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Predigt zum Jahresabschluss 2013

31.12.2013 13:14

- es gilt das gesprochene Wort -

Jahresschlussandacht 2013 (Mt 6,24-34)

Liebe Schwestern und Brüder,

bei unserer diesjährigen adventlichen Feier mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bischöflichen Ordinariates wurde uns die Geschichte von der 25. Stunde vorgetragen.

Weil die Menschen keine Zeit mehr zum Beten fanden, hatten die Engel dem lieben Gott vorgeschlagen, ihnen eine 25. Tagesstunde zu schenken. Doch bei den Menschen, so die Geschichte, stieß diese Zweckbestimmung keineswegs auf einmütige Zustimmung. In Kirche und Gesellschaft hatten fast alle einen Grund, warum die dazu gewonnene Tagesstunde nicht dem Gebet gewidmet sein könne.

Wenn da nicht einige Engel von Menschen berichtet hätten, die die geschenkte Zeit wie andere Stunden ihres Lebens dankbar aus den Händen Gottes annahmen – wie es hieß, für ihre Aufgaben, für den Dienst am Mitmenschen, für die Teilnahme an der Hl. Messe und – für das Gebet, für das sie jetzt noch leichter Zeit fanden als bisher.

Und die Geschichte schloss damit, dass der himmlische Rat erkannte:

„Das Gebet ist eine Frage der Liebe. Zeit allein bringt keine Beter hervor. Zeit haben, genau besehen, immer nur die Liebenden. Woraufhin beschlossen wurde, Gott zu bitten, die 25. Stunde wieder abzuschaffen und auch die Erinnerung daran aus den Köpfen der Menschen zu löschen. – Und so geschah es.“

Alles bloß eine Geschichte? Oder leider nur die traurige Wahrheit in eine nachdenklich machende Geschichte gefasst? Zum Teil mag das wohl zutreffen, aber dennoch nicht nur auf die traurige Wahrheit. Sondern vor allem auch auf das Fazit, das wir aus der Geschichte ziehen können. Denn mit den Augen der Liebenden gesehen, haben wir eben doch die 25. Stunde oder wir haben sie nicht. Den Liebenden wird sie jedenfalls immer noch und immer wieder angeboten auch in unserer Diözese und in unserer Stadt:

Mit der Einladung zur regelmäßigen Teilnahme an der sonntäglichen Feier der Eucharistie, zu Gottesdienst und Gebet um geistliche Berufungen, zur Feier der Hochfeste, die weder kirchlich gebotene noch staatlich verordnete Feiertage sind, um nur ganz vereinzelt solche Angebote aus dem bunten Strauß des Kirchenjahres und der persönlich empfohlenen Frömmigkeit zu benennen.

Auch diese Dankandacht zum Jahresabschluss möchte ich da hinzufügen; um still zu werden und zu hören, um Besinnung zu halten und zu beten; um alles in allem Gott zu loben und zu preisen und ihm für das zu Ende gehende Jahr noch einmal ausdrücklich zu danken.

Gerade in den Tagen vor Weihnachten haben gewiss viele von uns außerordentlich viel Post bekommen. Weihnachtsgrüße mit guten Wünschen für das kommende Jahr, Betrachtungen, wertvolle Texte, aber auch ausführliche Berichte über den Verlauf des vergangenen Jahres in der Familie, in der Ordensgemeinschaft, den Schulen und Einrichtungen unseres Bistums. Wie gern hätte ich alle diese Schreiben mit der gebührenden Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen und mit Interesse gelesen!

Aber gerade in diesen Tagen, muss ich gestehen, hatte die Vorbereitung auf Weihnachten, die Einstimmung darauf in den adventlichen Feiern und Begegnungen und die Verkündigung an Weihnachten selbst absoluten Vorrang. – Was uns auf einen der vielen wesentlichen Unterschiede zwischen der Begegnung und dem Austausch unter uns Menschen und der Begegnung unseres Herrn mit uns und unsere Begegnung mit ihm denken lassen kann.

Denn er ist uns gegenüber niemals abgelenkt oder zerstreut. Wir dürfen immer und überall zu ihm kommen, in jeder Situation und mit allen unseren Anliegen, Nöten und Sorgen, aber auch mit unseren Freuden und unserem Dank. Und er ist für uns da, spricht zu uns, wenn wir nur auf ihn hören, und hört auf uns, wenn wir uns an ihn wenden. Ja, Gott will von uns gebeten werden. Unser Bittgebet ist Ausdruck unseres Glaubens, eine besondere Form unseres Lobes und Dankes an unseren Schöpfer und Erlöser, dem einzig aller Dank und alle Anbetung gebührt.

Gott ist uns gegenüber immer aufmerksam. Wie oft haben wir ihm aber immer nur unsere Not geklagt, sind nur zu ihm gekommen, wenn wir wieder einmal ganz unten waren oder Steine auf dem Herzen hatten! So wollen wir diese Stunde auf keinen Fall verstehen, ganz gleich, ob wir vielleicht wehmütig oder reumütig zurück oder bange und kleinmütig nach vorn schauen. Gleich ob „ … das alte noch unsere Herzen quälen will und uns die schwere Last böser Tage noch drückt …“ (Bonhoeffer) oder ob wir mit der bangen Frage in die Zukunft schauen, was uns das neue Jahr wohl alles bringen mag. Allein im Leben der Kirche könnten wir da in recht verschiedener Hinsicht einiges aufzählen. Die Katholische Nachrichtenagentur hat ihren Überblick über das Leben der Kirche im vergangenen Jahr als ein „Jahr auf der Achterbahn“ bezeichnet.

Da möchte ich mich doch lieber von den Weihnachtswünschen guter Freunde eines besseren belehren lassen. Auf der Innenseite ihrer weihnachtlichen Grußkarte hatten sie ausschließlich gute Nachrichten – ganz konkret aus Politik, Kirche und Gesellschaft in dichten Zeilen aneinandergereiht. Inmitten dieser Zeilen aber prangte in kunstvoller Schrift als Leitwort: „Friede den Menschen guten Willens“. Das ist, des bin ich mir einigermaßen sicher, wohl unser aller innigster Wunsch. Doch dürfen wir die ganze Frohe Botschaft von Weihnachten nicht übersehen, die da lautet:

„Ehre sei Gott in der Höhe,
und Friede auf Erden
den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14)

Dabei fiele es uns vielleicht gar nicht so schwer, die Achterbahn der Nachrichtenagentur noch um einiges zu verlängern. Bekanntlich geht es ja auch auf einer Achterbahn nicht nur nach unten. Allzu schnell gerieten wir aber dabei in den Trend des weltweit Aufsehenerregenden, des Sensationellen und Spektakulären. Dazu, liebe Schwestern und Brüder, sind wir nun wahrlich nicht zusammengekommen.

Mühen wir uns doch lieber um die vielen guten Nachrichten, die allein aus unserer Diözese zu berichten sind, und betrachten wir das Naheliegende. Versuchen wir, uns wenigstens punktuell und auszugsweise daran zu erinnern: An die Weihe von mehreren jungen Männern zu Diakonen, Priestern und Ständigen Diakonen, an die Aufnahme ins Katechumenat für die Menschen, die zum Glauben gekommen waren und in die Kirche aufgenommen werden wollten. Denken wir an den Nationalen Eucharistischen Kongress in Köln, auf dem unser Bistum recht gut aufgestellt und vertreten war; an die Feier der Ulrichswoche, den Priester- und Diakonentag, den Vortrag und Gottesdienst mit Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, an das Treffen mit den Weihejubilaren; an zwei Abtsbenediktionen auf dem Gebiet unseres Bistums; an die 72 Stunden-Aktion der Jugend wie an die Teilnahme von Jugendlichen am Weltjugendtag in Rio; an den diözesanen Weltjugendtag in Speiden; an die Aussendung neuer pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; die Feier zahlreicher Pfarrei- und Kirchweihjubiläen, Einweihungen und Renovierungsabschlüsse; das 100jährige Jubiläum der Marianischen Priesterkongregation oder des Ortsverbandes des Katholischen Frauenbundes in Füssen.

Dabei schöpfe ich lediglich von einem Blick in meinen eigenen Terminkalender und nicht der Mitbrüder im geistlichen Dienst, die das Ganze durch ihr fruchtbares geistliches Wirken noch potenzieren können.

Für mich ganz persönlich, aber damit eben auch für unser Bistum, war es eine hohe Ehre und große Freude, dass ich im vergangenen Oktober die Weihe von 3 Diakonen zu Priestern – darunter einer aus unserer Diözese – und 4 Alumnen des Päpstlichen Collegiums Germanicum in der römischen Kirche des Hl. Ignatius vornehmen durfte.

Noch gut ist uns allen der zahlreich besuchte Jahresempfang unserer Diözese in Erinnerung. Von hoher Bedeutung und ganz gewiss prägend und Maßstäbe setzend für das kommende liturgische Jahr war sicher der Kirchenmusikalische Tag zur Einführung des neuen Gebets- und Gesangbuches „Gotteslob“, das wir, wie ich von inoffizieller Seite erfahren habe, unter Umständen vielleicht doch noch als gesamte Lieferung
vor Ostern erhalten werden.

Und nicht zuletzt der feierliche Abschluss des Jahres des Glaubens in unserer Diözese, von den zahlreichen Wegmarken und Aufbrüchen in diesem Jahr und von den Verdiensten aller daran Beteiligten ganz zu schweigen.

Dabei können wir nicht einmal ansatzweise den Versuch der Vollständigkeit dieser Aufzählung geltend machen. Ich müsste nämlich dann schon die Feier des gesamten Kirchenjahres mit seinen geprägten Zeiten, seinen Festen und Hochfesten bis hin zur persönlichen Umkehr und Erneuerung vieler Einzelner benennen; und nur im zeitlichen Sinne zuletzt auch die würdevolle Begleitung und Verabschiedung aller uns teuren Schwestern und Brüder „die den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und die Treue bewahrt haben“, denen der Herr den Kranz der Gerechtigkeit schenken möge. (vgl. 2 Tim 4,8)

Wir müssen jetzt nicht die einzelnen Fragen erörtern, die vielleicht in manchem von uns aufgestanden sein mögen, als wir die Worte Jesu aus dem Evangelium gehört haben: Die Frage nämlich nach der berechtigten Sorge für den nächsten Tag oder gar die bohrende Frage, warum Gott , der die Vögel ernährt und die Lilien kleidet, zulässt, dass so viele Menschen verhungern oder in unsäglichem Elend dahinvegetieren müssen.

Wenn diese Fragen unwillkürlich in uns aufstehen, dann sollten wir bedenken, dass alles unter der großen Überschrift der zwei Herren steht, die in ihrer letzten Gesinnung unvereinbar sind. Einen von ihnen müssen wir zum Herren wählen, dem wir dienen. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir auch in Zukunft Gott allein als den anerkennen, von dem alle Güter stammen, die er uns gleich den Talenten zur Verwaltung übergibt, um sie vermehrt zurück zu erhalten. Oder ob wir den Wohlstand zum höchsten Gut und damit zum Rang einer Gottheit erheben.

Nach dem Bemühen um diese Wahl und Entscheidung dürfen und müssen wir die Frage nach der Not und dem Elend eines jeden unserer Mitmenschen durchaus noch einmal an uns heranlassen. Und ich denke dabei noch nicht einmal zuerst an die Syrischen Flüchtlinge oder die arbeitsuchenden Bulgaren oder Rumänen, sondern an die erschreckend große Zahl von Einsamen, Obdachlosen, Benachteiligten und Armen in dieser unserer Stadt, von denen ich mehr als je zuvor bei der weihnachtlichen Feier des Sozialdienstes Katholischer Männer begegnet bin.

Auch bei aller notwendigen Sorge um den nächsten Tag kommt es darauf an, wen wir über unser Tun und Lassen auch im nächsten Jahr (das ja in weinigen Stunden beginnt!!) bestimmen lassen und in wessen Hand wir unser Gelingen oder unser Versagen schließlich legen können, ohne überzuschnappen oder zu verzweifeln.

„Ein Jahr des Glaubens“ – so habe ich es bei jenem feierlichen Vespergebet zum Abschluss gesagt, „ist eben auch ein Jahr der Entscheidung, und das Jahr des Glaubens, das weitergeht, wird ein Jahr der Entscheidung bleiben müssen, einer Entscheidung für Christus und seine Kirche, vor die wir alle Tag für Tag immer wieder von Neuem gestellt werden.“

Was ich dann noch hinzugefügt habe, möchte ich heute als Wunsch für das kommende Jahr für Sie alle formulieren: Diese Entscheidung, liebe Schwestern und Brüder, möge Sie niemals mit Beklemmung und Traurigkeit, sondern ausschließlich und allein mit Freude erfüllen!

Noch im Priesterseminar wurde uns seinerzeit vom Spiritual gesagt, dass derjenige, der dem Stundengebet im Verlauf des Tages seinen gebührenden Platz einräumt, so etwas wie eine wunderbare Zeitvermehrung erleben könne. Ein Hinweis, der aus der geistlichen Erfahrung dieses Mitbruders stammen mochte, den man aber bestätigt finden kann, wenn man sich nach ihm richtet.

Da haben wir sie also wieder, die 25. Stunde, die den Liebenden zur Verfügung steht, die allen zur Verfügung steht, die Gott als ihrem Herrn und Erlöser den absoluten Vorrang einräumen. Jesus stellt uns doch nicht vor Entscheidungen nach dem Prinzip: Friss Vogel oder stirb. Er wendet sich uns vielmehr persönlich zu, ist selber die gnädige Zuwendung des lebendigen Gottes, das fleischgewordene Wort, die namentliche, buchstäbliche Rettung, die von Gott kommt, unser Retter und Erlöser.

Seine Verkündigung des Reiches Gottes ist Proaktivität pur und reiche Barmherzigkeit zugleich, wenn er sagt: „Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere azugegeben.“ (Mt 6,33 parr. Lk 12,31) Das sagt uns Er, der für uns und unser Heil, aus Liebe zu uns unsere menschliche Natur und unser Dasein bis zum Verrat durch die Seinen und zum bitteren Tod am Kreuz auf sich genommen hat. Damit wir – auch in den kommenden Monaten, Wochen und Tagen – Vertrauen und Mut bewahren und mit starker Zuversicht darauf bauen können, dass sich an uns erfüllen wird, was wir manchmal vielleicht gar nicht mehr zu hoffen wagen, was uns Jesus aber zugesprochen hat:

„Fürchte dich nicht,
du kleine Herde!
Denn Euer Vater hat beschlossen,
euch das Reich zu geben.“

Amen