Gerufen zu Zeugen

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2004

28.02.2004 12:04

Im Hirtenwort ist auf die 2. Lesung zum 1. Fastensonntag (Röm 10,8-13) Bezug genommen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Wahrscheinlich haben Sie auf dem Weg in den Augsburger Dom schon einmal einen Blick geworfen auf die Gestalten, die über dem Brunnen am Domplatz stehen – aus Bronze gegossen und eindrucksvoll groß: unsere drei Bistumspatrone.

Beobachte ich Gäste, Schulklassen oder Firmgruppen beim Fotografieren am Dombrunnen, dann sehe ich: Ulrich und Simpert sind die Favoriten – Ulrichs Pferd dient zum Anlehnen, auf Simperts Wolf setzen sich Kinder oder streicheln das von ihm gerettete Kind am Boden. Afra, geklammert an ihren Marterpfahl inmitten züngelnder Flammen, bleibt daneben fast unbeachtet.

Und doch: Afra ist die älteste unserer Bistumspatrone. Heuer feiern wir ihr Gedenkjahr: Im Jahr 304, also vor 1700 Jahren, ging sie vor den Toren von Augsburg in den Flammentod. Der Grund: Sie war nicht bereit, den römischen Göttern zu opfern, wie es unter Kaiser Diokletian verordnet wurde; sie hielt unbeirrbar am Glauben an Jesus Christus fest. Dies ist schon fast alles, was wir an sicherer Erkenntnis von dieser Christin besitzen.
Trotzdem – nein, eigentlich deshalb – gibt mir unsere Patronin Afra wichtige Anstöße. Ich möchte sie Ihnen für Ihren Weg durch diese österliche Bußzeit weitergeben. Als „frühe Glau-benszeugin“ in unserer Heimat wird Afra meist beschrieben. So will ich mit Ihnen fragen: Was heißt „Zeuge“ und „Zeugin“ des Glaubens sein in unserer Zeit? An Afra, von deren Leben wir nur wenige markante Eckpunkte kennen, leuchtet dies besonders klar auf.
 
In der Kette der Glaubenszeugen: dankbar empfangen
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie der christliche Glaube aus dem Land Jesu zu uns kam? Wer dem nachgeht, stößt bald auf die Märtyrerin Afra. Die Christen der ersten Jahrhunderte in unserer Gegend sind wie Säulen der Glaubensgeschichte unseres Landes, auch wenn nur wenige von ihnen namentlich in Erinnerung geblieben sind. Stellen Sie sich vor: Was wäre aus dem christlichen Glauben geworden, wenn es nicht Männer und Frauen gegeben hätte, die ihn für sich ergriffen, in ihr Leben aufgenommen, durch ihr Leben bezeugt und weitergesagt haben? Christen und Christinnen, die dem Glauben Hand und Fuß, ein Gesicht, ja ihren Namen gegeben haben?
 
Es ist gut, uns an Afra bewusst zu machen: Wir stehen in einer langen Kette solcher Zeuginnen und Zeugen des Glaubens. Bisher ist sie nie abgerissen, Gott sei Dank! So konnte Jesu frohe Botschaft zu uns gelangen, sorgsam weiter gereicht – manchmal strahlend klar, manchmal durch menschliche Unzulänglichkeiten verdunkelt, aber noch zu erkennen oder wenigstens zu erahnen. Afra war ein Glied dieser Kette, ein besonders kostbares. Denn in ihr erreichte die Kette der Glaubenszeugnisse unsere Region.
An Afra wird deutlich: Glaube gibt es nicht ohne die „Communio sanctorum“, die „Gemeinschaft der Heiligen“. Dazu gehören nicht nur die Frauen und Männer, die die Kirche feierlich zu Heiligen erklärt; nein, in die Gemeinschaft der Heiligen sind alle „hineingeklinkt“, die durch die Taufe mit Christus verbunden wurden. Sie und ich sind Glieder dieser Kette, Teil der Gemeinschaft der Heiligen, die wir im Glaubensbekenntnis bezeugen.
 
Liebe Schwestern und Brüder, ich lade Sie ein: Nehmen Sie sich auf Ostern zu einmal Zeit, sich diese Gemeinschaft konkret vor Augen zu stellen: Wer waren, wer sind die Menschen, die in der Kette der Zeugen für mich wichtig sind? – Meine Großeltern, meine Eltern: sie haben mir den Glauben weiter gegeben – selbstverständlich wie das tägliche Brot. Eine Lehrerin, ein Priester, die Leiterin der Jugendgruppe oder des Bibelkreises, die mir den Anstoß gaben, mich mit Fragen des Glaubens auseinander zu setzen? Ein geistlicher Mensch, aus dessen Büchern ich immer wieder Anregung hole? Ein Heiliger, etwa die eigene Namenspatronin? Vielleicht auch die Kinder oder der Partner, die mich durch ihre kritischen Fragen herausfordern, persönliche Antworten des Glaubens zu geben?
 
Zeugen des Glaubens, lebendige Glieder der Kette, sind auch die Christen, junge wie alte, mit denen zusammen Sie jetzt hier Gottesdienst feiern. Gut, dass sie da sind! Durch sie wird wahr, was wir in einem Tagesgebet der Messe beten: „Wir danken dir für das Geschenk dieser Zusammenkunft. Sie hält in uns lebendig, was wir allein vergessen und verlieren würden.“
Der Schatz des Glaubens: lebendig verbunden mit Christus
 
Allein würden wir vergessen und verlieren. So hat es auch Afra erfahren. Die Legende erzählt: Zwei Fremde, Bischof Narcissus und sein Diakon, waren bei Afra zu Gast, sie beteten und erzählten von Christus. Afra wurde davon so ergriffen, dass sie – kraftvoll und mutig – für ihren Glauben öffentlich einstand, bereit dafür ihr Leben zu lassen. Der Glaube der Christen, so hatte Afra erlebt, ist keine leblose Sache, die man weiter reicht wie ein altes Museums-stück. Nein, Glaube ist persönliche Gemeinschaft mit Jesus Christus; für ihn wurde Afra „Feuer und Flamme“, er wurde ihr sogar kostbarer als dieses irdische Leben.
 
Afra übersetzt so mit ihrem Leben, was wir heute im Evangelium von Jesus hören: Vielerlei Schätze dieser Welt hält der Versucher ihm hin – Speise, Macht und Ruhm, Nervenkitzel und Allmachtsgefühle. Verlockend sind sie, doch Jesus ist klar: Sie zählen wenig gegenüber der Verbundenheit und dem Vertrauen in den lebendigen Gott. Sein „Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen ... Aus seinem Reichtum beschenkt der Herr alle, die ihn anrufen“ ; so wurde uns eben in der Lesung aus dem Römerbrief neu zugesichert.
 
Eine zweite Einladung gebe ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, darum mit in diese Bußzeit: Nehmen Sie sich Zeit und geben Sie in Ihrem Herzen Raum für die Frage: Wo brennt mir das Herz im Glauben? Gibt es wenigstens eine Glut oder einen gelegentlichen Funken in mir, der sich von der lebendigen Beziehung mit Gott nährt?
 
Viele Wege kennt die Kirche, erprobt durch Christen vor uns, um dieses „Feuer“ für Gott am Brennen zu halten: persönliches Beten; den Verzicht auf Dinge, die mich hindern, mich zu Gott hinzuwenden; Exerzitien im Alltag und Schriftgespräch; Mitfeier der heiligen Messe auch an einem Werktag; das Sakrament der Versöhnung. Nehmen Sie sich etwas davon konkret vor – nicht als lästige Pflicht, sondern als eine große Chance! Eine lebendigere Beziehung zu Gott wartet auf uns!
 
Zeugnis geben für den Glauben: aufrecht und verbindlich
Afra führt uns weiter: Ihre Verbundenheit mit Christus blieb keine private innere Angelegenheit. Sie ließ sich herausfordern, öffentlich Standpunkt im Glauben zu beziehen. Sie hat „Farbe bekannt“, für alle sichtbar im Flammentod am Lech. Nicht liegend auf dem Scheiterhaufen, sondern aufrecht an den Pfahl gebunden, wird sie dargestellt. Ein gutes Bild. Wer Zeugnis für den Glauben gibt, soll dies aufrecht tun – und verbindlich. Man könnte auch sagen: „mit demütigem Selbstbewusstsein“ .
Mehr als zu früheren Zeiten warten die Menschen heute darauf, dass nicht nur Priester und hauptberufliche Laien den Glauben verkünden, sondern dass Christen glaubwürdig bezeugen, wo ihr innerer Standpunkt ist – Standpunkt bei denen, die es schwer haben im Leben und die zu kurz kommen; Standpunkt in der Wahrheit und Ehrlichkeit, wo alle Welt geneigt ist, zu tricksen und zu mogeln; Standpunkt in der Wirklichkeit Gottes, die nicht mit diesem Leben endet, sondern die eine Perspektive gibt über unsere Grenzen hinaus.
 
„Ob einer im Leben Ernst macht, erkennt man nicht an den großen Entschlüssen, sondern an der kleinen Arbeit tagaus, tagein“, hat Romano Guardini einmal geschrieben. Ob ein Kind Ernst macht mit seinem Glauben, erkennt man nicht zuerst an der Zeugnisnote in Religion, sondern daran, ob es bereit ist, einmal etwas Gutes mit seinen Mitschülern zu teilen. Ob ein Erwachsener Ernst macht, erkennt man nicht daran, ob er ein Kreuz um den Hals trägt, sondern ob er anderen Menschen in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz wertschätzend begegnet. Ob ein Ehrenamtlicher Ernst macht, zeigt sich nicht zuerst in der Zahl der geleisteten Stunden, sondern daran, ob er ehrlich und unaufdringlich etwas von seinem Glauben erzählt, wenn man ihn fragt, warum er all dies tut.
Die Glaubenszeugin Afra sieht man dargestellt am Pfahl, in den Flammen. Dies regt mich an zu einer dritten Übung für diese Fastenzeit: Stellen Sie sich vor, mit welchem Attribut man Sie später einmal treffend darstellen könnte: Vielleicht mit der zärtlichen Hand auf dem Kopf Ihrer Kinder oder bei einem pflegebedürftigen Angehörigen? Mit dem abgenützten Schuh, weil Ihnen kein Weg zu weit war, wenn Menschen Unterstützung brauchten? Mit Blick zum Himmel, weil Sie nie die Hoffnung aufgegeben haben? Oder auch in Flammen, weil Sie den heißen Eisen unserer Gesellschaft nicht ausgewichen sind?
 
*
 
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern österliche Bußzeit im „Jahr der Berufung“. „Gott ins Spiel bringen“, heißt seine Leitlinie. Wenn ich mit Ihnen über unseren Auftrag zum Glaubenszeugnis nachdenke, könnte ich auch kurz sagen: Gott hat uns, Sie und mich, ins Spiel dieser Welt, ins Spiel dieses Lebens gebracht. Und er traut uns zu, dass wir etwas von ihm ins Spiel bringen – etwas von seiner Menschenfreundlichkeit, von seiner Geduld mit den Men-schen, von seinem Willen zur Gerechtigkeit. Wir können in diesen Wochen auf Ostern zu das unsere dazu tun. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns dazu den guten Willen, die Beherztheit, die Ausdauer schenkt.
Dazu spreche ich Ihnen den Segen des dreifaltigen Gottes zu – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
 
Augsburg, zum 1. Fastensonntag 2004
 
+ Viktor Josef Dammertz
Bischof von Augsburg