Gott ins Spiel bringen

Hirtenwort zum Jahr der Berufung

12.10.2003 13:11

Liebe Schwestern und Brüder! 
Seit gut zehn Jahren bin ich nun Ihr Bischof. In dieser Zeit durfte ich viele Gemeinden und Gemeinschaften unserer Diözese kennen lernen - bei Firmungen und Visitationen, bei Jubiläen und Einweihungen. Dabei habe ich erfahren, wie viele von Ihnen ihre Talente einbringen, damit die Bauten aus Stein - Kirchen, Pfarrheime, Kindergärten, Schulen ... - mit Leben erfüllt werden. Dafür sage ich allen herzlich "Vergelt´s Gott!" Von Ihrer aller Einsatz lebt unser Bistum!

Sorge um Berufungen heute
Doch in diese Freude mischt sich ein Wermutstropfen. Viele Frauen und Männer sind mit großer Einsatzbereitschaft ehrenamtlich tätig. Ich höre aber auch die Klage, es seien immer dieselben, die für anstehende Aufgaben angesprochen werden. Und die Zahl derer, die sich engagieren, nehme eher ab. Rückläufig sind auch die Anmeldungen z.B. an den Ausbildungsstätten für Gemeindereferentinnen und -referenten. Schon jetzt können wir nicht alle Planstellen besetzen.
 
Besonders aber bedrückt mich der drastische Rückgang der Priester und Ordensleute, vor allem der Ordensfrauen. Diese Sorge teilen viele Gemeinden. Oft wird mir die Frage gestellt: "Bekommen wir wieder einen Priester, wenn unser Pfarrer in den Ruhestand tritt?" Betroffene Reaktionen gibt es, wenn Ordensleute eine Niederlassung schließen müssen, weil junge Menschen fehlen, die die segensreiche Arbeit fortsetzen können.
 
Dies hat mich bewogen, das kommende Kirchenjahr 2003 / 2004 in unserem Bistum als "Jahr der Berufung" zu begehen. Ich freue mich, dass schon viele Gemeinden und Gremien, Orden und Gemeinschaften, Verbände und Berufsgruppen das Anliegen für ihren Bereich ins Gespräch gebracht und sich einem "Bündnis für Berufungen" angeschlossen haben. Was möchte ich mit diesem "Jahr der Berufung" erreichen?
 
Von Gott liebevoll angesprochen
Ich bin mir bewusst: Wir können Berufungen nicht machen. Aber wir können ihnen den Boden bereiten, indem wir stärker "Gott ins Spiel bringen". Schauen wir das heutige Evangelium an. Es erzählt von einem jungen Mann, den die Frage umtreibt: "Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?" Der Mann lebt nicht in den Tag hinein. Er will den Sinn seines Lebens finden. Jesus verweist ihn auf die Zehn Gebote. Es ist bewegend, wenn der Mann antwortet: "Alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt."
 
Der junge Mann hat stets korrekt gelebt. Aber das erfüllt ihn nicht. Er spürt: Gott will mehr von mir. Mein Leben mit Gott muss tiefer, umfassender sein. Da schaut Jesus ihn an, mit Sympathie, wie es wörtlich heißt: "Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen. Dann komm und folge mir nach!" Hier kommt "Gott ins Spiel". Jesus bietet ihm seine Freundschaft an. Doch der Eingeladene kommt nicht mehr mit. Die Gebote halten kann er, doch Jesu Freund werden - das ist ihm zu viel des Guten.
 
Liebe Schwestern und Brüder! Kennzeichnet die Tragik, die in dieser Begegnung liegt, nicht auch unsere Zeit? Wenn Gott ins Spiel kommt, wird vielen der Boden zu heiß. Ja, ich frage: Ist bei uns die Glut des Evangeliums zu spüren? Die Leidenschaft für Gott? Manchmal machen wir uns doch das Bild von einem Gott, der weder zum Fürchten noch zum Verlieben ist. Er ist für viele keine lebendige Person, sondern eine neutrale Sache.
 
Die Heilige Schrift offenbart uns die Leidenschaft, die Gott für uns Menschen hegt. Durch die Liebe unserer Eltern hat der Schöpfer uns ins Dasein gerufen: "Ich möchte, dass du lebst. Es soll die Welt nicht geben ohne dich". Jeder und jede darf wissen: Am Anfang meines Lebens steht nicht irgendein Zufall, sondern Gott in seiner Liebe: "Ich habe dich beim Namen gerufen. Du gehörst mir" (Jes 43,1).
 
Dieses Wort des Propheten Jesaja ist das große Thema, das in den Berufungsgeschichten immer neu variiert wird. Unterschiedliche Menschen werden beim Namen gerufen und antworten: Hier bin ich! Oft werden sie aus der Bahn geworfen, wie Paulus zum Beispiel. Unter Schmerzen und durch Dunkelheiten werden sie erst allmählich fähig, Gottes Plan für ihr Leben zu erkennen.
Das Leben der Kirche: eine "Symphonie" von Berufungen
Was in der Bibel erzählt wird, klingt weiter. Trotz dunkler Kapitel ist die Kirchengeschichte eine Art Symphonie unzähliger Berufungsgeschichten. Da gibt es Zeugen der Gewissensfreiheit wie den Politiker Thomas Morus oder den Jesuitenpater Rupert Mayer. In Mutter Teresa von Kalkutta begegnen wir einer Anwältin der Armen, während Charles de Foucauld vor uns steht als Mensch der schweigenden Anbetung. Wir blicken auf Leitfiguren an der Spitze der Kirche wie Papst Johannes XXIII. und sind dankbar, dass uns in Crescentia von Kaufbeuren eine Heilige geschenkt wurde, die im Kleinen groß war. Die vielen Berufenen, von der Kirche heilig- oder seliggesprochen, erinnern: Wir alle sind zur Heiligkeit berufen. Beim Weltjugendtag 2000 hat Papst Johannes Paul II. den jungen Menschen zugerufen: "Habt keine Angst, die Heiligen des neuen Jahrtausends zu sein!"
 
Gott hat mit jedem und jeder von uns einen Plan, aber er ruft auf unterschiedliche Wege. Da sind die Eheleute und Eltern, Ordensfrauen und Ordensmänner, Diakone und Priester, hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die vielen, vielen Ehrenamtlichen. Ich bin froh, dass so viele ihre Berufung in der Kirche suchen und finden. In gegenseitiger Wertschätzung ergänzen und bereichern sie einander und wirken gemeinsam am Aufbau des Leibes Christi mit. So erklingt die "Symphonie" der vielfältigen Berufungen auch in unserer Diözese. Jeder und jede von uns kann dazu etwas beitragen:
Zur "Symphonie" der Berufungen aktiv beitragen
1. Wie ein Notenschlüssel dieser "Symphonie" der Berufungen ist das Gebet. Berufungen sind nicht menschliches Werk, sondern Geschenk von Gott. Damit sie geweckt werden und gut zusammenklingen, müssen wir auf die Kraft des Gebetes setzen. Ich habe diesem Brief ein Berufungsgebet beigefügt und lade Sie ein: Beten Sie es regelmäßig. Ich erinnere auch an das Triduum um geistliche Berufe am Monatsbeginn (Priesterdonnerstag, Herz-Jesu-Freitag, Herz-Mariä-Samstag). Es wäre schön, wenn auch das Päpstliche Werk für geistliche Berufe (PWB) als Gebetsgemeinschaft in unserer Diözese wieder erstarken könnte; ja, wenn es in jeder Pfarrgemeinde eine Gruppe gäbe, die regelmäßig um geistliche Berufe betet.
 
2. Die Partitur für die Symphonie der Berufungen ist das Kirchenjahr. Haben Sie keine Angst: Im Jahr der Berufung müssen Sie nicht über das normale Pensum hinaus noch besondere Aktionen auf die Beine stellen. Wir wollen gemeinsam ein Kirchenjahr feiern, in dem der Gedanke der Berufung in den Mittelpunkt gerückt wird. Unsere Diözesanstelle "Berufe der Kirche" hat kürzlich ein Bonheft verschickt, das viele Ideen und Angebote enthält, um das Anliegen "Berufung" in der Gemeinde und an den Schulen aufzugreifen. Bitte rufen Sie die Angebote ab. Wenn Sie selbst gute Vorschläge haben, lassen Sie es die Diözesanstelle wissen, die sie dann weitergibt.
 
3. Damit die vielfältigen Berufungen in einer Symphonie zusammenklingen, müssen alle auf den Takt achten, den der Dirigent vorgibt. Jede Berufung ist ein Geheimnis zwischen Gott und Mensch, aus Worten und Schweigen, aus Mitteilung und Tun. Es duldet keine Einmischung von außen. Wir können freilich helfen, dass Gottes Stimme gehört und richtig gedeutet wird. Ich wünsche mir, dass junge Menschen auf der Suche nach ihrem Lebensweg auf feinfühlige, taktvolle Begleiter treffen. Ohne zu drängen, können wir den Berufenen für ihren Weg Verständnis, Unterstützung und Ermutigung schenken.
 
4. Schließlich gelingt eine Symphonie nur durch das gute Zusammenspiel aller Mitwirkenden. Jeder Christ kann mit sorgen, dass in unseren Gemeinden ein Klima herrscht, in dem geistliche und kirchliche Berufe wachsen und reifen können! Diese Berufungen brauchen das Glaubenszeugnis und die Glaubensfreude der christlichen Gemeinde. Nachfolge, die glaubwürdig und froh gelebt wird, weckt Nachfolger.
Eine herzliche Bitte richte ich an die Familien. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt sie das "erste Seminar" für eine keimende Berufung1. Das Gebet in der Familie, der praktizierte Glaube, die lebendige Teilnahme am Leben der Pfarrei schaffen gute Voraussetzungen, dass der Same der Berufung auf fruchtbaren Boden fallen und Gottes einladende Stimme gehört werden kann.
Liebe Jugendliche, habt Ihr Euch schon mit der Frage auseinandergesetzt, ob Gott jemand von Euch in seinen besonderen Dienst ruft? Nutzt die Möglichkeiten, Euch über den priesterlichen Dienst, das Ordensleben oder einen der anderen kirchlichen Dienste, über Wege der Berufungsklärung und der Ausbildung zu informieren! Die Diözesanstelle "Berufe der Kirche" ist Euch durch persönliche Begegnungen und mit Materialien behilflich.
Liebe Schwestern und Brüder! Mit großem Vertrauen lege ich das Jahr der Berufung in die Hände der Gottesmutter. Sie hat ihren Sohn auf seinem Lebensweg begleitet und ihre Berufung als Jüngerin gelebt. Sie möge uns durch das Jahr der Berufung geleiten und uns helfen, bei allem, was wir tun und lassen, Gott ins Spiel zu bringen. Auf die Fürsprache Mariens und unserer heiligen Bistumspatrone Ulrich, Afra und Simpert segne Sie der dreifaltige und treue Gott, + der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
 
Amen.
Augsburg, zum 12. Oktober 2003
 
1 vgl. das Dekret Optatam totius, Nr. 2