Allerheiligen und Allerseelen

Auch die Heiligen des Himmels und die Armen Seelen im Fegfeuer gehören dazu.

25.10.2017 10:02

Im zweiten Hochgebet betet die Kirche: „Gedenke deiner Kirche auf der ganzen Erde … Gedenke aller unserer Brüder und Schwestern, die entschlafen sind in der Hoffnung, dass sie auferstehen. … Vater, erbarme dich über uns alle, damit uns das ewige Leben zuteil wird in der Gemeinschaft  mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen Aposteln und mit allen, die bei dir Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt, …“

Heiligendarstellung in Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna

Diese Gebetszeilen machen deutlich: Das „Wir“ der Kirche ist weit größer als wir manchmal denken. Kirche, das sind nicht nur die Gläubigen einer Gemeinde, Kirche, das ist nicht nur die Gemeinschaft der Glaubenden in einem Bistum oder auf der Welt. Zur Gemeinschaft der Kirche gehören – so das Hochgebet – auch die Verstorbenen und die Heiligen, die schon in der Vollendung bei Gott sind.

 

Daran erinnern uns besonders auch die beiden kirchlichen Feste Allerheiligen und Allerseelen.

Das Fest Allerheiligen

Die Wurzeln des Allerheiligenfestes liegen im christlichen Orient, wo man bereits im 4. Jh. ein Gedächtnis aller Märtyrer beging. Es wurde mit deren zunehmender Zahl einfach unmöglich, jedes Blutzeugen einzeln zu gedenken. Der Termin dieses Festes war damals noch nicht einheitlich; je nach Kirche wurde es am 13. Mai, am Sonntag nach Pfingsten oder am Freitag nach Ostern gefeiert. In Irland entschied man sich am Ende des 8. Jhs. dafür, das Allerheiligenfest zu Beginn des Winters und des keltischen Jahres, am 1. November, zu feiern. Im Hintergrund stand dabei vermutlich die Vorstellung von der vergehenden Natur, über der die unvergängliche Welt der Heiligen sichtbar wird. Gefördert von Papst Gregor IV. (828-844) und Kaiser Ludwig dem Frommen (813-840) hat sich dieser Termin im liturgischen Kalender bis in die Gegenwart erhalten.

Der Inhalt des Allerheiligenfestes wird in der Präfation deutlich, die an diesem Festtag zu Beginn des Hochgebetes gesungen wird:

„Denn heute schauen wir die heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen.“

Allerheiligen ist das Fest des offenen Himmels! Wir schauen an diesem Tag ganz bewusst auf unsere Zukunft, das himmlische Jerusalem, in dem Gott schon alles in allem ist, in dem sich seine Herrschaft der Liebe schon endgültig durchgesetzt hat gegen Hölle, Tod und Teufel, dort wo alle Tränen abgewischt werden.

Weiter zeigt die Präfation: In der heiligen Stadt, im himmlischen Jerusalem, sind die Heiligen lobend um den dreieinen Gott versammelt. Zu ihnen gehören nicht nur die, die von der Kirche ausdrücklich heiliggesprochen wurden, sondern auch viele unbekannte Heilige, die bereits als Verstorbene zur Vollendung gelangt sind. Alle diese Heilige verehrt die Kirche am Fest Allerheiligen.

Nicht zuletzt erinnert die Präfation daran, dass alle Gläubigen durch die Taufe dem heiligen Gott angehören und durch seine Gnade und Liebe Anteil an seiner Heiligkeit haben. Sie sind berufen, die ihnen in der Taufe geschenkte Heiligkeit in ihrem Leben sichtbar werden zu lassen und so Gott immer ähnlicher zu werden. Die Heiligen in der Vollendung sind ihnen dabei Vorbilder und Fürsprecher auf ihrem Weg der Heiligkeit. Der Weg dazu wird im Tagesevangelium des Allerheiligenfestes aufgezeigt, in dem die acht Seligpreisungen durch Jesus Christus verkündet werden (Mt 5,1-12a).

 

Das Fest Allerseelen

 An Allerseelen erinnern wir uns an unsere Toten und beten für sie. Sich an Verstorbene zu erinnern und für sie zu beten, gehört von Anfang an zum Christentum dazu. Aufgrund der Auferweckung Jesu Christi waren die ersten Christen davon überzeugt, dass auch die Verstorbenen zum Leben bei Gott auferweckt werden. Und so versammelte man sich am Todestag am Grab des Verstorbenen zur Feier der Eucharistie. Seit dem Mittelalter kennt die Kirche das Fest eines allgemeinen Totengedächtnisses. Als eigentliches Geburtsjahr des Allerseelentages gilt das Jahr 998, in dem Abt Odilo von Cluny allen ihm unterstellten Klöstern für den 2. November die Gedächtnisfeier aller Verstorbenen anordnete. Durch die Kluniazenser verbreitete sich das Fest rasch nördlich der Alpen und kam im 13. Jahrhundert nach Rom.

Der Allerseelentag ist kein Trauertag, wenn auch der Freudencharakter des Allerheiligenfestes nun einem gewissen Bußcharakter weicht. In der Liturgie des Tages wird um „Läuterung“ und „Reinigung“ der Verstorbenen gebetet. Dahinter steht der Gedanke, dass meisten Menschen in ihrem Leben ihre Berufung zur Heiligkeit nicht vollkommen erfüllen. Dahinter steht aber auch die Hoffnung, dass Gott mit seiner barmherzigen Liebe den Verstorbenen ihre Sünden verzeiht, ihre Wunden heilt und ihr Leben vollkommen macht. In diesem Anliegen empfiehlt die Kirche die Toten dem barmherzigen Gott und tritt fürbittend für sie ein. Entsprechend betet sie am Allerseelentag im Hochgebet der Messe: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet“ (Präfation von den Verstorbenen I).

Text: Pfarrer Ulrich Müller
(Liturgischer Referent)

Katholischer Hermanfriedhof, Augsburg