Ehrenamt - was hab’ ich davon?

Wir haben unabhängig voneinander Lisa und Christoph S., Uschi F. und Nadine U. fünf Fragen gestellt, die sich alle im Behindertenbereich engagieren. Hier sind ihre Antworten:

Wie kamst du zu deinem Engagement?

Lisa: Ich habe als Jugendliche und junge Erwachsene Jugendarbeit gemacht und Kinderbetreuung bei Familienbildungswochen vom Kolping. Da bei habe ich eine Sozialarbeiterin kennen gelernt, die mich darauf ansprach, ob ich nicht Interesse hätte, bei einem Selbstständigkeitstraining für junge behinderte Erwachsene vom DRK mitzumachen. Ich habe zweimal an diesen „Trainings“ als Betreuerin teilgenommen.
Apropos „Betreuer“: Eines hat mich bei diesen beiden Selbstständigkeitstrainings sehr gestört, es wurde immer zwischen den Teilnehmern und den Betreuern unterschieden. Dies war dann bei den Fahrten der „Pfarreiorientierten Behindertenseelsorge“ in Augsburg ganz anders. Man teilt das Zimmer, geht völlig unkompliziert miteinander um und hilft sich gegenseitig. Es sind eben keine Reisen für Behinderte, sondern integrierte Reisen für Menschen mit und „ohne (?)“ Behinderung. Diese ganz andere Konzeption, sagt mir sehr zu. Bei der letzten Reise nach Brixen und Assisi wurden wir mehrfach gefragt, wie viele Betreuer wir dabei hätten. Ich habe immer geantwortet: keine! Bei der Reaktion der Leute merkte man, dass sie zunächst stutzten, dann aber sehr schnell begriffen, wie das gemeint war. Für mich war die Fahrt eben keine Dienstfahrt, sondern ich habe an einer religiösen Freizeit teilgenommen.

Uschi: Ich kam über die Friedberger Behindertengruppe „Flinke Räder - Flinke Füße“ dazu, die vor 20 Jahren gegründet wurde. Als Begleiter für eine Freizeit und für eine Romreise gesucht wurden, meldete ich mich und war so begeistert, dass ich außer beruflich bedingter Unterbrechungen bis heute dabei bin.

Christoph: Ich habe ältere Geschwister, die während des Studiums bei der Lebenshilfe und anderen Institutionen mit behinderten Menschen Freizeiten gemacht haben. Das fand ich schon immer Klasse, habe es mir selbst aber nie zugetraut. Als ich aber von meinem Bruder angesprochen wurde, habe ich mich spontan entschieden, es mal „zu testen“.

Nadine: Nach anfänglicher Skepsis und Desinteresse brachte mich die Begegnung mit einem geistig behinderten Menschen zu der Überzeugung an einer Freizeit teilzunehmen.

Was waren deine Aufgaben?

Lisa: Das kam darauf an, mit welcher Frau ich das Zimmer geteilt habe und welche Hilfen diese benötigte. Bei der ersten Fahrt nach Assisi habe ich heim Duschen geholfen, Gummistrümpfe angezogen und auch einfach viel zugehört. Ansonsten waren am Tage Rollstühle zu schieben oder ich habe eine Mutter entlastet und hin bei ihrem Sohn geblieben, damit sie mal allein durch eine Kirche gehen und auch Ruhe finden konnte, z.B. in der Einsiedelei. Bei den anderen Fahrten habe ich das Zimmer fast immer mit einer Rollifahrerin geteilt und dieser beim Anziehen, Duschen, Toilettengängen und als Stütze geholfen, wenn sie sich wusch. Bei den Unternehmungen waren dann natürlich wieder Rollstühle zu schieben usw. Manchmal muss man auch einfach darauf achten, dass jemand nicht verloren geht, der selbst keinen Orientierungssinn hat. Bei einer Fahrt habe ich das Zimmer mit einer Frau geteilt, der ich auch helfen musste, ihr Geld einzuteilen. Irgendwie ist es schwierig, von „meinen“ Aufgaben zu sprechen, denn jeder hilft, wo Hilfe gebraucht wird, und das beschränkt sich eben nicht nur auf die Menschen „ohne Behinderung“.

Uschi: Ich engagiere um in der Gruppe „Flinke Räder -- Flinke Füße“. Das ist eine Gruppe von körper- und sinnesbehinderten Menschen im Alter von 22 bis ca. 50 Jahren. Wir halten alle vier Wochen Gruppenstunden und unternehmen einiges: Musicalfahrten, Reisen. Ich bin die „Koordinatorin“ der Gruppe und erledige Organisatorisches.

Christoph: Ich fand es sehr gut beim ersten Mal zunächst nur Rollis zu schieben. So konnte ich selber herausfinden, was ich mir zutraue. Später habe ich dann zum Beispiel einen autistischen Jugendlichen betreut. Da habe ich viele kleine Erfolge erlebt, weil er mich Tag für Tag mehr akzeptiert hat.

Nadine: Bei meiner ersten Freizeit bestand meine Aufgabe fast ausschließlich aus Rollstuhlschieben. Beim zweiten Mal war ich dann Betreuerin einer schwer geistig behinderten Frau mit autistischen Zügen. Das waren ganz neue Erfahrungen, die mich auch im Alltag sehr viel weiterbringen.

Warum machst du das? Du könntest doch deinen „Urlaub“ anders verbringen?!

Lisa: Ich habe auf diesen Fahrten immer tolle Menschen kennen gelernt, Menschen, die trotz Behinderung ihr Leben meistern, die sich über Kleinigkeiten so sehr freuen können, dass die Freude ansteckt, die spontan sind, die sich nicht unterkriegen lassen, wenn plötzlich eine Barriere im Weg steht, oder etwas nicht so klappt, wie man es sich vorgestellt hat, Menschen mit und ohne Behinderung, die sehr offen sind, die aufeinander achten, die einfach auch Spaß miteinander haben wollen ... Kurz: Es ist ein Urlaub, der der Seele einfach gut tut.
Mein Problem ist bei diesen Fahrten eigentlich nur, dass ich zu wenig Schlaf bekomme, weil ich die gemeinsamen Abende bis zum bitteren Ende genieße und morgens früh raus muss, weil da eben noch jemand ist, der Hilfe braucht. Aber was soll‘s, den Schlaf hole ich später wieder nach.

Uschi: Für mich ist es eine tolle Bereicherung, mit der Gruppe zusammen zu sein. Sie ist irgendwie ein Teil meines Lebens geworden. So wie ich Frei zeit mit Freunden verbringe oder alleine, verbringe ich auch Freizeit mit der Gruppe. Es ist kein „Opfer“ oder eine „Aufgabe“, sondern ein Lebensbereich von mir, den ich nicht missen möchte. Manchmal bin ich sehr betreten, wenn ich die Begeisterung und echte Freude sehe und erleben darf, die wir Nichtbehinderten oft gar nicht mehr empfinden können.

Christoph: Erst wenn man einmal eine integrative Freizeit selbst mitgemacht hat, kann man beurteilen, wie viel Spaß so ein Urlaub macht. Für mich ist das genau der Kontrast zu meinem Job in der IT-Branche, den ich brauche. Es ist immer wieder toll zu sehen, über welche für mich alltäglichen Kleinigkeiten sich ein behinderter Mensch freuen kann, wenn wir sie ihm ermöglichen.

Nadine: Ich mache auch Erholungsurlaub und Radtouren, aber die Freizeiten runden meinen Urlaubs- plan ab. Bei keiner anderen Form lernt man so viel über Menschen.

Kannst du dir vorstellen, noch einmal bei einer Freizeit mitzufahren?

Lisa: Ja klar, du hast ja schon gehört, dass ich schon mehrfach mit war, weil es mir eben wirklich Spaß macht, mitzufahren.

Uschi: Wie man aus Antwort Nr. 4 erkennen kann: Ja, natürlich.

Christoph: Ja, ich werde mindestens einmal im Jahr dabei sein. Es ist jedes Mal spannend zu erkennen, dass jeder Teilnehmer — egal wie stark seine Behinderung ist — mindestens eine Sache wesentlich besser kann als ich. Erst auf einer Freizeit lernt man wohl jemanden kennen, der einem immer genau sagen kann, welche Farbe das Gummibärchen hat, das in seiner Tüte fehlt.

Nadine: Ja, mein Ziel ist es, in den nächsten Jahren immer eine Freizeit mit zumachen, weil ich es immer wieder bemerkenswert finde, wie offen die behinderten Menschen miteinander und mit mir umgehen.

Was könntest du Neu Interessierten sagen/mit auf den Weg geben, die sich im Behindertenbereich einbringen wollen?

Lisa: Was soll ich sagen? Ich denke alles vorher Gesagte spricht für sich. Vielleicht hat der eine oder andere Angst davor, weil er nicht weiß, wie man mit einander umgehen soll. Aber das gibt sich im Miteinander ganz von selbst, wenn man sich selbst nicht so sehr als „Betreuer“ auffasst. Ich habe bei den Menschen mit Behinderung ganz wundervolle Menschen kennen gelernt, so dass die Behinderung ganz nebensächlich wird. Ich kenne viele Menschen „ohne“ Behinderung, die durch ihre Unzufriedenheit viel behinderter sind!

Uschi: Man darf auf keinen Fall aus Mitleid auf die Menschen mit Behinderungen zugehen oder mit der Einstellung: „Ich tu jetzt was Gutes, denn die sind ja so arm dran“. Wenn man sich Zeit lässt und offen auf die Menschen zugeht, wird man merken, dass sie so viele Werte und Fähigkeiten haben, dass die „Grenze“ schnell abgebaut wird und dann ein echtes Miteinander möglich ist, mit Höhen und Tiefen, wie überall.

Christoph: Ich kann so eine Erfahrung uneingeschränkt jedem empfehlen! Ich diskutiere immer wieder mir Freunden und Kollegen darüber. Häufig bekomme ich zu hören „Toll, dass DU so was machst, aber ICH traue mir das nicht zu“. Ich verstehe das sehr gut, weil ich eben mal genau so gedacht habe. Heute meine ich, dass man nur die Hemmschwelle überwinden muss und sich alles andere von selbst er gibt.

Nadine: Jeder sollte einmal das Gemeinschaftsgefühl in solchen Gruppen erlebt haben. Es ist beeindruckend, wie jeder Teilnehmer jedem hilft und wie viel man dann in einer Gemeinschaft erreichen kann.