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Hl. Simpert - Bischof von Augsburg (778 bis 807)

Erstmals nach mehreren Jahrhunderten wurde im September 1977 in der Ulrichsbasilika zu Augsburg das Grab des heiligen Bischofs Simpert geöffnet, das in einem kupfernen Schrein neben verschiedenen Urkunden und einer Lebensbeschreibung vom Jahr 1492 ein fast vollständiges Skelett ohne den Schädel enthielt. Es sind die über 1170 Jahre alten sterblichen Überreste eines Augsburger Oberhirten, der in der langen Bischofsreihe zu den ersten zählt, deren geschichtliche Existenz gesichert erscheint; es sind aber auch die Reliquien eines Heiligen, der über viele Generationen hinweg vom gläubigen Volk in Schwaben höchste Verehrung erfuhr

Simpert (Sintpert, Sindpertus) wurde vermutlich um das Jahr 750 geboren. Höchstwahrscheinlich gehörten seine Eltern zu einer alemannisch-bayerischen Adelssippe, die im Gebiet von Aichach beheimatet gewesen sein könnte und durch verwandtschaftliche Beziehungen mit dem fränkischen Herrscherhaus verbunden war. Nach alter, allerdings nicht belegter Überlieferung, soll die Mutter Simperts eine Schwester Karls des Großen, dieser somit ein Onkel des Augsburger Bischofs gewesen sein.

Wiederum nicht nachweisbar ist eine weitere Nachricht, dass Simpert seine Jugendzeit in der elsässischen Benediktinerabtei Murbach verbracht habe, dort in den Orden eingetreten und schließlich zum Abt gewählt worden sei. Tatsächlich ist für Murbach zwischen 789 und 792 ein Klostervorsteher Simpert bezeugt, der zugleich bischöfliche Würde besaß: die Identität dieses genannten Abtes mit dem Augsburger Bischof gleichen Namens ist aber nicht mit Sicherheit nachzuweisen. Im Dunkel der Geschichte liegen nicht nur Kindheit und Jugend, auch sein priesterliches Wirken im Bistum Augsburg bleibt uns größtenteils verborgen, da die Quellen aus jener Epoche nur spärlich fließen.

In den Jahren, da König Karl gegen die Sachsen kämpfte und das Langobardenreich eroberte, stand Bischof Tozzo der Augsburger Kirche vor. Nach dessen Tod, der für 778 angenommen wird, betraute der Frankenkönig den außerhalb des kirchlichen Sprengels wohnenden Simpert mit der Leitung des Augsburger Bistums. Diesem bestätigte König Karl die bereits von Pippin der Augsburger Kirche geschenkten Güter und vermehrte sie in den folgenden Jahren durch eigene Zugaben. Wenn in einer gesicherten Tradition, die um 788 bis 800 anzusetzen ist, ein Bischof Simpert als Königsbote genannt wird, so könnte damit der Augsburger Oberhirte gemeint sein, ebenso allerdings der Regensburger Bischof Simpert, der 791 auf einem Kriegszug gegen die Awaren gefallen ist. Auf jeden Fall aber gehörte Simpert von Augsburg zu den Vertrauten des fränkischen Königs und Kaisers Karl. Das beweist die Tatsache, dass der Herrscher ihm einige sächsische Geiseln in Obhut gab.

Sicher war es auch Karl der Große, der die Zusammenlegung der Diözese Augsburg mit dem Bistum Neuburg-Staffelsee veranlasste. Bis heute herrscht noch keine absolute Klarheit über die genaue Lage des Neuburger Bischofssitzes und über die Gründungszeit dieses kirchlichen Sprengels. Auf jeden Fall aber erhielt Simpert gegen Ende des 8. Jahrhunderts die Verwaltung des östlich des Lechs gelegenen Bistums Neuburg-Staffelsee übertragen. Diese Maßnahme stand in Zusammenhang mit dem Sturz des Bayernherzogs Tassilo III. im Jahr 788 und der Aufhebung des bayerischen Herzogtums. Bischof Oadalhart, der damals den Neuburger Sprengel pastorierte, wurde möglicherweise als Anhänger Tassilos zur Resignation gezwungen. Als Bischof von Neuburg nahm Simpert im Januar 799 an der unter Vorsitz des Salzburger Erzbischofs Arn tagenden Synode in Reisbach teil, welche sich vor allem mit dem Leben und den Rechtsverhältnissen der Geistlichen, der Einrichtung von Taufkirchen, der Teilnahme von Laien am Gottesdienst und anderen Rechtsfragen beschäftigte.

Dass die königlichen Vorschläge für die von der Bischofsversammlung zu behandelnden Punkte durch den Augsburger Oberhirten Simpert überbracht wurden, zeugt ebenfalls von einem besonderen Vertrauensverhältnis zwischen Karl dem Großen und Simpert von Augsburg.

Nur wenige Jahre nach der Synode von Reisbach konnte Simpert mit Zustimmung des Papstes Leo III. und des Kaisers Karl I. die beiden durch den Lech getrennten Bistümer Augsburg und Neuburg-Staffelsee vereinigen. Diese beiden Sprengel schmolzen sehr bald zu einer Einheit zusammen, so dass der Name des Bistums Neuburg-Staffelsee für mehrere Jahrhunderte vollkommen in Vergessenheit geriet.

Fast 30 Jahre lang, von 778 bis 807, leitete Bischof Simpert die Kirche von Augsburg. Nur wenige Nachrichten sind uns über sein bischöfliches Wirken überliefert. So hat er nach Auskunft mittelalterlicher Schriftzeugnisse, welche durch Ausgrabungsergebnisse der jüngsten Zeit erhärtet worden sind, die St.-Afra-Kirche neu gebaut. Desgleichen wird ihm die Konsekration des Mariendoms an einem 28. September (möglicherweise im Jahr 807) zugeschrieben. Bis dahin trafen sich die Gläubigen zur Eucharistiefeier im ehemaligen Forumstempel, der südlich der heutigen Kathedrale lag. Auch andere Gotteshäuser soll er in seinem Sprengel gebaut haben, so erneuerte er den kleinen Klosterbau in Füssen und leitete die dortige Mönchsgemeinschaft zu klösterlicher Disziplin an. Von Benediktbeuren wird berichtet, dass Simpert im Februar 807 Abt Waltram bestattete und dessen gewählten Nachfolger Eliland zum Klosteroberen weihte. Wenige Monate danach verschied Bischof Simpert. Als Sterbetag belegt ist der 13. Oktober, das Todesjahr 807 kann nur erschlossen werden, doch gilt es höchstwahrscheinlich als gesichert. Die Bestattung erfolgte im Chor der Afra-Kirche.

Nachdem die Ungarn bei der Belagerung Augsburgs im Jahr 955 dieses Gotteshaus zerstört hatten, ließ es der damalige Bischof Ulrich aufbauen und auch die Grablege seines Vorgängers instand setzen. Wieder einhundert Jahre später errichtete Bischof Embryko für das inzwischen gegründete Benediktinerkloster 1064 eine neue Kirche. Aus diesem Anlass wurden die Gebeine Simperts erhoben und erneut beigesetzt. In der Folgezeit weitete sich die zunächst auf engsten Kreis beschränkte Verehrung Simperts aus. Dazu trug der Prior Adilbert von St. Ulrich und Afra maßgeblich bei, der um 1230 eine Lebensbeschreibung verfasste und über verschiedene Wunder berichtete, die sich am Grab Simperts ereignet hatten. Immer häufiger und zahlreicher kamen nun die Hilfesuchenden zur Ruhestätte dieses Augsburger Bischofs, sein Ruhm breitete sich über die Bistumsgrenzen hinaus aus. Die Mönche von St. Ulrich und Afra aber sammelten sorgfältig die gemeldeten Wundertaten in den Mirakelbüchern. Ohne Zweifel förderten die Benediktiner der sogenannten Melker Reform, welche vor der Mitte des 15. Jahrhunderts nach Augsburg berufen worden waren, neben der Erneuerung des mönchischen Lebens auch die Verehrung der in St. Ulrich begrabenen Heiligen und als heiligmäßig geltenden Bischöfe. So ist es nicht verwunderlich, dass der Augsburger Kardinal Peter von Schaumberg im Jubeljahr 1450 unter Vorlage der Wunderberichte Papst Nikolaus V. persönlich bat, Simpert in die Reihe der augsburgischen Heiligen aufzunehmen. Dieser erfüllte den Wunsch, fügte allerdings die Einschränkung an, dass die kultische Verehrung nur in der Grabeskirche gestattet wäre.

Einen besonderen Ehrenplatz erhielten die Gebeine Simperts im rechten Seitenschiff des 1474 begonnenen Neubaus von St. Ulrich und Afra. Dorthin übertrug Bischof Friedrich von Zollern am 23. April 1492 die Reliquien. Höchste weltliche und kirchliche Würdenträger nahmen an dieser Feier teil. Zu ihnen zählten König Maximilian I., die Herzöge Christoph und Wolfgang von Bayern, der englische Kanzler Franz von Ponte, die Äbte von Donauwörth, Fultenbach und Roggenburg und auch die angesehensten Bürger von Augsburg. Eine kunstvoll gestaltete Steinplatte, vermutlich ein Werk von Michel Erhart, schmückte das Grab. Sie zeigt Simpert, angetan mit den bischöflichen Insignien, zu dessen Füßen aber einen Wolf mit einem Kind im Rachen. Dieses Attribut geht auf eine Legende zurück, nach der ein von einer Wölfin geraubtes Knäblein nach Anrufung des Heiligen gesund nach Hause zurückgebracht wurde. Das steinerne Denkmal ist heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu bewundern.

Diese Translatio von 1492 förderte Ruhm und Verehrung des heiligen Simpert. In großen Scharen strömten Pilger zur Grabstätte und erflehten Hilfe und Heilung von vielerlei Gebrechen und Krankheiten. Wenige Jahrhunderte später allerdings verlor der Heiligenkult in den Reformationswirren des 16. Jahrhunderts sehr viel an Anziehungskraft. Erst Fürstbischof Heinrich von Knöringen (1598 bis 1646), ein eifriger Vertreter der katholischen Erneuerungsbewegung, bemühte sich wieder um eine Reaktivierung. Auf sein Drängen hin gestattete Papst Gregor XV. im Jahr 1622, dass das Simpertfest fortan im gesamten Bistum Augsburg liturgisch gefeiert werden durfte. So beging man erstmals am 13. Oktober 1624 in allen Kirchen der Diözese den Festtag des heiligen Simpert, der zugleich zur Würde des 2. Bistumspatrons erhoben worden war.1714 ließ der damalige Reichsprälat von Ulrich und Afra, Willibald Popp, anstelle der spätgotischen Steinplatte ein marmornes Simpertus-Denkmal errichten, das neuerdings dem Kreis um Johann Herkommer von Füssen zugeschrieben wird. All diese Bemühungen aber täuschen nicht darüber hinweg, dass Simpert im Gegensatz zu den Heiligen Ulrich und Afra nie Volkstümlichkeit erlangt hat. Seine Verehrung blieb im Großen und Ganzen auf die Grabstätte in der Augsburger Benediktinerabtei beschränkt und geriet nach Auflösung des Klosters zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast ganz in Vergessenheit. Zwar findet sich noch bis in unsere Gegenwart hinein der Name Simpert in den Taufbüchern, aber nie weihte man ihm zu Ehren in den vergangenen Jahrhunderten eine Pfarrkirche. Erst im Jubiläumsjahr 1924 wurde in Erinnerung an seine Erhebung zum 2. Diözesanpatron (1624) in Augsburg-Ostend eine Notkirche auf den Namen St. Simpert konsekriert und bald danach diese Kuratie zur Stadtpfarrei St. Simpert erhoben. 1974 schließlich löste ein Neubau die Notkirche ab. Er besitzt als kostbare Reliquie das Haupt des heiligen Bischofs. Diese Gebetsstätte könnte neben der Basilika St.Ulrich und Afra zum Ausgangs- und Mittelpunkt einer erneuerten zeitgemäßen Simpertverehrung werden.

Der mittelalterliche Mensch suchte mit seinen Krankheiten und Leiden Zuflucht bei den Heiligen, besonders auch bei jenen, die ihm irgendwie nahe standen. Der Mensch unserer Tage hat ebenfalls seine Sorgen und Nöte zu tragen, die nicht immer durch die Medizin oder durch soziale Hilfsmaßnahmen behoben werden können. Wenn er dann nach Gott Ausschau hält, könnte ihm St. Simpert, ein Heiliger unseres schwäbischen Landes, vertrauter Wegbegleiter und Fürsprecher sein.

(Peter Rummel)