Vater

Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger ist zum neuen Papst gewählt worden. Er nennt sich Benedikt XVI.

Darf man Benedikt XVI. als "Papst" (=Vater) bezeichnen?

Dürfen Priester als "Pater" (lat. für "Vater") oder "Abbé" (franz. für "Vater") angesprochen werden oder widerspricht dies der Bibel?

Anfrage:

Im Rahmen des Weltjugendtages wurde der Teilnehmer Joseph Ratzinger wiederholt als „Heiliger Vater“ bezeichnet. Nach der in Matthäus 23 Vers 9 aufgezeichneten Anweisung Jesu ist dies aber unzulässig. Der Text sagt aus, dass niemand auf der Erde als Vater angeredet werden soll. Sicher ist damit nicht untersagt, einen buchstäblichen Vater mit diesem Ausdruck zu bezeichnen und anzureden. Die Aussage ist aber eindeutig, dass niemand das Recht hat, sich durch diesen Titel über seine Mitgläubigen zu stellen. Vielmehr sind alle Nachfolger des Christus Brüder (Matthäus 23 Vers 8).

Es steht also keinem religiösen Führer zu, sich als Vater oder gar als Papst (abgeleitet von Papa = Vater) über andere zu erheben. In Matthäus 23 Vers 12 heißt es gemäß der Wiedergabe der Guten Nachricht sogar: „Wer sich hochstellt, den wird Gott demütigen“.

Ist diese klare diesbezügliche Aussage Jesu inzwischen revidiert worden? Wenn ja, mit welcher Legitimation, wann und von wem?

Antwort:

Sie äußern Kritik daran, dass Benedikt XVI. als "Papst" und "Heiliger Vater" angesprochen wird, was im Widerspruch zu Mt 23,9 stehe.

Exegeten deuten dies so, dass bei Mt 23,9 mit "Vater" kein religiöser Führer, sondern der leibliche Vater gemeint sei, zumal es keinen Beleg dafür gibt, dass "Schriftgelehrte" mit "Vater" angeredet wurden: "Im Horizont einer radikal-eschatologischen Reich-Gottes-Botschaft proklamierte der Satz die geistige Loslösung von der Familie und die gänzliche Hinwendung zu Gott" (Joachim Gnilka). Würde man Mt 23,9 in radikaler Weise anwenden, dürfte man also demnach seinen leiblichen Vater nicht als "Vater" bezeichnen. Doch sogar Sie gestehen zu: "Sicher ist damit nicht untersagt, einen buchstäblichen Vater mit diesem Ausdruck zu bezeichnen und anzureden."

Es stimmt, dass im eigentlichen Sinne nur Gott unser Vater ist; jede andere Vaterschaft ist allerdings ein Widerschein der göttlichen Vaterschaft: "Die Vaterschaft Gottes ist die Quelle der menschlichen Elternschaft", heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 2214). Dies bezieht sich nicht nur auf die leibliche Vaterschaft, sondern auch auf die geistliche Vaterschaft. In den Worten "Papst", "Pater" oder "Abbé" (französ. Anrede des Priesters) spiegelt sich wider, dass die katholischen Gläubigen ihre geistlichen Hirten als "Vater" betrachten, wobei ihnen bewusst ist, dass der Priester eine geistliche Vaterschaft ausübt, die wie jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden, ihren Namen von Gottes Vaterschaft hat (vgl. Eph 3,15).

Damit befinden wir uns aber auf gut biblischen Fundament. Auch der hl. Apostel Paulus sagt in Phlm 1,9f: "Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin." Und an anderer Stelle: "Nicht um euch bloßzustellen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild!" (1 Kor 4,14-16) Des weiteren sagt Paulus: "Ihr wisst auch, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, jeden Einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen haben zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft" (1 Thess 2,11f). Sogar die Mitglieder des Hohen Rates redet Paulus als "Brüder und Väter!" an (Apg 22,1). In ähnlicher Weise bezeichnet der erste Märtyrer der Kirche, der hl. Stephanus, Abraham als "unseren Vater" (Apg 7,2).

Es ist also theologisch legitim und biblisch begründet, das sichtbare Oberhaupt der Kirche als "Papst" zu bezeichnen und mit der Anrede "Heiliger Vater" anzusprechen.

16.09.2005
Peter C. Düren