Verantwortung für eine wert-volle Zukunft

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2002

17.02.2002 12:33

Liebe Schwestern und Brüder!
 
 Was ist ein Kilo Brot wert? Oder der neue Mantel? Wie viel Trinkgeld ist mir der freundliche Service im Gasthaus wert? Solche Fragen sind in den letzten Wochen wahrscheinlich auch Ihnen durch den Kopf geschossen: Wir hatten bisher ein sicheres Gespür dafür, wie viel etwas kosten darf - in Mark und Pfennig. Doch neue Euro-Preise lassen uns unsicher werden. Wir müssen nachdenken: Ist dieser Artikel seinen Preis wert? Es gilt, uns wieder neu einzustellen. Die Währungsumstellung brachte es mit sich, und wir nehmen es in Kauf. Schließlich hat sie ein großes Ziel: Wir Europäer sollen weiter zusammenwachsen, unsere Gemeinschaft soll stärker werden. Der Euro wird dazu beitragen.

Werte im Wandel
Doch lassen wir uns nicht blenden. So wichtig eine gemeinsame Währung sein mag - eine Gemeinschaft lebt nie allein aus Geldwerten. Arm dran wären wir, wäre Europa nichts anderes als ein riesiger Handels- und Wirtschaftsverbund!
Tragfähige Gemeinschaft lebt aus tieferliegenden Werten; aus Werten, an denen Menschen ihr Denken und Handeln verbindlich ausrichten und von denen sie sich auch getragen wissen; ich denke zum Beispiel an Werte wie Solidarität, Verantwortung, Toleranz.
 
Bei diesen ideellen Werten beobachten wir in unserer Gesellschaft seit Jahren eine Entwicklung, die gerade anders geht als im wirtschaftlichen Bereich. Hier ist nicht die Einheit der Werte im Kommen; vielmehr werden sie immer vielfältiger, uneinheitlicher. Sie erfahren dies wahrscheinlich in nächster Umgebung: Da leben Menschen, für die Pflichtbewusstsein, Verlässlichkeit, Bescheidenheit tragende Werte sind, unter einem Dach mit anderen, für die Freiheit, Ungebundenheit, ‚Spaß haben' den höchsten Stellenwert einnehmen.
 
Dieser Pluralismus der Werte kennzeichnet unsere Gesellschaft. Das bedeutet keineswegs, dass Menschen heute ohne Werte leben - wohl aber, dass sie sich aus dem breiten Angebot das aussuchen, was sie für sich persönlich passend finden. Verschiedene, oft sogar gegensätzliche Werte können dabei nebeneinander stehen - gleich gültig. Wo Dinge jedoch gleich gültig sind, werden sie oft auch gleichgültig.
 
Ich denke etwa an Ehe und Familie. Beide galten in der Vergangenheit als so hohe Werte, dass sie sogar den besonderen Schutz unserer Verfassung fanden. Neben Ehe und Familie sind heute offene, auch wechselnde Beziehungen getreten, in jüngster Zeit sogar gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die der Gesetzgeber mit Rechten ausgestattet hat. Zunehmend gleich gültig, gleichwertig stehen diese unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens heute in den Augen Vieler nebeneinander.
 
Was manchen als Fortschritt erscheint, wirft freilich auch dunkle Schatten: Junge Menschen tun sich in der Vielfalt der Möglichkeiten und Werte immer schwerer, sich zu orientieren und zu entscheiden, ihrem Leben eine Linie zu geben. Ganz zu schweigen von den Folgen, die der Wechsel zwischen Lebensformen für die Partner und die Kinder bringt; wir können sie in ihrem Ausmaß noch gar nicht überblicken.
 
Im letzten Jahr wurde sichtbar, dass der Wandel auch die grundlegendsten Werte unserer Gesellschaft erreicht hat: Fortschritte in der Gentechnik und Biomedizin warfen die Frage auf, ob das menschliche Leben in den ersten Tagen nach seiner Entstehung anderen Zielen - etwa der möglichen Heilung anderer Menschen - untergeordnet werden darf. Die Debatte hat schon bis an die Schwelle von Gesetzesänderungen im Embryonenschutz geführt. Viele begrüßen diese Entwicklung. Doch muss voller Besorgnis gefragt werden: Wird der Wert ‚Leben' künftig auch in anderen Situationen verfügbar - etwa bei schwerer Krankheit oder wenn der Sterbeprozess eines Menschen einsetzt? Wird er schließlich gar wirtschaftlichen Gesichtspunkten untergeordnet: Was darf behindertes, krankes, zu Ende gehendes Leben kosten?
 
Was ist zu tun? Pluralismus der Werte besagt ja, dass es - anders als bei der Währung - nicht möglich ist, sie durch Instanzen von oben einheitlich zu regeln; so sehr wir etwa als Kirche im Großen wie im Kleinen uns bemühen, immer wieder mahnend die Stimme zu erheben. Zugleich aber wird es immer notwendiger, dass die einzelnen Glieder der Gesellschaft überprüfen: Welche Werte tragen unser Zusammenleben? Auf welche Werte kommt es heute besonders an? Und wie können wir sie gemeinsam überzeugt und überzeugend leben?
 
Unsere Werte hinter-fragen
Für uns Christen ist die österliche Bußzeit eine Chance, die tragenden Werte und Wertigkeiten unseres Lebens kritisch zu prüfen; uns wieder neu einzustellen und, wo nötig, auch umzustellen. Das Evangelium des 1. Fastensonntags ist dazu eine gute Hilfe. Denn in der Versuchung Jesu wird uns vor Augen geführt: Auch der Messias, in dessen Nachfolge wir stehen, musste Entscheidungen treffen: Welche Werte, welche Grundhaltungen sollten seinen Weg prägen?
 
Das Gespräch mit dem Versucher gibt nicht einfach die Antwort, auf welche Werte wir heute zu setzen haben. Aber es hilft uns, die richtigen Fragen zu stellen:
 
Da schlägt der Versucher vor, Jesus solle aus Steinen Brot machen. Jesus lehnt ab: "Nicht nur vom Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt."
Fragen wir uns: Wovon lebe ich? Zählt vor allem das, was meine Bedürfnisse rasch und manchmal auch vordergründig befriedigt? Setze ich auf das, was ich selbst machen und mir organisieren kann? Oder zähle ich auch auf Vorgegebenes, das ich empfange und das mir Orientierung gibt?
Jesus wird vor eine zweite Versuchung gestellt: Vom Dach des Tempels soll er sich stürzen. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen", erwidert er.
Die Frage an uns könnte lauten: Setzen wir auf Entwicklungen, in denen der Mensch auch das Letzte ausprobieren will? Notfalls um jeden Preis, mit jedem Risiko? Oder gibt es für uns auch Tabus, an die wir nicht rühren, die wir nicht ausreizen?
Schließlich bietet der Versucher Jesus an, ihm alle Reiche der Welt zu Füßen zu legen, wenn er sich nur vor ihm niederwirft und ihn anbetet.
Lassen wir uns fragen: Wovor gehe ich in die Knie - vor welchen Autoritäten, vor welchen Argumenten, vor welchen Mehrheiten? Bin ich käuflich? Was ist mir heilig?
Uns neu einstellen
Liebe Schwestern und Brüder, die Fragen, vor die das Evangelium uns stellt, sind nicht rasch zu beantworten. Wir müssen uns ihnen "stellen", damit umgehen. Ich lade Sie dazu herzlich ein. Und ich füge für unser Nachdenken noch ein paar Wegmarken an:
 
Jesus hat seine Entscheidungen in der Wüste alleine getroffen. Aber danach sammelte er Menschen um sich, die seine Werte auch für ihr Leben annehmen. Ich lade Sie ein: Sprechen Sie miteinander über Werte, die Ihr Leben ausmachen und die in unserer Gesellschaft notwendig sind - die Tagesmeldungen der Medien bieten dafür reichlich Anstoß. Werte müssen zwar vom Einzelnen gelebt werden, sie brauchen aber die stützende Kraft der Gemeinschaft und den Dialog.
Mir fällt auf, dass Jesus in der Wüste nicht über den schlimmen Zustand dieser Welt jammert, sondern den Versuchungen das Positive entgegensetzt, von dem er getragen ist. Greifen wir dies auf! Lassen wir spüren und nennen wir Gründe, warum uns dieser und jener Wert unbedingt wichtig ist. Und lassen wir uns nicht als altmodisch abtun: Menschen, die Werte überzeugt und überzeugend leben, sind ein hoher Wert für eine Gesellschaft. Ohne sie blieben Gesetze und Institutionen leere Hülsen.
Bleiben wir wachsam und sensibel. Ein Wert, der in bestimmten Situationen groß geschrieben wird, wird dort, wo er unbequem erscheint, gerne ausgeblendet. Ich denke etwa an die spürbare Solidarität nach dem 11. September - und frage, warum Eltern, die sich für ihr behindertes Kind entscheiden, zu hören bekommen: "Das könnt ihr der Gesellschaft nicht antun!" Werte verlangen nach Verbindlichkeit, gerade da, wo es schwer wird.
Appelle genügen heute nicht mehr. Werte müssen auch glaubwürdig gelebt werden. Das braucht Übungsfelder. Ein solches Feld haben wir uns im Bistum für dieses Jahr gesteckt mit der Aktion Pro Vita. Es geht uns um den Wert ‚Leben' - in der Weise, dass wir zwar einerseits darüber vertieft nachdenken und sprechen; andererseits uns aber bemühen, stärker als bisher solidarisch mit Menschen zu sein, die es durch das Leben eines Kindes schwer haben. Ich lade Sie mit diesem Beispiel ein: Werden wir konkret! Wir haben die Chance, auch im positiven Sinn am Wertewandel in unserer Gesellschaft mitzuwirken.
Eine besondere Gelegenheit dazu bieten die anstehenden Wahlen:
Pfarrgemeinderatswahlen, Kommunalwahlen und Betriebsratswahlen stehen ins Haus. Ich danke allen Frauen und Männern, die bereit sind, sich in diesen Gremien für die Werte einzusetzen, die uns tragen. Befragen Sie die Kandidaten nach ihren Überzeugungen und geben Sie ihnen unsere Sorgen und Anliegen mit auf den Weg!
Liebe Schwestern und Brüder, vieles kann ich in diesem Brief nur anreißen. Ich bitte Sie herzlich: Greifen Sie die Frage der Werte für sich persönlich und im Blick auf unsere Gesellschaft auf! An jedem und jeder von uns wird es liegen, ob man Europa, das aus christlichen Wurzeln lebt, künftig nur noch als "Euro-Land" erkennen kann - oder eben auch als Solidaritäts-Land, als Verantwortungs-Land, als Werte-Land.
Der dreifaltige Gott, der unserem Leben Orientierung und Ziel gibt, - der Vater, der Sohn und der Heilige Geist - begleite Sie auf Ihrem Weg durch diese österliche Bußzeit.
 
Augsburg, zum 1. Fastensonntag 2002
 
Dr. Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg