Uns neu einstellen auf die Zeit des Heils

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2000

01.04.2000 13:45

Liebe Schwestern und Brüder!
 
 Zehn Wochen sind nun schon vergangen seit dem Jahreswechsel 1999 auf 2000. Uhren und Kalender sind längst umgestellt. Müheloser als gedacht, haben die Computer den Sprung geschafft.
 
 Doch genügt es, dass die äußeren Uhren und Kalender umgestellt sind? Vor 2000 Jahren geschah ja eine tiefgreifende Zeitumstellung. Sie stammt nicht aus menschlicher Berechnung. "Nach Christi Geburt" heißt das Maß dieser neuen Zeit. Für sie braucht es mehr als funktionierende Zeitmesser - sie braucht intakte innere Uhren! Uhren, die auf diese neue und besondere Zeitrechnung eingestellt sind!

1. Heilszeit - mitten in dieser Welt
Was ist das Neue "nach Christi Geburt"? Oft haben wir davon gehört - in Religionsunterricht, Predigt, Bibelgespräch. Doch die drängende Frage bleibt:
Ist es uns so unter die Haut, nach innen gegangen, dass wir unser Leben wirklich daran ausgerichtet haben?
Das Evangelium dieses 1. Fastensonntags spricht von dieser neuen Zeit. In kargen Worten wird berichtet, dass Jesus in der Wüste versucht wurde. Damit ist Wesentliches gesagt: Jesus war ganz Mensch; er lebte unter den Bedingungen dieser Welt wie wir, und nichts blieb ihm fremd von dem, was Menschen auf dieser Erde an Höhen und Tiefen widerfahren kann.
Zugleich aber geschah Ungewöhnliches: Jesus lebte mit den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm, heißt es. Diese Bilder aus der Welt des Alten Bundes weisen auf eine zweite tiefe Wahrheit: Mit Jesus kehrt sich um, was Adam, der Urvater der Menschen, erfuhr: Jesus besteht die Versuchung, der Adam erlag. Er lebt mit wilden Tieren, die Adam nach der Vertreibung aus dem Garten Eden bedrohten. Er erfährt die Hilfe der Engel, die Adam vom Baum des Lebens fernhielten.
Sind wir im Bilde? Mit Jesus ist wieder etwas heil geworden auf dieser Erde. So unglaublich es klingt: Mit ihm begann ein neues Paradies in dieser Welt. Seitdem ist das Heil, nach dem jeder Mensch sich sehnt, nichts Fernes mehr, es ist schon da in Raum und Zeit dieser Welt - und wird sich ausbreiten, wo Menschen sich davon anrühren lassen!
Seitdem ist die äußerlich messbare Zeit eine von Gott erfüllte Zeit: Gottes Ewigkeit mitten in unserer Zeit! Wir feiern im Jahr 2000 also weit mehr als den runden Geburtstag eines großen Menschen.
Wir feiern, dass auf dieser Erde von innen her schon etwas heil ist - heute nicht weniger als damals! Das ist Grund zum Jubeln, für ein Jubiläum! Das Heilige Jahr 2000, das in unserer Kirche ausgerufen ist, soll eine Chance sein, unsere inneren Uhren so gut wie möglich auf "Heilszeit", auf "Reich Gottes" in dieser Welt einzustellen.
 
2. Dem geschenkten Heil Raum und Zeit geben
Was müssen wir dafür tun? Jesus hat uns den Rhythmus dieser neuen Zeit gegeben, als er verkündete: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt!" Nicht menschliche Anstrengung steht am Anfang, sondern das Tun Gottes!
Wem Heil geschenkt wird, der fragt nicht zuerst: Was muss ich tun? Er lässt sich anstecken, freut sich, feiert. Sind wir dazu bereit in diesem Jahr? Können wir uns in der großen Gottesfamilie ehrlich mitfreuen über das Kommen Jesu, unseres Heilands und Bruders - trotz vieler Schwierigkeiten und Sorgen, die uns bewegen, auch in unserer Kirche? Ich hoffe und wünsche es uns allen!
Und ich lade Sie darum ein zu einigen besonderen Feiern - etwa zu den Diözesanwallfahrten nach Altötting (am 1. Mai) und nach Rom (im September) sowie zum Großen Glaubenstag am 9. Juli in Augsburg; und ebenso zu den Gottesdiensten und Begegnungen, die in den Dekanaten und Regionen stattfinden. Wir können die neue Heilszeit doch nicht im stillen Kämmerlein feiern, dazu brauchen wir einander. Und die Menschen brauchen unser Zeugnis, das sie ahnen lässt: Christen haben etwas Großartiges zu feiern: Gottes Gegenwart mitten in dieser Geschichte!
Sie beschränkt sich freilich nicht auf die großen Feste. Sie will unser ganzes Leben durchdringen. Eine kostbare Form, im Fluss der Zeit einen Freiraum zu halten für Gottes heilvolle Gegenwart, ist seit alters der Sonntag. Er ordnet unsere Zeit - erinnert an Gottes Heilstaten in der Geschichte, besonders an Jesu Auferweckung, und weist uns zugleich hin auf das Ziel, an dem Gott die Welt vollendet.
Es ist nicht gleichgültig, wenn für viele aus dem ersten Wochentag fast unbemerkt der letzte Tag des Wochenendes geworden ist. Denn gerade auf das Vorzeichen im Verlauf unserer Zeit kommt es an: dass Freude und Dank für das Unverdiente, für das Geschenkte in unserem Leben an erster Stelle stehen - vor aller Arbeit und Mühe. Das darf nicht verloren gehen! Wenn der Sonntag nur noch ein Tag der Erholung von der Arbeit ist, der - wenn die Leistungsgesellschaft es fordert - auch an jedem anderen Wochentag möglich wäre, werden wir da heil bleiben an Seele und Leib? Der beste Protest gegen solche Entwicklungen ist, dass wir den Sonntag bewusst feiern und gestalten. Daran, wie "heilig" uns der Tag des Herrn ist, zeigt sich, ob unsere innere Uhr auf "Heilszeit" eingestellt ist! Geben wir dem Sonntag dieses Gewicht wieder - im persönlichen Leben, in den Familien und Gemeinden!
Höhepunkt des Sonntags ist die Eucharistiefeier. Jesus hat seine lebendige Nähe gebunden an die irdischen Zeichen von Brot und Wein. Mitten in Raum und Zeit dieser Welt sollen wir in der Vergegenwärtigung seines Todes und seiner Auferstehung dankbar erleben, was er verkündet hat: Gottes Reich ist schon unter uns. Ohne Vorleistung dürfen wir kommen und teilhaben, nehmen, essen, trinken, uns beschenken lassen! Wer dieser Einladung gläubig folgt, wird erfahren: Gottes Heil will unsere Welt von innen her immer tiefer erfüllen und wandeln.
Verändert das auch unseren Alltag? Der heilige Franz van Sales hat dazu einmal den eindrucksvollen Rat gegeben: "Täglich eine halbe Stunde auf Gott zu horchen ist wichtig, außer wenn man viel zu tun hat: Dann ist eine ganze Stunde nötig. Es kommt gewiss nicht auf Minuten an - wohl aber darauf, dass es Zeiten für Stille, Gebet und Aufmerksamkeit für Gottes Nähe gibt an jedem Tag. Sie werden uns vor heil-loser Überforderung bewahren.
 
3. Heil schenken und Heil erfahren - in der Versöhnung
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus fordert uns auf: "Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" Wer Heil erfahren hat, soll selbst mithelfen, dass es in dieser Welt heuer wird. Selten können wir Menschen von ihren körperlichen Krankheiten heilen, wie Jesus es tat. Doch viel können wir tun, dass unsere Beziehungen heil werden.
"Jahr der Versöhnung" heißt dieses Heilige Jahr 2000 daher auch. Verstehen wir das so konkret wie möglich! Fällt nicht jedem und jeder von uns ein Familienmitglied, ein Kollege, ein Nachbar ein, mit dem Versöhnung längst nötig wäre? Geben wir uns den Ruck zu einer Aussprache, zu einer Geste des Verzeihens, zu einer Bitte um Entschuldigung!
Versöhnung kann aber auch bedeuten, auf Menschen zuzugehen, denen wir bisher unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung schuldig geblieben sind - Menschen am Rand unserer Gesellschaft etwa, Menschen, die allzu leicht übersehen werden, Menschen, auf die wir von oben herab schauen - wegen ihrer Vergangenheit, ihrer Rasse, ihrer Religion oder Konfession.
Versöhnung verlangt schließlich auch den Blick auf weltweite Ungerechtigkeiten und sündhafte Strukturen. Eindringlich hat Papst Johannes Paul II. immer wieder aufgerufen, gerade in diesem Heiligen Jahr Formen der Unterdrückung zwischen den Völkern, besonders zwischen Nord und Süd, zu beseitigen. Alle sollen mithelfen, dass die ärmsten Nationen durch Solidarität und Zusammenarbeit von erdrückender Schuldenlast befreit werden. Gute Information, Einschränkung unseres Konsums und die Bereitschaft zum Teilen - etwa durch unser Fastenopfer für Misereor - ‚ können schon wertvolle Schritte hin zu weltweiter Versöhnung in Gerechtigkeit sein.
Je mehr wir uns um Versöhnung mühen, desto deutlicher werden wir freilich auch spüren: Aus eigener Kraft allein ist sie nicht zu schaffen. Wir brauchen dazu die Heilszusage Gottes, die uns im Sakrament der Versöhnung in besonders dichter Weise geschenkt wird.
Ein ergänzendes Angebot ist in diesem Heiligen Jahr der Ablass. Gott sei Dank hat sich durch alle Missverständnisse und Missbräuche dieser Frömmigkeitsform hindurch die Ausdrucksweise erhalten: "den Ablass gewinnen". Dahinter steht der Glaube, dass Gott es ist, der uns nicht nur die Vergebung der Schuld im Bußsakrament schenken kann, sondern auch die Heilung der Folgen, die unsere Sünden bei uns selbst und anderen hinterlassen. Früher war dieser Ablass geknüpft an die Wallfahrt zu besonderen Gnadenorten, vor allem im Heiligen Land. So kam zum Ausdruck: Wir sind unterwegs zum Heil, wir müssen uns immer neu danach ausrichten und ausstrecken. In diesem Sinn haben wir in unserem Bistum Wallfahrtskirchen und ortsnahe Pfarrkirchen benannt, wo der Ablass empfangen werden kann.
Liebe Schwestern und Brüder, stellen wir also unsere innere Uhr neu ein auf die Heilszeit, die in Jesus begonnen hat und auf unsere Bereitschaft wartet! Mit an uns liegt es, ob dieses Heilige Jahr als nur von außen "verordnet" erscheint und gar äußerlich-triumphalistisch wirkt, oder ob in dieser Zeit wirklich spürbar wird, dass Gottes Heil unter uns lebendig ist und sich ausbreiten will. Gott selbst hat sein Reich an Raum und Zeit dieser Welt angebunden. Also müssen auch wir konkret werden - nicht erst morgen, sondern jetzt und hier!
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Gottes heilbringende Gegenwart erfahren in diesen Wochen der Umkehr und dann in der Feier von Ostern. Dazu segne Sie der dreifaltige Gott!
+ Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg