Sankt Martin und Sankt Clemens: Eine Pfarrei im Rückblick

von Klaus Meder

St. Martin

Die Wurzeln unserer heutigen Pfarrei liegen an der Schmutter in Ehekirch, westlich von Erlingen. Dort stand eine dem heiligen Martin geweihte Kirche. Sie war das Zentrum für die Christen aus Erlingen, Herbertshofen und Meitingen, bis im Jahre 1753 in Herbertshofen mit der Errichtung einer neuen Kirche die Pfarrei hierher verlegt wurde und ihren jetzigen Namen erhielt.

Erlingen war einst Siedlungsschwerpunkt der Alamannen. Diese wanderten vermutlich in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts n.Chr. über die Donau kommend lech- und schmutteraufwärts ins heutige bayerische Schwaben ein und nahmen das von den Römern aufgegebene Land nach und nach in Besitz.

Religiöser Mittelpunkt für das von Erlingen aus besiedelte Umland, zu dem das als Ausbau angelegte jüngere Herbertshofen gehörte, war die Urkirche Sankt Martin in Ehekirchen gewesen, eine Ansiedlung, die zwischen dem Hauptarm der Schmutter und einem ihrer Nebenarme wie auf einer Insel lag.

Ehekirch als Inselkirche 1602

Abb. 1: "Inselkirche" St. Martin 1602

Die Alamannen blieben bis ins 6. und 7. Jahrhundert hinein Heiden, ihr Glaube war eine Art pantheistischer Naturkult (Layer/Fried). Es waren die Franken, die seit der Übernahme der Herrschaft über die Alamannen diese im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts zum Christentum bekehrten. Sankt Martin war Hausheiliger der Franken und überall, wo von ihnen Gebiete hinzugewonnen wurden, sind Pfarreien gegründet und dem Hl. Martin als Bestandteil der Herrschaftssicherung geweiht worden (Vollmann/Bauerreiss).

Man wird davon ausgehen können, dass die Ehekirche als Taufkirche in dieser Zeit der Christianisierung gegründet wurde, ein früher Nachweis allerdings geht erst auf das Jahr 1365 zurück als der damalige Bischof von Augsburg Markwart von Randeck dem Domkapitel die Güter, Rechte und Vogteien zu Egelhofen (Egglhof), Ehekirchen, Erlingen und Herbolzhoven (Herbertshofen) schenkte.

Zum ersten Recht einer Pfarrkirche gehört die Taufe, Jede Pfarrkirche musste dementsprechend eine Taufstätte besitzen. Der frühchristliche Brauch des Taufbades wandelte sich im Laufe der Zeit dahingehend, dass der Täufling in einen Taufkessel eingetaucht und übergossen wurde. Die Taufspendung setzte also gewisse Verhältnisse voraus: „vor allem musste eine genügend und leicht zu beschaffende Menge Wasser vorhanden sein“ (Bauerreiss). Beides war am Standort unserer St. Martinskirche gegeben.

Abb. 2: Kesseltaufe

Dieser Standortvorteil geriet im Laufe der Zeit jedoch zum Nachteil, einmal weil die häufigen Überschwemmungen der Schmutter die Kirche gleichsam zur Seekirche machten und ihre Bausubstanz angriffen, andererseits weil sich die Kirchgänge für die zur Pfarrei gehörenden Bewohner der Dörfer Erlingen, Herbertshofen und Meitingen zeitweise als sehr beschwerlich darstellten. In den letzten Jahrzehnten vor dem Beschluss, eine neue Kirche zu bauen, kam es immer wieder zu nachdrücklich formulierten Bittschriften aus den Pfarrdörfern an das für die Bauherrschaft zuständige Domkapitel in Augsburg: In einem Gesuch vom 16. Juli 1721 wird von der „höchstnotwendigen Reparatur“ (StA) der Pfarrkirche gesprochen, am 23. März 1739 ist von der „Baufälligkeit der Kirche, des Pfarrhofs“ (StA) und der „nötigen Umgießung der zwei zersprungenen Kürchenglocken“ die Rede. Im gleichen Schreiben wurde angeregt, Pfarrkirche und Pfarrhof an einen anderen Ort zu setzen, weil Ehekirch nur eine Einöde sei und die Pfarrkinder zur Winterszeit sehr weit in die Kirche zu gehen hätten. Im übrigen müsste „die Kürch als auch der Pfarrhof neu gebaut werden“ (StA).

Dieses Thema von Verlegung und Neubau beschäftigte die Kirchengemeinden, den Dekan von Westendorf und das Domkapitel immer wieder in der Folgezeit. Eine Entscheidung fiel wegen der Uneinigkeit der Beteiligten viele Jahre nicht, auch wegen der Frage, wie man die zu erwartenden hohen Neubaukosten bestreiten sollte. Eine Besichtigung der Verhältnisse vor Ort brachte dann Klarheit: Insbesondere der Dekan von Westendorf, Pfarrer Waibl, sprach sich eindeutig für eine Verlegung des Pfarreisitzes von Ehekirchen dach Herbertshofen aus. Der Beschluss des Domkapitels vom 9. März 1753 lautete, dass „allda auf dem Ort, wo schon ein Kürchl stehe, in der Größe, wie es die Pfarruntergebenen erfordern, neu gebaut werde“ (StA).

Dieses „Kürchl“, wird bemerkenswerterweise im archivalischen Schrifttum nicht als Kapelle bezeichnet. Dafür war sie wohl zu groß, denn sie hatte wie die Mutterkirche drei Altäre und einen Turm mit zwei Glocken. In den Rechnungsbüchern, den sogenannten Heiligenrechnungen (die sich zum Teil ab 1620/21 erhalten haben) stehen auch Ausgaben für Messwein, Weihrauch, Wachs, Kirchenornat, Besoldungen für Dienste des Pfarrers, Mesners, auch Schullehrers, so dass sicher scheint, dass in St. Clemens regelmäßig das Hl. Messopfer gefeiert sowie getauft und beerdigt wurde. Ein Friedhof war vorhanden und auf diesem stand eine kleine Kapelle, den „unschuldigen Kindlein“ gewidmet, dessen Dach nach einem Eintrag in der Heiligenrechnung 1710/11 erneuert wurde. Darüber hinaus gab es nahezu in jedem Jahr Ausgaben für Neuanschaffungen und Instandsetzungen. Im Jahr 1700 sogar ist die Kirche „bald (=fast) völlig von neuen aufgebaut und erweitert“ worden (Heiligenrechnung 1701/02). Aber auch Einnahmen sind vermerkt, zum Beispiel eine großzügige Spende der Barbara Rotschopf aus Herbertshofen für die Renovierung eines Altars im Jahr 1736.

Herbertshofen und Lech 1626

Abb. 3: Herbertshofen mit Lech 1626

Trotz der vielen Erhaltungsmaßnahmen musste die alte St. Clemenskirche weichen: Im Sommer 1753, bald nach dem Beschluss des Domkapitels, wurde sie abgebrochen und mit der Errichtung des Neubaus begonnen.

St. Clemens

Zu der Zeit war auch bereits klar, wer den Auftrag für den Bau von Kirche, Pfarrhof und Pfarrstadel bekommen sollte: Hanns Adam Dossenberger aus Wollishausen, Sohn des Maurermeisters Joseph Dossenberger d. Ä. von dem er – wie auch sein Bruder Joseph Dossenberger d. J. – das Maurerhandwerk und die Grundlagen für das baumeisterliche Entwerfen, Gestalten und Organisieren gelernt hat. Er war 37 Jahre alt, als er für die Sankt Clemenskirche zum Zuge kam. Dossenberger schuf einen „anspruchsvollen, einheitlichen Rokokobau“ (Dehio) mit einem Innenraum „in dem ein Zusammenklang von gebauter Form, Stukkatur und Fresken an Wänden und Decke Zeugnis für die weiterentwickelten Fähigkeiten des Baumeisters ablegt“ (Karl Heinz Koepf).

Innenansicht

Abb.4 und 5: Außen- und Innenansicht

Dossenberger besorgte die Großbaustelle in Herbertshofen als Generalunternehmer und hatte damit auch den Kirchenmaler Johann Baptist Enderle unter Auftrag.

Enderle, geboren 1725, war einer „der liebenswürdigsten Maler des bayerisch-schwäbischen Rokoko“ (Paula), und hat in Herbertshofen eine seiner ersten selbständigen Arbeiten geliefert. Im Frühjahr 1754 war der Kirchenbau bereits so weit fortgeschritten, dass Enderle wissen wollte, welchen Patron er mit seiner Malerei verherrlichen solle: Den Patron der alten Mutterkirche, Sankt Martin oder den der Vorgängerkirche hier am Ort, Sankt Clemens. Überliefert ist zu dieser Frage nichts, aber es liegt nahe, an einem in der römischen Tradition stehenden Kirchenpatron festzuhalten, der zudem als Papst Klemens I. in besonderer Weise die römische Kirche repräsentierte.

Schrifttums- und Quellenhinweise

  • zu St. Martin: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart; Ausschnitt aus dem Zwiefaltener Martyrologium (Cod. hist. 2° 415, 77r)
  • zu Abb. 1: Bay. Hauptstaatsarchiv, Plansammlung 10798, Ausschnitt aus „Schmutter zwischen Ehekirchen und Ehekirchmühle“, 1602
  • zu Abb. 2: Bay. Staatsbibliothek Clm 26053, aus Handschrift „Wessobrunner Gebet“, 9. Jahrhundert
  • zu Abb. 3: Staatsarchiv Augsburg, Plansammlung 4154, Ausschnitt aus „Der Lech zwischen Oberhausen und Herbertshofen“, 1626“
  • Romuald Bauerreiss OSB: Kirchengeschichte Bayerns, 1. Band, St. Ottilien 1949
  • Georg Dehio/Ernst Gall: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Östliches Schwaben, München 1954
  • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern III: Schwaben, München 1983
  • Karl Heinrich Koepf: Die schwäbischen Baumeister Dossenberger, in: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Weissenhorn 1976, S. 148
  • Adolf Layer/Pankraz Fried: Von der Landnahme bis zum Ende des Frankenreichs, in: Andreas Kraus (Hrsg.) Handbuch der bayerischen Geschichte, III. Band, München 1971
  • Georg Paula: Die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Walter Pötzl /Hrsg.), Kunstgeschichte, S. 256
  • Konrad Vollmann: Der heilige Martin von Tours, in: Mythen Europas/Schlüsselfiguren der Imagination, Regensburg 2004
  • Pfarrarchiv St. Clemens, Heiligenrechnungen
  • Pfarrkirchenstiftung St. Clemens Herbertshofen-Erlingen (Hrsg .): 250 Jahre/Ein Streifzug durch die Geschichte der Pfarrei St. Clemens Herbertshofen-Erlingen, 2008, mit weiteren Quellennachweisen
  • StA= Staatsarchiv Augsburg, Hochstift Augsburg NA, Akten 5652 ff

Die fotographischen Arbeiten besorgte Heinz Kraus.