Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2009
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Kinder und Jugendliche!
In Verbindung mit dem Pastoralgespräch, das schon das Thema des Hirtenwortes zum letztjährigen Kirchweihfest war, habe ich im vergangenen Jahr den Weg in alle Regionen unserer großen Diözese gefunden und dabei sehr viele Gespräche mit Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen geführt. Dankbar habe ich erfahren, dass wieder stärker die Frage gestellt wird: „Aus welchen Quellen müssen wir schöpfen, damit ein Leben als Christ in unserer Zeit überzeugend gelingt?“
In diesem Brief an Sie alle, meine lieben Gläubigen, will ich - auch im Zusammenhang mit dem Evangelium des heutigen ersten Fastensonntags - diese Frage aufgreifen. Jesus sagt uns herausfordernd: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Die Erneuerung des Glaubens ist nicht zuallererst eine Sache unseres Planens und Machens, sondern eine Frage, inwieweit wir den Impulsen des Geistes Gottes folgen. Es kommt darauf an, die Einladung Jesu zur Umkehr und zum Glauben anzunehmen und uns vom Geist Gottes ergreifen und leiten zu lassen!
Der Geist Gottes will in uns und durch uns wirken. In unserem Inneren will der Geist wirken, dass wir dem neuen Gebot der Liebe entsprechen und selbstlos lieben können nach dem Maßstab Christi. Die Befreiung von unserer Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit ist Frucht des Geistes. Zu Recht sagt der Apostel Paulus: „…die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.“ (Röm 5,5) Erneuerung aus dem Heiligen Geist bedeutet aber auch, dass Gott sein Werk durch uns wirken möchte. Einem jeden von uns spendet der Hl. Geist seine Gaben, durch die wir zum Aufbau des Leibes Christi, der Kirche, beitragen sollen. An uns ist es, dass wir unsere unterschiedlichen Fähigkeiten entdecken und füreinander einsetzen. „Ob es sich um den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden handelt, ob um eine Tätigkeit in der Caritas und Diakonie der Gemeinde, um die Leitung einer Gruppe, oder um die Mitarbeit in einem Gesprächs- oder Bibelkreis. Immer lässt der Geist Jesu Christi die verschiedenen Gaben zusammenwirken zum Aufbau der Gemeinschaft der Kirche.“1
In Verbindung damit leuchtet als das eigentliche Wesen der Kirche die communio auf, d.h. die Gemeinschaft. Papst Johannes Paul II. hat in seinem Schreiben »Novo Millennio Ineunte« zur Eröffnung des dritten Jahrtausends herausgestellt, die Kirche müsse zur „Schule der Gemeinschaft“ gemacht werden.2 „Die Gemeinschaft ist Frucht und sichtbarer Ausdruck jener Liebe, die aus dem Herzen des ewigen Vaters entspringt und durch den Geist, den uns Jesus schenkt (vgl. Röm 5,5), in uns ausgegossen wird, um aus uns allen ‚ein Herz und eine Seele’ (Apg 4,32) zu machen.“3
Johannes Paul II. spricht von der „Spiritualität der Gemeinschaft“, die bedeutet, den anderen aufgrund der gemeinsamen Verbundenheit mit Christus wahrzunehmen als „einen der zu mir gehört […]. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen. […] Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder Platz machen zu können, indem ‚einer des anderen Last trägt’ (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchen widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Misstrauen und Eifersüchteleien erzeugen.“4
Der Aufbau der Gemeinschaft darf aber nicht missverstanden werden als rein menschliches Bemühen; er kann nur gelingen als Frucht aus der Liebe Christi. Alle Erziehung zum Geist der Gemeinschaft muss deshalb verwurzelt sein im Gebet und in der Liturgie und in der Feier der Eucharistie ihren Anfang nehmen, denn Gemeinde und Gemeinschaft baut sich auf aus der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn.5 Zwischen Kommunion als Sakrament und Kommunion als sozialer Wirklichkeit der Gemeinde besteht ein untrennbarer Zusammenhang.
Das Wesen der Kirche ist Gemeinschaft. Damit engstens verbunden ist etwas Weiteres: die Einheit der Kirche. Gemeinschaft und Einheit gehören untrennbar zusammen. Eine besondere Verantwortung für die Einheit im Glauben kommt dem Kollegium der Bischöfe und dem Papst zu. Der Papst ist das „sichtbare Prinzip und Fundament“6 der Einheit der Kirche. Die Gemeinschaft der Katholischen Kirche ist nur dort, wo wir unverbrüchlich in der Einheit stehen mit dem Lehr- und Hirtenamt der Bischöfe als den Nachfolgern der Apostel und mit dem Papst als dem Nachfolger Petri, dem Stellvertreter Christi und dem Hirten der ganzen Kirche.
Deshalb ist der Dienst an der Einheit die vornehmste Berufung des Nachfolgers Petri. Gerade in den letzten Wochen ist uns dies sehr deutlich bewusst geworden, als Papst Benedikt die Exkommunikation der vier illegal geweihten Bischöfe der Lefebvre-Bewegung zurücknahm. Fälschlicherweise ist oft von einer Rehabilitierung dieser vier Bischöfe gesprochen worden. Richtig ist, dass deren Suspendierung vom bischöflichen und priesterlichen Amt bestehen bleibt; ebenso bleibt die Trennung der Piusbruderschaft von der Kirche. Durch die Rücknahme der Exkommunikation sollten offizielle Gespräche möglich gemacht werden. Aus Sorge um die Einheit wollte der Hl. Vater ein Hindernis beseitigen, das dem Dialog entgegenstand. Es handelte sich nur um einen allerersten Schritt für einen möglicherweise langen Weg der Versöhnung.
Der Papst trägt auch den Titel »Pontifex Maximus«, oberster Brückenbauer. Er ist der barmherzige Vater, der bis zum Äußersten geht, um Brücken der Gemeinschaft zu bauen.
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Der Geist Gottes will in uns und durch uns wirken. Ganz besonders gilt, dass der Geist Gottes die Kirche auferbaut in ihrem Wesen als Gemeinschaft, denn der Geist Gottes wirkt in uns eine Liebe, die nicht am anderen vorbeigeht, sondern ihn annimmt. Auf diese Weise leben wir auch das in unserer Zeit so notwendige Glaubenszeugnis als Christen: Wir geben Zeugnis nicht nur als Einzelne, sondern gerade auch als Gemeinschaft der Glaubenden.
Deshalb ist ein erneuertes Leben aus dem Geist Gottes auch die unentbehrliche Grundlage für eine bekennende und missionarische Kirche.
Das christliche Selbstverständnis der Gesellschaft ist heute mehr denn je kritischen Anfragen ausgesetzt. Es gibt aber auch die Erfahrung, dass ohne Gott das Leben letztlich nicht gelingen kann! Deshalb gilt erst recht: „Die Zeit ist erfüllt, kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Wir alle müssen dazu einladende Boten sein. Die Liebe, die vom Hl. Geist ausgeht, ist es, die uns bereit macht, die Schritte suchender und fragender Menschen ernst zu nehmen.
Ich danke deshalb von Herzen allen, die sich in haupt- oder auch ehrenamtlichem Engagement um die Pastoral in unserer Diözese mühen, aber auch allen Gläubigen, die durch ihre Treue im Gebet unsere Pfarrgemeinden lebendig halten. Ein aufrichtiges Vergelt’s Gott sage ich besonders allen, die schon in vielen Gemeinden unserer Diözese mit der erweiterten Taufpastoral einen missionarischen Akzent setzen.
Nicht weniger dankbar bin ich für die Bemühung in vielen Orten, speziell auf suchende und fragende Erwachsene zuzugehen. Immer weniger können wir von einer „fraglos übernommenen Zugehörigkeit“ zur Kirche ausgehen; wir müssen die Menschen hinführen zu einer „gewählten, auf bewusster Entscheidung gründenden […] Teilnahme.“7 Die so genannten »Wege erwachsenen Glaubens« und »Alpha-Kurse« sind Neuansätze, die der Vertiefung des Glaubens für Erwachsene dienen und zugleich neue Anknüpfungspunkte ermöglichen für Menschen, die mit dem Glauben und mit seinen kirchlichen Vollzügen lange Zeit nicht mehr in Berührung gewesen sind. Auch die Kurse des Pastoralseminars, das Erwachsenenkatechumenat oder Exerzitien im Alltag dienen diesem Ziel. Es ist mir ein großes Anliegen, dass in unseren Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften oder auch auf der Ebene des Dekanates verstärkt Glaubenswege für Erwachsene eingerichtet werden.
Bei all diesen Bemühungen muss die Sorge im Zentrum stehen, die Menschen mit dem Gott des Lebens in Beziehung zu bringen. Es geht um die Zustimmung des Herzens zur Freundschaft mit Gott und zu einer Lebensgestaltung aus dem Geist Jesu. Das Miterleben des Kirchenjahres, das Lesen in der Heiligen Schrift, das Gebet bringen inneren Frieden und die Bereitschaft, das Leben aus dem Glauben zu deuten und auf das Wort Gottes hin zu handeln.
Ich möchte Sie alle ermutigen, sich in dieser österlichen Bußzeit auf neue Weise dem Geist Gottes zu öffnen und einladende Boten des Evangeliums zu sein. Nochmals sage ich ein herzliches Vergelt’s Gott allen, die sich in den vielen verschiedenen Diensten um ein lebendiges Glaubensleben in unseren Gemeinden mühen, nicht zuletzt auch unseren Eltern und Großeltern für die so wichtige Weitergabe des Glaubens in den Familien. Gott und seine immer treue Liebe mögen Sie beschützen.
So segne ich Sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Dr. Walter Mixa
Bischof von Augsburg
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1 Pastorale Richtlinien zur Pfarreiengemeinschaft als Seelsorgeeinheit in der Diözese Augsburg, I. 3.
2 Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben Novo Millennio Ineunte (6. Januar 2001), 43
3 Novo Millennio Ineunte, 42
4 Novo Millennio Ineunte, 43
5 Vgl. Presbyterorum ordinis, 6
6 Lumen Gentium, 23
7 Die deutschen Bischöfe: Katechese in veränderter Zeit (22.6.2004)