Die Benediktinerregel von ca. 820 im Archiv des Bistums Augsburg
Benedikt von Nursia (ca. 480 – ca. 560), der Vater des abendländischen Mönchtums, verfasste um 540 in Montecassino seine Mönchsregel. Sie ordnet das Leben im Kloster und bildet bis heute weltweit die Grundlage für das Zusammenleben der Benediktiner. Im Zentrum steht die Ausrichtung auf Gott, demzufolge soll dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden (Kap.43,3).
Die Niederschrift der Regel durch den Hl. Benedikt kann, da spätere Zusätze nachweisbar sind, nicht in einem Zug erfolgt sein. Zwar sind Bezüge zu antikem Geistesgut vorhanden, doch beruht das Werk auf der hl. Schrift sowie den Kirchenvätern und verarbeitet ältere Mönchsregeln, aber auch eigene Erfahrung.
787 hatte Karl der Große eine Abschrift in Montecassino anfertigen lassen. Verbindlich auf die Regel festgelegt wurden die Klöster im Karolingerreich durch die Aachener Synoden (816 – 819) und insbesondere das „capitulare monasticum“ (817) Ludwigs des Frommen, woran der Berater des Kaisers, Benedikt von Aniane, entscheidenden Anteil hatte.
Die frühesten Benediktinerregeln teilen sich in zwei Gruppen und Mischformen; eine Gruppe bietet den „reinen“ Text. Dazu gehört nach Bernhard Bischoff die älteste erhaltene bayerische Regelhandschrift aus dem Kloster Tegernsee, die eng mit der Abschrift von 787 zusammenhängt. Geschrieben soll sie der Presbyter Dominicus haben; der Codex ist mit einem Kreuzfrontispiz und Initialen geschmückt.
Regula S. Benedicti, Benediktbeuern,
erstes Drittel 9. Jh., Pergament, 21,6 x 14,2 cm
Archiv des Bistums Augsburg, HS 1
Zur zweiten Gruppe mit einem geglätteten, bearbeiteten Text gehört die Regel aus Füssen/St. Mang. Zwar wurde sie in Benediktbeuern geschrieben, doch kam sie wohl schon vor dem 12. Jahrhundert nach Füssen. Im Zeitalter der Säkularisation zunächst nach Reutte in Tirol gebracht, bestimmte sie der letzte Abt P. Ämilian Haffner mit anderen Schriften 1822 zur Grundlage für eine zukünftige Ordinariatsbibliothek in Augsburg.
Lit.: Bierbrauer, Katharina: Die vorkarolingischen und karolingischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, Bd. 1, Wiesbaden 1990; Bischoff, Bernhard: Die ältesten Handschriften der Regula S. Benedicti in Bayern, Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige, Bd. 92, 1981, 7 – 16; Bischoff, Bernhard: Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, Teil 1: Die bayerischen Diözesen, Wiesbaden2 1960; Kraft, Benedikt: Die Handschriften der Bischöfl. Ordinariatsbibliothek in Augsburg, in Verbindung mit Oberbibliothekar Dr. Eduard Gebele, Augsburg 1934; Macht des Wortes. Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas, 2 Bde., hrsg. von Gerfried Sitar OSB, Martin Kroker unter Mitarbeit von Holger Kempkens, (Regensburg 2009).
Erwin Naimer