Mitbauen an einer Kultur des Lebens

Hirtenwort zum Beginn der Aktion Pro Vita

16.09.2001 13:37

Liebe Schwestern und Brüder!

Leben Sie gerne? - Vielleicht antworten Sie spontan mit "Ja!" Sie haben im Urlaub neu entdeckt, wie reich Ihr Leben ist - an großen oder kleinen Erlebnissen in der Natur, an menschlichen Begegnungen. Vielleicht haben Sie wieder gespürt: Mein Leben ist ein Geschenk; weit kostbarer als die Leistung, die ich im Beruf oder in der Schule bringe.

Leben Sie gerne? - Vielleicht verwundert Sie diese Frage aber auch. Leben ist doch so selbst-verständlich, dass wir meist nicht groß darüber nachdenken. Man nimmt das Leben eben, wie es ist, mit seinen Aufgaben, mit seinen Höhen und Tiefen.
 
1. Leben - verfügbar geworden
Doch - ist "Leben" so selbstverständlich? In jüngster Zeit sind viele Fragezeichen aufge-taucht: Wissenschaftler haben einen Durchbruch erzielt beim Erforschen der menschlichen Keimbahn. Gentechnik und Biomedizin machen es möglich, menschliche Embryonen im La-bor zu untersuchen, auszuwählen und sogar zu reproduzieren. Schlagworte wie "Stammzel-lenforschung" oder "Klonen" tauchen ständig in den Nachrichten auf. Forschung und Wirt-schaft drängen darauf, das Gesetz zum Schutz der Embryonen zu lockern, wie es in England schon geschehen ist. Politiker in unserem Land hoffen für ihre Entscheidungen auf einen breiten Konsens in der Gesellschaft. Gleichzeitig hören wir, dass in den USA schon Embryonen für Experimente gezüchtet wurden.
 
Der Anfang des menschlichen Lebens ist machbar und manipulierbar geworden. Schlagzeilen aus den Niederlanden melden zudem, dass rechtliche Wege zur aktiven Sterbehilfe eröffnet wurden; auch bei uns wünschen viele, über ihr Lebensende selbst zu verfügen.
Ob es uns lieb ist oder nicht: Das Thema "Leben" ist auf der Tagesordnung!
 
Etwas in den Hintergrund ist demgegenüber getreten, was uns Katholiken zuvor umgetrieben hatte: die Sorge um das richtige Engagement in der Schwangerenkonfliktberatung. Ausgangspunkt war eine sorgenvolle Beobachtung: Trotz engagierter Arbeit vieler Beratungsstellen war es nicht möglich, die Zahl der Abtreibungen zu senken. Der Heilige Stuhl hatte deshalb dringend gebeten, uns vom staatlichen Beratungssystem zu lösen, damit wir als Kirche noch unmissverständlicher Zeugnis für das Leben geben. Die notwendigen Gespräche und Entscheidungen sind uns Christen in Deutschland nicht leicht gefallen; denn niemand, der sich ernsthaft diesen Fragen stellte, hat das Thema "Leben" und "Lebensschutz" auf die leichte Schulter genommen.
 
Zum Jahresanfang 2001 haben wir die Schwangerenberatung neu geordnet. Ich bin froh, dass die Beraterinnen unserer kirchlichen Beratungsstellen auch jetzt - ohne Ausstellung des Beratungsscheins - alles tun, um Frauen in vielfältigen Konflikten und Fragen der Schwanger-schaft sowie nach der Geburt wirksam zu beraten und zu begleiten. Ihre Arbeit in Augsburg, Neu-Ulm, Kempten und Landsberg und an vielen Außensprechorten wird gut angenommen.
 
Doch können wir uns jetzt zurücklehnen? Es kann uns doch nicht unberührt lassen, dass die Zahl der Kinder, die das Licht der Welt nicht lebend erblicken, auch letztes Jahr weiter ge-stiegen ist - auf über 134.000, sagen die amtlichen Statistiken. Beraterinnen berichten mir, dass kaum eine Frau sich leichtfertig zur Abtreibung entschließt. Viele fühlen sich allein, überfordert, von außen und innen unter Druck; so fällt es Frauen und Paaren schwer, das ihnen geschenkte Kind zärtlich aufzunehmen und in ihr Leben hineinzunehmen.
 
2. Dem Leben verpflichtet
Es geht ums Leben - ja, oft geht es auch ans Leben in unserer Gesellschaft, aus verschiedensten Gründen; heute mehr als früher. Das fordert uns Christen heraus!
 
Schließlich sind wir im Glauben überzeugt: Leben ist mehr als nur Produkt biologischer Vorgänge oder menschlicher Machenschaften. Es entspringt dem Geheimnis des lebendigen Gottes. Menschliches Leben ist ein Geschenk, nach Gottes Bild geschaffen. Von ihm her hat jeder und jede vom ersten Augenblick an Würde - unverfügbar, kostbar.
 
Das Evangelium dieses Sonntags erinnert daran. Was Jesus von der Sorge Gottes um den Sünder sagt, zeigt eindrucksvoll, was seine Sorge für uns Menschen überhaupt ausmacht: Kein einziger soll verloren gehen - lieber riskiert Gott, dass die große Herde der 99 für eine Weile unbewacht bleibt. Wo es um den Menschen und sein Heil geht, reichen die Maßstäbe des menschlichen Kalküls nicht aus. Wir sind mehr als das, was andere uns an "Wert" beimessen - sei es der Wert des behinderten oder alten Menschen für die Leistungsgesellschaft oder der Wert eines Embryos für den wissenschaftlichen Fortschritt. Kein Mensch darf unserer Berechnung oder dem Wohl der großen Menge geopfert werden, im Gegenteil! Ist nicht eine Gemeinschaft überhaupt erst menschlich, wenn sie sich um den Einzelnen annimmt, gerade da, wo er schwach ist? Alles andere wäre "gnadenlos!"
 
Haben wir den Mut, liebe Schwestern und Brüder, diese Sicht vom Menschen in die aktuelle Diskussion einzubringen - aus Verantwortung für einander!
In einer Gesellschaft, die von vielfältigen Wertauffassungen geprägt ist, genügt es freilich nicht, unsere Überzeugung nur mit Worten kundzutun; so nötig dies ist - im persönlichen Gespräch wie in der öffentlichen Auseinandersetzung. Die Botschaft von der unverlierbaren Würde jedes Menschen wird nur glaubwürdig, wenn wir sie für Menschen heute konkret erlebbar werden lassen; wenn wir mitbauen an einer "neuen Kultur des Lebens", wie Papst Johannes Paul II. sagt .
 
3. An einer neuen "Kultur des Lebens" mitbauen
Liebe Schwestern und Brüder, dies ist eines der Anliegen, die mich als Bischof am meisten umtreiben: Wie können wir Christen glaubwürdig mitwirken, dass menschliches Leben bei uns besser geschützt wird, hier in unserem Bistum?
 
Mir wurde immer deutlicher: Damit Frauen und Paare den Mut finden, "Ja" zu ihrem Kind zu sagen, genügt es noch nicht, gute Beratungsstellen zu haben. Es braucht weitere kräftige Stützen. Ich habe deshalb im März 1999 den "Hilfsfonds Pro Vita" ins Leben gerufen. Viele haben sich durch Spenden daran beteiligt; dafür möchte ich heute ausdrücklich danken. Vielen Frauen und Familien, die durch Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes finanziell unter Druck geraten sind, konnte schon wirksam geholfen werden.
 
Heute lade ich Sie ein, an einer zweiten, vielleicht noch wichtigeren "Stütze" für das Leben im Bistum mitzubauen. Sie heißt "Aktion Pro Vita". Das kommende Jahr hindurch soll die Sorge um eine gute Kultur des Lebens in unseren Pfarrgemeinden, in den Dörfern und Stadtteilen, in unserer Nachbarschaft und unseren Familien den seelsorglichen Schwerpunkt bilden. Die Aktion Pro Vita will beitragen, das Bewusstsein für das Leben unter uns zu schärfen.
 
Für diese Aktion sind drei Wegetappen vorgesehen:
 
· Die erste steht unter dem Stichwort: "Unsere Pfarrgemeinde - Ein Lebens-Raum". Wir bitten die Pfarrgemeinderäte und Verantwortlichen, in diesem Herbst zusammenzutragen, welche lebens-, kinder- und familienstützenden Angebote es in ihren Gemeinden gibt. Viele Schätze sind da zu heben - keine Gemeinde fängt bei Null an. Vom Pfarrkindergarten über Mutter-Kind-Gruppen bis hin zu Behinderteneinrichtungen der Orden zieht sich schon ein Netz der Unterstützung für das Leben. Es soll noch besser sichtbar werden; Menschen, die Hilfe brauchen, sollen wissen: Hier bin ich nicht allein.
 
· Ein zweites Wegstück lädt ein, das Anliegen einer besseren "Kultur des Lebens" ins Nachdenken, ins Gespräch, ins Gebet und in den Gottesdienst hineinzunehmen. Wo kann ich noch aufmerksamer sein - als Mutter oder Vater, als Großmutter, als Gruppenleiter, als Lehrerin, als Verbandsmitglied, als Bürger dieses Landes? Wie sensibel spreche ich mit jungen Menschen über Fragen der Weitergabe des Lebens? Wie wertschätzend gehe ich mit Menschen um, die alleinerziehend sind? Mit Menschen, die ein behindertes Kind haben? Wie kann ich als Christ glaubwürdig über die Würde des Lebens sprechen, wo muss ich mich noch besser informieren? Wo kann ich helfen? Wo müssen wir unsere Politiker ansprechen? Für wen kann ich beten, der es gerade schwer hat, das eigene Leben oder das Leben eines anderen anzunehmen? - Jeder und jede von uns kann sich da einklinken!
 
· In einem dritten Wegstück wollen wir im nächsten Jahr schließlich versuchen, das vorhandene Netz der Unterstützung noch fester zu knüpfen.
 
Liebe Schwestern und Brüder, Etappen für unsere Aktion Pro Vita sind markiert; erste Materialien sind vorbereitet. Jetzt geht es darum, uns miteinander für eine verstärkte "Kultur des Lebens" auf den Weg zu machen, Schritte zu entdecken - persönlich und mit vereinten Kräften. Ich bitte Sie herzlich: Gehen Sie mit! Nehmen Sie Ihre Verantwortung als Christ oder Christin für das Leben ernst und lassen Sie sie konkret werden. Unsere Aktion wird so stark sein wie die Menschen, die sie mittragen.
 
Manches muss in den Pfarrgemeinden, in den Verbänden und Gemeinschaften erst anlaufen. Mit einem können wir heute schon anfangen: Dem anderen so zu begegnen, dass er oder sie spürt: Du bist willkommen - in unserem Pfarrheim, in unserer Straße, in unserer Familie, auf unserer Welt.
 
Für all die Schritte, die wir in den kommenden Monaten "für das Leben" - "pro vita" tun, schenke uns der lebendige Gott seinen Segen - der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
 
Augsburg, zum 16. September 2001
 
+ Dr. Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg