philippus, vom Lebenszeugnis des ersten Märtyrers der Kirche und von dem missionarischen und katechetischen Tun des Diakons Philippus auf der Straße nach Gaza.

Denn alles wahrhaft diakonische Handeln strebt auf die Verkündigung der Frohen Botschaft zu und findet darin seine Vollendung. Ja, alles diakonische Tun ist selber schon eine Predigt, das sich auch selber zu erklären vermag, damit auch andere verstehen, welchen Schatz die Überlieferung der Kirche bedeutet, aber auch die anderen nicht weniger erkennen, wo sie vom Irrtum gefangen sind.

Ob uns das, was die Kirche in leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit unterscheidet, gleichermaßen bewusst und geläufig ist? Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien, Tote bestatten – aber nicht weniger die Werke, die der Youcat sogar „geistliche“ Werke der Barmherzigkeit nennt, nämlich: Unwissende belehren, Zweifelnden recht raten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, denen, die uns beleidigt haben, gern verzeihen, Unrecht geduldig ertragen und für die Lebenden und die Verstorbenen beten. Davon zu hören und das heute umsetzen zu wollen, braucht Mut, gerade weil wir doch bestenfalls um Gerechtigkeit bemüht und bestrebt sind, Harmonie und Frieden unter allen Umständen zu bewahren.

Nur keinen faulen Frieden, ruft uns ein weltlicher Dichter zu, lieber kein Leben.

Denn es braucht schon Mut, Worte hören zu wollen wie: Sünder zurechtweisen, Beleidigern zu verzeihen und Unrecht zu ertragen. Es braucht schon Mut das unterscheidende – ja richtende Wort der Apostel zu vernehmen, als sie von denen abgelehnt werden, die doch am besten hätten disponiert sein sollen für die Aufnahme der Frohen Botschaft. Und nur wer von Geist des Evangeliums beseelt ist, kann nachvollziehen, wie sie ganz nach der Weisung ihres Herrn im Evangelium den Staub von den Füßen schütteln und weiterziehen.

Liebe Brüder, jetzt sollt Ihr zu Diakonen geweiht werden, dem ersten Weihestand der Kirche, aber das bedeutet nicht Einengung, Klassifizierung oder Einordnung und Beschränkung auf das Lückenbüßertum, sondern Weitung, Sendung im Hl. Geist gerade auch für das nichtorganisierte diakonische Zeugnis, das ein missionarisches Zeugnis ist. Dieses missionarische Zeugnis denkt weiter, geht weiter, weil es nicht nur die Not der Armen, Zukurzgekommenen und Benachteiligten der Gesellschaft sieht, sondern das geistig-geistliche Elend aller scheinbar noch so abgesicherten, satten und selbstzufriedenen Mitmenschen.

Es war gewiss nicht schwer, mein anfänglich geäußertes Bedauern als ein rein theoretisches, rhetorisches Bedauern über ein persönliches Versäumnis zu durchschauen.

Unsere Freude aber ist eine zutiefst reale mitten in einer Welt, in der es leider auch mitten unter uns allzu viele gibt, die es nicht fassen, sondern nur bedauern und als leidige Zwangsverpflichtung verstehen können, was heute zehn junge Männer nach intensivem Studium, langjähriger geistlicher Übung und sorgfältiger persönlicher Prüfung vor Gott und der Kirche versprechen werden.

Daran scheiden sich die Geister, was sogar bis zum Bruch menschlichen Miteinanders führen kann und was die eigentliche Auseinandersetzung und Entscheidung bedeutet, vor die letztlich jeder von uns auf die ihm angemessene Weise gestellt ist.

Aber was sich zunächst als das Ergebnis der Verkündigung der Apostel Paulus und Barnabas nach ihrer ersten Predigt in Antiochia dargestellt hat, nämlich Ablehnung, Verfolgung, Flucht und Vertreibung, hat sich schließlich als Chance zur Neuausrichtung, als gelungener Neubeginn und als freudige Erfüllung im Hl. Geist erwiesen.

Liebe Brüder,

welche Herausforderungen Euer Dienst und Euer Leben als Männer der Kirche für Euch bereit hält, wissen wir nicht. Wie auch wir, die Älteren und schon länger Gedienten, nicht haben wissen können, was uns an Aufgaben und Prüfungen, ja vielleicht sogar an Anfechtungen in ganzer Breite alles noch bevorgestanden hat. Was uns aber demgegenüber an Weite und Erfüllung eröffnet worden ist, was wir an Barmherzigkeit und Liebe selber erfahren haben und welche tiefe Bestätigung der Wahrheit der Frohen Botschaft uns immer wieder geschenkt worden ist, das können wir niemals genug bezeugen.

Wer im gelebten Glauben immer wieder über sein kleines Ich und sein Fassungsvermögen hinaus in die Weite Gottes hineinwächst, wer mit Gottes Hilfe und im Hl. Geist immer wieder die Werke vollbringt, die unser Herr Jesus Christus vollbracht hat von seiner Selbstoffenbarung in der heimatlichen Synagoge an bis zur Hingabe am Kreuz, der darf auch zuversichtlich darauf hoffen, einst aus seinem Munde die Worte zu hören: „Komm, du guter und getreuer Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn.“[2] Amen

[1] Mt 28,19f

[2] vgl. Mt 25,21