Gottes Wort ist lebendig

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2003

30.01.2003 12:29

Ein Wort zuvor: Während ich diesen Brief schreibe, sind viele Menschen auch in unserer Diözese tief besorgt um den Weltfrieden. Mit größter Eindringlichkeit hat Papst Johannes Paul II. den Krieg als "Niederlage der Menschlichkeit" bezeichnet und an die Verantwortlichen appelliert, alles ihnen Mögliche für den Frieden zu tun. Ich möchte diese eindringliche Botschaft noch einmal nachdrücklich in Erinnerung rufen. Da ich weiß, wie viele Menschen schon in diesem Anliegen beten, Gottesdienst feiern und im Gespräch sind, möchte ich heute nicht darüber sprechen, sondern ein anderes wichtiges Thema dieses Jahres 2003 aufgreifen. Es führt uns zu einem kostbaren Schatz, mit dem wir leben und glauben.

Liebe Schwestern und Brüder,

"Suchen. Und finden." Unter diesem Leitwort steht das Jahr 2003 als "Jahr der Bibel". Wir alle sind eingeladen, in vielfältiger Weise der Bibel zu begegnen. Herzlich danke ich allen, die in Familie und Kindergarten, in Religionsunterricht und Jugendarbeit sowie in der Hinführung zu den Sakramenten Kindern und Jugendlichen die Bibel erschließen helfen. Ebenso sage ich allen Dank, die im Rahmen der Erwachsenenbildung und in Bibelkreisen in das fruchtbare Hören und Lesen der Bibel einführen.
Dieses "Jahr der Bibel" möchte uns dazu bewegen, das Buch der Bücher öfters zur Hand zu nehmen und unsere Beziehung zur Ur-Kunde unseres Glaubens zu vertiefen. Der Weg von Aschermittwoch bis Ostern eignet sich dafür besonders gut. Ich möchte mit Ihnen drei Wege betrachten, wie unsere Beziehung zur Bibel noch lebendiger werden kann.
 
1. Von Gottes Wort leben
Soeben im Gottesdienst sind wir aufgestanden, um Jesus Christus in seinem Evangelium zu grüßen. Der Ruf vor dem Evangelium lautet heute: "Nicht nur von Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund" (vgl. Mt 4,4). Ist uns darin nicht Grundlegendes zur Bedeutung der Bibel gesagt? Ja, unser Leben braucht Nahrung für den Leib; wir müssen essen und trinken. Aber unsere Sehnsucht geht tiefer. Sie erfüllt sich erst in dem Wort, das uns verlässlich und ohne Bedingungen zusagt: Du bist angenommen und geliebt. Du hast einen Auftrag in dieser Welt. Dein Leben hat Zukunft und Hoffnung, sogar über den Tod hinaus.
 
Eine solche Verheißung können wir uns nicht einfach selbst sagen. Wir brauchen die Zusage aus Gottes Mund. Dazu genügt es nicht, das biblische Wort nur zu lesen oder zu hören. Es will uns ansprechen, uns berühren, tief in uns zur Wirkung kommen. Dabei ist es nicht unwichtig, wie wir selbst das Wort der Bibel lesen und wie wir es hören. Ich denke an den Dienst der Lektorinnen und Lektoren, die im Gottesdienst die Lesungen aus der Heiligen Schrift vortragen, ebenso an die Diakone und Priester. Ich bin sicher: die Gemeinde spürt, ob sie sich vorher Zeit zum Lesen und Verweilen genommen haben. Die persönliche Schriftlesung lässt das Wort Gottes in einem hörenden Herzen ankommen und gibt ihm Raum. Wer die biblischen Lesungen eines Sonntags bereits zu Hause gelesen und bedacht hat (z.B. in der Katholischen SonntagsZeitung oder im Schott-Messbuch), kann sie im Gottesdienst mit größerem Gewinn hören.
 
Liebe Schwestern, liebe Brüder, von einem Pfarrgemeinderat habe ich neulich einen Brief bekommen: "Schicken Sie uns bitte ein Wort aus der Bibel, das Sie begleitet, das Ihnen Mut macht. Wir wollen diese Texte im Rahmen eines Bibelabends verteilen." Ich habe mich über diese Anfrage gefreut und musste nicht lange überlegen. Seit vielen Jahren schon geht ein Wort mit mir. Es steht im Psalm 119 und heißt: "Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade" (Ps 119,105). So habe ich es in meinem Leben immer wieder erfahren. Dieses Wort macht mir Mut und stärkt mich, auch wenn ich nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort weiß. Aber mir wurde oft Licht für den nächsten Schritt geschenkt. Für manche von uns klingt dieses Wort aus dem Alten Testament auch in einem Kanon an: "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht."
 
So wirkt Gottes Zusage auch heute. Sie bringt Hoffnung und Zukunft. Ich bin überzeugt: Viele haben ein solches Wort der Bibel, das sie angesprochen hat und bis heute begleitet.
 
2. Im Wort Gottes Gemeinschaft erfahren
Das Lesen der Bibel soll nicht bei der persönlichen Lektüre stehen bleiben. Gottes Wort will erzählt und mitgeteilt werden. Immer mehr Menschen auch in unserem Bistum haben in den letzten Jahren das "Bibel-Teilen" kennen und schätzen gelernt. Da trifft sich ein Kreis, um z.B. das Evangelium des nächsten Sonntags gemeinsam zu lesen und die eigenen Gedanken dazu einander mitzuteilen.
 
So schlägt dieses Evangelium Wurzeln im eigenen Leben, und es kommt in Kontakt mit der Lebenswelt und den Lebenserfahrungen der übrigen Mitglieder der Gruppe. Es wird, das spüren alle, "lebendiges Evangelium". Aus dem Wort von damals wird eines, das heute bewegt und stärkt, aber auch herausfordert. Ich weiß von einigen Priestern, denen das "Bibel-Teilen" in der Pfarrgemeinde eine wichtige Hilfe für ihre Predigt und Verkündigung geworden ist. Dieser Weg eignet sich nicht nur für Menschen, die die Bibel studiert haben. Hier können alle mittun.
 
So wächst Glaubensgemeinschaft im Wort Gottes, so wird Kirche aus Gottes Geist lebendig. Wenn Menschen sich um das Evangelium versammeln, laden sie Jesus Christus in ihre Mitte ein. Sie hören, was er getan hat. Er selbst wird unter ihnen gegenwärtig und wirkt. Das eigene Leben wird immer mehr vom Geist Jesu erfasst und verwandelt. Der Kreis des Bibel-Teilens oder anderer Formen des Schriftgesprächs ermutigt die Einzelnen auf ihrem Glaubensweg und stärkt ihre Beziehung zu Jesus Christus und untereinander, gerade in den drängenden Fragen unserer Zeit.
Ich möchte Sie ermutigen: Fangen Sie doch einmal eine Sitzung in Ihren Gruppen, Gremien oder Kreisen mit einer Runde an, in der jede und jeder eine persönlich wichtige Bibelstelle nennt! Lassen wir so einander teilhaben am Evangelium, das uns trägt!
 
Auch in unserem Bistum gibt es im Jahr der Bibel vielfältige Angebote, die Anregungen und Vertiefung bieten, z.B. Bibelwochen und Bibelkreise, Kinderbibelwochen, Kurse des Pastoralseminars und Veranstaltungen der Katholischen Erwachsenenbildung, der Ordenshäuser, Verbände und geistlichen Gemeinschaften.
 
3. Das Wort Gottes im Alltag aufleuchten sehen
Liebe Jugendliche,
viele von Euch haben ein Handy. Ich möchte Euch eine Idee weitergeben. Lasst doch darin einmal die Bibel aufleuchten! Sucht Euch ein Wort aus der Bibel, das Euch wichtig ist, und schickt es dann als SMS an Eure Mitschüler, an Freunde oder an jemanden aus Eurer Verwandtschaft! So bringt Ihr ein Bibelwort sozusagen zum Leuchten.
Ein Beispiel: In der ersten Lesung der heutigen Messe steht das ansprechende Bild vom Regenbogen: "Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde". Wenn der Text zu lang ist, könnt Ihr auch nur die Fundstelle angeben: "Gen 9,13". Dann wird für den, der die SMS empfängt, das Leitwort des "Jahres der Bibel" ganz aktuell: "Suchen. Und finden." Ich bin sicher, das kann spannend sein!
 
Liebe Schwestern und Brüder,
auch wer kein Handy hat, kann Gottes Wort im Alltag aufleuchten sehen, mitten in den vielen Aufgaben. Tröstliche Hinweise für Vielbeschäftigte gibt Madeleine Delbrêl, die von 1904-1964 gelebt hat. Die letzten 30 Jahre ihres Lebens verbrachte sie in der Nähe von Paris mitten in einer Welt, die für Gott kaum etwas übrig hatte. Sie schreibt:
"Wenn unser Tag so vollgestopft ist, dass Pausen unmöglich sind, wenn unsere Kinder, der Mann, das Haus, die Arbeit fast alles beanspruchen, dann fordert das Wort des Herrn so viel Glaube von uns und so viel Achtung, dass wir wissen: Seine göttliche Kraft kann ihm stets Raum verschaffen. Dann sehen wir es aufleuchten, während wir eine Straße entlanggehen, unsere Arbeit verrichten, Gemüse schälen, ..., unsere Böden kehren; sehen es aufblitzen zwischen zwei Bemerkungen eines Mitmenschen, zwischen zwei Briefen, die zu schreiben sind, beim Aufwachen und beim Einschlafen."
 
Liebe Schwestern und Brüder,
bitten wir Gott um so viel Glauben und so viel Achtung, dass auch wir sein Wort mitten in unserem Alltag aufleuchten sehen und daraus leben. Gottes Wort ist lebendig , auch heute. Ich wünsche allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im "Jahr der Bibel" neue Freude am Wort Gottes und eine biblisch intensive Österliche Bußzeit. Der Kanon kann uns weiter begleiten: "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit."
 
So segne Euch und geleite Euch mit seinem Wort der lebendige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen
 
Augsburg, 30. Januar 2003
 
Dr. Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg