Predigt zur Eröffnung der Aktion Adveniat 2014

30.11.2014 10:51

- es gilt das gesprochene Wort-

Verehrte Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Auch wenn man sich mittlerweile fast schon daran gewöhnt hat, dass bei vielen Autofahrern die Blinkanlage immer mehr außer Gebrauch zu geraten scheint, da waren wir, mein Fahrer und ich, doch einigermaßen erschrocken. Als nämlich der Wagen ein gutes Stück vor uns nicht nur die Spur wechselte ohne zu blinken, sondern nach und nach immer weiter nach links abdriftete, bis er schließlich an der Leitplanke landete, die sich ihm unnachgiebig in den Weg stellte und ihn kratzend, schleifend und funkensprühend daran hinderte, auf die Gegenfahrbahn zu geraten. Sekundenschlaf nennen das die Fachleute, aus dem der Fahrer dann doch mit tiefen Schrecken jäh erwacht sein musste, um nunmehr hellwach wieder langsam nach rechts zu gleiten bis zum Standstreifen, auf dem er schließlich zum Stehen kam. Das war nun noch einmal mehr als glimpflich abgegangen und potentiell auch für alle anderen Beteiligten.

Wenn viele von der Adventszeit als einer Zeit der Besinnung sprechen – dann weiß ich nicht, ob damit eine solche Besinnung oder vielleicht auch nur eine Ruhephase gemeint ist, wie sie unser Unfallfahrer jetzt nötig hatte.
Aber Innehalten, und vielleicht sogar darüber nachdenken, wie einer abdriften und von der rechten Spur abkommen kann, das könnte schon auch manch anderen Zeitgenossen, wo immer sie auch wohnen, angeraten werden.
Wie kommt es denn und worin liegen die eigentlichen Ursachen dafür, dass heute weltweit junge Menschen einer ungesteuerten Migration, den Drogen oder der Gewalt zum Opfer fallen?
Wie kommt es denn, dass wir auch in den Ländern des Wohlstands eine durchaus vergleichbare Problematik verzeichnen müssen?
Sind es nur eine gediegene Berufsausbildung, ordentliche Gesundheitsfürsorge und Arbeitsplätze, die ihnen da heraushelfen können?

Gar nicht einmal viel anders sah sich das Volk Israel, in dessen Namen der Prophet Jesaja spricht, gezwungen innezuhalten und sich zu besinnen. Seine Besinnung reicht von der Anklage Gottes bis zur Selbstanklage und mündet schließlich in den leidenschaftlichen Gebetsruf: Reiß doch den Himmel auf und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. (Jes 63,19b). Was wir so traut, vielleicht allzu vertraut als eines unserer Adventslieder singen, das ist doch in Wirklichkeit ein Notschrei, eine gleichsam mit letzter Kraft ausgesprochene Bitte.

Rufen wir nicht auch nach dem äußersten und endgültigen Eingreifen Gottes, wenn wir beten: Adveniat regnum tuum – Zu uns komme dein Reich? Und doch sind wir uns des tiefen Sinnes dieser Bitte oft gar nicht so recht bewusst, sind uns gar nicht so recht darüber einig, was wir denn eigentlich damit meinen, und denken schon gar nicht daran, an unserem Alltagstrott auch nur das Geringste zu verändern.

Sich besinnen aber heißt doch wohl, bei allem, was wir tun und lassen, die Frage nach dem Sinn stellen oder den Dingen, mit denen wir uns beschäftigen, einen Sinn geben oder geben lassen. Dann aber wird die Antwort auf die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen zwangsläufig zum Programm. Dann erst sind wir in der Lage, die Zeit und den Lauf der Dinge, unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen zu be-sinnen, ihnen Halt und Richtung zu geben.

Dann erst werden die anderen merken, dass wir ihnen etwas zu bringen haben, wenn wir nicht im eigenen Namen daherkommen, sondern im Namen des Logos, des menschgewordenen Sinns, unseres Herrn Jesus Christus.
Gutes zu tun und darüber zu reden, kann sehr schnell zum Eigenlob und zur Selbstdarstellung verkommen. Es gilt vielmehr das Richtige zu tun und darüber zu reden, wie die korrekte Übersetzung dieser ersten amerikanischen Medienmaxime lauten müsste. (Ivy Lee: „Doing right and talking about.)

Richtig handelt, wer die richtige Reihenfolge beachtet. Bevor wir beten: Dein Reich komme (Adveniat regnum tuum), beten wir: Geheiligt werde dein Name (Sanctificetur nomen tuum). Die Menschen müssen merken, dass wir in der Spur bleiben, dass wir alles, was wir unternehmen, im Blick und mit der Ausrichtung auf unseren Herrn tun. Wir heißen Kirche, weil wir zum Herrn gehören, nicht weil wir uns zusammengeschlossen und etwa einen sozialen Sinn entwickelt haben. Wir sind nicht nur auf die Zukunft ausgerichtet, sondern auf die Ewigkeit. Und nur wer dem Menschen die Perspektive Ewigkeit eröffnet, wird ihm auch Zukunft bieten können. Darum dürfen wir das Wissen um die Ewigkeit nicht einfach stillschweigend voraussetzen, sondern wir müssen immer wieder darüber reden.

Alles, was wir im Namen und im Auftrag unseres Herrn zu tun haben, vermögen wir auch nur in seiner Vollmacht zu vollbringen. Dann sind wir auch davor gefeit, auf andere Menschen, die unsere Hilfe brauchen, von oben herabzuschauen. Dann werden wir auch nach i h r e m Zeugnis fragen und sie selbst zu Wort kommen lassen.

Die Antwort auf die Frage, ob es schon während dieser Weltzeit ein Handeln nach dem Maß Gottes gibt, der in der Welt der äußeren Machtausübung entsagt, wurde uns schon mit dem Gleichnis Jesu von den anvertrauten Talenten gegeben. Ja, wir sind gehalten, nach seinem Willen und in dieser Welt nach Gottes Maß und Auftrag zu handeln. Gott gibt uns nicht nur so viel Gnade und Zuwendung, dass wir gerettet werden können, sondern er überträgt seine Aufgaben auch nur denen, denen er es zutraut, sie zu erfüllen.
Darum dankt der Apostel Paulus für die Gnade Gottes, die den Christen in Korinth geschenkt worden ist, und dass sie an allem reichgeworden sind in Ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. Weil das Zeugnis über Christus bei ihnen gefestigt wurde, so dass ihnen keine Gnadengabe fehlt, während sie auf die Offenbarung Jesu Christi unseres Herrn warten.

Die Wachsamkeit, zu der wir aufgefordert sind, ist die Entschlossenheit, in dauerndem Bewusstsein des Geschenks der Gnade zu leben und zu handeln.

Von einem Fahrzeugführer wird erwartet, dass er seine Aufmerksamkeit zu gleicher Zeit auf verschiedenste Zeichen und Signale richtet. Um in der Spur zu bleiben, genügt es nicht, allein die mittlere Trennlinie und den rechten Seitenstreifen im Blick zu haben. Immer muss er auch das noch entferntere Ziel vor Augen haben. Trotz moderner Technik und Navigation weiß er dennoch nicht, welche Hindernisse sich ihm noch alle in den Weg stellen und ob er sein Ziel erreichen wird. Wir müssen das Ziel vor Augen haben (!), – und damit verlassen wir den bloß technischen Vergleich und richten unseren Blick auf den wiederkommenden Herrn. Seine lebendige Gegenwart haben wir schon in diesem Leben erfahren wie unzählige Glaubenszeugen vor uns.

Die Ermahnung zu tätiger Wachsamkeit ist nach dem Evangelium des Markus die letzte Weisung Jesu an seine Jünger vor seiner Passion.
In einer Zeit, in der die Christen weltweit verfolgt, diskriminiert, angegriffen und getötet, aber auch verspottet und verhöhnt werden, hat Gottes Wort den absoluten Vorrang. Die Verkündigung der Frohen Botschaft, die Feier der Vergegenwärtigung von Tod und Auferstehung unseres Herrn, unser Gottesdienst und Gebet sind nicht traditionell willkommene Gelegenheiten, unsere Pläne und Projekte zur Weltverbesserung zu offerieren. Sie sind vielmehr Quelle und Lebensstrom, aus denen alle Wohltätigkeit und Barmherzigkeit genährt und belebt werden muss.
Mit der Überlieferung und Niederschrift seines Evangeliums hat der Evangelist Markus selber ein solches nachhaltig wirksames Zeugnis abgelegt: Die Botschaft von dem geschmähten und gekreuzigten Nazarener hat sich als die Frohe Botschaft unseres auferstandenen und erhöhten Herrn Jesus Christus erwiesen. Durch die Jahrtausende hindurch haben unsere Vorfahren im Glauben ihr Leben auf diese Botschaft gegründet.
Unseren Willen und unsere Bereitschaft, unser eigenes Leben nach dem Evangelium auszurichten, erklären wir heute bei der Eröffnung der Aktion Adveniat am realsten und am glaubwürdigsten mit der Feier der Eucharistie, in der wir bekennen: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Amen.