„Woche für das Leben“

01.05.2010

Im April fand in Ursberg ein Vortrag im Rahmen der „Woche für das Leben“ statt. Es referierte Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Der Vortrag war eine Kooperationsveranstaltung von Dominikus-Ringeisen-Werk Ursberg, der Pfarreiorientierten Behindertenseelsorge der Diözese Augsburg und der katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Günzburg.

Prof. Dr. Lob-Hüdepohl, Diakon Thomas Schmidt, Pastoralreferent Michael Geisberger (Gebärdendolmetscher) und Pastoralreferent Thomas Göppel (sitzend)

In der Behindertenhilfe und –seelsorge gibt es einen Paradigmenwechsel. Vor rund 40 Jahren galt das „Normalisierungsprinzip“: Dieses Prinzip orientierte sich hauptsächlich an den Defiziten der behinderten Menschen. Die pädagogischen und seelsorglichen (gut gemeinten!) Hilfen bestanden darin, die Defizite auszugleichen, damit die betreffenden Menschen möglichst „normal“ an der Gesellschaft teilnehmen konnten. Prof. Lob-Hüdepohl brachte dazu zwei Beispiele. Das erste betraf eine Mitschülerin von ihm, eine Contergan-Betroffene, die keine Arme hatte. Sie machte alles mit ihren Füßen, also Essen, Schreiben, Malen, Telefonieren etc. Da dies aber nicht der gängigen Norm entsprach, wurden ihr Prothesen angepasst, so dass sie ganz „normal“ essen, schreiben, malen etc konnte. Das zweite Beispiel betrifft die damaligen Linkshänder, die zum Rechtshänder umgelernt wurden, indem ihnen der linke Arm auf den Rücken gebunden wurde. Diese Bemühungen waren freilich aus bester Absicht für die betroffenen Menschen gemeint. Die behinderten Menschen wurden aber damit an die geltenden Normen angepasst, was eine Gleichmachung an die „normale“ Gesellschaft bedeutete.

Der neuere Begriff „Inklusion“ ist geradezu eine Gegenbewegung zur Normalisierung. Menschen mit Behinderungen dürfen so sein, wie sie sind. Es wird die Einmaligkeit gefördert, die jeweiligen Stärken und Fähigkeiten, vor allem die besonderen „Nur – Kompetenzen“, also Kompetenzen, die nur der behinderte Mensch hat. Durch Inklusion wird somit die Vielfalt gefördert. Es geht hier um ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Menschen mit Behinderung sind nicht nur (Teil-) Nehmende an Gesellschaft und Kirche, sondern auch (Teil-) Gebende. Beide Seiten profitieren und lernen voneinander. Um Inklusion realisieren zu können, brauchen wir nach Lob – Hüdepohl einen „rehabilitierenden Blick“, das heißt eine „Wiederbewürdung des Menschen“. Angezeigt ist daher kein Mitleid im herkömmlichen Sinne, sondern ein wechselseitiges Bestärken und Ermutigen, sowie eine Achtsamkeit und Sensibilität („Compassion“) für die Kräfte, Fähigkeiten und Ressourcen von Menschen mit Behinderung.
Was bedeutet das konkret? Ich glaube, dass gerade wir Menschen mit einer Behinderung in der permanenten Versuchung stehen, uns mit anderen, vor allem mit den sogenannten „Nichtbehinderten“ zu vergleichen. Dadurch bekommen wir erst recht unsere Defizite in den Blick. Hinzu kommt, dass wir uns immer wieder mal danach ausrichten, was wir nicht (so gut) können, anstatt unsere eigenen Stärken und Fähigkeiten zu (er-)kennen und einzusetzen. All das nagt logischerweise am Selbstbewusstsein.

Wie wohltuend ist da der Perspektivenwechsel der Inklusion. Wir Menschen mit einer Behinderung brauchen vor allem den „rehabilitierenden Blick“ auf uns selber. Seien Sie deshalb Ihr eigener „Coach“ und erstellen Sie Ihr persönliches Kompetenzprofil. Dann überlegen Sie sich, wo Sie Ihre Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen können: Wo wird das, was ich kann, gebraucht?

Sie sind Contergan – Betroffene(r) und können mit Ihren Füßen malen? Wunderbar! Setzen Sie diese „Nur – Kompetenz“ ein – Picasso wäre stolz auf Sie! Sie singen gut und gerne? Ausgezeichnet! Ihr Kirchenchor braucht dringend Ihre Solostimme! Sie haben handwerkliches Geschick? Sehr schön! Der nächste Adventsbasar kommt bestimmt, und Ihre Pfarrgemeinde, Ihre Selbsthilfegruppe oder wer auch immer freut sich auf Ihre Kreativität. Entwickeln Sie Mut und bringen Sie sich in Kirche und Gesellschaft ein mit dem, wer Sie sind und was Sie können.
Viel Freude und Erfolg dabei wünscht Ihnen …
Thomas Göppel

Zuhörerinnen und Zuhörer
Nachdenkliches Publikum, aber auch zuversichtlich, dass Inklusionsschritte möglich sind.