Gehorsam

Immanuel Kant

"Gehorsam" - das hat bereits seit der Aufklärung im 17. Jahrhundert keinen guten Klang. Immanuel Kant (1724-1804) formulierte den markanten Satz: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Spätestens der Missbrauch des Gehorsams im "Dritten Reich" hat die Unterwerfung des eigenen Willens gegenüber einer Autorität prinzipiell in Misskredit gebracht. Damals mussten die Soldaten der Reichswehr folgenden Eid leisten: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Oberbefehlshabenden der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“ Der "Treueid" gegenüber dem "Führer" hat Millionen von Menschen ins Verderben gestürzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seit dem 68-er-Sommer eine ganze Generation antiautoritär erzogen. Doch heute ist man sich auch in der Pädagogik wieder bewusst, dass "Autorität" nicht prinzipiell etwas Schlechtes ist, und dass "Gehorsam" zur Erziehung dazugehört. Selbstverständlich darf Autorität nicht missbraucht werden - wenn sie missbraucht wird, hat sie keinen Verpflichtungscharakter.

Gehorsam ist jedoch nicht nur etwas für Kinder. Auch wir Erwachsene müssen uns zwangsläufig einer Vielzahl von Regeln und Gesetzen unterwerfen, damit das Zusammenleben in unserer Gesellschaft funktioniert: angefangen von der Straßenverkehrsordnung über die dienstlichen Weisungen bis hin zu den staatlichen Gesetzen. Das nennt man dann meist nicht "Gehorsam", sondern Loyalität. Auch wenn niemand das zugeben würde: jeder übt den erforderlichen Gehorsam aus, ansonsten muss er mit Sanktionen rechnen.

Auch die Kirche hält daran fest, dass die Gläubigen im allgemeinen und die Diener der Kirche im speziellen dem Papst und dem Bischof Gehorsam leisten müssen. "Gehorsam" hat in der Kirche einen geistlichen Sinn. Denn das Haupt der Kirche,

Jesus Christus, "war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,8).

Kreuz (Auschnitt) von Mathis Gothart Grünewald (1480-1529)

Und wie Jesus Christus in seinem irdischen Leben seinem himmlischen Vater gehorsam war, so müssen auch die Gläubigen Jesus Christus und denen, die in seinem Namen und in seiner Person handeln, Gehorsam leisten.

Alle Gläubigen sind daher verpflichtet, dem Lehramt und Hirtenamt des Papstes und des Ortsbischofs zu folgen, also zu glauben, was sie lehren, und zu befolgen, was sie als Ordnung in der Kirche vorschreiben: "Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewußtsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen." (c. 212 CIC)

Bezüglich der Glaubenslehre gibt es eine abgestufte Verbindlichkeit des Gehorsams, je nachdem, ob es sich um einen unfehlbar definierten Glaubenssatz (Dogma) handelt oder beispielsweise um eine fromme Lehrmeinung, die in einer Predigt erwähnt wird. Ein Dogma verpflichtet unter Androhung des Ausschlusses aus der Kirche (Exkommunikation) zum unbedingten Gehorsam; eine "fromme Lehrmeinung" hat nicht diesen Verpflichtungscharakter.

Gehorsamsversprechen bei der Priesterweihe

Diese allgemeine Verpflichtung der Gläubigen zum Gehorsam gegenüber ihrem Bischof wird bei Priestern und Diakonen nochmals erhöht:
"Die Kleriker sind in besonderer Weise verpflichtet, dem Papst und ihrem Ordinarius Ehrfurcht und Gehorsam zu erweisen" (c. 273 CIC).

Bei der Priesterweihe wird der Weihekandidat vom Bischof gefragt: "Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?"
Und der Weihkandidat antwortet: "Ich verspreche es."

Der Gehorsam der Diener der Kirche gegenüber Papst und Bischof hat eine wichtige Funktion in der Kirche. Er schützt nämlich die Gläubigen in den Gemeinden vor Eigenmächtigkeiten einzelner Amtsträger und der Verbreitung nichtkatholischer Positionen. Salopp gesagt:

Wo "katholisch" drauf steht, soll auch "katholisch" drin sein.

Wenn die Gläubigen eine Predigt ihres Pfarrers hören, bei einem Priester beichten gehen, von ihrem Seelsorger einen geistlichen Rat bekommen möchten oder die Vorlesung eines Theologieprofessors hören, dann sollen sie auch die Garantie haben, dass das, was ihnen gesagt wird, wirklich katholisch ist. Und wenn sie die heilige Messe mitfeiern, sollen sie die Gewissheit haben, dass diese in voller Übereinstimmung mit der Ordnung der Kirche gefeiert wird - liturgische Eigenmächtigkeiten von Priestern hat bereits das Zweite Vatikanische Konzil verurteilt: "Das Recht, die heilige Liturgie zu ordnen, steht einzig der Autorität der Kirche zu. Diese Autorität liegt beim Apostolischen Stuhl und nach Maßgabe des Rechtes beim Bischof ... Deshalb darf durchaus niemand sonst, auch wenn er Priester wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern." (SC 22).

Dies ist auch der Sinn und Zweck des besonderen "Glaubensbekenntnisses" und des "Treueides", den die Amtsträger der Kirche vor der Übernahme eines Amtes ablegen müssen.

Der vom Priester geforderte Gehorsam zeige sich vor allem im Gehorsam gegenüber seinem Bischof, sagte Papst Benedikt XVI. am 13.05.2005 bei einer Begegnung mit römischen Pfarrern, Priestern und Diakonen in der Lateranbasilika: „Aber in der Kirche ist der Gehorsam nichts Formalistisches“, erklärte der Papst. „Es ist ein Gehorsam dem gegenüber, der selbst gehorsam ist und den gehorsamen Christus verkörpert.“ Der Gehorsam bekomme damit „theologische Tiefe“ und einen „katholischen Atem“: „Im Bischof gehorchen wir Christus und der gesamten Kirche, die er an diesem Ort verkörpert.“

Professio fidei - Glaubensbekenntnis

(Formel, die zu verwenden ist, wenn das Ablegen des Glaubensbekenntnisses rechtlich vorgeschrieben ist)
u.a. ist dieses Glaubensbekenntnis vor dem Amtsantritt abzulegen
von neuen Kardinälen, Bischöfen, Diözesanadministratoren, Generalvikaren, Pfarrern, Theologieprofessoren, Diakonen, Ordensoberen

Ich, N. N., glaube fest und bekenne alles und jedes, was im Glaubensbekenntnis enthalten ist:

Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.

Fest glaube ich auch alles, was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart zu glauben vorgelegt wird, sei es durch feierliches Urteil, sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt.

Mit Festigkeit erkenne ich auch an und halte an allem und jedem fest, was bezüglich der Lehre des Glaubens und der Sitten von der Kirche endgültig vorgelegt wird.
Außerdem hange ich mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes den Lehren an, die der Papst oder das Bischofskollegium vorlegen, wenn sie ihr authentisches Lehramt ausüben, auch wenn sie nicht beabsichtigen, diese in einem endgültigen Akt zu verkünden.

Treueid bei der Übernahme eines kirchlichen Amtes

(Formel, die für jene Gläubigen zu verwenden ist, die in can. 833, Nn. 5–8 genannt sind)
u.a. ist dieser Treueid vor dem Amtsantritt abzulegen
von neuen Generalvikaren, Pfarrern, Theologieprofessoren, Diakonen, Ordensoberen

Ich, N. N., verspreche bei der Übernahme des Amtes eines . . ., dass ich in meinen Worten und in meinem Verhalten die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche immer bewahren werde.
Mit großer Sorgfalt und Treue werde ich meine Pflichten gegenüber der Universalkirche wie auch gegenüber der Teilkirche erfüllen, in der ich berufen bin, meinen Dienst nach Maßgabe der rechtlichen Vorschriften zu verrichten.
Bei der Ausübung meines Amtes, das mir im Namen der Kirche übertragen worden ist, werde ich das Glaubensgut unversehrt bewahren und treu weitergeben und auslegen; deshalb werde ich alle Lehren meiden, die dem Glaubensgut widersprechen.
Ich werde die Disziplin der Gesamtkirche befolgen und fördern und alle kirchlichen Gesetze einhalten, vor allem jene, die im Codex des kanonischen Rechtes enthalten sind.
In christlichem Gehorsam werde ich dem Folge leisten, was die Bischöfe als authentische Künder und Lehrer des Glaubens vortragen oder als Leiter der Kirche festsetzen. Ich werde den Diözesanbischöfen in Treue zur Seite stehen, um den apostolischen Dienst, der im Namen und im Auftrag der Kirche auszuüben ist, in Gemeinschaft mit eben dieser Kirche zu verrichten.
So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien, die ich mit meinen Händen berühre.
(Varianten im 4. und 5. Absatz der Formel des Treueids für jene, die in can. 833, Nr. 8 genannt sind)
Ich werde die Disziplin der Gesamtkirche fördern und zur Einhaltung aller kirchlichen Gesetze anhalten, vor allem jener, die im Codex des kanonischen Rechtes enthalten sind.
In christlichem Gehorsam werde ich dem Folge leisten, was die Bischöfe als authentische Künder und Lehrer des Glaubens vortragen oder als Leiter der Kirche festsetzen. Unter Wahrung der Anlage und der Zielsetzung meines Instituts werde ich den Diözesanbischöfen gern beistehen, um den apostolischen Dienst, der im Namen und im Auftrag der Kirche auszuüben ist, in Gemeinschaft mit eben dieser Kirche zu verrichten.

Auch die einzelnen Bischöfe müssen Gehorsam leisten, und zwar gegenüber dem Papst. Bevor er von seinem Amt Besitz ergreift, muss der zum Bischofsamt Berufene das Glaubenbekenntnis ablegen und den Treueid gegenüber dem Apostolischen Stuhl nach der vorgeschriebenen Formel leisten; darin schwört er Gehorsam gegenüber dem Primat des Papstes (vgl. c. 380 CIC; lateinische Formel abgedruckt in: AfkathKR 157 [1988], S. 378f, Anm. 93).

Dr. Peter C. Düren