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Juden wie Christen - Katholiken wie Protestanten feiern im Herbst Dank für die Ernte und denken dabei auch an die Ernte des menschlichen Lebens

Erntedanksonntag – Freude über die Gaben der Schöpfung

28.09.2017

Fleißige Helferinnen und Helfer aus der Pfarrgemeinde schmücken zum  Erntedanksonntag den Altar mit den Früchten von Garten und Acker, Weinberg und Wald. Und es ist eine Freude, den Erntedankaltar mit seinen leuchtenden Blumen, den köstlichen Früchten, dem frischen Gemüse und dem wohlduftenden Brot mit allen Sinnen aufzunehmen.

Schon im alttestamentlichen Judentum wurde Erntedank gefeiert: „Das Laubhüttenfest sollst du sieben Tage lang feiern, nachdem du das Korn von der Tenne und den Wein aus der Kelter eingelagert hast. Du sollst an deinem Fest fröhlich sein, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, die Leviten und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deinen Stadtbereichen wohnen“ (Dtn 13,16f). Erntedank ist das Fest der Freude über Gottes gute Gaben, das auch im Christentum gefeiert wird, konfessionsverbindend in ökumenischer Einmütigkeit. Katholiken feiern am ersten Sonntag im Oktober und Protestanten am Sonntag nach Michaeli (29. September) Erntedank. Das ist normalerweise derselbe Tag; nur wenn der 30. September auf einen Sonntag fällt, feiern Katholiken den Erntedanksonntag eine Woche später.

Doch um ein liturgisches Fest im strengen Sinn handelt es sich dabei nicht, und es verdrängt daher in diesem Jahr im liturgischen Kalender auch nicht den „26. Sonntag im Jahreskreis“. Allerdings besteht die Möglichkeit, am Erntedanksonntag eigene Messtexte zum Erntedank zu wählen und damit ein Fest, das in der Volksfrömmigkeit tief verankert ist, auch liturgisch zu begehen: mit den festlichen weißen Messgewändern und nicht im einfachen Grün des Jahreskreises.

Zwischen dem Fest des hl. Markus (25. April) und dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September) hatte die Kirche täglich am Ende der Messfeier den Wettersegen erteilt und dabei gebetet: „Aus dem Reichtum deiner Liebe schenkst du uns die Früchte der Erde: den Ertrag aus Garten und Acker, Weinberg und Wald, damit wir mit frohem und dankbarem Herzen dir dienen. Erhöre unser Gebet: Halte Ungewitter und Hagel, Überschwemmung und Dürre, Frost und alles, was uns schaden mag, von uns fern. Schenke uns alles, was wir zum Leben brauchen.“ – Nun, Anfang Oktober, ist die Ernte eingefahren, und wir Christen danken Gott mit frohem Herzen für die Gaben seiner Schöpfung, die der Mensch angebaut und die Gott hat wachsen lassen und uns jetzt zu Mitteln für das irdische Leben, zu Lebensmitteln, werden. Bitte und Dank gehören zusammen; wer bittet und die erbetene Gabe empfängt, der muss auch danken. Und so ist es theologisch folgerichtig, den Dank für die Gaben der Schöpfung einfließen zu lassen in das große Dankgebet der Kirche an den Schöpfer, die „Eucharistie“, was ja von der Wortbedeutung nichts anderes heißt als: „Ich sage Dank“.

Brot und Trauben vor dem Altar – Brot und Wein auf dem Altar, die in der heiligen Messe zum Leib und Blut Jesu Christi verwandelt werden. Das hat eine tiefe Bedeutung. Denn Gott belässt es nicht dabei, uns Lebensmittel für den Leib zu schenken – er schenkt sich uns selbst unter den äußeren Gestalten von Brot und Wein; Christi Leib und Blut werden zur geistlichen Nahrung für unsere Seele, damit wir das ewige Leben in uns tragen (vgl. Joh 6,53-58).

Nach dem Erntedankgottesdienst werden die Gaben der Schöpfung meist an Arme und Bedürftige verteilt, die auf diese Weise Anteil erhalten am Segen der Kirche. Doch über den Aspekt der sozialen Verantwortung hinaus – Bewahrung der Schöpfung und solidarische Verteilung der Güter dieser Erde – kommt dem Erntedanksonntag noch ein eschatologischer Aspekt, das heißt, ein die Lehre über die Letzten Dinge betreffender Akzent, hinzu. Denn die irdische Ernte und das Erntedankfest sind Zeichen für jene Ernte, die uns am Ende des menschlichen Lebens, am Ende der Welt erwarten wird. In der Bibel begegnet uns das Bild der Ernte im Blick auf das Ende des irdischen Lebens; so heißt es im Gleichnis Jesu vom Sämann: „Lasst beides [guten Samen und Unkraut] wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune“ (Mt 13,30). Es geht also durchaus um eine ernste Sache, die uns in der Heiligen Schrift häufiger im Bild der Ernte vor Augen gestellt wird (vgl. Offb 14,15-20; Mk 4,29). Mit dem Sterben gelangt der Mensch zur Endgültigkeit seiner Seele: „Wohin der Baum fällt, da bleibt er liegen“ (Koh 11,3). Todestag ist Erntetag. Doch das soll uns nicht Angst machen, sondern die Freude und Zuversicht verleihen, dass wir nicht zu Früchten werden, die am Ende verfaulen. Nein, wir sind Gottes gute Gaben, die er mit seiner Gnade und unserem guten Willen wachsen und reifen lässt und dann in seine himmlische Scheune einfahren will. Am Ende unseres irdischen Lebens sollen wir dann einmal genauso gut gereifte und köstliche Früchte sein wie jenes schmackhafte Obst, das am Erntedanksonntag vor dem Altar liegt. Und so, wie wir uns am Erntedanksonntag freuen dürfen über die Früchte der Erde, so wird auch Gott am Jüngsten Tag Freude haben, wenn er die Ernte seiner Schöpfung in seine Ewigkeit einbringt.

Peter C. Düren