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Predigt am Hochfest der Auferstehung des Herrn 2014

20.04.2014 10:30

- es gilt das gesprochene Wort -

Es ist still geworden in Jerusalem. Kein Lärm und Geschrei mehr vor dem Sitz des Hohenpriesters. Keine Kreuzigungsrufe mehr vor dem Praetorium. Kein Gerangel auf dem Weg nach Golgota. Keine klagenden Frauen am Wegesrand. Keine Befehle mehr, kein Spott mehr und kein Hohn. Es ist still geworden, totenstill. Und es ist Nacht geworden.

Was waren da vielleicht erst ein paar Monate, Wochen zuvor die Massen unterwegs! Tausende, viertausend oder fünftausend Männer wiederholt bei der wunderbaren Speisung. Und Frauen und Kinder dazu. Sie sind um den See gelaufen. Und waren noch vor Jesus da; der mit dem Boot gefahren war. Sie mussten das Dach durchschlagen, um den Gelähmten vor Jesus hinunterzulassen. So dichtgedrängt standen sie. Gewaltsam wollten ihn die Verwandten dort herausholen. Weil er von Sinnen sei, wie sie sagten. Auch dort ist nun wieder Ruhe eingezogen in Kapharnaum. In Jerusalem aber neigt sich der Sabbat dem Ende zu. Der Morgen dämmert.

Gerade einmal zwei Frauen sind von den Massen übrig geblieben. Und sind unterwegs zu seinem Grab. Nicht einmal, um wenigstens jetzt noch den Leichnam zu salben nach dem Zeugnis des Matthäus. Die anderen Evangelisten zählen da schon einiges anderes auf von dem Geschehen am Grab.

Macht Ostern das alles vergessen? Brauchen wir davon nichts mehr in Erinnerung zu bringen? Oder beschreiben wir nur auf historischem Hintergrund ein immer wiederkehrendes Szenario, eine immer wiederkehrende Erfahrung der Anhänger Jesu?

Dass es auch stiller wird um die Kirche. Dass ihre Gegner mit Vehemenz ihren Untergang betreiben. Dass sie sie anklagen und unbesehen pauschal aller möglichen Vergehen bezichtigen.
Und in der Kirche? Ich gehöre selbst zur Generation 65plus, von der sich noch am ehesten eine größere Anzahl zu ihren Gottesdiensten einfindet. Was ist, wenn wir das nur 10, 15 Jahre hochrechnen?
Auf jeden Fall nichts mehr so wie es wahr. Tiefgreifende Veränderungen scheinen sich anzubahnen. Zum Guten? Zum Schlechten? Dass Veränderungen schon längst im Gange sind, will kaum noch einer bezweifeln. Aber wohin, mit welchem Ziel und in welcher Gestalt?

Niemand wird behaupten wollen, Jesus habe seine Jünger nicht auf sein Ende vorbereitet. Die Evangelisten sahen keinen Anlass, seine wiederholten Ansagen einfach wegzulassen. Immerhin haben sie ja alles erst nach seiner Auferstehung niedergeschrieben. Jesus hat sein Leiden, Sterben und die Auferstehung vorhergesagt. Er hat keine Verteidigungsstrategie entwickelt, keine Strukturpläne, keine Notfallszenarien vorgelegt.

In Wort und Tat ist er über vergleichbare Ansinnen weit hinausgegangen. Er hat die Seinen geduldig belehrt. Hat ihnen die Macht Gottes über die Naturgewalten, über Krankheit und Tod, über Sünde und Satan offenbart.
Hat sie vorausschauen lassen in seiner Verklärung, aber ihnen verboten, dabei stehen zu bleiben und Hütten zu bauen, gemütliche Nester.
Übereifrige Strafaktionen an Ignoranten hat er ihnen verwehrt. Er hat sie daran gehindert, aus seinen Zeichen und Wundern, den Heilungen und Totenerweckungen spektakuläres Kapital zu schlagen. Von der Taborstunde sollten sie niemandem etwas erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Was das wohl sei: von den Toten auferstehen, haben sie sich bestenfalls gefragt.

Ihre Rangstreitigkeiten waren ihnen da schon wichtiger und schienen der Realität näher zu sein. Jesus wies sie aber an: Bei euch soll es nicht so sein.
Sein Horizont ist weiter. Er reicht vom Anfang allen Seins bis in die Unendlichkeit des Vaters. Was die Geschichte seines Volkes, was die Patriarchen und Propheten verheißen haben, in ihm ist es zu Erfüllung gekommen.

Haben wir es nicht erst am Aschermittwoch, zu Beginn der österlichen Bußzeit miteinander bedacht? Dass alle Verkündigung der Kirche im Wesentlichen Erinnerung ist? Im tiefsten Sinne des Wortes. Da ist eine pastoralliturgische Empfehlung an die Gemeinden ganz gewiss keine unsägliche Zumutung, zu Ostern doch einmal die Möglichkeit einer echten, mehrstündigen oder ganznächtlichen Vigil (Nachtwache) zu prüfen.
Denn dabei könnte allen noch besser aufgehen, dass die schwierigsten Etappen der Heilsgeschichte lauter Ereignisse der Gnade waren. Die Rettung des Volkes Israel im Durchzug durch das Rote Meer und das Opfer Abrahams mögen dabei für viele andere stehen.

Hätten uns nicht schon dabei die Herzen brennen, ja wenigstens glimmen müssen, als wir von Gottes großen Taten an den Vätern des Glaubens gehört haben?

Wachend und betend, schweigend und hörend durchlebt die Kirche zu Ostern die Nacht, in der ihr Herr vom Tod zum Leben, vom Abstieg in das Reich des Todes hinauf zum Vater gegangen ist. Von der Verhaftung an Raum und Zeit in die bleibende Gegenwart unter den Seinen bis zum Ende der Welt.

Uns wird keine aktuelle Schilderung der Auferstehung präsentiert, keine Reportage geliefert, kein genauer Zeitpunkt, geschweige denn ein O-Ton. Die Evangelisten üben Zurückhaltung, auch wenn sie recht unterschiedlich vom Geschehen am leeren Grab berichten und eigene Akzente dabei setzen. Aber der Einheit und Eindeutigkeit der einen Botschaft entziehen sie sich nicht, wollen sie sich gar nicht entziehen.
Boten Gottes, Engel, Jünglinge, wie immer sie wahrgenommen werden und in welcher Zahl auch immer sie auftreten, sie rufen den Trauernden, Weinenden, den Suchenden und Klagenden fast bis in den Wortlaut hinein gleichlautend zu:

„Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

Das ist schon keine bloße Ortsbestimmung mehr. Das ist schon die denkbar kürzeste Schilderung der neuen Existenz des Auferstandenen.
Boten Gottes? Gott selbst ruft diese Botschaft in die todverfallene Welt hinein. Ja, die Verkündigung der Osterbotschaft der Botschaft von der Auferstehung des Herrn und vom neuen Leben kommt von Gott. Sie ist einfach und klar.

Wir müssen sie nicht erklären, müssen nicht den naturwissenschaftlich denkenden Menschen die Möglichkeit eines solchen Prozesses nahezubringen versuchen. Wir brauchen auch nichts zu beweisen, etwa mit noch so hoch geschätzten textilen Zeugnissen wie die Tücher von Manopello und Turin. Letzteres hat Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch daselbst als eine einzigartige Ikone des Gekreuzigten betrachtet.
Ja, wir missbrauchten diese Botschaft, wenn wir auf diese Weise gar den Glauben beweisen wollten und uns in Lagerkämpfen und Selbstbehauptungsversuchen als die wahren Gläubigen darstellen die allen anderen überlegen sind. Denn je mehr sich einer aber dieser Botschaft stellt, je mehr er sich in diese befreiende Botschaft von Gott hineindenkt, je mehr er dazu berufen ist, auf die verschiedenste Weise das Wort vom Leben zu verkünden, – umso demütiger muss er sein, um so bereiter zum Dienst. Nichts anderes nämlich bedeutet Demut: Bereitschaft zum Dienst.
Demut, Bereitschaft, Gott und den Menschen dienen zu wollen, ist die Haltung der wahren Botschafter des Evangeliums, angefangen von den ersten Zeugen des frühen Christentums und der jungen Kirche bis hin zu den Dienern der Kirche im Laufe der Jahrhunderte, ja über die Jahrtausende hinweg bis zum heutigen Tag, bis in diese Stunde.

Von den Boten Gottes, ja dem Auferstandenen selbst ist es der Kirche von den ersten Zeugen an aufgegeben, diese Botschaft weiter zu tragen.
Ja, die Kirche mit allem Auf und Ab auf dem Weg durch die Zeit, aber auch mit ihrer Fähigkeit, sich immer wieder zu reinigen und zu erneuern ist selber ein lebendiges Zeugnis dieser
Botschaft des Lebens, des Neubeginns, der Zuversicht und der Freude.

Erst am vergangenen diözesanen Weltjugendtag habe ich es den Jugendlichen zum wiederholten Male gesagt:
Wenn seinerzeit beim Fall der Berliner Mauer ohne jedes Blutvergießen schon erklärte Atheisten meinten, von einem Wunder sprechen zu müssen, um wieviel mehr dürfen wir als Glaubende auf das Wunder der Einheit und Erneuerung der Kirche und die immer weitere Ausbreitung des katholischen Glaubens hoffen!
Die Erbsünde, so sagt uns einer der Theologen, war die Sünde des absoluten Hinterfragens. Der Glaube aber ist die Demut des Verstandes. Alle Trockenheit des Glaubenslebens, ja sogar Glaubenszweifel sind – im Lichte der Auferstehung besehen – Vorbereitung der Erlösung.

„O unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin.
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden.“
– jubelt die Kirche im österlichen Lobgesang zum Beginn der Feier der Heiligen Osternacht.

In seiner berühmten Konzerthausrede zu Freibug war Papst Benedikt XVI. davon überzeugt, dass „die Geschichte in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung der Kirche zu Hilfe kommt, indem sie zu ihrer Läuterung und innerer Reform wesentlich beigetragen hat!“

Ob nicht auch heute die vielfältige Bedrängnis der Kirche von außen wie von innen genauso dazu beitragen könnte, dass wir uns verstärkt auf das Wesentliche besinnen und noch entschiedener aus dem Glauben zu leben beginnen?

Aus Fischern und Zöllnern sind Apostel und Evangelisten geworden. Aus Romantikern glaubwürdige Zeugen. Aus Karrieristen Diener der Diener Gottes. Aus verschreckten Treulosen Fundamente und Säulen der Kirche.
Denn das Wunder, auf das sie nicht gehofft haben, ist geschehen. Wider ihre Erwartung ist Christus auferstanden, hat mit ihnen gegessen und getrunken, sie mit der Gabe seines Geistes beschenkt und als seine Boten in alle Welt hinaus gesandt.
Durch ihr Zeugnis sind auch unsere Urväter und -mütter zum Glauben gekommen. Werden wir weitergeben, was wir von ihnen empfangen haben? Auch uns geht der Auferstandene voran, damit wir ihm dort begegnen, wo alles angefangen hat, im Alltag eines weltlichen Berufs und in den mitmenschlichen Begegnungen, damit schon in unseren Tagen das neue Leben beginnt.

 

Amen