Für euch Bischof – Mit euch Christ

Hirtenwort nach Abschluss des Dienstes als Bischof von Augsburg

04.07.2004 12:11

Fest des hl. Ulrich.

Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Augsburg,

nach Vollendung meines 75. Lebensjahres hat der Heilige Vater mein Rücktrittsgesuch angenommen. Es drängt mich, heute, am Festtag des heiligen Ulrich, noch einmal ein Wort an Sie zu richten.

1. Das Vorbild des heiligen Ulrich
 
Am 31. Januar 1993, am Tag nach meiner Bischofsweihe, durfte ich – eintausend Jahre nach der Heiligsprechung unseres Bistumspatrons – das Festjahr zu seinen Ehren eröffnen. Ich habe das immer als liebevolle Fügung Gottes empfunden, aber auch als große Herausforderung.
In der Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich wird sein unermüdlicher Eifer für die Seelsorge hervorgehoben. Er bereiste auf mühsamen Wegen sein weiträumiges Bistum, um die Pfarreien zu visitieren. Dort hörte er den Anliegen der Menschen zu und suchte die vorgetragenen Probleme zu lösen. Er feierte mit den Gläubigen die heilige Messe, spendete das Sakrament der Firmung und verkündete das Wort Gottes, um die Christen in ihrem Glauben und Gottvertrauen zu bestärken. Die gute Ausbildung der Priester lag ihm sehr am Herzen, und er pflegte einen regen Kontakt mit seinen Pfarrern. In der Kloster schule St. Gallen erzogen, war er sehr auf die würdige Feier der Liturgie bedacht. Zugleich hatte er ein offenes Herz für die Armen und Kranken und tat alles, was in seiner Macht stand, um ihre Not zu lindern. So stand mir dieser bedeutende Bischof stets als verpflichtendes Vorbild vor Augen.
 
2. Ein dankerfüllter Rückblick
 
Liebe Schwestern und Brüder, elfeinhalb Jahre lang durfte ich als 59. Nachfolger Ulrichs Ihr Bischof sein. Mit zwiespältigen Gefühlen scheide ich aus dem Amt. Manches von dem, was ich in den letzten Jahren lieb gewonnen habe, werde ich in Zukunft vermissen. Ich werde gerne zurückdenken an die vielen Begegnungen in der Bischofsstadt und in den Pfarrgemeinden. Es bleibt die dankbare Erinnerung an gute Gespräche und an gemeinsame Beratungen und Überlegungen über die Seelsorge in unserem Bistum.
Zugleich freue ich mich auf ruhigere Zeiten, wenn der Ablauf der Tage nicht schon durch den Terminkalender festgelegt ist. Ich freue mich darauf, mehr Zeit zu haben für die Lektüre guter Bücher, für das Gebet, für Erholung an Seele und Leib.
Es ist aber vor allem eine tiefe Dankbarkeit, die mich beim Rückblick auf die vergangenen Jahre bewegt. Der heilige Paulus bekannte den Christen in Korinth, er sei „in Furcht und Zittern“ zu ihnen gekommen (vgl. 1 Kor 2,3). Ähnliches konnte ich von mir sagen, als ich meinen Dienst in der Diözese antrat. Aber diese Gefühle sind bald verflogen, als ich erfahren durfte, mit welch großer Offenheit ich bei Ihnen aufgenommen wurde. Auf allen Ebenen bin ich einer willigen Bereitschaft zu zielstrebiger Zusammenarbeit begegnet.
Dafür danke ich den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Bistumsleitung. Mein Dank gilt ebenso den Priestern und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seel sorge, in der Caritas, in den Kindergärten und Schulen sowie in der Verwaltung. Ein herzliches Wort des Dankes sage ich den Frauen und Männern in den Ordensgemeinschaften und geistlichen Bewegungen sowie in den kirchlichen Verbänden und Gruppen.
Mit dankbarer Freude habe ich die vielen Frauen und Männer in unserem Bistum wahrgenommen, die sich in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich einsetzen; sie investieren dafür viel Zeit, Energie und Phantasie. Ihnen allen sage ich ein aufrichtiges Vergelt’s Gott!
Nur durch das vertrauensvolle Zusammenwirken so vieler Menschen war es uns möglich, auch in schwierigen Zeiten mit vereinten Kräften unseren Beitrag zum Aufbau des Reiches Gottes in unserer Diözese zu leisten.
In all diesen Jahren habe ich mich stets getragen gewusst vom Gebet vieler Menschen: bei der Feier der Liturgie, beim stillen Gebet Einzelner wie beim gemeinsamen Gebet in den klösterlichen Gemeinschaften und in den Gebetsgruppen, beim Beten des Rosenkranzes. Ich weiß, welch ein wertvoller Schatz die kranken und alten Menschen sind, die in Geduld ihre Beschwernisse tragen und dadurch das manchmal betriebsame Tun der Seelsorger unterstützen.
3. Für euch – Mit euch
Liebe Schwestern und Brüder, als Abt hat mich 18 Jahre lang der Vers aus dem altchristlichen Marienhymnus als Leitwort begleitet und inspiriert: „Iter para tutum – Bereite einen sicheren Weg“. Dieser Wahlspruch enthält eine kraftvolle Spannung: Sicherheit verbindet man gerne mit dem Bild einer Burg, in der man sich vor feindlichen Angriffen verschanzen kann. Ein Weg hingegen ist immer mit Gefahren und Risiken verbunden.
Nun hat Gott uns aber auf den Weg gerufen. Wir sollen unsere vermeintlichen Sicherheiten verlassen und uns auch auf unüberschaubaren Wegstrecken seiner Führung anvertrauen. Dieses Motiv durchzieht wie ein roter Faden die ganze Heilsgeschichte. Es gilt für die Kirche insgesamt, aber auch für das Leben eines jeden einzelnen Christen.
Dieser Wahlspruch lebt in meinem Bischofswappen fort als ein Weg zwischen dem Kreuz der Prüfungen, der Enttäuschungen, der Widerwärtigkeiten, und dem Stern, der uns Orientierung und Hoffnung schenkt.
Dennoch habe ich mir als Bischof ein neues Leitwort gewählt. Es ist das Bekenntnis des heiligen Augustinus: „Für euch (bin ich Bischof), mit euch (bin ich Christ)“.
„Für euch bin ich Bischof“: Als Bischof war es meine Aufgabe, im Auftrag Christi, des Guten Hirten, die mir anvertrauten Menschen auf den Wegen des Heils zu führen. Unter den vielfältigen bischöflichen Aufgaben und Verpflichtungen hatte der Dienst an der Einheit für mich immer einen hohen Stellenwert – Einheit innerhalb des Bistums, Einheit im Bischofskollegium und mit dem Heiligen Vater, Einheit in der christlichen Ökumene. Mir stand dabei eine Einheit vor Augen, die aus der legitimen Vielfalt lebt und diese fruchtbar macht.
Ich bitte Sie inständig, liebe Schwestern und Brüder: Bemühen Sie sich auch weiterhin, „die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält“ (Eph 4,3). Wir schulden unserer zerrissenen Welt dieses Zeugnis unserer Einheit, die letztlich ein Geschenk des drei-einen Gottes ist.
Ein weiteres Anliegen lag mir am Herzen; ich habe es im jüngsten Schreiben des Heiligen Vaters über das Amt des Bischofs wiedergefunden: Der Bischof hat – so der Papst – „im besonderen die Aufgabe, Prophet, Zeuge und Diener der Hoffnung zu sein. Er hat die Pflicht, Vertrauen zu stiften und jedem die Gründe für die christliche Hoffnung zu erklären (vgl. 1 Petr 3,15)“. Als Lehrer des Glaubens durch Wort und Beispiel, als Diener der Gnade, besonders bei der Feier der Eucharistie, und als verantwortlicher Leiter allen pastoralen Tuns in seiner Diözese steht er im Dienst dessen, der von sich gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).
Gerne habe ich für die Menschen unseres Bistums diesen Dienst getan – und doch zugleich oft genug den hohen Anspruch gefühlt: Bin ich ihm gewachsen? Trost und Ermutigung fand ich in der Erfahrung des heiligen Augustinus, der ich meinen bischöflichen Leitspruch verdanke: „Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade; jenes die Gefahr, dieses das Heil.“
„Mit euch bin ich Christ.“ Immer wieder habe ich unsere Gemeinschaft im Glauben beglückend erfahren dürfen. Besonders tief habe ich sie jedes Mal erlebt, wenn ich mit Ihnen Eucharistie feiern durfte. Wie oft durfte ich Ihnen zuhören, wenn Sie von Ihren Glaubenserfahrungen berichteten, von Ihren Freuden und Erfolgen, aber auch von Ihren Enttäuschungen und Rückschlägen, von Ihren Sorgen und Nöten. Auch angesichts mancher ungelöster Probleme und Ratlosigkeiten haben wir gemeinsam den Willen Gottes zu erkennen versucht. Wir durften – wie der heilige Paulus – „miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben“ (Röm 1,12).
Immer wieder habe ich in diesen Jahren entdeckt, dass Pfarrgemeinden, Gruppen und Einrichtungen das „Für euch – Mit euch“ meines Leitspruchs aufgegriffen und im Motto „Füreinander – Miteinander“ für ihr Engagement übernommen haben. Das hat mich gefreut. Heute bitte ich Sie: Halten Sie an dieser Grundhaltung fest, bewahren Sie die gegenseitige Wertschätzung, und verlieren Sie bei aller Vielfalt das Gemeinsame nie aus dem Blick!
4. „Ein Segen sollst du sein“
Liebe Schwestern und Brüder, noch ein Gedanke bewegt mich in diesen Wochen des Abschieds. In meiner Lebensgeschichte hat die Berufung des Abraham eine wichtige Rolle gespielt: Gott fordert Abraham auf, aufzubrechen, seine Heimat zu verlassen und sich auf einen unbekannten Weg zu machen – einzig im Vertrauen auf die Führung Gottes (vgl. Gen 12,1-4). Mitten in dieser Berufungsszene steht die Erwartung Gottes: „Ein Segen sollst du sein.“ Dieser Aufforderung geht freilich Gottes Zusage voraus „Ich werde dich segnen“ (12,2).
„Ein Segen sollst du sein!“ Im Rückblick auf meine Amtszeit entdecke ich Licht und Schatten. Ich sehe Gelungenes und Versäumtes, auch Fehler und Versagen. Ich danke Gott für das, was ich mit seiner Gnade Gutes tun durfte und bitte ihn, er möge es fruchtbar machen. Demütig bitte ich ihn: Ergänze, was ich Gutes unterlassen habe. Korrigiere und biege zurecht, was ich falsch gemacht habe. Heile, wo immer ich verletzt habe.
Bedenkt man die hohen Erwartungen, die an den Bischof gestellt werden, kann man es mit der Angst zu tun bekommen. Da kommt mir ein trostvolles Wort des heiligen Benedikt in den Sinn, das mir Mut macht, auch in Bewusstsein meiner Unzulänglichkeiten mit Zuversicht und glaubensfrohem Vertrauen vor Gott hinzutreten. Es ist das letzte der „Werkzeuge der geistlichen Kunst“, die Benedikt in seiner Regel anführt: „An Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln“ (Benediktusregel 4,74).
Liebe Schwestern und Brüder, Ihnen allen wünsche ich den reichen Segen Gottes auf Ihrem weiteren Pilgerweg. Ich bitte Sie: Lassen Sie sich immer neu auf Gottes Führung ein! Im Vertrauen auf seine treue Begleitung mögen Sie füreinander und für unsere Welt zum Segen werden.
Ich freue mich auf manche Begegnung mit Ihnen auch künftig im Bistum. Im Gebet bleibe ich Ihnen allen verbunden. Beten Sie bitte auch für mich! Und beten wir gemeinsam, dass der Heilige Geist dem Bistum Augsburg einen guten 60. Nachfolger des heiligen Ulrich schenke!
So segne Sie der gütige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist! Amen.
 
Dr. Viktor Josef Dammertz OSB
emeritierter Bischof von Augsburg
 
Es wird empfohlen, die 2. Lesung aus der Zweiten Reihe der Eigenlesungen zum Fest des heiligen Ulrich (1 Petr 5,1-4) zu nehmen.