Hirtenwort zum Kirchweihfest 2006
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Kinder und Jugendliche!
1. Wer glaubt, ist nie allein!
Viele von uns haben noch sehr lebendig die Bilder vom Besuch unseres Heiligen Vaters Anfang September in unserer bayrischen Heimat vor Augen! Von Euch, liebe Kinder, habe ich viele gesehen, die sich über den Besuch unseres Papstes sehr gefreut haben; Jugendliche sind mir begegnet, die voller Begeisterung waren. Eltern mit ihren Kindern und altgewordene Menschen kamen zu den unterschiedlichen Gottesdiensten und Begegnungen mit unserem Papst. Diese Tatsache hat das Motto der Begegnung mit dem Heiligen Vater Wirklichkeit werden lassen: „Wer glaubt, ist nie allein!“
Ein geistiger Aufbruch war an allen Orten zu spüren, verbunden mit einer ehrlichen Freude. Dabei ging es nicht nur um die Begegnung mit Papst Benedikt XVI., sondern wirklich um die handgreifliche Erfahrung: Hier bewegt sich etwas; hier kommen Menschen unterschiedlichen Alters - sicher auch mit unterschiedlichen Vorstellungen und Fragen an die Kirche - zusammen, aber sie sind da voller Erwartung und erleben eine geistliche Familie.
2. Können wir zu Recht mit Freude glauben?
Es ist heute nicht unbedingt selbstverständlich, dass jeder Mensch einen starken und vertrauensvollen Glauben hat; andererseits ist es aber auch eine Tatsache, dass viele Menschen sich nicht nur mit den materiellen und empirischen Gegebenheiten und mit einem oberflächlichen Genuss des Lebens zufrieden geben. Im Vergleich zu früheren Jahren wird wieder verstärkt die Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins gestellt und damit bewusst oder unbewusst auch die Frage nach Gott.
Beim Besuch unseres Papstes war es unüberhörbar, dass er in Mut machender Weise auf den Wert und die Würde des menschlichen Lebens gezeigt hat und damit gleichzeitig auch immer wieder die Frage nach dem Glauben an Gott und die Erfahrung der Gottesliebe aufgegriffen hat. In allen seinen unterschiedlich geprägten Predigten hat er mich persönlich sehr stark an den letzten großen Propheten, den Wegbereiter Jesu Christi, an Johannes den Täufer, erinnert. Wie dieser, hat auch der Papst immer wieder in unterschiedlicher Weise auf die Größe und auf die Liebe Gottes in Jesus Christus gezeigt und werbend und zugleich auch wohlbegründet für diesen Glauben Zeugnis abgelegt. Eine sehr wichtige Aussage von dem päpstlichen Glaubenszeugnis bei der heiligen Messe in Regensburg will ich in diesem Hirtenwort aufgreifen und bewusst ins Gedächtnis rufen:
„Wir glauben an Gott. Das ist unser Grundentscheid. Kann man das heute noch? Ist das vernünftig? Seit der Aufklärung arbeitet wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig wird. Und so soll er auch für unser Leben überflüssig werden. Aber sooft man auch meinen konnte, man sei nahe daran, es geschafft zu haben – immer wieder zeigt sich: Das geht nicht auf. Die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott, und die Sache mit der Welt, dem ganzen weiten Universum, geht nicht auf ohne ihn. Letztlich kommt es auf die Alternative hinaus: Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten lässt oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im letzten also doch auch etwas Unvernünftiges.“
Für uns Christen ist es ein unverzichtbares Zeugnis und deshalb auch einmalig christlich, dass dieser schöpferische Ursprung des Universums, diese schöpferische Kraft, der ein jeder von uns das Leben verdankt, nicht für sich in einem abgeschlossenen Unbekanntsein geblieben ist. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hat sich sichtbar, hat sich greifbar gemacht in der Menschwerdung seines Sohnes, der uns in allem gleich geworden ist, ausgenommen die Sünde. Zu Recht können wir bezeugen, dass der unsichtbare Schöpfergott durch den menschgewordenen Sohn, der unser leiblicher Bruder geworden ist, und noch mehr durch den gekreuzigten Menschen mit seinem geöffneten Herzen, sein Herz an einen jeden von uns hängt. Seither sind wir nicht nur Geschöpfe Gottes; wir sind Kinder Gottes, Söhne und Töchter Gottes, ja noch mehr, wirklich „Geliebte Gottes“.
3. Wir als Kirche in unserer Zeit
Die Kirche ist nicht in erster Linie nur eine Institution, die anerkannterweise den Menschen unserer Gesellschaft sehr viele soziale und caritative Dienste anbietet. Die Kirche ist auch nicht ein mehr oder weniger kompliziertes oder unverständliches Lehrgebäude! Die Kirche sind wir! Ein jeder in seinem Lebensalter, ob Mann oder Frau, ob Kind oder Jugendlicher; ein jeder mit seinem unterschiedlichen Beruf, mit seinen unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen. Getauft und gefirmt auf die Liebe des menschgewordenen und gekreuzigten Jesus von Nazareth, auf das Leben des auferstandenen Christus, ist jeder von uns, wie Petrus sagt, ein „lebendiger Stein“, der wichtig ist zum Aufbau des geistigen Hauses, das die Kirche ist (vgl. 1 Petr 2, 4 ff). Sie ist auferbaut auf einem zuverlässigen Fundament, auf einem „Eckstein“, der Jesus Christus heißt und dessen Liebe und Leben durch keine Macht mehr zerstört werden können. Er schafft unter uns Einheit. Mit dieser Aussage kommt das Motto der Begegnung mit dem Papst wiederum zur Geltung: „Wer glaubt, ist nie allein!“, weil wir uns gegenseitig aufeinander verlassen können, weil wir uns aber auch gegenseitig brauchen im Wachstum von Glaube, Hoffnung und Liebe. Dieses Wachstum in der Gemeinschaft der Glaubenden wird besonders durch die Feier der Eucharistie gefördert, so dass wir bezeugen können: Der Sonntag gehört Gott und gehört uns! In der Feier der Eucharistie spricht Jesus Christus selbst zu uns, wie wir das auch im heutigen Evangelium von der Tempelreinigung gehört haben. Jesus Christus selbst ist mit den Gaben von Brot und Wein, aber auch mit unserem Leben, mit unserer Dankbarkeit, auch mit unseren Sorgen der Opferpriester, der sich mit uns voll Liebe Gott darbringt. Durch ihn werden wir in jeder Feier der Eucharistie „verwandelt“ in diese geistigen Bausteine und auferbaut zum Tempel Gottes, zur erfahrbaren Kirche in unserer Zeit.
Aus diesem Grund hat unser Heiliger Vater in einer sehr liebevollen und werbenden Weise bei der Vesper im Münchner Liebfrauendom zu den Eltern und Erziehern gesagt:
„Liebe Eltern! Ich möchte Euch herzlich einladen, Euren Kindern glauben zu helfen und sie auf ihrem Weg zur Kommunion, auf ihrem Weg zu Jesus und mit Jesus zu begleiten. Bitte, geht mit Euren Kindern in die Kirche zur sonntäglichen Eucharistiefeier. Ihr werdet sehen: Das ist keine verlorene Zeit, das hält die Familie richtig zusammen und gibt ihr ihren Mittelpunkt. Der Sonntag wird schöner, die ganze Woche wird schöner, wenn Ihr gemeinsam den Gottesdienst besucht. Und bitte, betet auch zu Hause miteinander: beim Essen, vor dem Schlafengehen. Das Beten führt uns nicht nur zu Gott, sondern auch zueinander. Es ist eine Kraft des Friedens und der Freude. Das Leben in der Familie wird festlicher und größer, wenn Gott dabei ist und seine Nähe im Gebet erlebt wird.
Liebe Religionslehrer und Erzieher! Euch bitte ich von Herzen, die Frage nach Gott, nach dem Gott, der sich uns in Jesus Christus gezeigt hat, in der Schule gegenwärtig zu halten. Ich weiß, dass es schwer ist, in unserer pluralistischen Welt den Glauben in der Schule zur Sprache zu bringen. Aber es reicht eben nicht, wenn die Kinder und jungen Menschen in der Schule nur Kenntnisse und technisches Können, aber keine Maßstäbe erlernen, die der Kenntnis und dem Können Richtung und Sinn geben. Regt die Schüler an, nicht nur nach diesem und jenem zu fragen, sondern nach dem Woher und Wohin unseres Lebens. Helft ihnen zu erkennen, dass alle Antworten, die nicht bis zu Gott hinkommen, zu kurz sind.“
Wir alle können wahrhaft Freude an unserem Glauben haben, da dieser Glaube im menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus das Leben eines jeden Einzelnen von uns mit einer unwiderruflichen Liebe umschließt und uns trägt im Leben und im Sterben.
Meine lieben Gläubigen, liebe Kinder und Jugendliche, abschließend habe ich noch eine Bitte. Wir müssen unsere Kirchen offen halten als Orte der Begegnung mit Gott und für die Zwiesprache mit Jesus Christus, der immer für uns gegenwärtig ist in der Eucharistie, im Allerheiligsten Sakrament des Altares, im Tabernakel. Tabernakel heißt Zelt und ist Wohnung Gottes mitten unter uns, in unseren Dörfern und Städten. Brauchen wir nicht immer wieder diesen Ort, wo wir allein sind, wo wir über uns nachdenken können und wo wir mit der Liebe Gottes in Jesus Christus in Berührung kommen können? Der Glaube braucht Nahrung, eine geistliche Stärkung, damit wir wirklich mit persönlicher Zuversicht füreinander da sein können und untereinander erfahren: „Wer glaubt, ist nie allein!“
Ich wünsche Ihnen und Euch immer wieder aufs Neue Freude am Glauben und segne Euch, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Dr. Walter Mixa
Bischof von Augsburg