Inklusion

Inklusion - davon profitieren alle

Erst seit kurzer Zeit hat in Deutschland der Begriff Inklusion für die Behindertenarbeit Einzug gehalten, Inklusion meint die Veränderung der Rahmenbedingungen in einer Gemeinschaft, damit Menschen mit Behinderung selbstverständlich in die verschiedensten Gruppierungen einbezogen sind. Während der gebräuchliche (aber gut gemeinte) Begriff Integration (=Wiederherstellung eines Ganzen) Aussonderung voraussetzt, und damit immer eine Eingliederung in eine Gemeinschaft von außen meint, gibt es mit dem Begriff der Inklusion nun einen Paradigmenwechsel, der die Veränderungsnotwendigkeit auf Seiten der Gemeinde sieht. Gelegenheit zur Teilhabe an den Angeboten einer Pfarrei sollte also unabhängig von Voraussetzungen jeglicher Art sein. Dabei werden in der Regel vor allem die ohne Zweifel für einige Menschen mit Behinderung unüberwindbaren baulichen Barrieren (rollstuhlgerecht, Induktionsschleife) hervorgehoben: Weniger sind dabei z. B. Menschen mit einer geistigen Behinderung im Blick. In kurzer Zeit sind viele kleinere Wohneinheiten für Menschen mit einer Behinderung in den Pfarreien („Ambulantisierung“) entstanden, die für alle Beteiligten eine große Herausforderung sind. Wie können Menschen mit Behinderung am Gemeindeleben partizipieren?

1. Inklusion von kirchlichen Gemeinden braucht eine große Offenheit und Mut, sich auf etwas Neues, andere Lebenswelten einzulassen.
2. Betroffene wollen am kirchlichen Leben partizipieren und schätzen ihren Glauben, nicht nur als Bewältigungsstrategie in ihrer Situation im Kontext von Leben mit einer Behinderung.
3. Kleine geistliche Gemeinschaften von Menschen mit und ohne Behinderung sind eine geeignete Grundlage, Diakonie und Spiritualität gemeinsam zu leben und davon zu profitieren.
4. Es braucht eine nachgehende Seelsorge seitens des Pfarrers und des Seelsorgeteams. Aufgrund von Verletzungen und Empfindsamkeiten, die sich aus den gesellschaftlichen Bedingungen ergeben, tut es Betroffenen gut, wenn sie auf diese Weise Wertschätzung erfahren. Nur im Miteinander ist aufeinander Verlass.
5. Begegnungsräume sind Erfahrungswelten für Menschen mit und ohne Behinderung und ihre Angehörigen. Hier kann jede Gemeinde neue Lebensfelder eröffnen, die allen letztlich zugute kommen.
6. In den größer werdenden Seelsorgeeinheiten ist ein großer runder Tisch geeignet, einen inklusiven Prozess anzustoßen und zu begleiten. Hier sitzen Betroffene (Menschen mit Behinderung, Angehörige), Fachleute, Interessierte, Beauftragte aus dem Seelsorgeteam, dem Pfarrgemeinderat, etc.
7. Es ist für Betroffene weiterhin wichtig, exklusive Angebote wahrzunehmen, wie Selbsthilfegruppen etc.
8. Kirche gewinnt an Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft, weil sie so authentisch das Evangelium lebt. Dies kann aber nicht die einzige Motivation sein, denn es geht wie wir gesehen haben um den Einzelnen, der sich in den Prozess der Inklusion einbringt. Damit muss Inklusion als ein dynamischer Prozess der jeweils Beteiligten verstanden werden.

Von einer inklusiven Gemeinde, die Menschen mit und ohne Behinderung, deren Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Leid einbezieht (II. Vatikanum, Gaudium et Spes), profitieren alle.

Inklusion beim Apostel Paulus

Der Apostel Paulus zeigt uns im Philipperbrief konkret auf, wie ein Gemeindeverständnis inklusive Züge aufweisen kann. Es gibt kein hierarchisches Denken (von oben nach unten), wie er es auch an anderen Stellen betont, sondern ein Geben und Nehmen. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit. Dabei ist entscheidend, dass sich Paulus mit den Philippern sehr verbunden fühlt, ja, dass sie offenbar auf einer Wellenlänge waren. Es war in diesem Miteinander aufeinander Verlass. Jeder wird mit seinen Möglichkeiten ernst genommen und gehört ganz zu der Gemeinschaft. Dieses ganzheitliche Gemeindeverständnis, das neben dem Geben und Nehmen auch die Verbundenheit im Gebet beinhaltet, ist aus heutiger Sicht inklusiv zu nennen. Es ist auch gut auf eine Gemeinschaft zu beziehen, die Menschen mit und ohne Behinderung im oben genannten Sinne ernst nimmt. Auch an anderen Stellen weist Paulus darauf hin, dass jeder Einzelne dazugehört und jeder mit seinen Gaben an der Gemeinschaft teilhat (z.B. im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes). Im Dankesschlusswort des Paulus an die Philipper wird inklusives Denken in die Wirklichkeit umgesetzt: „Nicht dass ich erstrebe das Geschenk, sondern ich erstrebe die Frucht, die sich mehrende auf eurem Konto“ (Phillipperbrief Kapitel 4, Vers 17). „Frucht heißt für Paulus: das Gegenseitigkeitsverhältnis wird verwirklicht, nicht nur beschworen. Aber die Frucht kommt – und das ist das Entscheidende für Paulus – aus Gott selbst. Wer erfahren hat, dass Gott die Stütze seines Lebens ist, der wird Frucht bringen aus ihm.“ (Andreas Heek). Der braucht auch nicht „danke“ zu sagen oder zu erwarten, denn gegenseitiges Helfen in hilfloser Lage wird dann selbstverständlich.
Und heute? Die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass alle Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe haben ist das, was den Auftrag der Kirche ausmacht. Eine Inklusion in der Kirchengemeinde bedeutet, einen großen Umdenkungsprozess einzuleiten. Es gilt Anhaltspunkte zu finden, bei denen angeknüpft werden kann, um das Vorhaben möglich machen zu können.
Menschen als gleichwertige Partner akzeptieren und deren gegenseitige Beziehungen durch einen Dialog ‚auf gleicher Augenhöhe’ gestalten, könnte als Überschrift unter einer inklusiven Gemeinde stehen. Dabei gilt es nicht nur Barrieren baulicher Art abzubauen.

Diakon Thomas Schmidt