Aus den Quellen schöpfen

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2001

04.03.2001 12:41

Liebe Schwestern und Brüder,
 
 wer die Klosterkirche von St. Ottilien durch den neuen Eingang betritt, steht vor drei Wasserbecken, zwei kleinen und einem größeren. In allen sprudelt das Wasser. Nicht wenige, die in die Kirche kommen, bleiben zunächst stehen und schauen in das bewegte Wasser, bevor sie das Kreuzzeichen machen. Dieses sprudelnde lebendige Wasser erinnert uns - wie das Weihwasser am Eingang jeder Kirche - an unsere Taufe.
 
 Die Zeit der Vierzig Tage, die uns aufs neue geschenkt ist, will uns wieder an die Quellen erinnern, aus denen wir als glaubende Menschen leben. Ich möchte mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, zu drei solcher Quellen gehen, aus denen wir als Getaufte schöpfen können.

1. In Gottes Gegenwart leben
Bei meinen Besuchen in den Pfarrgemeinden und in Gesprächen höre ich immer wieder, dass sich viele, die sich ehrenamtlich oder hauptberuflich in den Dienst der Kirche stellen, überlastet fühlen. "Was sollen wir noch alles tun?", heißt oft der Stoßseufzer. Die Quelle am Eingang der Kirche hilft mir. In die Frage: "Was soll ich denn noch alles tun?" kommt die Einladung: Bleib doch ein paar Augenblicke stehen, halte inne, werde still und schau, was schon da ist!
 
So wird mir bewusst: Ich muss nicht alles machen, ich muss mich nicht immer neu unter Druck setzen lassen. Die Quelle ist schon da, ich muss sie nicht erst graben. Gott ist schon da mit seiner Liebe, ich muss sie mir nicht erst erarbeiten. Die Zeichen seiner Nähe sind schon da, ich brauche sie nur zu entdecken.
 
Die Meister des geistlichen Lebens nennen das: In der Gegenwart Gottes leben. Sie ermuntern uns, bei jedem Anfang an diese Gegenwart Gottes zu denken. Das wird dann unseren weiteren Schritten die Richtung weisen.
 
Das gilt für unser Beten und für unser Tun. Wie wir einen Tag beginnen, die Arbeit in Beruf und Haushalt, ein Gespräch, einen Besuch, wenn wir eine Entscheidung zu treffen haben oder jemand etwas Schwieriges mitteilen müssen, wenn wir beten und Gottesdienst feiern: Alles geschieht in Gottes Gegenwart. Im kurzen Innehalten erinnern wir uns daran und machen uns bewusst: Gott ist da, mitten in allem, was mir begegnet, mitten in allem, was ich tue. Im Psalm 139 bekennt der fromme Beter: "Ob ich sitze oder stehe, du (Herr), weißt von mir. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt, du bist vertraut mit all meinen Wegen."
 
Wenn wir das in die Tiefe unseres Lebens hineinnehmen, kann es uns aufatmen lassen und entlasten. Wir trauen dann Gott zu, dass er mit seiner Gegenwart uns immer wieder zur Quelle wird, aus der wir leben. Das gilt selbst für dunkle Zeiten, in denen wir seine Nähe nicht spüren. Er ist doch in Treue da. Wir leben nicht aus uns selbst, sondern aus Gottes Liebe und Gegenwart.
 
Gehen wir zur nächsten Quelle:
 
2. Mit Jesus Christus verbunden leben
Wir haben das Heilige Jahr gefeiert: die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus vor 2000 Jahren. In seinem Schreiben zum Abschluss dieses großen Gnadenjahres drückt der Heilige Vater die Erwartung aus, als bleibendes Erbe möge uns eine vertiefte Begegnung mit Christus geschenkt worden sein.
 
So stehen wir vor einer zweiten Quelle. Sie heißt: Mit Jesus Christus verbunden leben. Der Herr selbst wählt das Bild der Quelle, wenn er sagt: "Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen" (Joh 7, 37f.).
 
Jesus Christus will uns immer tiefer in die Lebensgemeinschaft mit sich hineinnehmen. Geradezu begeistert bekennt der heilige Paulus, wie sehr er aus dieser Quelle lebt: "Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen" (Phil 2, 10f.).
 
Könnten wir Ähnliches von uns sagen? Wer ist Je-sus Christus für mich, was bedeutet er mir? Welches Wort Jesu aus dem Evangelium spricht mich besonders an? Erkenne ich ihn im Menschen neben mir, vor allem, wenn dieser meine Hilfe braucht? Wie begegne ich ihm in den Sakramenten, vor allem in der Feier der Eucharistie und im Sakrament der Versöhnung?
 
Der Weg der Vierzig Tage bietet viele Möglichkeiten, Jesus Christus neu als Quelle unseres Lebens zu entdecken und reicher fließen zu lassen. "Exerzitien im Alltag" finden großen Anklang in un-seren Gemeinden. Manche wählen die Intensiv-Zeit eines Wochenendes oder mehrerer Tage an einem der "Brunnen-Orte" in unserer Diözese; dazu zähle ich die Klöster und geistlichen Gemeinschaften, die Exerzitienhäuser, die Wallfahrtskirchen und Gebetsstätten.
 
Auch wer nicht länger von zu Hause weg kann, braucht nicht auf solche Quellen zu verzichten. Ich denke an alle die Orte, an denen die Eucharistie gefeiert und das Sakrament der Versöhnung gespendet wird, wo Menschen Anbetung halten oder junge Leute sich zur Jugendvesper treffen. Besonders erwähnen möchte ich die treuen Frauen und Männer, die in vielen Pfarrgemeinden regelmäßig den Rosenkranz beten. Ich denke an die Kranken, die uns - oft mehr als wir es ahnen - mit ihrem Beten begleiten und stützen. Auch die Gruppen, die miteinander die "Bibel teilen" oder neue Ausdrucksformen des Glaubens in unserer Zeit suchen, sind dafür wichtig und wertvoll.
 
Ich denke an Euch, liebe Kinder, die ihr Euch mit Euren Eltern auf die Feier der Erstkommunion vorbereitet. Freut euch! Jesus mag Euch, die Kinder, besonders gern. Er möchte Euch ein guter Freund sein, dem ihr vertrauen dürft.
 
Ich denke an alle, die sich in diesem Jahr auf das Sakrament der Firmung vorbereiten. Ich wünsche Euch, dass ihr Jesus Christus auf eurem Weg begegnet und etwas spürt von seinem guten Geist, von seiner Freundschaft, von der Gemeinschaft mit ihm und untereinander.
 
So leben wir, liebe Schwestern und Brüder, auf vielfältige Weise aus der Verbundenheit mit Jesus Christus. Auch von uns soll gelten, dass nichts uns scheiden kann "von der Liebe Gottes, die in Christus ist, unserem Herrn" (vgl. Rom 8, 39).
 
Wir gehen zur dritten Quelle:
 
3. In der Gemeinschaft der Kirche glauben
Der Glaube ist etwas sehr Persönliches. Er vollzieht sich im "Herzen", in der tiefen Mitte, von der aus unser Leben bestimmt wird. Darum beten wir: "Ich glaube an Gott ...". Dieser unser ganz persönlicher Glaube ist aber eingebettet in die Gemeinschaft all derer, die von Gott zum Heil berufen sind. Darum beten wir auch: "Wir glauben an den einen Gott" (vgl. GL 467).
 
Der heilige Paulus bringt es uns in der heutigen Lesung (Röm 10, 8 ff.) in Erinnerung: Der Glaube an unseren Herrn Jesus Christus ist Sache des Herzens, aber wir sind zugleich aufgefordert, diesen Glauben "mit dem Mund" in der Gemeinde - und darüber hinaus vor aller Welt - zu bekennen.
 
Wir erleben es immer wieder: Wenn jemand per-sönlich von seinem Glauben zu erzählen beginnt, hören Menschen zu. Solche Glaubensgespräche sind heute mehr denn je eine wichtige Quelle der Glaubenserfahrung. In einem Umfeld, in dem der Glaube nicht mehr selbstverständlich ist, tut es gut zu wissen, dass ich gemeinsam mit anderen auf dem Weg bin. Wir bestärken und ermutigen uns gegenseitig.
 
Wir sind daher neu herausgefordert, über unseren Glauben zu sprechen. Dann bleibt er nicht nur Quelle für uns, sondern fließt ein in unsere Gespräche mit anderen - in der Familie, im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz. Er fließt auch ein in die Öffentlichkeit, in die Diskussionen um Leben und Tod, um Wert und Würde des Menschen, um die Fragen nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Wenn wir unseren Glauben in der Öffentlichkeit einladend und überzeugt bekennen, leisten wir einen kleinen Beitrag zur Neuevangelisierung, die unserem Heiligen Vater auch am Beginn des neuen Jahrtausends so sehr am Herzen liegt (vgl. Novo millennio ineunte, Art. 40).
 
Liebe Schwestern und Brüder, wir sind miteinander zu drei Quellen unseres Glaubens gegangen. Es gibt sicher noch weitere, aus denen wir schöpfen können. Wählen Sie bitte das, was für Sie wichtig geworden ist, aus und versuchen Sie, es möglichst zusammen mit anderen in Ihrer Pfarrgemeinde, in Ihrem Verband, in Ihrer Gemeinschaft, in der Familie, im Freundeskreis, in Ihrer Gruppe anzusprechen und einzuüben.
 
Ich wünsche Euch, liebe Kinder und Jugendliche, und Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, besonders auch allen Kranken eine gesegnete Zeit der Vierzig Tage aus den Quellen unseres Glaubens.
 
Dazu segne Euch der lebendige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen
 
Dr. Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg