Eine kleine Betrachtung zum Advent

Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren …

08.12.2017 16:44

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt … so war das früher einmal. Man saß mit der Familie um den Adventskranz herum, zündete die erste Kerze an und sang:  „Wir sagen euch an den lieben Advent / Sehet, die erste Kerze brennt!“ Das einsame warme Kerzenlicht erfüllte den Raum und strahlte in den Augen aller wider. Ein kleines Licht mit einer großen Wirkung: Es machte allen unmittelbar erfahrbar, dass das erwartete Jesuskind, so klein und unscheinbar wie eine kleine Flamme, das Herz eines jeden mit Licht und Wärme erfüllen konnte.

 

Eine einzelne Kerze genügt nicht mehr. Heute erstrahlen Christkindl- und Weihnachtsmärkte in voller Beleuchtung. Die Straßen sind mit Lichterketten überzogen, als ob bereits Weihnachten wäre, und die Leute hetzen von Geschäft zu Geschäft, um ihre Weihnachtseinkäufe rechtzeitig zu erledigen. Und das Christkind, um das es eigentlich geht, wird ersetzt durch Zwerge und Fabelwesen. Was sie feiern? Ein Fest der Familie, der Geschenke und der Harmonie – das nach den Wochen des vorweihnachtlichen Stresses erfahrungsgemäß dann meist doch leider nicht so friedlich wird, wie sich das eigentlich alle wünschen.

„Wir sagen euch an eine heilige Zeit. / Machet dem Herrn die Wege bereit!“ Advent – wörtlich „Ankunft“ – wäre eigentlich nicht die Zeit des Kommerzes, sondern die Zeit, den Herrn Jesus Christus zu erwarten – ihn, der kam, der kommt und der kommen wird. Denn nach Bernhard von Clairvaux gibt es ein dreimaliges Kommen Jesu: die erste Ankunft „in Demut“ als Retter bei der Menschwerdung, die Wiederkunft „in Herrlichkeit“ als Richter am Ende der Zeiten und den „mittleren Advent“, die „Gottesgeburt im Menschen“.

Er kam zum ersten Mal, woran wir am 25. März denken, indem das göttliche Wort Fleisch annahm in der Jungfrau Maria und neu Monate später geboren wurde, was wir am 25. Dezember feiern. Diese erste Ankunft durch Gottes Menschwerdung ist das eigentliche Festgeheimnis des Heiligen Abends, auf den sich die Menschen weltweit vorbereiten – seltsamerweise allerdings, indem sie sich in die Kaufhäuser stürzen und Geschenke für ihre Familienangehörigen besorgen. Die innere Vorbereitung auf das Weihnachtsfest bleibt dabei meist auf der Strecke.

Die zweite Ankunft Jesu Christi wird diejenige sein, die wir am Ende des irdischen Lebens, am Ende der Welt erwarten. Dann ist es nicht das „Christkind“, das auf die Welt kommen wird, sondern der Weltenrichter, der „wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“, wie wir im Glaubensbekenntnis beten. Adventlich zu leben bedeutet, sich im Bewusstsein des ersten Kommens Jesu auf das zweite Kommen Christi vorzubereiten. Das ist nicht möglich durch die Vorbereitung von leckerem Weihnachtsessen, das Einpacken von Weihnachtsgeschenken und das Schmücken des Christbaums. Vorbereitung von Weihnachten – Advent – bedeutet, mich selbst auf die Ankunft Jesu Christi in meinem Herzen vorzubereiten, damit ich am Ende meines irdischen Lebens von Gott für würdig erachtet werde, in das Himmelreich einzutreten, um auf ewig in der beseligenden Schau Gottes und der Gemeinschaft aller Heiligen zu leben.

Denn außer dem ersten Kommen Jesu zur Menschheit durch Inkarnation und Geburt im Stall von Bethlehem und dem zweiten Kommen bei der Wiederkunft Christi – „man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Mt 24,30) – gibt es noch eine dritte, für den einzelnen Menschen vielleicht noch bedeutendere Ankunft Jesu. Denn wie der Dichter Angelus Silesius sagt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren!“ Das ist es, worauf es ankommt: dass Jesus in unserem Herzen ankommt, in mir geboren wird, damit ich auf ewig gerettet bin. Und das geschieht nicht durch Beiwerk und Kommerz, sondern durch Beichte und Kommunion.

Es kommt im Advent auf die Ankunft Jesu in meinem Herzen an, und das bedeutet, vor Weihnachten eine ehrliche Beichte vor einem Priester abzulegen und Sündenvergebung zu erlangen sowie in der Kommunion Jesus Christus selbst mit Gottheit und Menschheit im Herzen zu empfangen. Das ist das Wesentliche. Erst wenn ich diese Sakramente empfangen habe, kann ich mich auch mit allem anderen befassen, was für Weihnachten eigentlich eher nebensächlich ist: mit Plätzchenbacken, Geschenkeeinpacken und Weihnachtsgansbraten. Denn das gehört auch zu Weihnachten, ist aber nicht das, worauf es eigentlich ankommt: „Gott selber wird kommen, er zögert nicht. / Auf, auf, ihr Herzen, werdet licht.“

Dr. Peter C. Düren