Hoher Dom zu Augsburg

Palmsonntag, 20. März 2005

20.03.2005 11:10

Wir feiern den Palmsonntag. Sein offizieller Name in der Liturgie lautet: „Palmsonntag vom Leiden Christi.“

Diese Bezeichnung macht die zwei Aspekte dieses Tages deutlich, die ineinander verschmelzen: Nämlich: Das Gedächtnis des Einzuges Jesu in Jerusalem, bei dem das Volk ihn jubelnd empfängt; und auf der anderen Seite die Passion. Wir erfahren die Spannung zwischen dem Hosanna und dem Crucifige, zwischen der jubelnden Volksmenge, die den Herrn begrüßt, und der johlenden Masse, die seinen Tod fordert.

Die Palmprozession, die wir eben gehalten haben, will nicht eine historisierende Nachbildung, eine Art Mysterienspiel sein, sondern die öffentliche Bekundung der Christusnachfolge im Glauben und in dankbarer Liebe.

Mit dem Palmsonntag beginnt die große, die heilige Woche des Kirchenjahres. Es ist nicht nur die Woche der Klage und Trauer, sondern die Woche jenes Heilsgeschehens, das wir Pascha-Mysterium nennen. Das Wort Pascha, vom hebräischen pesach, heißt soviel wie Übergang, Hindurchgang und meint die wesentliche Heilstat Christi. Die Kernsätze dafür lauten. „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen“, so Paulus im Philipperbrief. Hier wird in hymnischer Sprache das Pascha-Mysterium besungen als der Hindurchgang des Gottmenschen durch Leiden und Tod zur Auferstehung und Herrlichkeit. Hier stehen wir vor einer unauslotbaren Rettungstat Gottes, die er in Liebe zu uns Menschen auf eigene Initiative durch Jesus verwirklicht hat. So heißt es im Römerbrief. „Gott hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm. 5,8). Dieses göttliche Rettungswerk also begehen wir in der Woche vom Palmsonntag bis Ostern.

Etwas ganz Fundamentales ist dabei zu beachten: Wir tun das nicht nur im Sinn einer Erinnerung an etwas Vergangenes. Vielmehr wird dieses Rettungswerk Christi unter dem verhüllenden Schleier der sakramentalen Zeichen reale und wirksame Gegenwart. Gegenwärtig wird, vor allem in der eucharistischen Feier, der erhöhte Christus mit seinem Hingabewillen, mit seinem Leidensgehorsam, mit seiner Fürbitte für alle Menschen. Gegenwärtig wird er als der Hohepriester des Neuen Bundes mit seinem für uns geopferten und verklärten Leib, mit seinem für uns vergossenen Blut, verhüllt unter den eucharistischen Zeichen von Brot und Wein.

Unter den Menschen, die Jesus damals mit Palm- und Ölzweigen entgegengingen und nach Jerusalem begleiteten, befinden sich, wie uns das Johannesevangelium mitteilt, vor allem jene Augen- und Ohrenzeugen, die bei der Auferweckung des Lazarus dabei waren und gläubig wurden und die nun Zeugnis für ihn ablegen (Joh. 12,17). Die Hosannarufe – Hosanna heißt wörtlich „Hilf doch!“ – sind Huldigungsrufe an den Herrn über Leben und Tod, sind Sehnsuchtsschreie nach dem Kommen des messianischen Reiches.

Hier in Jerusalem sollte sich nun erfüllen, was an gleicher Stätte am 40. Tag nach seiner Geburt der greise Simeon vorausgesagt hatte: dass er zum Zeichen des Widerspruches werde, dass viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden (Lk 2,34). Es kommt in den ersten Tagen dieser Woche zu immer heftiger werdenden Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, bis er dann nach dem Letzten Abendmahl gefangengenommen und nach entehrenden Peinen ans Kreuz geschlagen wird. Davon berichten die Passionstexte am Palmsonntag und am Karfreitag.

Darum haben die Gottesdienste am Gründonnerstag-Abend und am Karfreitag-Nachmittag besondere Aktualität und besonderes Gewicht. Gottesdienstlicher Höhepunkt aber wird der Gottesdienst in der Osternacht, in dem die Osterkerze aufleuchtet, das Gloria und Halleluja nach vielen Wochen Pause wieder erklingt und die Freude über die Gegenwart des auferstandenen Herrn vielfältigen Ausdruck findet. Wem immer es möglich ist, der wird diese Gottesdienste besuchen und sich in Glaube und Liebe mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbinden, der auf jeden wartet, weil er jeden liebt. Zur Teilnahme und Mitfeier dieser Gottesdienste möchte ich Sie alle herzlich einladen.